Retroaktivistin
Stellt Euch vor alltägliche Dinge verschwinden, das als vertraut Bekannte und Lücken entstehen, Leerstand und Platz. Wär‘ doch großartig! Brauchen wir doch alle mal, zum Atmen und Luftschnappen, zum Mal-wieder-klarer-Sehen, mal wieder überhaupt etwas begreifen, nach vorn und (singend) der Zukunft zugewandt.
Moment! Verklär‘ ich’s? Klär‘ ich’s? Ich will nicht nur mit mir verhandeln, ich will den Widerspruch, die Ambivalenzen und ja doch! Auch mal scheitern,
SCHREIEN sowieso. Vielleicht hört Ihr mich dann?
Auch wenn sich manches nicht bewahren lässt, sogar verloren gehen muss. Ja! Vielleicht sollte manches auch mal verloren gehen können, aber nicht die Bärentatzen zu jedem Geburtstag in Familie und auch nicht die Uhrzeiten – ach, schon dreiviertel sieben.
Lass Dich davon bitte nicht abschrecken. Vorbeikommen kannst Du immer – Tee gibt’s immer und belegte Brote auch, vielleicht sogar Stulle-Loch-Ei und Puddingsuppe manchmal und Soljanka, mittlerweile vegetarisch und noch immer blättere ich in „Wir kochen gut“ und dann segeln immer noch Rezepte von Oma und Tante aus den Seiten. Schneewittchenkuchen, ist der bekannt? Mehrschichtkuchen mit Rum-getränkten Keksen und Eierlikörtorte? Ja? Die gibt‘s nicht mehr an Kinder- und Familiengeburtstagstagen, nicht für die Kinder, da bin ich postaktivistisch. Das ist zum Mitschreiben!
Ich bin nicht nur retro, ich geh‘ mit der Zeit und manches, was uns nicht geschadet hat, wird es für die Katzentischkinder erst volljährig geben und Schokobecher dürfen sie auch nicht ausschlecken und das nicht nur, weil es bei uns keinen Eierlikör gibt.
Wisst Ihr, ich bin Retroaktivistin, mit Betonung auf Aktivistin.
Vatis Hoffnung ist verschwunden, meine Idealismen nennt er naiv, politische Positionen wandeln sich, ich hingegen bleibe stabil bis konservierend. Kennt Ihr das? Ist das schon konservativ? Manche Dinge sollen einfach mal so bleiben, genauso wie jetzt oder damals, nicht überschrieben, rückgebaut werden, verschwunden sein.
Seid Ihr nicht auch manchmal kümmerig, zumindest angefasst, dass der Palast der Republik nicht mehr existiert, oder das Institut für LehrerInnenbildung „Rosa Luxemburg“, später die Fachhochschule Potsdam, der sozialistische Charme, seine Geschichtsträchtigkeit und es wird ja nicht potenziell, nicht futuristisch und etwas Neues erzählt,
sondern rückwärtsgewandt. Da haut die Retroaktivistin schon mal auf den Tisch.
Da fragt sie sich auch, aus dem Zusammenhang, aber dennoch direkt verbunden: wie lässt sich eine antifaschistische Grundhaltung bewahren, wenn du daherkommst, wo diese politisch verordnet wurde. Wie lässt sich eine antifaschistische Position finden, wenn du aus einer SED-Familie kommst? Opa Parteisekretär und Landwirt, Oma bei der Post, später im Bahnhofskiosk. Da kamen alle hin, dort wurden täglich Verbindungen geknüpft, beide, wie auch die anderen Alten gingen nahtlos in die PDS über und die beherbergte und unterstützte die Jugendantifa gleich mit. Und das alles in den 1990ern in Ostdeutschland, wo der rassistische und nazistische Mob durch die Straßen marodierte. Als die PDS die Linke wurde waren beide tot, aber Nachbar Sonntag treffe ich immer noch regelmäßig am VdN Denkmal und die alten PDS-Opas auch. Rote Nelken, rote Wimpel, ein warmer Händedruck, eine Hand, die sich auf den Brustkorb legt, mit einer angedeuteten Verbeugung. Das warme Gefühl im Bauch, will ich mir bewahren und die Körperbehaarung, da bin ich richtig traurig, dass die an den Familienkörpern verschwunden ist. Das ist doch auch so ein Nachwendeding, wie Allergien und ADHS. Aber immer noch gilt für mich: Platz ist in der kleinsten Hütte, in meinem Fall eine Plattenbauwohnung und Friede den Hütten, Krieg den Palästen, das ist irgendwie geblieben.
Und was über die Zeiten hinweg gilt, nach wie vor, nach vorn und zurück:
„Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog, hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein, denn er sang wohl etwas anders und war nicht so grau wie sie und das passt in Spatzenhirne nicht hinein.“

Foto: Gianna Reich (@moinbummschack)
Suse Schröder
Suse Schröder, * 1984 in Königs Wusterhausen, hat Kulturwissenschaften, Gender Studies, Poesiepädagogik und Literarisches Schreiben studiert, als Tresenkraft, Schwimmbegleiterin, Wissenschaftlerin, Einzelfallhelferin und Buchhändlerin gearbeitet. 2025 erschien straucheln&toben bei Edition. Das Ausland. Sie lebt in Berlin in ihrer Familien-Wohngemeinschaft, liebt Auberginen.@suse_schroeder_literatorin

