Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen

Die Geschichte meiner Eltern als vietnamesische Werktätige in der damaligen DDR und nach dem Mauerfall

Was es für mich als Vietdeutsche der 2. Generation bedeutet die Geschichte zum rassistischen Brandanschlag vom 06.09.1992 auf meine Eltern zu erzählen, mein Blick auf Parallelen zur Kontinuität der fehlenden Verantwortung seitens des Staates in Bezug auf vietnamesische Werktätige in der DDR und heute, sowie mein Wunsch nach einer stärkeren Zivilgesellschaft im Hinblick auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.

Ich möchte die Geschichte meiner Eltern erzählen: wie sie als Werktätige in die damalige DDR kamen und wie sie ihre Zeit nach dem Ende des SED-Regimes erlebten. Meine Eltern kamen 1988 am Flughafen in Berlin-Schönefeld an. Mit dem Bus wurden sie zu einem Vorort bei Rudolstadt in Thüringen gefahren, der für sie eigentlich die nächsten fünf Jahre ihr Zuhause sein sollte. Während der Busfahrt lief Kylie Minogues „I should be so lucky“, was mir meine Mama 38 Jahre später erzählte, also erst vor kurzem, als wir einen Kurzausflug am Strand in Den Haag machten und dieses Lied im Autoradio lief.

„I should be so lucky“ – so sollten sich meine Eltern doch damals als eine der wenigen Auserwählten fühlen, die in die DDR durften, da es als Privileg galt, in den sogenannten sozialistischen Bruderstaaten zu arbeiten. Die DDR schloss mit diesen Bruderstaaten Verträge ab, um den Arbeitskräftemangel in der DDR zu decken. Meine Eltern konnten jedoch nicht ahnen, dass ein Jahr nach ihrer Ankunft das Regime der Sozialistischen Einheit Deutschlands fiel und somit auch die Grundlage ihres Daseins. In der deutschen Erzählung ist von der friedlichen Revolution die Rede, welche dabei allerdings ausblendet, dass die Existenzen vieler internationaler Werktätige bedroht und von Unsicherheit geprägt waren. Sie verloren ihre Arbeitsplätze und dadurch waren ihre Aufenthalte nicht mehr gesichert. 

Doch bevor ich an diesem Punkt ansetze, möchte ich erzählen, wie es für meine Eltern damals in der DDR war. Sie kamen mit Anfang bzw. Mitte 20 in einem Vorort in der Nähe von Rudolstadt an, um in einem Chemiefaserkombinat zu arbeiten – mein Papa als Gabelstaplerfahrer im Lager und meine Mama in der Garnproduktion. Sie kamen als junge Menschen mit einer großen Verantwortung für ihre Familien in Vietnam in die DDR. Denn sie sollten diejenigen aus ihren Familien sein, die in den Betrieben arbeiteten, um mit ihrem Lohn Lebensmittel und Gegenstände zu kaufen, die sie an ihre Familien nach Vietnam für den Weiterverkauf oder eigenen Bedarf schickten. In ihrer Freizeit verdienten sich einige der Werktätigen noch etwas dazu. So nähten meine Eltern Kleidungsstücke aus Denim und verkauften sie an ihre deutschen Kolleg*innen oder in An- und Verkaufsläden weiter. Wie ich gestaunt habe, als mein Papa mir das erste Mal erzählte, dass er nähen kann! Ob er das heute noch kann, fragte ich ihn. „Klar, kann ich das noch. Ich bin aber faul geworden.“Wir beide lachten. 

Meine Eltern erinnern sich gern an besondere Momente in der DDR zurück, z. B. wie begeistert sie von dem mit Lebensmitteln gefüllten Kühlschrank waren oder welche Eindrücke vom ersten Essen bei der Ankunft sich einprägten. Mein Papa erzählte von einem Buffet, unter anderem mit Suppe, Bockwurst und gekochten Eiern. Die gekochten Eier mochten er und viele seiner vietnamesischen Kolleg*innen, also steckten sie sich zwei bis drei Eier in ihre Taschen. Das Essen vom Buffet fand er in Ordnung – nicht super lecker, aber auch nicht sehr schlecht. Meine Mama aß das erste Mal nach ihrer Ankunft Broiler und gekochte Eier. Sie erzählte mir unter anderem vom Essen in ihrer ersten Pause und wie ihr Körper schauderte, als sie das erste Mal sah, dass ihre Kolleg*innen Mettwurst aßen. Da sie neu in die DDR gekommen war und sich anpassen wollte, aß sie davon, obwohl es ihr eigentlich nicht schmeckte. Als ich meinen Papa nach einer lustigen Erinnerung aus dieser Zeit fragte, erzählte er mir, wie müde er war und daraufhin einen deutschen Kollegen fragte, ob dieser seine Schicht übernehmen kann. Er sollte meinen Papa auch wecken, wenn der Schichtleiter kam. Dieser Kollege stimmte zu und als Belohnung kaufte mein Papa ihm eine Flasche Alkohol. Meine Mama erzählte mir, wie schnell die Deutschen liefen und sie Probleme hatte, wortwörtlich Schritt zu halten, weswegen ihre Beine die ersten Tage weh taten.

Bevor meine Eltern zu arbeiten begannen, lernten sie in den ersten zwei Monaten Deutsch, um sich mit ihren Vorgesetzten und Kolleg*innen verständigen zu können. Doch für Gespräche mit mehr Tiefe reichten ihre Deutschkenntnisse nicht aus. Das Ziel war ja nicht, die vietnamesischen Werktätigen in die Gesellschaft zu integrieren, sondern sie gezielt von der Bevölkerung zu isolieren, damit sie nach Ablauf ihrer Vertragszeit wieder nach Vietnam zurückkehren. Nur kehrten nicht alle vietnamesischen Werktätigen zurück, als das System der DDR für sie unerwartet zerbrach.

Nun kehre ich wieder an den Punkt, als ich davon sprach, dass für die Deutschen mit dem Mauerfall die friedliche Revolution begann, während die Existenzen für viele Werktätige bedroht waren, die aus den sozialistischen Bruderländern wie Vietnam, Kuba oder Mosambik kamen. Auch für meine Eltern war es nach dem Ende der DDR ungewiss. Ihre Verträge verloren ihre Gültigkeit. Für vietnamesische Werktätige gab es folgende Optionen: 3000 DM annehmen und nach Vietnam zurückkehren oder bleiben und sich selbst versorgen müssen. So konnte der Staat sich schön rausnehmen und die ehemaligen Werktätigen aus der DDR ihrem Schicksal überlassen. Wer blieb, bekam den Status „Befugnis“. Meine Eltern erzählten mir, dass es zehn Jahre dauerte, bis sie die Erlaubnis hatten, in Deutschland zu bleiben. Ich kann mich noch an die ewig langen Wartezeiten bei der Ausländerbehörde erinnern und wie gelangweilt ich als Kind davon war. Als wir endlich von der Sachbearbeiterin aufgerufen wurden, hatten wir (gefühlt) 10 Minuten Zeit, in der wir beweisen mussten, in Deutschland bleiben zu dürfen.

Ich finde es paradox, dass meine Eltern eine gewisse Bringschuld gegenüber dem Staat hatten, obwohl dieser sie mehrmals im Stich gelassen hatte. So auch, als sie am 06.09.1992 in Halle einen rassistischen Brandanschlag auf ihre Wohnung überlebten. Meine Eltern und ihr Bekannter aßen gerade zu Abend, als sie Lärm im Hausflur hörten. Etwa 20 Neonazis liefen durch das Gebäude und suchten gezielt nach vietnamesischen Familien, um sie anzugreifen. Denn sie waren der Überzeugung, die Polizei unternehme nicht genug gegen vietnamesische Zigarettenhändler*innen, die ja vermeintlich noch zusätzliche Sozialleistungen kassierten. Dabei blieb vielen Vietnames*innen kaum eine andere Möglichkeit, als auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu sichern. Als der Lärm vor der Wohnungstür immer bedrohlicher wurde, warf mein Papa einen Blick durch den Türspion – und sah einige Nazis direkt vor der Tür stehen. Mein Papa dachte in dem Moment an die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen wenige Wochen vorher und bekam sofort Angst. Er ging wieder zurück zu meiner Mama und dem Bekannten. Mein Papa bat meine Mama, sich im Schlafzimmer zu verstecken, während er und der Bekannte sich darauf gefasst machten, gegen die Nazis kämpfen zu müssen. Währenddessen versuchten mehrere Nazis, die Wohnungstür meiner Eltern einzutreten. Der Jüngste war 13 Jahre alt. Als es ihnen gelang, die Tür einzutreten, warfen sie drei bis vier Molotowcocktails in die Wohnung meiner Eltern und verschwanden. 

Was danach passierte, beschreibe ich fast wortwörtlich mit den Zeilen aus den Gerichtsdokumenten des Prozesses gegen einige der Täter, da es mir schwer fällt, meine eigenen Worte hierfür zu finden:

„Das Feuer verbrannte den Flur der Wohnung Nguyen, die gesamte Wohnungstür sowie die Wohnzimmer- und Küchentür, die Wohnungstür der Nebenwohnung von außen sowie die Decken und Wände im Treppenhaus vor der Wohnung Nguyen. Es entstand im ganzen Haus eine große Rauchentwicklung. Von dem brennenden Flur der Wohnung Nguyen drang der Rauch durch die Decke in die darüberliegende Wohnung. Die Eheleute Nguyen und ihr Bekannter waren vom Feuer im Flur in ihrer Wohnung eingeschlossen. Sie flüchteten vor dem durch die verschlossene Wohnzimmertür dringenden Rauch in das hinterste Zimmer (Schlafzimmer), von welchem die Fenster zum Hof zeigen, stellten sich in die Fenster und riefen um Hilfe. Aus dem Fenster zu springen, trauten sie sich nicht, weil sie Angst hatten, sich bei einem Sprung aus dem Fenster tödlich zu verletzen.“

Meine Eltern, ihr Bekannter und einige Nachbar*innen mit Kind wurden schließlich von der Feuerwehr über die Feuerwehrleiter aus den Fenstern gerettet. 

Den rassistischen Brandanschlag, den meine Eltern am 06.09.1992 in Halle erlebten und überlebten, habe ich erst vor vier Jahren aufgearbeitet. Zum 30. Jahrestag habe ich ihre Geschichte auf dem Instagram-Kanal @6.9.1992_halle veröffentlicht. Meine Eltern haben sehr lange darüber geschwiegen. Meine Mama erzählte das erste Mal von dem Anschlag, als ich ein Teenager war. Es war aber eher beiläufig und nicht ein „Lass-uns-mal-hinsetzen-ich-habe-dir-was-zu-erzählen“-Moment. Bis zu meiner Aufarbeitung hat sie mir Bruchstücke von dem Anschlag erzählt. Ich werte die Art und Weise, wie sie sich mir mitgeteilt hatte, als Momente, in denen sie endlich bereit dafür war, über die Ereignisse zu sprechen. Dass ich stellvertretend die Geschichte meiner Eltern erzähle, sehe ich als meine Aufgabe als Vietdeutsche der zweiten Generation. Ich verfüge über Ressourcen, über die meine Eltern nicht verfügen: Bildung und Zeit, mich mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte auseinanderzusetzen sowie mich mit Rassismus zu beschäftigen. Ich mache ihre bisher noch wenig bekannte Geschichte sichtbar, weil meine Eltern viel zu sehr damit beschäftigt waren zu überleben. 

Als ich sie zu dem Brandanschlag fragte, sprachen sie recht wenig über ihre Gefühle oder psychische Belastungen: Entweder weil sie es nicht gelernt haben, darüber zu sprechen und sie kaum Worte dafür fanden oder wegen der sprachlichen als auch intergenerationalen Barriere – oder eine Mischung von allem. Meine Eltern erzählten, dass sie schon traurig darüber waren, was ihnen passiert war, und gleichzeitig froh waren, dass ihre Ware im Auto immerhin nicht abgebrannt war, weil sie diese ja verkaufen mussten, um ihr Überlebenzu sichern. Das Überleben hat in dem Kontext des rassistischen Brandanschlags auf meine Eltern zwei Ebenen: die erste ist das Überleben eines traumatischen Ereignisses und die zweite ist das finanzielle Überleben. Das zweite war für meine Eltern gravierender als das erste. Von der Stadt Halle bekamen sie eine neue Wohnung vermittelt und einige Möbelstücke gestellt. Mit ihren seelischen Wunden wurden sie jedoch allein gelassen. Niemand kam auf sie zu und zeigte sich solidarisch. Mein Papa erzählte mir, dass er sich eine Rechtsberatung gewünscht hätte oder zumindest eine Beratung auf Vietnamesisch, da er wahrscheinlich einen anderen Umgang mit dem Anschlag gehabt hätte. Die materiellen Sorgen waren für meine Eltern in dem Moment damals vordergründig. Auch wenn sie wenig über ihren Schmerz sprachen, kann ich diesen hinter den Momenten, in denen sie mit mir darüber gesprochen haben, erkennen.

Die fehlende Verantwortung seitens des Staates zeigt eine gewisse Kontinuität auf. Angefangen von den internationalen Werktätigen, die nach dem Mauerfall sich selbst überlassen wurden, über die rassistischen Brandanschläge in den 90er Jahren, unter anderem auf die Wohnung meiner Eltern und auf viele weitere Asylwohnheime bis in unsere heutige Zeit, in der Deutschland wieder Fachkräfte aus dem Ausland anwirbt, die unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten müssen und deren Aufenthaltsstatus an ihr Arbeitsverhältnis gekoppelt ist. Das zeigte zuletzt die Situation der vietnamesischen Pflege-Azubis aus Altenburg, die monatelang ihren Lohn nicht erhielten und von ihrem Ausbildungsbetrieb gekündigt wurden, weil diesem die Ausbildungserlaubnis entzogen worden war. 

Ich frage mich, nach all diesen Ereignissen, wann Deutschland endlich lernt und beginnt, Verantwortung zu übernehmen? Für die Menschen, die seit mehreren Jahrzehnten ihren wirtschaftlichen Beitrag für Deutschland leisten und trotzdem nicht wählen dürfen. Weil eine Voraussetzung, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, gute Deutschkenntnisse sind, die viele nicht haben, weil ihr eigenes Überleben für sie wichtiger war. Für die Menschen, die nach Deutschland kommen, sich hier ausbilden lassen und sich um die alten Menschen dieses Landes sorgen und pflegen, die für manche Bürger*innen ihre Eltern oder Großeltern sind. 

Ich wünsche mir von der Dominanzgesellschaft, dass sie sich mehr mit den Lebensrealitäten der Menschen befasst, die das Land mit aufgebaut haben und die die nächsten Jahre aufrechterhalten werden, und ihre eigene Positionalität reflektiert. Ich wünsche mir, dass Personen wie meine Eltern nicht als „Arbeitskräfte“ oder „Migrant*innen“ reduziert, sondern als Menschen anerkannt werden. 

Diesen Text habe ich für die Veranstaltungsreihe „In Verteidigung der Demokratie“ geschrieben. Eine solche Verteidigung brauchen wir mehr denn je. Am 06.09. jährt sich der rassistische Brandanschlag meiner Eltern das 34. Mal und am selben Tag finden in Sachsen-Anhalt die Landtagswahlen statt. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird eine Partei die stärkste Kraft werden, die keine demokratischen Werte vertritt. Sollte diese Partei im Landtag regieren, ist der Weg nicht weit, um auch auf Bundesebene zu regieren. Wenn der Staat schon nicht aus all diesen Ereignissen seine Lehre gezogen hat, dann wird er es in diesem gesellschaftspolitischen Klima in naher Zukunft auch nicht tun. Deswegen ist es umso wichtiger, dass unsere Gesellschaft solidarisch miteinander ist. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, das Alleingelassen-Werden internationaler Werktätiger sich nicht wiederholt, und der 06.09.1992 sich nicht wiederholt. 

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