Foto: The Cleveland Museum of Art, Unsplash Lizenz

Was passiert bei der ‚Fight Night‘?

Interview mit der Kampagne ‚Den Daumen runter - Nazi Gym dichtmachen‘

Am Samstag, den 7. März, findet in Halle eine Antifa-Demo gegen die ‚Fight Night‘ des rechten ‚Gladiator Gyms‘ statt. 15:30 Uhr startet der Protest am Hauptbahnhof. Wir sprachen mit der Kampagne ‚Den Daumen Runter – Nazi Gym dichtmachen‘ über die Hintergründe des Kampfsportzentrums und die Bedeutung von Kampfsport für Neonazis im Allgemeinen.

Info

Den Daumen Runter“ ist eine Kampagne, die sich für die Schließung der „Gladiator Fight Academy“ in Halle einsetzt. Das Kampfsportzentrum wird seit dem 18. Januar 2025 in der Lutherstraße 57 betrieben. Die Kampagne bezieht sich in ihrer Kritik auf Verbindungen des „Gladiators“ in die rechtsradikale Hooliganszene.

Was passiert im „Gladiator Gym“? Auf welche Situationen außerhalb des Trainings bereitet es seine Mitglieder vor?

Im „Gladiator“ wird auf unterschiedlichen Niveaus Kampfsport wie Boxen, Kickboxen, Grappling und MMA trainiert. Zusätzlich gibt es Fitness-Angebote und Ähnliches. So weit, so gewöhnlich für ein Kampfsportstudio. Im Fall der „Gladiator Fight Academy“ ist es aber so, dass die Betreiber zum Großteil der rechten Hooligan-Szenen entstammen und enge Kontakte in die Neonazi-Szene pflegen. 

Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Trainer Theo Weiland wurde 2022 im Rahmen eines Prozesses gegen die Erfurter Neonazi-Hooligans vom „Jungsturm“ zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 4 Monaten verurteilt. Bei Weiland als zentralen Mitglied dieser Gruppe wurde bei einer Hausdurchsuchung z.B. ein Foto gefunden, was ihn mit einer Hakenkreuz-Sturmmaske zeigt. In einer ebenfalls gefundenen Rohfassung eines Interviews des „Jungsturms“ macht er selbst deutlich, dass man „Antifa, Schwuchteln und andere Untermenschen“ hasse.

Auch die anderen Führungsfiguren des Gyms kommen aus dem rechten Hooliganmilieu. Gewalt ist in rechten Weltbildern fester Bestandteil und wird als legitimes Mittel inszeniert, die eigene „Kultur“, „Rasse“ oder das „Volk“ gegen eine vermeintliche äußere Bedrohung zu verteidigen. Das entsprechende Handwerkszeug können Rechte im „Gladiator Gym“ erlernen.

Wie offen rechts gibt sich das Kampfsportzentrum?

Das Gym und seine Headcoaches achten sehr aktiv darauf, als „unpolitisch“ wahrgenommen zu werden. So betonen sie gerne, das Gym sei ein Sportstudio und keine politische Institution.

Das „Gladiator“ führt auch die Argumentation an, bei ihnen trainierten Menschen mit Migrationshintergrund, weshalb sie allein deshalb nicht rechts sein könnten.

Wir behaupten nicht, dass alle, die dort trainieren, ideologisch gefestigte Neonazis sind. Tatsächlich existiert ein Sportstudio aber nicht im luftleeren, unpolitischen Raum. Im Gegenteil: Dieser Ort bietet eine Möglichkeit der Normalisierung von Neonazis und ihren Positionen, wenn sie z.B. als Trainingspartner wie alle Anderen behandelt werden. Das färbt auf die restlichen Mitglieder ab und bietet den Rechten Raum zur Rekrutierung neuer Menschen und einen sicheren Ort zur Vernetzung untereinander.

Ganz nebenbei ist das Schulen von Neonazis im Kampfsport auch nicht gerade ein unpolitischer Akt.

Mittels einer vermeintlich „unpolitischen“ Selbstdarstellung versuchen sie zum einen natürlich, ihren Lebensunterhalt zu verdienen – Geld, welches möglicherweise auch in rechte Strukturen fließen könnte. Zum anderen aber geht es auch darum, sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren und anschlussfähig für andere Personen zu werden. An genau dieser Stelle muss man einschreiten und deutlich machen, dass das „Gladiator“ eben kein x-beliebiges Kampfsportstudio ist.

Wer und was ist bei der ‚Fight Night‘ zu erwarten?

Bei der Fight Night finden verschiedene Kämpfe mit Teilnehmern aus unterschiedlichen Städten Deutschlands statt. Die Recherche Plattform Periskop hat einen guten Überblick über einige teilnehmende Wettkämpfer veröffentlicht. Spoiler: es handelt sich zu einem sehr großen Teil um aktive Neonazis und rechte Hooligans. Das macht noch einmal deutlich, dass man die „Gladiator Fight Academy“ als rechtes Kampfsportstudio betiteln darf und muss.

Beim Publikum darf man sicher Ähnliches erwarten.

Im letzten Jahr war in Halle ein Anstieg rechter Straßenpräsenz von zum Teil sehr jungen Nazis zu erkennen. Welche Rolle spielt Kampfsport für diese Leute?

Kampfsport und die oft damit verknüpften Werte wie Wehrhaftigkeit, Härte, Männlichkeit, ein durchtrainierter Körper spielen eine sehr große Rolle für junge Männer im Allgemeinen – und bei Rechten noch einmal besonders.

Das „Gladiator“ bietet explizit Kinder- und Jugendtrainings an. Am 7.3.26 steht bei der ersten selbstorganisierten Fight Night vom Gladiator, gegen die wir eine Demonstration veranstalten, sogar ein Kampf von Minderjährigen auf dem Programm.

Diese „Jugendarbeit“ ist eine wirklich besorgniserregende Beobachtung. Kinder und Jugendliche sind sehr empfänglich für die Weitergabe von Werten und Normen. Dieser Aspekt ist beim Sport nicht zu unterschätzen, zumal Trainer oft als Vorbilder gesehen werden, denen es nachzueifern gilt.

Kampfsport kann jungen Nazis ein Gefühl der Überlegenheit geben, man fühlt sich gewappnet für den Kampf auf der Straße und damit auch im Kampf gegen alles, was in der eigenen Ideologie nicht als zugehörig gilt.

Welche Rolle spielt Musik in der rechten Kampfsportszene? Gibt es Überschneidungen in rechtsradikale Musiknetzwerke?

Wenn wir beispielsweise Events wie das „Schild&Schwert“-Festival („SS-Festival“) betrachten, bei dem Kampfsport und Rechtsrock klar zusammen organisiert und als ein Angebot gedacht sind, sind die Überschneidungen ganz deutlich.

Darüber hinaus sind (sub-)kulturelle Angebote und Überschneidungen mit anderen Milieus klar zu erkennen: Memes, KI-generierte Songs, die zum AfD-Wählen aufrufen, rechte Bekleidungsmarken. Auch die Präsenz von und die Begegnung mit Personen aus Rotlichtmileu, Motorradclubs und der Fußballfankultur bilden da eine Erlebniswelt, in die der Kampfsport den Einstieg bilden kann. Vor allem ist sie verbindendes Element bei der Begegnung im Training oder auf Events. Bei all dem wird zusätzlich noch Geld eingenommen, was zurück in den Ausbau und die Professionalisierung der eigenen Strukturen fließt.

Wie reagieren Kampfsportverbände auf rechte Präsenz in Vereinen? Bzw. inwiefern hat die ganze Szene Probleme mit Rechtsradikalismus?

In den Verbänden werden politische Auseinandersetzungen meist gescheut. Die wichtigsten Verbände für Halle sind der Landessportbund Sachsen-Anhalt und der darin aktive Stadtsportbund Halle e.V. der in seiner Satzung schreibt: „Der SSB wirkt gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, politischen Extremismus, Gewalt und Gewaltverherrlichung.“ Es gibt Instrumente wie Ausschlussverfahren, Startverbote oder Lizenzentzug bei entsprechenden Positionen. Die werden im Fall vom SSB aber nicht genutzt, wie das Beispiel „La Familia Fightclub Halle“ zeigt. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass sich dort immer mehr Akteure der rechten Szene versammeln und Posten übernehmen (Weiland, Identitäre, etc.) hat der SSB aktiv den Ausschluss verhindert, wodurch der Verein durchgehend Zugriff auf Gelder des LSB hatte und hat.

Das Gladiator hingegen war nach jetzigem Wissensstand nie Teil eines Verbands und wird damit leider auch nicht von diesen problematisiert. Aus unserer Perspektive ist von LSB und SSB bisher nichts zu erwarten.

Das Männlichkeitsideal rechter Ideologie zielt auf den Kämpfer, den Wehrhaften, der das Eigene schützen und das als nicht zugehörig Definierte bekämpfen kann. Hier ist es allgemein wichtig, als Kampfsportstudio klare Grenzen zu setzen und Neonazis und ihre Ideologie in den eigenen Reihen nicht zu tolerieren. Es müssen Werte und Normen vermittelt werden, die eine offene und pluralistische Gesellschaft vorantreiben und in der niemand aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder anderen Eigenschaften ausgegrenzt wird. Und darin liegt die Verantwortung eines jeden Kampfsportstudios: sich der Bedeutung dessen, was man vermittelt, bewusst zu werden und das eigene Handeln entsprechend anzupassen.

Antifaschistischer Selbstschutz heißt auch, sich und anderen Skills in Selbstverteidigung beizubringen. Wie kann man solche Situationen gestalten, ohne in Mackerei oder Gewaltverherrlichung zu verfallen?

Das ist ein schmaler Grat. Zunächst heißt Selbstverteidigung nicht notwendigerweise Gewaltanwendung. Es bedeutet auch präventives Handeln und Entschärfen, selbstsicheres Auftreten, laut sein, Andere einbeziehen und Situationen aktiv dokumentieren.

Ansonsten ist es wichtig, Gewalt immer gemeinsam mit anderen zu reflektieren und zu besprechen. Sowohl wenn man sie erfahren, aber auch wenn man sie angewendet hat.

Die antifaschistische Erfahrung aus den „Baseballschlägerjahren“ gilt aus unserer Sicht nach wie vor: Gewalt ist notwendig und legitim, aber kann zum Selbstzweck werden und Menschen verrohen.

Abschließend ist zu sagen, dass antifaschistischer Selbstschutz bedeutet, solche Räume zu bekämpfen. Es geht hier nicht um einen „ehrbaren Zweikampf“ mit Theo Weiland sondern darum, einen Begegnungs- und Rekrutierungsraum für verschiedene rechte Strömungen zu schließen und Finanzströme trocken zu legen. Das ist das Ziel unserer Kampagne und das können wir nicht allein erreichen. Dafür braucht es auf allen Ebenen und mit allen Mitteln Intervention gegen diesen Ort und seine Betreiber.

Wir arbeiten bereits an weiteren Formaten gegen das „Gladiator“, denn nach der Demo am 7. März wird unsere Aufgabe leider nicht erledigt sein. Dafür wünschen wir uns Support von Menschen, denen das Gym ebenfalls ein Dorn im Auge ist. Und davon gibt es glücklicherweise mehr als genug. In diesem Sinne danken wir für das Interview.

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