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Odysseus in Halle

Vier Filme zum Preis von einem

Alle schauen die Neuverfilmung der Odyssee. Die ist definitiv sehenswert, doch in der langen Geschichte der Verfilmungen des Homer-Stoffes gibt es eine Adaption, die über allen anderen steht. Eine kurze Irrfahrt durch die Filmgeschichte.

Etwas ratlos blicke ich auf den Abspann. Eine Texttafel verkündet, Odysseus lebe fort in der Dichtung Homers, die ihn unsterblich gemacht habe. Hat Odysseus überhaupt jemals gelebt? Naja, triumphierende Musik entschuldigt das vorangegangene Blutbad am Hofe Ithaka. Was mir sonst noch auffällt, ist die deutsche Synchro mit überraschendem Mundart-Einschlag und ein Zyklop, der mehr wirkt wie ein ostdeutscher Großvater nach dem zweiten Perlenbacher als ein menschenfressendes Ungetüm. Wirklich herausragend ist die große Silvana Mangano in einer Doppelrolle als Penelope und Circe.

So startet meine Odyssee am Laptop, mit der durch Kirk Douglas besetzten Verfilmung aus dem Jahr 1954. Den 480p-Stream auf YouTube trinke ich mir mit Ingwertee schön. Immerhin hat Kirk Douglas, so gut wie ich ihn in dieser Bildauflösung eben erkennen kann, einen nahezu perfekten Körper, ist ordentlich frisiert und bewegt sich grinsend und leichtfüßig durch seinen Film. Im Gegensatz dazu Matt Damon, der mich im Trailer der Neuverfilmung anblickt wie ein schmutziger Wäschesack.

Doch gerade diese Version vom Starregisseur Christopher Nolan wird aktuell zum Kinoerfolg. Häufiger als inhaltliche Kritiken erreichen mich Lobpreisungen angesichts seiner technischen Hingabe: Statt im Standardformat wurde vollständig mit den sehr schweren, sehr lauten und sehr teuren IMAX-Kameras gedreht, eine übergroße Zyklopenpuppe ergänzt digitale Creature-Effekte und ein Hauptdarsteller rasiert sich mehr als ein Jahr nicht. Diese Hingabe zum materiellen Handwerk beeindruckt uns selbstverständlich in einer Ära von KI-Slop und Reißbrett-Blockbustern. Auf Reddit berichten Leute, wie sie durch die halbe Welt reisen, um den Monumentalfilm auf der größtmöglichen Leinwand zu erleben.

Aufwendige Monumentalfilme sind jedoch auch ein Zeichen eines Kinos, das um seine eigene Relevanz kämpft: Bereits in den 1950er Jahren, als der Kinofilm zunehmend Konkurrenz vom Fernsehen bekam, überschlug sich die Filmindustrie mit Breitbildformaten wie Cinemascope und Sandalenfilmen, die gerne 3-4 Stunden Laufzeit hatten. Antike oder Biblische Stoffe wurden in Filmen wie Cleopatra, Spartakus oder Die Zehn Gebote umgesetzt, mit aufwendigen Kulissen, hunderten Statist*innen und den größten Stars der Ära wie Elizabeth Taylor oder eben Kirk Douglas. Damals wie heute wird versucht, eine Kinoerfahrung zu bieten, die das TV und im heutigen Fall das Streaming nicht leisten können.

Stars der alten Schule: Kirk Douglas und Silvana Mangano am Set von ‚Ulisse‘, 1953 (Bild: ANSA, Public Domain)

Diese Kinoerfahrung ist natürlich nicht universell zugänglich. Nur 41 Kinos weltweit können die Odyssee im 70mm-IMAX-Format zeigen, für das der Film gedreht wurde. Von ihnen liegt ein Großteil in den USA, mit einigen Ausnahmen in europäischen und australischen Großstädten. In Asien und Afrika gibt es kein einziges Kino, was entsprechend ausgestattet ist. Da darf der globale Norden sich noch einmal als kulturelle Hegemonie fühlen.

Die hier zugänglichen IMAX-Kinos ohne 70mm sind kein Schnäppchen: Satte 17,90€ legt man im Cinestar Leipzig für eine IMAX-Vorstellung der Odyssee hin. Das sind etwa 70 Duploriegel im Jahr 2010 für keine 70mm. Wieder einmal wird Kultur zum Luxus und ich bin kurz davor, mir aus Trotz die Augenklappe aufzusetzen und den Mist illegal zu streamen. In den 50er und 60er Jahren konnte das Kinoformat übrigens auch nicht durch immer aufwändigere Großproduktionen gerettet werden, sondern durch neue Wellen junger Filmschaffender in Europa und den USA.

Die drei Stunden von Halle Nord

Schließlich bin ich doch kinointeressiert genug, ein solches für die 2026er Odyssee aufzusuchen. Dabei ist mir das Format mittlerweile egal. Eine befreundete Person und ich gehen ins hallische Puschkino. Weil ein Ticket für den Film auf der halb so großen Programmkinoleinwand auch nur etwa halb so viel kostet, hauen wir das gesparte Geld für eine vegane Ente auf den Kopf und decken uns mit Snacks und Getränken ein (1x Barbecue-Kartoffelchips, 1x Barbecue-Erdnüsse, Knusperflocken, 1x Spitzmaus, 1x Rhabarber-Schorle).

Wir gehen als erste in den Saal, die geschmuggelten Lebensmittel eng am Körper getragen wie die Schafe in der Höhle des Zyklopen. Auf uns folgen nur zwei weitere Grüppchen, so dass wir etwa zehn Leute sind, als der Vorfilm losgeht. Ebendieser ist eine verstörende Rockabilly-Fantasie im Altersheim, die Art Hochschulabschlussfilm, auf die ich hier nicht näher eingehen mag.

Das Licht geht an und aus, Logos blitzen auf, und schon begrüßt uns Travis Scott als Barde mit einem Vortrag, der seiner Rapkarriere wohl oder übel in nichts nachsteht. Drei Stunden später sind viele Menschen getötet, Schlachten geschlagen und Chipstüten vernichtet. Das alles mit mehr Stars als auf der Met-Gala. Nach eigenen Angaben hatte meine Begleitperson keine Schwierigkeiten, die lange Laufzeit über wach zu bleiben, auch wenn zu Beginn Gegenteiliges verlautbart wurde. Das mag auch an der wilden Montagetechnik Nolans liegen, die einen gut bei der Stange hält.

Die Odyssee ist 2026 erzählerisch interessant genug strukturiert, um die Spannung zu halten, ohne dabei zu wenig Informationen preiszugeben. Wohl auch durch die fragmentarische Struktur fühlt sie sich aber eher an wie 4-5 gute Kurzfilme, von denen 2 sehr gut sind: Da ist einmal der Besuch bei der von Samantha Morton verkörperten Circe, der expliziten Body-Horror dem impliziten Horror männlicher Gewalt gegenüberstellt. Dann, etwas später, segeln Odysseus und seine Crew ins Totenreich, wo sie gefallene Kameraden treffen. Unter ihnen ist Sinon (Elliot Page), der dem Sinn des Krieges so deutlich widerspricht, dass der sonst sehr prügelfreudige Film für einen Moment nachdenklich wird.

Neben diesen außergewöhnlichen Momenten, die diskutiert und analysiert gehören, bietet der Film auch viel bekanntes, viel sicheres, viel leicht verdauliches. Ein fast klassischer Hollywood-Schinken im Großformat also, dem es nur an Humor und Erotik mangelt. Und tatsächlich wird es irgendwann ermüdend, drei Stunden lang geschundene, glücklose und ausgehungerte Körper zu sehen.

Das Licht geht aus, wir gehen nachhaus, und ich habe neben dem Film, den ich gesehen habe, noch zwei andere im Kopf.

Country-Gesänge

Einmal ist da O Brother, Where Art Thou?, in dem die Coen-Brüder die Odysee ins ländliche Mississippi der 1930er Jahre verlagern, also in die Ära von Woody Guthrie, Weltwirtschaftskrise und zweitem Ku-Klux-Klan. So ein zeitlicher Neubezug, wie er in der Bearbeitung von Klassikern am Theater gang und gäbe ist, bildet im Kino eher die Ausnahme. Zentral sind auch in dieser Odyssee die Gesänge, die jedoch in zeitgenössischer Blues-, Bluegrass- und Countrymusik verarbeitet werden. Dieser Soundtrack zählt für mich zu den Highlights des Films, der leider hin und wieder in Blödeleien abdriftet.

Bei vielen Stärken brachte ‚O Brother, Where Art Thou?‘ auch ein großes Unheil über die Filmlandschaft: Es handelt sich um einen der ersten kommerziell erfolgreichen Filme mit digitalem Colorgrading, einer Art Farbfilter, hier in Brauntönen gehalten. In den kommenden Jahren ließ kaum ein Blockbuster diesen Trend aus (wir erinnern uns an den fast gänzlich blauen ersten Twighlight-Film). Was in ‚O Brother, Where Art Thou?‘ noch ein bewusstes Stilmittel war, verselbständigte sich zunehmend.

Während 1954 die Farbästhetik der Odyssee vom Technicolor-Verfahren beherrscht war, was mal mehr und mal weniger überzeugt, ist die Version der Coen-Brüder aus dem Jahr 2000 ein Dokument und Mahnmal digitalen Filmemachens. Nolans Odyssee ist hingegen in eher matten Farben gehalten, ein grauer Himmel bedeckt Wasser und Land, die Kulissen sind monochrom und schmucklos, nur die roten Segel der Boote stechen wirklich heraus.

Auf dem Weg durchs Treppenhaus quietschen meine Schuhe wie die eines kleinen gelben Schwamms, der in einer Ananas ganz tief im Meer wohnt. Als ich die Tür aufmache, bin ich fast überzeugt: Die beste Adaption der Odyssee kam 2004 in die Kinos mit dem Spongebob Schwammkopf Film.

Auch Spongebob begab sich auf eine Odyssee (Bild: Erik Mclean, Unsplash Lizenz)

Pazifischer Blödsinn

Der Zeichentrickfilm mit Realfilmelementen von Serienerfinder Stephen Hillenburg bedient sich so ausgiebig bei Homers Odyssee, dass man von einer Adaption sprechen kann. Doch gleich zu Beginn des Films erleben wir ein seltsames Spiel mit Realitätsebenen und Träumen: Eine Spielfilmsequenz zeigt Piraten auf Hoher See, wie wir sie aus Fluch der Karibik kennen, beim Heben eines Schatzes. Während wir uns fragen, ob wir im Falschen Film sind, wird die Truhe geöffnet und wir sehen: Karten für den Spongebob Film! Die ganze Crew geht vor einem Strandkino vor Anker, stürmt das Lichtspielhaus und der eigentliche Film geht los. Wir erleben, nun im Zeichentrick, eine spektakuläre Actionsequenz, in der Spongebob einen Krabbenburger belegt. Bald stellt sich diese Handlung als ein Traum heraus und wieder zeigt uns der Film: Wir sind vor nichts sicher und alles kann passieren.

Was in den 90 Minuten passiert ist eine ganze Menge: Mehr Gags als es Plankton am Meeresboden gibt, aber auch echter Horror, Drama und sogar Erotik. Der Spongebob Schwammkopf Film jongliert ohne Rücksicht auf Verluste mit den Stationen der Odyssee. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung des Zyklopen, der sich als Mensch im Taucheranzug entpuppt, dabei aber nicht minder bedrohlich ist. Er fängt Meereslebewesen ein, lässt sie in seiner Werkstatt austrocknen und verkauft die toten Tiere nun mit Glubschaugen als Urlaubssouvernirs. Diese düstere Szene lässt sich unterschiedlich deuten: Als Kritik am ausbeuterischen Verhältnis zwischen Mensch und Natur, oder an einer Kulturindustrie, die alle Wahrhaftige und Kreative abtötet und in leblosen, leicht konsumierbaren Kitsch verwandelt.

Doch gerade Kitsch war Spongebob nie, denn bei allen Albernheiten gehen der Film und zumindest die ersten Staffeln der Serie aufrichtig mit ihren Figuren, ihren Sehnsüchten, Ängsten und Zwängen um, und trauen die Auseinandersetzung damit auch einem jungen Publikum zu. Aus der emotionalen Achterbahnfahrt um den Zyklopen bringt uns David Hasselhoff in einem Gastauftritt zurück an den Ort des Aufbruchs, die Krosse Krabbe, wo Spongebob die schwulste Guitar-Hero-Session der Filmgeschichte abliefert und dabei die Stadt rettet.

Der Spongebob Schwammkopf Film ist eine postmoderne, aber gleichzeitig sehr eigenständige Umsetzung der Odyssee. Sie profitiert enorm von der Figur Spongebob, die weder Kind noch Erwachsener, in ihren schlauen Momenten dumm und in ihren dummen Momenten schlau ist. Kein Anti-Odysseus, sondern eine Figur, die spielend zwischen Schwellen wie Mann und Schwamm hin und her springt und sich mit widerständiger Albernheit durch ihr Abenteuer schlägt. An vielen Stellen ist der Film aufwändiger produziert als seine Fernsehserie, vor allem musikalisch. Während die Serie sich aus Kostengründen häufig an gemeinfreien Stücken bedient, bekommt der Spongebob-Film einen eigenen Orchester-Score. Hinzu kommen Songs, teils von Kultbands wie Motörhead, Ween, Wilco und den Flaming Lips, viele davon für den Film (um-)geschrieben.

Durch die Rahmenhandlung gewinnt der Film zudem eine subversive Komponente: In Zeiten des ‚Noch 4x Singen‚-Werbespots sehen wir Piraten einen Film genießen, für den sie nicht bezahlt haben. Lediglich der Hauptwiderspruch der Serie, Spongebobs Identität als Arbeiter, wird mit seinem schlussendlichen Aufstieg zum Manager der Krosse Krabbe 2 unbefriedigend als scheinbarer Klassenwechsel aufgelöst.

Ein Ausblick

So gern ich eine Lotoblüte essen würde, um den Spongebob-Film noch einmal zum ersten Mal zu erleben, muss auch ich lernen nach vorne zu schauen.

Nolans Film dürfte für die kommenden Jahrzehnte der neue Standard für konservative, werkgetreue Adaptionen antiker Stoffe werden, allein schon des großen kommerziellen Erfolgs wegen. Ich hoffe, dass bei den erwartbaren Nachahmern etwas mehr Humor und Leichtigkeit Einzug hält und wir etwas anderes bekommen als drei Stunden pures Verzweiflungskino. Der vom Film losgetretene IMAX-Hype wird die Krise der Kinoindustrie schon deswegen nicht lösen können, weil es sich um eine teure und seltene Technik handelt, die bisher alles andere als ein Massenmedium ist.

Das schöne am Kino ist aber, dass es zeitlos ist. Ich muss nicht jeden Hype mitnehmen, sondern kann mich frei durch die Filmgeschichte bewegen. Das geht heutzutage erstaunlich gut, das Internet ist voll von Streifen aus den letzten hundert Jahren. Das Internet Archive und WikiFlix sind gute erste (legale) Anlaufstellen, da sie Spielfilme sammeln, die sich in der Public Domain befinden. Das Filmportal macht den Bestand deutscher Filmarchive zugänglich. Vier Stühle, ein Beamer und eine Leinwand sind ein Kino. Wer dabei eine lokale Struktur unterstützen will, kann Mitglied werden im Format Filmkunst e.V., der vereinsgetragenen Videothek in Halles Innenstadt.

Wenn in Halle die ersten Blätter fallen und der Kinosommer vorbei ist, werde ich an ihn zurückdenken, weil ich vier Adaptionen der Odyssee zum Preis von einer gesehen habe. Der Kinobesuch hat mein Leben nicht verändert, aber er war ein guter Anlass, sich mit dem Stoff zu beschäftigen und ihn zu anderen Werken in Bezug zu setzen. Ich spanne den Bogen zum Anfang und klappe den Laptop zu, aus dem Fenster starrend. Ich war zu faul, heute Snacks einzukaufen, und fühle mich bei dem Hunger auch ein wenig wie die Mannschaft von Odysseus. Kino wirkt, wenn wir uns in ihm erkennen.

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