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Mit Gott gegen Herrschaft

Thomas Müntzer – eine kleine Einführung

Vor 500 Jahren stellten Thomas Müntzer und seine Bundesgenossen die politische Ordnung in Frage. Sie entwickelten aus dem Reformationsgedanken eine revolutionäre Idee. Bauern und Bürger erhoben sich. Sie sind nicht unsere Zeitgenossen, aber sie stehen für uneingelöste Versprechen: Freiheit, Umverteilung und Mitbestimmung.

Dieser Text von Tobias Prüwer erschien zuerst in der CORAX-Programmzeitung für April und Mai 2025. Prüwer schreibt u.a. für den Freitag und die Jungle World. Er war am „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, das 2019 im Ventil Verlag erschien, beteiligt. 2025 erscheint sein Buch „1525. Thomas Müntzer und die Revolution des gemeinen Mannes“ im Salier Verlag.

Das Volk wird frei werden: Viele Gedenksätze aus DDR -Zeiten zitieren Thomas Müntzer – und lassen den zweite Halbsatz weg: … und Gott will allein der Herr darüber sein. Müntzers Beteiligung am Bauernkrieg 1525 war für den Arbeiter- und Bauernstaat ideal, um durch seine Person eine revolutionäre Traditionslinie herzustellen. Dass er Geistlicher war, passte weniger. Dennoch druckte man ihn auf den Fünf-Mark-Schein.

Heute ist Müntzer eine regionale Größe, Westsozialisierten und Spätgeborenen weitgehend unbekannt. Dabei wurde über keine andere Person der Reformationszeit so heftig diskutiert. Den einen galt er als Theologe auf Abwegen, anderen als Revolutionär mit Regenbogenfahne. Seine Hinrichtung nach verlorener Schlacht von Frankenhausen bildete Zenit wie Fanal der Aufstandsbewegung. Müntzer wurde zum Streitpunkt der Historiker in Ost und West und zum Symbol, auf das sich selbst lateinamerikanische Befreiungstheologen bezogen. Damals gestellte Gerechtigkeitsfragen bleiben 500 Jahre später aktuell.

Wahrscheinlich wurde Müntzer 1489 in Stolberg am Harz geboren. Vieles seiner Biografie liegt im Vagen, die meisten Dokumente stammen aus den letzten fünf Lebensjahren. Selbst der Name seiner Frau Ottilie wurde nur über Umwege bekannt – ihre Spuren und das der zwei gemeinsamen Kinder sind nach Müntzers Hinrichtung 1525 verweht. Nach dem Theologiestudium in Leipzig arbeitet Müntzer an verschiedenen Pfarrstellen und teilte Luthers Kirchenkritik. Allmählich entwickelte er eine eigenständige, radikale Glaubensauffassung. Bibelbeschäftigung allein reicht der zufolge nicht, Glauben muss durch einen inneren Leidensprozess selbst erfahren werden. Im kursächsischen Allstedt führte er den allerersten Gottesdienst in deutscher Sprache ein. Er griff Altgläubige und die sanftlebenden Doktoren um Luther gleichermaßen an: Sie alle versperrten den Menschen den Zugang zum wahren Glauben, weil sie die Vermittlung durch Priester oder Pfarrer forderten. Für die Reinigung der Kirche sah er in den Bauern und Bürgern, die sich in Süddeutschland erhoben, seine Gewährsleute.

Im Frühjahr 1525 erreichte diese Aufstandsbewegung ihre größte Ausdehnung: Was man später Bauernkrieg nennen sollte, erfasste den Südwesten bis zum Elsass, tobte in Oberschwaben, Franken und Thüringen. Seine Ursachen bildete ein Komplex aus der Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse und sozioökonomischen Positionen, wiederkehrende leibherrliche Rechte, das Verbot der Allmendenutzung (Wald, Wiesen etc.) sowie Beschränkung der kommunalen Autonomie. Auf einem Delegiertentreffen in Memmingen verabschiedeten die Aufständischen die Zwölf Artikel, die nach der englischen Magna Carta (1215) die ältesten Forderungen nach Freiheitsrechten bilden. Die Aufständischen weiteten Luthers Idee von der Freiheit des Christenmenschen, der allein von Gottes Gnade im Glauben frei sei, gegen dessen Verständnis aus: Sie wollten im Diesseits frei sein. Ob Müntzer am Dokument mitgewirkt hat, wird in der Forschung diskutiert. Es entspricht jedenfalls seiner Argumentation und Müntzer traf sich zu dieser Zeit tatsächlich mit Bauern in Süddeutschland.

Hatte Müntzer zunächst noch auf die Obrigkeit zur Umsetzung seiner Glaubensreform gesetzt, so erkennt er, dass diese die Menschen durch Ausbeutung von Gott entfremdet:

Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten, die nehmen alle Kreatur zum Eigentum.

Theologisch begründet Müntzer das Widerstandsrecht: Versperrt die Herrschaft den Weg zu Gott, dürfen die Gläubigen zur Selbsthilfe greifen – und sei es mit dem Schwert. Müntzer wirkte in Mühlhausen, als der Aufstand im Frühjahr 1525 thüringische Gebiete erfasste. Hier hatten sich Aufständische just das Stadtregiment erstritten, die Rebellion sollte weiter um sich fassen. Darum folgte Müntzer einem Hilferuf des bedrängten Frankenhausen, wo er auf ein Heer von 8.000 teilweise gut bewaffnete Rebellen traf. Die fürstlichen Gegner – Hessen, Sachsen und Braunschweig – vereinten ihre Heere von rund 7.000 Berufssoldaten am 15. Mai vor der Stadt. Sie schossen die Wagenburg, in der sich die Aufständischen verschanzt hatten, zusammen. Flüchtende machten die Landsknechte nieder, drangen in die Stadt ein. Em Ende standen 6.000 Tote auf Seiten der Aufständischen sechs toten Söldnern auf Fürstenseite gegenüber. Am 27. Mai 1525 wird Thomas Müntzer hingerichtet, sein abgeschlagener Kopf wird zur Schau aufgespießt. Die Schlacht setzte einen Endpunkt. Rund 1.000 Burgen und Klöster hatten die Aufständischen zerstört, 75.000 hatten indes ihr Leben lassen müssen.

Entgegen der landläufigen Vorstellung vom Bauernkrieg kommt die Beschreibung als Revolution des gemeinen Mannes (Peter Blickle) den Ereignissen näher. Sie sollten nicht allein auf dem Schlachtfeld siegen, sondern die Verhältnisse auf den Kopf stellen. Neben Bauern beteiligten sich viele Gruppen des unteren Standes aus Dorf und Stadt. Thomas Müntzer und der gemeine Mann teilten ein Feindbild. Beide zielten auf eine Veränderung der Ordnung. Es ging um eine Reformation, nicht allein der Kirche, sondern der Lebensverhältnisse. In Müntzers Gedankenwelt formten sich antiklerikale Überzeugungen und Impulse der deutschen Mystik zur eigenständigen reformatorischen Idee.

Es zeigt Züge früher Ideologiekritik, wenn Müntzer die lutherische Theologie als Herrschaftsinstrument demaskiert, weil sie die Obrigkeit legitimiert. Sie entwickelte sich zur Fürstenreformation, zum politischen Mittel der Territorialherren, um sich von Rom zu lösen – und die Untertanen an sich zu binden. Trotz einer jahrhundertelangen Rufmordkampagne im protestantischen Lager fiel Müntzer nicht dem Vergessen anheim. Lange galt der Teufel von Allstedt (Luther) als Ketzerfigur. Ab der Französischen Revolution 1789 begann man, ihn in einem anderen Licht zu sehen. Denn man erfuhr, dass die politische Ordnung veränderbar ist. Müntzer, den Ernst Bloch zum Theologen der Revolution verklärte, war eine frühe Erinnerung daran. Schließlich wurde er zur Personifikation der deutsch-deutschen Historikerdebatte im Kalten Krieg und war Galionsfigur der DDR -Geschichtspolitik. Die Diskussionen in Ost und West zeigten sich fruchtbar, halfen sie doch zu einem umfassenden Bild Müntzers jenseits des Schwärmers oder Mordbrenners.

Müntzer ist kein Zeitgenosse. Fragen, die er und seine Bundesgenossen an die Welt stellten, bleiben 500 Jahre später aktuell. In den Diskussionen um die Verknappung von öffentlichem Raum, der Privatisierung von Wasserwerken, den Zugang zu Wohnraum und Mobilität etwa taucht die Allmendefrage ebenso auf wie in der Creative-Commons-Bewegung. Auch die Ansprüche nach Selbst- und Mitbestimmung sind noch nicht abgegolten. Das letzte Wort über 1525 ist noch nicht gesprochen worden, wenn jüngst gedruckte Darstellungen die Revolution mal in Junkerworten als Unruhen und wilde Handlung beschreiben oder sie hoch jazzen zu Deutschlands großem Volksaufstand. Darin zeigt sich ein durchaus großer Deutungsspielraum. Anno 1525 standen Menschen auf, die ihr Leben verbessern und Freiheit erringen wollten. Daran ist zu erinnern, ohne unkritische Verehrung. Denn dass das Jahr 1525 wieder ins Bewusstsein rückt, bleibt jenseits des Jubiläumsreigens wichtig. Mahnt es doch, dass Geschichte gemacht wird, veränderbar ist.

Bleibt zu hoffen, dass wir vom Verkauf von Müntzer-Gummientchen verschont bleiben, wie es dem Wittenberger Geist der protestantischen Arbeitsethik, Luther, widerfuhr. Hoffentlich braucht eine Demokratie keine Helden, Idole, Maskottchen. Überstrahlende Lichtfiguren sind Projektionen, die nie der Realität entsprechen. Auch anno 1525 standen ›nur‹ Menschen auf, die ihr Leben verbessern und Freiheit erringen wollten. Daran ist zu erinnern, ohne unkritische Verehrung.

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