normal

Dass das, was für mich neutral und normal ist, nicht das ist, was in den Nachrichten gemeint ist, oder wofür es von Westdeutschen gehalten wird, ist mir erst in den letzten Jahren aufgefallen. 

Für mich normal: Schulzeit
-Eis essen gehen mit Eltern, wenn ein Schuljahr vorbei ist
-Anorak
-Fasching
-ins Kino gehen
-in die Stadt gehen
-Traktoren
-Die Zeitschriften bravo girl, Popcorn und Mädchen
-Poster von Selena Gomez, Miley Cyrus, Kesha
-zum Bus laufen
-Backsteinschulgebäude
-Einmal im Jahr zur Zahnärztin gehen
-Klavier
-Korridor
-Die Filme 30 über Nacht und Bride Wars
-tanzen
-Tagestrip nach Berlin zum shoppen
-Hackepeter zu Familienfeiern
-Gutefrage.de
-Filme in denen die Protagonistin Journalistin in New York ist
-ein selbst aufbauendes Zelt haben (dafür schwer wieder zusammen zu bauen)
-einkaufen bei Real, Aldi
-mit dem Auto nach Frankreich in den Urlaub fachen
-Sprudelwasser
-Tee mit Saft (als kleines Kind)
-Concealer
-Abi machen und studieren
-die Welt steht mir offen
-Konfiunterricht
-platzeffiziente Wohnungen mit Ausklappbett und einer Glaswand zwischen Küche und
Wohnzimmer(die Wohnungen meiner Oma und meiner Uroma)
-zu Hause ist ein Haus mit Garten
-Verwandte und Bekannte wohnen in Sachsen
-sächsisch
-nach der Schule zusammen zur Bahn laufen und zu Müller gehen
-die meisten studieren in Dresden, Leipzig oder Berlin
-USA = Traumland
-Comedians auf Youtube
-Quark mit Kartoffeln
-Demo für Vielfalt und Toleranz
-Meine Lieblingsfächer sind Englisch und Geschichte
-in den Tierpark gehen
-erstmal ein Auslandsjahr machen
-einen Auftritt haben (Kindermusical, Tanzen, Band)
-movie2k
-Zeitzeugeninterviews in Geschichte
-der Katze etwas geben [unsere Katze]

Was mir aufgefallen ist (ab 19):
Leute aus Bayern kürzen Namen nicht mir dem vorderen Teil ab, sondern mit dem Hinteren. Also bei ihnen ist Elisabeth nicht Elli, sondern Liesl
Leute aus Bayern und Baden-Württemberg kennen keine Hefeklöße, nur Germknödel (das ist ein Hefekloß mit irgendwas gefüllt)
Außerdem essen Leute aus Baden-Württemberg große Nudeln (Tortellini) in Suppe
Sie nennen das Maultasche
Meine Mitbewohnerin aus Thüringen isst das allerdings auch
In Bayern hängen angeblich Kreuze in Klassenzimmern

ich will immer noch in die UK, USA und nach Spanien
Ich bin ein anywhere, kein somewhere

Pragmatismus und Solidarität I
Wenn ich in Thüringen mit zehn anderen Leuten vor einer Arztpraxis warte, sitzen und stehen die Leute drum rum verteilt. Sie wissen, wer vor ihnen dran war. Es gibt ja keinen Grund, sich in der richtigen Reihenfolge in eine Schlange stellen zu müssen. Man kann ja auch an der Wand lehnen oder auf der Treppe sitzen.
In Westdeutschland würden sie eine Schlange bilden, um ihren Platz zu sichern. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Was mir aufgefallen ist (ab 24)
in Heidelberg und Hildesheim kommt fast niemand aus Ostdeutschland, ich bin immer die Einzige oder es gibt vielleicht noch eine Andere
Leipzig, Dresden, Berlin, Halle sind für die Leute hier keine Städte in die sie oder Bekannte ziehen würden
Mit Berlin sind alle OBSESSED also die fahren dahin und fotografieren die Mülleimer (vor allem Leute aus Bayern)

Pragmatismus und Solidarität II
Wenn ich meine ehemaligen Mitbewohnerinnen frage, ob ich mal bei ihnen übernachten dürfte, sagen die Mitbewohnerinnen aus dem „Schwabenland“, das passt ihnen gerade nicht so gut, meine eine ehemalige Mitbewohnerin aus Thüringen gibt mir für drei Tage den Schlüssel. Auch eine Anekdote, keine Evidenz

Pragmatismus und Solidarität III
Wenn ein Zug voll ist und man die Leute fragt, ob man sich da hinsetzen kann, wo ihre Tasche steht:
In Westdeutschland sind sie entweder so überspitzt höflich oder interagieren gar nicht mit einem
In Ostdeutschland sagen sie „ja klar“, es ist einfach wie es ist, es ist klar, natürlich nehmen sie die Tasche runter, ist doch ganz logisch, ein Sitzplatz ist zum Sitzen da.
Auch anekdotisch, keine Statistik

Was mir aufgefallen ist (ab 23)
ich hätte mich nicht auch nur eine Sekunde ohne Handtuch am Badesee umgezogen. Jetzt ist es precious.
Neutrale Nacktheit
Es war bei mir schon fast weg
Jetzt halte ich meine Hand über die versickernden Reste
bevor sie ganz einziehen
bevor niemand mehr weiß
wir hatten mal Arbeitnehmerrechte, auch wenn sie anders hießen

in der DDR konnte man nicht gefeuert werden, hab ich mal in einer Doku gehört
in der Doku haben ArbeiterInnen gesagt:
„Es war, als würde in der damaligen DDR die Uhr etwas langsamer ticken. Im Westen war immer nur Hektik, Stress“
„Ich wollte wieder in den Osten. Ich wollte meine heile Welt wieder haben. Ich kam mit dieser Situation des Ellenbogen Einsetzens, des Durchsetzens, des sich Behauptens - überhaupt nicht zurecht.“

bevor es versickert
wenn man sich umzieht nackt sein ist normal
FKK Strände sind normal
Am Badesee oder draußen nackt sowieso
oben ohne sowieso
Abtreibungen waren in der DDR ab 1972 legal
„Das Gesetz traf in der DDR auf Kritik und Ablehnung durch die Kirchen[…]. Zu einer öffentlichen Diskussion in nennenswertem Umfang kam es allerdings nicht.“

bevor es wegslippt
wasserabweisende Tischdecken mit Plastikklammern zum Gewichten an den Seiten
Hollywoodschaukel
Dass man ein paar Sätze mit einer fremden Person im Zug wechseln kann, ohne bestimmte Motivation
Dass nicht alles so zerdacht werden muss
Dass man nicht immer überprüfen muss, ob es noch etwas Besseres gibt
In der DDR gab es mal eine Firma, die dieses unkaputtbare Glas hergestellt hat.
„Die SuperfestGläser wurden nicht mehr verkauft, weil sie in der DDR als unzerbrechlich galten, was für die Glasindustrie in der Marktwirtschaft nicht rentabel war. Die Produktion wurde eingestellt, da die Gläser nicht zerbrachen“

unsere Eltern haben Angst vor Kommunismus
alle Erwachsenen haben Angst vor Kommunismus aber sie sagen
„wir haben das erlebt“
sie durften nicht weg
sie hatten keine Freiheit
ich stell mich an du guckst was es gibt
Wenige, die alles für sich behalten, ist kein Sozialismus

Mein Freund hat mir von einer Influencerin erzählt, die sich ein Pfefferspray mitgenommen hat. Für ihre Fahrt nach Erfurt.
KIKA-Erfurt.
Wo meine kleinen Nichten wohnen.
Hahaha.

es brodelt
vor langer Zeit ausgenommen
sie sind frustriert
das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung
warum kriegen die was, was ich nicht krieg
sie kriegen nichts
BIPoC fühlen sich hier nicht sicher

Was mir aufgefallen ist (ab 24)
Ostdeutsche junge Menschen ziehen nach Ostdeutschland
Ostdeutsche junge Menschen ziehen nach Westdeutschland, aber Westdeutsche junge Menschen ziehen nicht nach Ostdeutschland
Westdeutsche junge Menschen ziehen nach Westdeutschland und treffen da einzelne Ostdeutsche und denken sich nichts dabei
Aber sie wollen Ostdeutschland nicht kennen lernen und wir sind immer die Einzigen

Pragmatismus und Solidarität IV
Kolkwitz bei Cottbus
Wenn ich mir nicht mehr sicher bin, welcher Einkaufswagen meiner war, aber beide leer sind
Und ich den Mann beim Gemüse frage, ob das sein Wagen ist
Sagt er „ist ja egal, ist ja och nischt drinne“. Könnt ich mir in Mainz nicht vorstellen. Aber das ist wahrscheinlich eher Stadt-Land.

Was mir aufgefallen ist (ab 22)
In der vierten Klasse konnten wir semi ernst „Patenschaften“ zu ErstklässlerInnen aufbauen, die haben wir dann während sie eine Geschichte vorgelesen bekamen ein bisschen am Kopf gestreichelt oder massiert
Eine Freundin in Heidelberg fand das üüübelst weird
Ich hatte mir gar nichts dabei gedacht
Ich dachte mir: „Ist doch schön, eine Massage zu bekommen“

Pragmatismus und Solidarität V
Warum soll man sich nicht was zu essen mitnehmen, man will doch nicht immer was kaufen müssen
Warum soll man nicht in einem Bett schlafen können, wenn mehr als eine Person einen Schlafplatz braucht

Bild: Gianna Reich (@moinbummschack)


Alena Robel

Alena Robel ist 2001 in Cottbus geboren, hat in Heidelberg Anglistik studiert und bahnt sich gerade ihren Weg als Drehbuchautorin und Schauspielerin.
@princessofplayers

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