Unser Erbe

alle augen auf uns
alle augen auf die wahlprognosen
alle augen enttäuscht
auf uns

lass uns teilen
teilen weil wir das kennen
weil man das so macht
wenn nichts mehr da ist
und man zusammenhalten muss
frust teilen
weil er zu viel geworden ist
weil er vererbt wurde

fotos von jedem moment schicken
weil mama kennt das nicht
mama bleibt dort
obwohl alle weg wollen
sogar die mauer ist weg

und dazwischen immer die frage
das gefühl das sich immer mehr verstärkt
war es damals besser?

Plötzlich sehe ich die junge Frau vor mir stehen, die meine Mutter war, als sie auf die Montagsdemos ging und den Traum vom reformierten Sozialismus hatte. Sie schaut mich traurig an, als ich vom Heute erzähle. Ich rede von meiner Depression, die an mir klebt, wie ein IM von der Stasi, obwohl ich eigentlich frei bin. Doch egal, in wie viele Flugzeuge ich steige, dem Kapitalismus kann ich nicht entkommen. Er hat sich in mein Gehirn gesetzt, schon früh in meiner Kindheit, dort Wurzeln geschlagen und sich an alles mögliche gekettet. Ihn loszuwerden, würde bedeuten, mich zu verlieren. Der schockierte Blick meiner jungen Mutter verfolgt mich. Er lässt mich schuldig fühlen. Als hätte ich höchstpersönlich die Vereinigung Deutschlands veranlasst, ihren Wunsch und den so vieler anderer ignoriert.


Mira Herrig

Mira Heller (Mira Johanna Herrig) ist in Leipzig geboren und aufgewachsen. Sie studiert Englisch und Geschichte, fotografiert analog und schreibt literarische Texte. Im Moment arbeitet sie an einem Roman über das Aufwachsen als junge Frau mit Migrationshintergrund in Ostdeutschland.
@durchmiraslinse

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