Poetik der Strecke

Man stelle sich vor, jemand hätte ein Zuhause.
Jemand würde es vielleicht so beschreiben:

Irgendwo in Ostberlin. Altbau. Fünf Stockwerke hoch. Berliner Traufhöhe. Die Fassade vor Jahrzehnten entstuckt, doch noch immer mit einem Rest von Pracht. An manchen Stellen bröckelt der Putz. Regen hat dunkle Spuren unter den Fenstern hinterlassen. Die hohen Fenster sind weiß gestrichen. Im Sommer stehen sie meist offen und sanfter Gardinenstoff tanzt im Wind.

Vor dem Haus Tontöpfe in verschiedener Größe. Lavendel. Rosmarin. Basilikum. Tomaten und Zitronen. Dazwischen zwei zusammengewürfelte Bierbänke und ein alter Klappstuhl. Irgendjemand sitzt immer dort. Mit einem Kaffee am Morgen, mit einem Bier in der Nacht. Manchmal nur für eine Zigarette. Man grüßt sich, ohne Namen zu kennen.

Die Eingangstür ist schwer und edel. Kastanienholz, über die Jahre stumpf geworden. An der unteren Hälfte Spuren von Feuchtigkeit. Kleine Kerben neben dem Schloss. Der Messinggriff blank gerieben von Jahrzehnten fremder Hände. Dahinter liegt das kühle Treppenhaus. Brauner Schlingenteppich auf den Stufen. An den Kanten leicht ausgefranst. Das Geländer glatt poliert von Berührung. Die Wände voller Farbschichten. Hier und da fällt der Lack. Manche Bewohner haben kleine Zeichnungen und Sticker hinterlassen. Vor einigen Wohnungstüren ausgelatschte Sneaker, Gummistiefel, Kinderfahrräder und leere Bierkästen.

In der zweiten Etage links dann die Wohnung. Grüne Tür. Einfallendes Sonnenlicht hat die Kraft daraus gezogen. Öffnet man sie, tritt man direkt ins Berliner Zimmer. Der Stuck an den Decken deutet auf einen Flur hin. Doch irgendwann wurde die Wand zur Küche rausgeschlagen. So steht man in einem kleinen Saal. Massiver, astiger Dielenboden. Manche Bretter knarren beim Gehen.

Die Küchenzeile aus Edelstahl. Schlicht und funktional. Ein Kühlschrank voller Magnete, die auf irgendwelche Orte deuten. Rouen. Halle. Enschede. Auf der Arbeitsfläche ein Wasserkocher, eine French-Press, ein Schneidebrett mit Messerspuren, ein Korb voller Gewürze, Öle und viele leere Weinflaschen, die irgendwann mal weggebracht werden müssen.

In der Mitte des Saals ein runder Holztisch. Bescheiden aber zuverlässig. Um ihn herum verschiedene Stühle. Keiner gehört zum anderen. Auf dem Tisch Untersetzer und ein Kerzenständer ohne Kerzen. Gegenüber der Eingangstür ein gelbes Sofa an der Wand. Die Polster leicht durchgesessen. Daneben zwei grüne Sessel. Ein kleiner Lesetisch. Darauf ein Kaktus, ein Schachbrett und Tischtennisschläger. Darüber ein Sackgassenschild und eine kleine Leuchtreklame mit einem Heiligenbild. Den Flur entlang um die Ecke eine Vitrine voller Geschirr. Wenn man sie öffnet, quietscht sie wie eine Gans.

Am Ende des Flurs links das Bad. Kleine weiße Fliesen ergänzt mit einer Dschungeltapete. Ein Spiegel mit blinden Stellen. Kalk am Duschglas und am Wasserhahn. Der Geruch von Duschgel und feuchten Handtüchern, die an der Tür hängen.

Gegenüber die Türen zu den WG-Zimmern. Links das Zuhause. Im Türrahmen kleine Wimpelketten. Man muss den Kopf leicht senken, um nicht dran hängen zu bleiben. Fenster zur Südseite. Im Sommer stehen sie immer offen.

Die linke Wand ist Gelb gestrichen. Dort hängen Poster von Schwimmbädern. Verblasste Fotografien von Sprungtürmen, Chlorwasser und Bahnenschwimmern. Darunter das Bett. Bescheidenes Gestell aber eine weiche Matratze, die schon seit Jahren trägt. Am Fußende eine alte Holztruhe voller Bettwäsche, alten Kabeln, Notizbüchern und Dingen, die schon längst vergessen sind.

Vor der Fensterfront ein Schreibtisch aus hellem Holz. Darauf Bücher in Stapeln. Geöffnete Notizbücher. Lose Zettel. Ein Globus, der maßstabsgetreu die Erhebungen der Erde zeigt. Neben dem Schreibtisch ein Postkartenständer. Voller fremder und eigener Erinnerungen. Vergilbte Museumsansichten. Küstenstädte. Fremde Sprachen.

Wenn man die Balkontür offenlässt, dringt in lauen Sommernächten ein Rauschen herein. Reifen über Kopfstein. Entfernte Gespräche. Vom Park am Ende der Straße manchmal Musik. Dumpfe Bässe. Hundegebell. Sirenen weit entfernt.

An der rechten Wand hängen bemalte Baumrinden aus Südamerika. Das Erbe der Großeltern. Daneben ein schwerer Schrank aus Nussbaum. Zu groß für das Zimmer. Ein Bücherregal voller Romane, Sachbücher, Reiseführer, Lyrikbände und Dinge, die man mal verstehen will.

Auf dem Boden ein Berberteppich mit abstrakten Mustern. Er fühlt sich weich und vertraut unter nackten Füßen an.

Man stelle sich vor, jemand lebte dort seit Jahren.

Er müsste sich geborgen fühlen.



















Doch niemand lebt dort seit Jahren. Man lebt dort nur zur Zwischenmiete.
Am liebsten ist er hier.
Dann kommt er hier an.
Am liebsten ist er dort.
Dann geht er wieder.
So legt er auf der Suche nach Glück, Kilometer zurück.








(Don Juan zieht durch die Welt und verführt Frauen. Eine. Zehn. Hunderte. Tausende. Keine Begegnung hält lange. Sobald eine Frau ihn liebt, zieht er weiter. Neue Stadt. Neues Gesicht. Neues Versprechen. Er ist reich, charmant, gebildet und schön. Er beherrscht die Sprache perfekt. Er weiß, sich mitzuteilen. Zu sagen, wonach er sich sehnt. Im Moment seiner Verführung ist er einer, der glaubt, was er sagt. Er liebt ständig, nur nie dauerhaft. Das macht ihn so tragisch. Beständigkeit ist für ihn absurd. Warum sollte man eine einzige Schönheit binden? Die Welt ist voll davon. Hedonistisch und frei zieht er durch die Welt. Und je mehr er sich bewegt, desto leerer wird er. Von Frau zu Frau. Von Ort zu Ort. Von Rolle zu Rolle.

Don Juan verspottet Moral. Lehnt jede Religion, jede gesellschaftliche Ordnung ab. Er lebt in ständiger Flucht, wo jeder Stillstand gefährlich scheint. So sehr sich Menschen von ihm gesehen fühlen, so sehr scheint er unfähig, irgendwo anzukommen.


Als er aufgefordert wird, zu bereuen, kann er nicht. Will nicht. Er bleibt in Bewegung. Selbst vom Tod weicht er nicht zurück. So geht er rastlos zugrunde.)









Wo ist das Glück ohne einen Ort?

Fahr ich mit dem Zug vorbei an fremden Orten, stell ich mir vor, wie es sein muss, irgendwo angekommen zu sein.

Dann blicke ich aus dem Fenster und hinter jedem Haus beginnt eine Geschichte.


Da steht ein Reihenhaus am Ortsrand. Die Gardinen sind halb geschlossen. Im Vorgarten ein Apfelbaum. Daneben ein Trampolin, das seit Monaten nicht benutzt wurde. Auf der Terrasse ein Grill unter einer Plane. Zwei Fahrräder lehnen am Zaun. Dort scheint man die Nachbarn zu kennen. Dort weiß man, welcher Hund nachts bellt und wann die Müllabfuhr kommt.

Ein paar Kilometer weiter ein Mehrfamilienhaus. Drei Stockwerke. Gelber Putz. Balkone voller Geranien. In einer Küche brennt Licht. Jemand steht am Herd. Ein Topf dampft. Vielleicht gibt es Pasta. Vielleicht immer mittwochs. Vielleicht sitzt jemand am Tisch und fragt, wie der Tag war.

Dann eine Wohnung über einer Bäckerei. Schmale Fenster. Ein Bücherregal bis zu Decke. Eine Stehlampe neben einem Sessel. Auf der Fensterbank Zimmerpflanzen, die seit Jahren dieselbe Aussicht betrachten. Dort werden Rechnungen gezahlt. Geburtstage geplant. Urlaube gebucht. Die kleinen, unspektakulären Verrichtungen gelebt.

An manchen Häusern hängen Kinderzeichnungen an den Fenstern. Sonnen mit Gesichtern. Familienbilder hängen an den Kühlschränken. Neben Einkaufslisten, Terminerinnerungen vom Zahnarzt und Urkunden vom letzten Sommerfest der Schule. Ein voller Kalender zeigt Verabredungen Wochen im Voraus. Man freut sich auf Samstag in zwei Wochen.

In manchen Wohnungen kennt man den Inhalt der Schubladen auswendig. Die Schlüssel haben immer denselben Platz. Bücher liegen seit Jahren an derselben Stelle im Regal. Man hat Lieblingstassen. Lieblingsdecken. Lieblingswege nach Hause.

In manchen Gärten finden sich Spuren von Arbeit. Schubkarren. Spaten. Gießkannen. Sorgfältig gezogene Beete. Frisch gestrichene Lauben. Das frisch gemähte Gras erzählt davon, dass jemand wiederkommt. Man riecht den Flieder. Hört das Summen von Insekten. Hinter hohen Hecken führen Menschen Gespräche im Privatem.

Manchmal sehe ich einen Augenblick nur einen Esstisch. Vier Stühle. Eine Obstschale. Eine Lampe darüber. Mehr nicht.

Manchmal male ich mir den Rest aus. Wer sitzt dort? Worüber spricht man? Wer kommt zu spät? Wer deckt den Tisch? Wer räumt wieder ab? Worüber wird gestritten? Wie wird sich versöhnt? Wer weint am Tisch? Wer lacht?

Der Zug fährt weiter. Die Häuser und Gärten verschwinden. Die Lichter werden kleiner. Die Esstische lösen sich auf in Dunkelheit.

Für einen Augenblick glaube ich, ich hätte verstanden, wie es sich anfühlt. Zu bleiben.


Jeden Morgen dieselben Schritte zu gehen. Dieselbe Haustür aufzuschließen. Dieselben Nachbarn zu grüßen. Die Jahreszeiten an denselben Bäumen zu beobachten.


Doch der Zug fährt weiter.


Und ich fahre mit.



Wo kein Ort ist entsteht Bewegung. Auf Treppen. Auf Straßen. Auf Bahnhöfen. Im Zug. Im Hotel.
Im Café. In temporären Beziehungen. Im ständigen Dazwischen.

Man lernt das Gehen eher als das Bleiben.


Also geht man. Als hätte Bewegung etwas mit Hoffnung zu tun.







P
O
E
T
I
K

D
E
R

S
T
R
E
C
K
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Bild: Annalena Behrends (@empathyhoe)


Stefan Weiler

Stefan Weiler zog als Kind oft um und ist bis heute unterwegs. Um diese Erfahrung zu verarbeiten, schreibt er über Räume, Bewegung und Erinnerung. Zwischen Herkunft und Sehnsuchtsorten erkundet er, was vom Zuhause bleibt, wenn man ständig unterwegs ist.

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