Streitfall Buchmesse

Rechte als Helden der Kunst- und Rede-Freiheit?

Die modernen westlichen Gesellschaften loben die Bedeutung ihrer Öffentlichkeiten. Es ist die Sphäre des gemeinschaftlichen Räsonierens über das, was politisch ansteht bzw. anstehen sollte. Hier werde letztlich der Konsens gefunden, auf dass er sich gesellschaftlich praktisch niederschlage. Es ist insofern auch die Sphäre, die gestaltet oder sogar gewonnen sein will. Was an diesem beinahe mechanistischen Wirkungszusammenhang Wahres ist, hat überraschend viele Leute bewegt.

Dieser Text der Redaktion der CORAX-Programmzeitung erschien zuerst in der dortigen Ausgabe für Oktober und November 2025.

Vom Geist bestimmt Bewusstsein über Hegemoniedebatten á la Gramsci oder Manipulationsideen einer LTI bis hin zu der Frage, welche Narrative ›wir brauchen‹. Die Idee, dass Geist, Geistiges oder auch nur ›arsendosenkleine‹ Sprachfragmente – allemal getrennt von Inhalten – konstitutiv für ein politische Urteil und eine politische Praxis sei, die damit erklärt bzw. bewirkt werden solle, fehlt einiges an Plausibilität. Aus Goethe-Lektüre sind Faschist:innen, Gewerkschaftler:innen wie Anarchisten entstanden, das Beherrschen der deutschen Grammatik hat außer schlechten Schulnoten noch nichts verhindert, die Verwendung weiblicher bis diverser Personenstandsformen hat diese Gesellschaft weder matriarchal gewendet noch ruiniert. Es stimmt schon, dass Inhalte in Form der Sprache und des Gedanklichen vermittelt werden … so wie der Bote nix für die Botschaft kann, die er aber immerhin überbringt. Aber stimmt der Umkehrschluss, so populär er auch ist?

Deswegen hat im modernen Westen die ›schöne‹ Literatur, wenngleich doch bestehend aus ausgedachten Welten und Wesen und Ereignissen und Deutungen, ihren guten Ruf. Ein Ruf, der ihr deswegen als Anspruch entgegentritt. Relevant, wertvoll für die Gesellschaft bzw. für ein Leben in ihr solle sie schon sein, Impulse geben, Richtung, Trost usw. Dass die Messen des Buchgewerbes in Frankfurt/M. und Leipzig, beide in der Welt wie die Auto- und Technikmessen wegen nüchterner Produktschau und Vertragsabschlüssen, auch ›Gastländer‹ küren und Preise für Werke oder Autor:innen ausloben, hat nicht nur damit zu tun, geschäftsträchtige Moden und Trends zu forcieren und zu inszenieren. Sie werden damit dem selbstauferlegten Anspruch gerecht, geistige Orientierung zu bieten. Dann heißt man ein Gastland ABC willkommen, weil die EU auf ihre Erweiterung schielt; dann ist es mal Autor:in XYZ, weil das Werk poetisch ausleuchtet, was gesellschaftspolitisch gerade Thema ist (man kann auf die neuen Kriegsromane gespannt sein). Anders ist der gesellschaftliche Stellenwert der Buchmessen und ihre Präsenz in den Medien nicht erklärbar. Buch ist mehr als nur Konsumprodukt, es wird als irgendwie politische Potenz gehandelt.

Nun gibt es im November 2025 eine Messe, die sagt, dass sie es anders mache. Seitenwechsel, bekanntermaßen
von Leuten aus dem rechtskonservativen bis rechtsextremen Milieu ins Leben gerufen. Diese sahen sich sowohl von den anderen Buchmessen (in der Tat platzierte Leipzig die Tische neurechter Verlage wegen Klagen anderer an die Peripherie und ging nur halbherzig gegen Besucher:innenproteste vor) als auch von der Öffentlichkeit (der sie ein obskures Gelenktsein unterstellen) diskriminiert. Nun äußern sie sich selbst und das in Abgrenzung zu allen ihren Kolleg:innen als freie Schriftsteller, wollen ein Fest für freies Denken ausrichten, der Lust an Geistesblitzen dienen, weil Bücher vor allem […] Gesprächsanfang bedeuteten – das alles ist von ihrer eigenen www-Seite zitiert. Es fällt zuallererst auf: der Konsens der Bedeutung des Buchs mit denen, gegen die sie ihre Messe aufziehen. Die Initiatoren geben der Bedeutung des Buchs vielleicht noch übertriebener einen Status unbedingter Relevanz. Aber was ist es, was
sie anders als die in Leipzig oder Frankfurt als Freiheit bewahren wollen? Womit sehen sie sich – ein ›Seitenwechsel‹
der Rechten ganz eigener Art – sogar in Traditionslinie der Opfer der Bücherverbrennung (auch auf deren www-Seite zu lesen)?

Bezeichnenderweise bedeutet Freiheit bei denen nicht, dass alles zu seinem Recht und Dasein kommt. Schaut man sich die (magere) Liste der Ausstellenden wie die der bisher bekannt gegebenen Gäste an, fällt die ungebrochene Rechtslastigkeit auf. Susanne Dagen und Tellkamp, Cora Stephan und Vera Lengsfeld, Mattusek und Hans-Georg Maaßen – stehen diese für eine inklusive, freie Öffentlichkeit? Dieser Roman müsste erst geschrieben werden. Verlage wie Tumult, Antaios, Jungeuropa, Oikos – selbes in Braun. Die Freiheit, die diese Akteure meinen, ist also bei einem genauen Blick nicht das, was sie formulieren. Sie repräsentieren nicht das Gemeinsame der gesellschaftlichen Vielheit. In der sie übrigens mit ihren nationalistisch-deutschlastigen Positionen ja en masse vorkommen und -kamen. Nur eben nicht unwidersprochen. Und nur so lange, wie sie selbst nicht forderten, diese Offenheit abzuschaffen. Widerspruchsvoll mahnen sie diese zwar für ihren Sprech ein, um sie dann aber als linksgrünversifft und durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchseucht zu delegitimieren und bestenfalls zu verbieten.

Was sie als Freiheit zu verstehen meinen, ist die geschützte Sphäre eigner rechten Positionen, die sie vor Widerspruch bewahren wollen. ›Gesprächsanfang‹ bieten – wer würde ernstlich sagen, dass es diesen nicht hätte. Nur ihre Sichtweisen wurden darin von anderen Seiten eben bestritten. Und diese Konfrontation wollen sie per se ausschließen, ist ihre Überzeugungskraft so luftig? Ihr ›Cancel Culture‹-Vorwurf ist lediglich der Schimpf auf die Widerrede zu ihren Positionen. Beleidigte Kleingeister, denen die Geltung nicht entgegengebracht wird, die sie sich so gern imaginieren. Dürfen ihre Bücher nicht veröffentlicht werden, sind sie nicht alle sogar bequem über Amazon lieferbar, liegen deren Zeitschriften nicht in jeder Bahnhofsbuchhandlung, kann Susanne Dagen nicht streamen, kann sie nicht sogar diese Buchmesse abhalten? Ernst genommen wirkt die Diagnose, sie seien durch eine Meinungsdiktatur quasi faktisch mundtot gemacht – siehe ›Bücherverbrennung‹ –, lächerlich.

Susanne Dagen und Tellkamp, Cora Stephan und Vera Lengsfeld, Mattusek und Hans-Georg Maaßen – stehen diese für eine inklusive, freie Öffentlichkeit? Dieser Roman müsste erst geschrieben werden.

Nun schreiben diese Seitenwechsel-Rechten, dass Ostdeutschland der rechte Ort für diese Messe sei. Leider, da haben sie recht. Was sie indes als Avantgarde sehen, ist eigentlich ein Schielen. Die Selbstgenügsamkeit im eigenen Urteil, die Bratensauce eigener Tümelei.

Deswegen – auch in eigener Sache – unterstützt CORAX ein Festival, das zur gleichen Zeit wie diese Buchmesse stattfindet, aber umgekehrt die Offenheit und Vielheit eines demokratischen Kulturlebens feiern und praktizieren will: das WIR-Festival. Nicht die Seiten wechseln, sondern gemeinsam verständigen. Mag man auch streiten, aber immerhin tut man das miteinander. Die große Zahl zivilgesellschaftlicher Akteure möchten zeigen, was bewahrens- und schützenswert ist. Was Kultur ausmacht. Was auf dem Spiel steht, wenn nicht-demokratische Politik Staat macht. Was da droht, wird bereits durch Landtags-Anfragen und -Anträge der AfD an Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen sichtbar: nicht die Freiheit der Diskussion, der Forschung und des gesellschaftlichen Lebens, sondern die Einengung und aggressive Sanktionierung auf die Eindimensionalität nationaler Selbstbespiegelung.

CORAX wird das WIR-Festival medial begleiten und ist am Abschlussfestival am 7. und 8.11. vor Ort und berichtet ausführlich.

⮕ wir-halle.de

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