ohne Titel (lieber mann als bär)

Du merkst, wie du wieder rasend wirst. In dir, in deiner Brust, ist so ein stechender Schmerz, so eine Art Verlangen. Es fühlt sich an, als würdest du keine Luft bekommen. Wie auch. Du hast aufgehört zu atmen. Sie soll dich bloß nicht hören. Sie kocht so toll. Lecker. Zwei Eier, Tomaten.

Ein Geräusch. Plötzlich ist es still. Sie nimmt die Pfanne vom Herd und schaut sich um.

Du vergisst, dass du da bist – hast dich nicht unter Kontrolle. Als du riechen willst, schnellst du mit dem Kopf nach oben. Gegen den Lattenrost. Du presst die Hand gegen den Mund. Schweiß läuft dir die Schläfen hinunter. Beißt dir in die Innenseite deiner Wangen und presst die Augen zu. Als würde es das besser machen. Sekunden vergehen wie Stunden, Minuten – na ja, wie eben Minuten vergehen. Bis sie die Pfanne wieder abstellt. Lecker.

Sie zündet Kerzen an. Du atmest aus. Leise. Wartest. Wie kommst du hier wieder raus? Das war alles ’ne ziemlich blöde Idee. Von hier aus siehst du ihre Platten. Tyler, the Creator. Etta James. Junge, Junge, denkst du dir. Aber aufstehen und über Musik reden, das wird’s wohl nicht sein. Also erstmal bleiben, wo du bist.

Sie geht ins Bad. Deine Chance. Du drückst dich mit den Oberarmen hoch und schiebst, schiebst dich langsam unter dem Bett hervor und merkst – das wird ’ne harte Angelegenheit. Der Dielenboden wird dich verraten. Also gehst du schnell. Schiebst dich durch den Flur, ein letzter Blick zum Lichtkegel, der aus dem Badezimmer scheint, du atmest aus und schiebst dich durch die Tür. In den Innenhof. In die Nacht.

Irgendwie komisch.

Sie kommt aus dem Bad. Als hätte ich was gehört. Egal, das hab ich mir wohl eingebildet. Sie zieht sich die gelben Handschuhe an und wäscht das Geschirr.

Sie setzt sich die Kopfhörer auf und lässt sich auf der Yogamatte nieder, die letzten zehn Liegestütze. Einatmen. Ausatmen. Kopf auf die Matte. Von hier aus kann sie immer sehen, wie viel Staub auf dem Boden liegt. Doch als sie sieht, was da vor ihr liegt, ist es schon zu spät.

Ganz, ganz tief drinnen hast du dir gewünscht, du würdest gehen. Du könntest loslassen. Einfach schnell vorbeihuschen und weg. Das war alles nur Quatsch mit Soße, denn du bist nicht gegangen.

Über Vanessa Hartmann

Das Schreiben von Texten war für Vanessa Hartmann eher ein unbewusster Mechanismus – ein Festhalten von Momenten, Erinnerungen, Erlebtem und Erzähltem, Gehörtem und Weitergegebenem. Persönlich, manchmal auch unpersönlicher. Sie lässt Lesende gerne nah herankommen – aber nie zu nah.

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