Tür für Tür in eine frohere Zukunft?
Im Gespräch mit Jannik Balint über den Wahlkampf, seine politischen Ziele und Klassenkampf.
Wenn es in Halle Nord an der Haustür klopft, geht es längst nicht mehr nur um Wachturm-Bibeln und Glasfaserverträge. Auch Jannik Balint von der Partei Die Linke sucht das Gespräch mit den Menschen. Wie er sie zwischen Franckeplatz und Tornau überzeugen will und was er für seinen Wahlkreis plant.
Jannik Balint muss ein paar Gänge hochschalten: Seit Monaten ist er mit seiner Partei Die Linke im halleschen Vorwahlkampf. Ob bei Demos, Streiks oder klassisch am Wahlkampfstand – überall sieht man den 28-Jährigen, der normalerweise für ein Leihfahrradunternehmen arbeitet. Doch Balint ist nicht irgendein Wahlkämpfer: Zur Landtagswahl im September will er das Direktmandat für seinen Wahlkreis in Halles Norden gewinnen. Im Gegensatz zu den meisten Parteifreund*innen in anderen Wahlkreisen kann er sich dabei durchaus Chancen ausrechnen – denn dieser Wahlkreis weist einige Besonderheiten auf. Mehr dazu hier.
Ein Jungspund vom Land
Aufgewachsen ist er in der kleinen Stadt Aschersleben im Harzvorland, nicht ganz eine Stunde von Halle entfernt. Zum Studium zog es ihn in das ebenfalls kleinstädtisch geprägte Köthen. Dabei habe er erlebt, wie viele seiner Altersgenoss*innen, abgewandert seien, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive mehr sehen, erzählt er gegenüber Transit. Das wolle er ändern.
Seit einigen Jahren lebt er nun in Halle. Politisiert hat ihn die Klimabewegung um 2019, 2021 trat er in Die Linke ein. Mit seiner Aufstellung wolle er vor allem Alternativen zu einer Politik anbieten, in der rechte Kräfte die Stoßrichtung vorgeben.
Erprobt im Haustürwahlkampf
Um das zu verhindern und als Direktkandidat in den Landtag einzuziehen, setzt er vor allem auf den Haustürwahlkampf, für den Die Linke in letzter Zeit bekannt geworden ist. Seit 2024 hat er dazu nach eigenen Angaben an über 12.000 Türen geklopft. Dabei gehe es ihm weniger darum, die Menschen von der eigenen Agenda zu überzeugen, sondern die Themen, die sie im Alltag umtreiben, wieder in den politischen Mittelpunkt zu stellen. Um herauszufinden, welche Themen das sind, hat die Partei bei den Gesprächen eine Umfrage durchgeführt und zum Beispiel gefragt: „Wenn du morgen Bundeskanzler wärst: Was würdest du ändern?“. Die Ergebnisse seien in das Wahlprogramm eingeflossen, so Jannik Balint.
Die Reaktionen der Menschen auf ihn und sein Team seien sehr unterschiedlich. Von Verdutztheit und Überforderung bis hin zu zufliegenden Türen sei alles dabei. Bei fundamentaler Ablehnung versuche er freundlich zu bleiben und niemandem etwas aufzudrücken. Die überwiegende Reaktion sei aber positiv – und vor allem ehrlich.
Bei den etwa 4.000 Gesprächen, die laut Balint zu Stande gekommen seien, habe vor allem das Thema steigende Lebenshaltungskosten in verschiedenen Bereichen eine Rolle gespielt. So würden die gestiegenen Preise Menschen in ganz Halle beschäftigen. Dagegen wolle er Druck machen. Natürlich gäbe es je nach Viertel auch unterschiedliche Themen, er sehe jedoch viel Verbindendes zwischen den Stadtteilen.
Doch mit Zuhören allein dürfte es schwer werden, die Wahl am 6. September zu gewinnen. Das weiß auch Wahlkämpfer Balint. Deshalb gehe es nun darum, mit dem aus der Nachbarschaft heraus entstandenen Plan an die Haustüren zu gehen und aktiv um Stimmen zu werben. Zuhören wolle er aber weiterhin.
Neben dem Haustürwahlkampf gleicht Jannik Balints Strategie auf den ersten Blick der eines klassischen Linken. Er bewirbt Heizkosten- und Mietenchecks der Partei, unterhält eine kreativ-seriöse Social-Media-Präsenz und bekommt Unterstützung von Linken-Prominenz wie Juliane Nagel oder Caren Lay. Ein aufwendig produzierter Kampagnenclip erreichte unterdessen bereits nach wenigen Tagen 120.000 Aufrufe. Außerdem ist er regelmäßig im Wahlkreis präsent, etwa bei Veranstaltungen, Streiks oder am Wahlkampfstand. Auf den zweiten Blick fallen jedoch einige Details ins Auge, die ihn und seine Strategie von anderen Linken in der Vergangenheit unterscheiden. Welche das sind und welche Gefahren sie mit sich bringen können, ist im Text „Die richtige Strategie?“ zu lesen.
Viele Pläne für Stadt und Land
Wie andere Linken-Politiker auch, hat Balint angekündigt, für den Fall seiner Wahl sein Gehalt im Landtag auf das Durchschnittseinkommen von 2.750 Euro im Monat zu begrenzen. Mit allen weiteren Einnahmen sollen soziale Projekte im Wahlkreis unterstützt und ein offener Nachbarschaftstreff aufgebaut werden. Wie steht er darüber hinaus zu Themen, die in Halle Nord relevant sind?
Ein zentrales Thema im Wahlkreis ist die strukturelle Unterfinanzierung der Stadt Halle, die in der Vergangenheit bereits zu konkreten Kürzungen und einer monatelangen Hängepartie um den Haushalt führten. Balint stellt sich hier an die Seite der Kommunen, die bei der Übernahme von Aufträgen der Bundesebene laut ihm nicht länger die entstehenden Kosten tragen sollen. Auf Landesebene solle Druck auf den Bund ausgeübt werden, entsprechende Aufträge vollständig zu tragen. Es sei ein Skandal, dass der Bund die Kommunen so auspresse, dass nicht nur die Städte ruiniert, sondern auch das Vertrauen in demokratische Institutionen erodiert werde, Einen Vorschlag zur Aufbesserung des Landeshaushalts präsentiert er in Form der Wiedereinführung einer Vermögenssteuer, die dem Land laut ihm zwei Milliarden Euro pro Jahr bringen würde, von denen ein Millionenbetrag nach Halle ginge.
Mit Blick auf einen neuen Theatervertrag, der 2028 zwischen den Bühnen Halle und dem Land ausgehandelt werden muss, müsse dafür gesorgt werden, dass eine ausreichende Ausfinanzierung aller Kulturbetriebe gesichert sei, sodass sie ihr Angebot mindestens beibehalten können.
Warum seine Partei im Wahlprogramm 500 neue Polizeistellen fordert, konnte Balint nicht beantworten, da ihm die Forderung nicht bekannt gewesen sei. Er wolle sich aber über die Hintergründe informieren.
Bei der Frage nach möglichen roten Linien oder garantiert umzusetzenden Punkten bei Koalitionsverhandlungen mit der CDU hält sich Balint vage: „Ob und wie eine Zusammenarbeit mit irgendwem aussieht, müssen unsere Mitglieder entscheiden. Das kann man nur an Inhalten festmachen, die nach der Wahl besprochen werden. Die Entscheidung, was hinterher ist, fällen unsere Mitglieder.“
Liberaler Antirassismus statt Fundamentalkritik
In einem Bundesland, das Abschiebeknäste baut, in denen Menschen gesetzmäßig ans Bett gefesselt und unter Zwangsmedikation gestellt werden können1, möchte Balints Partei einen „positiven Fokus“ auf Migration setzen: „Ich denke, dass unser Wahlprogramm ein fundamental anderes Bild von der Integration von Menschen zeichnet. Wir machen deutlich, dass [wir] Migration nicht als ein Problem begreifen, sondern als etwas ganz Essenzielles, was diese Gesellschaft prägt. Wir wollen, dass Menschen sich freizügig bewegen können, die gleichen Chancen haben und diese auch umsetzen können. Selbstverständlich entstehen dadurch auch Aufgaben, die wir zu lösen haben. Gleichzeitig gibt es massive Herausforderungen mit der aktuell herrschenden Politik“. Projekte wie der Bezahlkartentausch, an dem Die Linke sich beteiligt, sollen Gegenangebote dazu darstellen. Er teile auch die Ablehnung seiner Partei gegen den im Bau befindlichen Abschiebeknast in Volkstedt.
Im Wahlprogramm ist davon jedoch nichts zu erkennen, und es ist davon auszugehen, dass das Thema auch auf kommenden Wahlkampfveranstaltungen umschifft wird. Eine fundamentale Kritik am menschenverachtenden EU-Asylsystem sucht man sowohl bei Balint als auch im Programm vergebens.Bei einer möglichen Regierungsbeteiligung oder Tolerierung drängt sich gerade im Fall dieser Asylpolitik die Frage auf, wie Die Linke handeln würde, wenn sie mit der CDU zusammenarbeiten müsste. So ist es zum Beispiel denkbar, dass sie im Parlament Beschlüsse fassen muss, die eigentlich gegen ihre Linie sind und sich in ihrer Tragweite für Betroffene wohl kaum durch solidarische Stadtteilaktionen abfedern lassen werden.
Damit konfrontiert reagiert Balint ausweichend. Er kämpfe für ein starkes Ergebnis, mit dem sich diese Fragen nicht stellten. Was nach der Wahl sei, hänge vom Wahlergebnis ab.
Gemäßigte Arbeitsmarktpolitik oder Klassenkampf?
Die Erhaltung von Arbeitsplätzen und Verbesserung der (Lohn-)Arbeitsbedingungen ist erklärtes Ziel der Linken. Da das in einer Klassenordnung nicht zwangsläufig zur Stärkung von Arbeiter*innenpositionen führen muss, wollten wir von Jannik Balint wissen, wie klassenkämpferisch seine Partei überhaupt sei. Balint merkt dazu an, dass es nicht unwahr sei, dass man eine starke Wirtschaft brauche, in der Menschen gute Arbeit fänden. Ganz zentral sei dabei, wie die Wirtschaft organisiert sei. Er sei überzeugt, dass die Vorstellungen seiner Partei andere seien als beispielsweise die der SPD. Man brauche natürlich Dinge, die sofort umgesetzt werden könnten, wie eine starke Mitbestimmung im Betrieb und starke Gewerkschaften. Auf der langfristigen Ebene beim Zusammenwirken verschiedener Politikebenen habe die Linke ein anderes und progressiveres Bild von Gesellschaft als die SPD. Das sei gut so.
Auf Nachfrage bestätigt Balint, dass seiner Ansicht nach Klassenkampf mit der Linken durchaus noch drin sei.
- So rechtlich festgelegt im Gesetz über die Sicherung der Abschiebung in Sachsen-Anhalt (Abschiebungssicherungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt – AbschSG LSA), Stand 03.03.2026, § 12 Zwangsmaßnahmen auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge, § 21 Besondere Sicherungsmaßnahmen ↩︎
Beitragsbild: Friedrich Schuster – CC BY-SA 4.0

