„Mich hat jetzt Potsdam nicht so extrem verwundert oder schockiert, das bringen diese Einrichtungen einfach mit sich“

Interview mit Uwe Frevert, Geschäftsführer vom Verein Selbstbestimmt leben in Nordhessen e.V.

von und | veröffentlicht am 28.04 2023

Beitragsbild: https://archiv-behindertenbewegung.org/media/gegendiskriminierung.png

Mit Uwe Frevert sprechen wir über die Morde in Potsdam, die alltägliche Gewalt in Sonderwelten, Macht und über die lange Widerstandsgeschichte behinderter Aktivist*innen.




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I: Anlass des Interviews ist die Ermordung von Lucille, Martina, Christian und Andreas am 28. 4. 2021. Magst du dich nochmal zurückzuerinnern, in welcher Situation du von davon erfahren hast.

B: Oh, ich weiß gar nicht mehr genau. Ich glaube über die Medien. Wahrscheinlich sogar über die Kobinet-Nachrichten. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Auf jeden Fall wars in unseren Kreisen Thema. Ich bin im Vorstand des Bundesverbandes der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, von daher haben wir das auch thematisiert in unseren Vorstandssitzungen und Pressemeldungen, weil wir natürlich alle geschockt waren. Was heißt geschockt, nein das stimmt gar nicht! Ich war gar nicht so geschockt, aber es war bei uns Thema sofort natürlich. Ich werde jetzt diesen Sommer 65 Jahre alt und bin selbst in einer Einrichtung mit meiner Behinderung aufgewachsen. Ich bin Elektrorollstuhlfahrer und praktisch von klein auf behindert. Ich habe zehn Jahre bis zum zwölften Lebensjahr in einem Krankenhaus gelebt, weil damals bis 1969 die Gesellschaft gar nicht wusste, was sie mit Menschen mit so einer schweren Behinderung wie bei mir machen soll. Ich weiß auf jeden Fall aus meiner Kindheit, dass auch Ärzte, v.a. Professoren, teilweise dann wirklich noch Nazi-Praktiken umsetzten. Es waren in der Nazi-Zeit profilierte Professoren, die dann die Leitung auch in dem Kinderkrankenhaus hatten. Ich habe dieses Verhalten uns behinderten Menschen gegenüber, was in der Nazi-Zeit auch behinderten Menschen gegenüber praktiziert oder entwickelt worden ist, noch erlebt. Donnerstags war immer Visite auf der Station und da haben alle Kinder gebrüllt und geschrien vor Angst und Schmerzen. Diese Untersuchungen waren teilweise bestialisch.

Bis heute arbeite ich in der Behindertenhilfe im Vorstand und ehrenamtlich auf Bundesebene. Wir haben dann später auch Organisationen gegründet, die nur von behinderten Menschen kontrolliert werden. In unseren Organisationen müssen die Geschäftsführung oder der Vorstand, die die Aufsicht und Leitung haben, zwingend behindert sein. Wir haben dieses Konstrukt gewählt, weil wir wollten, dass diese Organisationen langfristig in unserer Hand bleiben. Dadurch können wir die Organisationen und die Leistungen selbst kontrollieren. Hier in der EUTB-Beratungsstelle [Anmerkung: Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung – Selbstbestimmt Leben in Nordhessen e.V.], wo wir uns gerade treffen, haben alle meine Kollegen selbst eine Behinderung, der Vorstand und jedes Vorstandsmitglied hat eine Behinderung. Wir kontrollieren hier die EUTB. Der FAB [Anmerkung: Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter] mit 600-800 Angestellten ist ein größerer mittelständischer Betrieb. Dieser wird von Behinderten kontrolliert und geleitet, das macht uns aus.

Und insofern hat mich dieses Morden oder dieses Verletzen in Behinderteneinrichtungen als behinderter Mensch mein Leben lang begleitet. Ich habe immer wieder in den Einrichtungen diese Tötungen oder das Abspritzen durch irgendwelche Pflegekräfte u.a. von alten Leuten, erlebt, dokumentiert und gesammelt. Denn es ist ein Phänomen, was in dieser Gesellschaft oder auch in anderen Gesellschaften immer wieder zu finden ist.

Das führt uns zum Thema, warum ist das passiert in Potsdam? Das hängt mit diesen Strukturen zusammen. In diesen Einrichtungen haben wir es mit absolut hierarchischen Strukturen zu tun, es gibt keine demokratischen Verhältnisse. Es gibt keinen Mietvertrag, der das Wohnrecht bestimmt, sondern wir reden in der Regel von Unterbringung. Es gibt zwar in diesen Einrichtungen Leute, die gesetzlich bestellte Betreuung haben. Aber trotzdem, die Hierarchie bleibt bestehen. Die Pflegekraft hat auf der Station einfach mehr zu sagen und bestimmt, wann du aufs Klo gehst oder nicht, wann du duschen musst, wann du dich ausziehst oder wann du abends ins Bett gehst. Das hast du nicht unter Kontrolle in diesen Einrichtungen. Es gibt genügend Beispiele, die das immer wieder belegt haben, dass in hierarchischen Strukturen, wo Macht ausgeübt werden kann, die Schwächeren drangsaliert und gequält werden. Ich weiß nicht, was die genaue Ursache ist, aber es ist üblich. Das heißt, wenn wir was ändern wollen, dann müssen die hierarchischen, absolutistischen Strukturen auf jeden Fall verändert werden. Und das ist nicht vorgesehen in der Behindertenpolitik. Lebenshilfe, Caritas und Co. kleben alle an der hierarchischen Struktur und wollen ihre betreuten Behinderten in diesen Einrichtungen lassen. Es geht nicht um eine Machtverschiebung in diesen Einrichtungen, sondern darum, dass alles so bleibt wie es ist. Letztendlich weil wirtschaftliche Interessen dahinterstehen. Diese Betriebe sind elementar auch für den Staat, weil sie eine Menge Verantwortung und Handlungsnotwendigkeiten von diesem wegnimmt, welche dann Caritas und Co. übernehmen. Deswegen bleibt es auch so wie es ist.

 

I: Du hattest jetzt schon von den behindertenfeindlichen Praktiken der Nationalsozialist*innen und deren Kontinuitäten nach 1945 erzählt. Inwiefern denkst du, dass es auch heute noch Teil der gesellschaftlichen Logik ist, wie auf behinderte Menschen geblickt wird oder nimmst du da Veränderungen wahr?

B: Ja. Es hat sich schon sehr viel verändert, auch im positiven Sinne. Auch mit der UN-Behindertenrechtskonvention [kurz: UN-BRK] hat sich einiges geändert. Es gibt Menschen, auch in der klassischen Behindertenhilfe bei Caritas, Lebenshilfe und Co., die verstanden haben, dass die UN-BRK wichtig ist. Sie versuchen auch, was anderes zu entwickeln und zu verwirklichen als in der Vergangenheit. Das ist schon ein riesiger Vorteil. Andererseits ist klar, dass dieses Bewusstsein und der Umgang mit behinderten Menschen sich nicht so von heute auf morgen verändert, nur weil es jetzt ein neues Gesetz mit der UN-BRK gibt. Die Bewusstseinsveränderung dauert natürlich. Das ist ein Faktor. Wir brauchen Zeit, bis die Menschen oder die Gesellschaft sich verändert. Wobei ich sicher bin, es wird sich nie 100% zu unseren Gunsten der behinderten Menschen verändern. Das liegt schon allein daran, dass wir aufgrund unserer Behinderung benachteiligt sind und gar nicht gleichwertig kämpfen können, um unser Überleben, um das Leben überhaupt, um den Alltag, auf Arbeit und in der Wohnung. Wir sind unterstützungsbedürftig, mehr oder weniger, das ist natürlich sehr unterschiedlich. Aufgrund dieser Machtsituation haben wir wieder das Problem, dass man uns immer gängeln und benachteiligen wird. Aus dieser Schiene werden wir mit unserer Behinderung nie rauskommen. Wir können natürlich gucken, dass diese Menschenrechte gewahrt werden. Die Menschenrechte umfassen nicht nur die UN-BRK, sondern auch die Grundrechte und überhaupt die Menschenrechtskonvention. Diese Gesetze sind für uns sehr hilfreich, weil sie auch dem Gesetzgeber, den Juristen und staatlichen Organen aufzeigen, es geht hier auch um Menschen, es geht um Menschenrechte. Der stattfindende Bewusstseinswandel hilft uns im Augenblick schon sehr und wird in verschiedenen Zusammenhängen auch gewahrt und anerkannt. Das ist sehr, sehr wichtig zu wissen. Andererseits, der medizinische Bereich wurde auch nach dem Dritten Reich nicht entnazifiziert, ebenso wie der juristische Bereich und die Polizei. Professoren und Ärzte, die im Dritten Reich noch völlig davon überzeugt waren, dass man an behinderten Menschen Versuche starten, vollkommen unnötige Operationen durchführen oder medizinische Eingriffe üben kann, konnten dieses Wissen und diese Mentalität nach 1945 an die Studenten weitergeben. Weil dieser Bereich nie richtig entnazifiziert worden ist.

Und wenn man ganz krass sagen will, erleben wir das heute im Bundesgesundheitsministerium auf Bundesebene eigentlich im Augenblick wieder. Es gibt momentan eine Gesetzesnovelle für die Intensivbeatmungspflege [kurz IPREG], d.h. für Menschen, die auf Beatmungsgeräte angewiesen sind. Da würde ich schon sagen, dass diese Ideen, die da dahinterstecken beim IPREG, die sind schon wirklich fast faschistoid. In dem Bundesteilhabegesetz ist es bisher auf Basis der Menschenrechte geregelt, dass wir behinderten Menschen durch ein persönliches Budget unsere Hilfe komplett selbst organisieren können. Das heißt, ich benutze selbst ein Beatmungsgerät. Ich habe Angestellte, die für mich arbeiten. Das sind meine persönlichen Assistenten, die bei mir abhängig beschäftigt sind und Geld kriegen. Ich kann so die Verantwortung komplett für mich übernehmen. Ich kann darüber bestimmen, wann mein Beatmungsgerät eingeschaltet wird, wann es ausgeschaltet wird, ob es gereinigt wird oder völlig verschimmelt und verdreckt. Das ist in meiner Verantwortung. Aber im neuen IPREG wird vorgeschlagen, dass die Krankenkassen jetzt darüber entscheiden, wie richtige Pflege aussieht und wer dich pflegt. Sie schreiben dir dann vor, dass deine Beatmungspflegekräfte eine dreijährige Berufserfahrung und bestimmte Qualifikationen brauchen. Nur diese Kräfte darfst du einsetzen. Der Markt gibt diese Kräfte aber gar nicht her, das weiß jeder, der sich heute im Pflegebereich tätig ist. Es geht in diesem Gesetz also darum, die selbstorganisierte, selbstbestimmte Assistenz, die wir praktizieren, zu zerschlagen, indem die Krankenkasse sagen kann, ihr erfüllt in eurem ambulanten Bereich nicht die Qualitätsstandards. Und aus dem Grund müsst ihr jetzt in irgendwelche Pflegeeinrichtungen, wo dann bis zu 16 Personen, die auf Beatmungsgeräte angewiesen sind, untergebracht werden. Die Leute sollen aus dem ambulanten Bereich entfernt und zwangsweise in dem stationären Bereich untergebracht werden. Dieses Gedankengut, das zu verknüpfen mit dieser scheinheiligen Fürsorge und Macht, das ist faschistoid.

In der Auseinandersetzung um Behinderung braucht es Auseinandersetzungen um Macht. Für uns ist wichtig, dass die Macht verschoben wird und wir als behinderte Menschen, die Macht zurück und in die Hände bekommen. Wenn wir das Geld haben für das persönliche Pflegebudget, z.B. für Beatmungspflege, dann können wir das Personal in eigener Verantwortung aussuchen und bestimmen. Das ist ein Machtinstrument, weil ich dann diejenigen beschäftigen und rekrutieren kann, die für mich arbeiten. Das kann nicht jeder und das muss auch nicht jeder machen, aber es gehört zu dem ur-originären menschlichen Bedürfnis, für sich selbst verantwortlich sein zu können, es selbst regeln zu können und zu dürfen. Und das wird eingeschränkt, um die Machtverschiebung zu verhindern. Es geht hier gar nicht um die Diskussion, was es kostet, weil, wenn ich einen Pflegedienst einspannen würde, würde es in aller Regel sogar noch mehr kosten. Es geht um diese Machtverschiebung, die so wichtig ist, damit die Menschenrechte gewahrt werden können. Das heißt, dass ich darüber bestimmen kann, wer mich pflegt, wer mich aus- und anzieht, das muss ich bestimmen können. Und sobald diese Macht eingeschränkt wird, unterlieg ich auch der Gefahr, dass es andere ausnutzen und missbrauchen. Und dann kommt es zu diesen zwangsweisen Einweisungen in diese Einrichtungen und dem Entfernen aus dem gesellschaftlichen Leben. Dann kommen solche Sachen dazu, wie wir in Potsdam erlebt haben, dass es dann irgendwelche verrückten Leute gibt, die meinen Gott spielen zu können und Leute abspritzen. Wir wissen, dass in diesen Einrichtungen die Überlebenschancen sofort in den Keller sacken. Wenn alte Leute ins Altenpflegeheim eingewiesen werden, da gibt’s Statistiken zu, die sterben oft in kurzer Zeit. Die werden da drin nicht ur-ur-alt, sondern die sterben in aller Regel in den ersten sechs Monaten, weil die natürlich auch völlig frustriert sind, weil sie so aus dem Leben gerissen werden und nicht in ihrem gewohnten Bereich bleiben können, weil die Infrastrukturen völlig kaputt gemacht worden sind und barrierefreie Wohnungen fehlen, weil die Pflegedienste nur unter ganz bestimmten geringen Umfangsbedingungen kommen. Die kommen dann nur ein oder zweimal am Tag und dann nur im zack-zack-zack halbe Stunde Pflege. Das funktioniert halt so gar nicht.

 

I: Mich würde nochmal dieser Punkt von Machtverschiebung interessieren. Gerade in den siebziger, achtziger Jahren gab es eine starke Phase der Selbstorganisierung von behinderten Menschen in der Krüppelbewegung. Inwiefern hat Selbstorganisierung, in der du ja auch selbst aktiv warst und bist, dazu beigetragen, diese Macht anzugreifen und zu verschieben?

B: Ja, immer und immer wieder kämpfen wir. Mein Leben lang. Wie gesagt, wir erleben es grad bei der Krankenkasse und dem IPREG. Das passiert immer. Es wird nie so sein, dass es so bleibt, wie wir es mal erkämpft haben, sondern man wird unser Leben immer wieder in Frage stellen. Man versucht uns immer wieder an den Kragen im wahrsten Sinne des Wortes zu gehen. Als ich zwölf Jahre alt war, bin ich in ein Wohngebäude gekommen, wo Eltern mit ihren behinderten Kindern zusammenziehen konnten. Dort habe ich dann auch meine Schule abgeschlossen. Das nannte man damals Rehabilitationseinrichtung. Dort gab es auch hausgebundene Pflegedienste. Das waren damals die Zivildienstleistenden und Helferinnen des freiwilligen sozialen Jahres, die dann diese Pflegeleistungen übernommen haben, sodass die Eltern auch entlastet werden konnten. Oder auch Leute, die keine Eltern oder Familie hatten, konnten dann auch mit Zivildienstleistenden oder auch den FSJlerinnen allein leben. Aber es gab keine Idee, Systeme zu schaffen, wie die Leute aus diesen Einrichtungen wieder ausziehen können. Das war aber auch nicht das Bedürfnis von den Verantwortlichen der Einrichtung. Deswegen mussten wir im Internat als Jugendliche einen eigenen ambulanten Dienst gründen, damit wir aus diesen Einrichtungen ausziehen konnten. Die Idee war, dass Zivildienstleistende und Personen vom freiwilligen sozialen Jahr, überwiegend Frauen, auch im ambulanten Bereich wo anders arbeiten könnten. Wir mussten damals den ersten Dienst für Deutschland gründen, damit wir überhaupt ausziehen können. Diese Dienste kamen sehr schnell an Kapazitätsgrenzen, weil die Nachfrage sehr, sehr hoch war. In der Stadt München hatte man sich auch überlegt: Will man so einen ambulanten Dienst bis ins Unendliche ausweiten oder will man vielleicht noch andere Lösungen etablieren. Es gab dann eine internationale Tagung, wo Leute aus verschiedenen Ländern, u.a. Schweden, Amerika, England, eingeladen worden sind. Die Amerikaner haben uns damals gesagt, ihr müsst den behinderten Menschen das Geld in die Hand geben und denen zeigen, wie sie Arbeitgeber werden und ihre Hilfe selbst organisieren können. Das sei mit das Effektivste und ein gutes Instrument, damit ambulante Dienst nicht ins Unendliche wachsen. Das ist uns auch gelungen, aber es wurde nie in die Gesetzgebung richtig eingebunden als Maßnahme für die Rehabilitation. Das heißt, in der Bundesrepublik und in der gesamten Behindertenhilfe wird das nicht umgesetzt. Man müsste zum Beispiel Körperbehinderten systematisch beibringen, wie sie Personal führen können. Grundlegend, wenn ich auf Hilfen angewiesen bin, ist Personalführung. Das heißt, ich muss jeden Tag irgendwelchen Leuten sagen, was, wie und wo ich etwas brauche. Ich muss den Leuten vermitteln, dass sie pünktlich sein müssen. Weil mich persönlich macht es kirre, wenn jemand eine halbe Stunde später kommt. Ich will möglichst damit rechnen können, dass ich dann aufstehen kann, wenn ich will. Ich muss mein Personal in bestimmte Dinge einarbeiten. Aber in keiner Rehabilitationseinrichtung in der Behindertenhilfe wird den Behinderten, die permanent abhängig sind vom Personal und personeller Hilfe, diese Personalführungskenntnisse als Ziel der Rehabilitation beigebracht. Geschweige denn Lohnbuchhaltung, wie formuliere ich Stellenanzeigen, wie führe ich Bewerbungsgespräche, wie rechne ich ab. All das ist nicht Bestandteil der Rehabilitation, weil man diese Leute in Abhängigkeit halten will, weil man nicht will, dass sie selbstbestimmt leben, weil man ihnen diese Macht gar nicht geben will. Lebenshilfe, Caritas und Co. wollen die Macht für sich behalten und sie geben dieses Wissen auch nicht weiter. Wir erleben das ganz stark zum Beispiel bei den Werkstätten für behinderte Menschen, die das Ziel haben, behinderten Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Da gibt es Außenarbeitsplätze als eine Möglichkeit und da gibt es das Budget für Arbeit als andere Möglichkeit. Seit 2004 – endgültig seit 2008 – konnte man auch diese Werkstattleistungen budgetieren. Aber die Werkstätten haben alles getan, um das zu verhindern. Sie haben den behinderten Menschen immer die Hölle heiß gemacht und Angst verbreitet, wenn die auf dem ersten Arbeitsmarkt mit dem persönlichen Budget arbeiten wollten. Auch haben sie den Juristen durch Klagen klargemacht, dass wenn ein persönliches Budget für die Werkstattleistung zustande kommt, dann die gleichen Qualitätsstandards wie bei den Werkstätten erfüllen sein müssen. Dann sind die Gerichte sogar eingebrochen, weil sie gesagt haben, es kann ja wohl nicht sein, dass die dann mit dem Geld ihre eigene Beschäftigung finanzieren. Dann gab es lange keine Alternative mehr zu der Werkstatt, weil diese Budgetierung gerichtlich verhindert worden ist.

Was man auch nicht übersehen darf, ist die Altenhilfe. Die Probleme in der Altenpflege in den Pflegeeinrichtungen, die schreien schon seit 20, 30 Jahren zum Himmel. Leider werden die Alten auch viel zu wenig aufsässig. Das ist auch nochmal ein Unterschied zu behinderten Menschen, die alten Leute finden sich meistens damit ab, dass sie jetzt in diesen Einrichtungen leben müssen. Die Pflegemängel waren vor 15 Jahren großes Thema in den Medien, weil die Leute einfach grottenschlecht versorgt worden sind. Das hängt auch mit der ganzen Pflegeversicherung zusammen, die ein ganz schlechtes Menschenbild verwirklicht. Der Pflegebedürftige wird ganz schlecht gemacht in der Pflegeversicherung, er wird sehr weit unten angesiedelt. Die Pflegefachkraft hat die Aufsicht. Sie bestimmt, wann du aufstehst, wann du auf die Toilette gehst, wann du duschst. Sie hat juristisch die Macht dazu und nicht der Versicherte. Die Pflegeeinrichtungen kriegen davon ihr Geld, darüber freuen sie sich. Gleichzeitig haben sie auch die totale Macht, zu entscheiden. Und so kommt es dann auch, dass es zu diesen Pflegemängeln kommt. Es gab in den letzten zehn Jahren viele Diskussionen, wie man das verbessern kann, z.B. durch Heimaufsicht oder unangemeldete Kontrollen. Früher haben Kontrollbesuche nur dann stattgefunden, wenn die Kontrolleure sich vorher angemeldet haben. In den letzten Jahren ist es gelungen, dass es unangemeldete gab, weil die Leute eben in ihrem eigenen Dreck in den Betten mehr oder weniger vor sich hinsiechen mussten. Das sind katastrophale Zustände. Da gibts sehr, sehr viele Berichte dazu.

 

I: Der Pflegemangel in Potsdam war auch immer ein zentrales Thema in der medialen Berichterstattung. Oft wurde es als Legitimation genutzt, dass die Tötungen passieren konnten. Da würde mich interessieren, was du das denkst, wenn du dieses Narrativ hörst.

B: Wie gesagt, das Grundproblem sind diese Einrichtungen. Meines Erachtens hätte man schon seit damals, als wir den ersten ambulanten Hilfsdienst gegründet haben und die Amerikaner gesagte haben, wir müssten den behinderten Menschen zeigen, wie sie selbst die Hilfe organisieren, massiv den Pflegemangel reduzieren können. Indem man das Potenzial an den Hilfebedürftigen übergibt und sie selbst viel Pflege organisieren sowie managen lässt. Dieser Grundgedanke, den hat die Pflegeversicherung teilweise aufgegriffen, indem sie dieses Pflegegeld leistet. Aber dieses Pflegegeld, das ist ein Appel und Ei im Vergleich zu der Sachleistung. Und die alten Leute, die das Pflegegeld kriegen, können meistens keine weiteren Leistungen zum Beispiel über das Sozialamt bekommen. Weil wenn sie das Pflegegeld bekommen, bescheinigen die Angehörigen praktisch gegenüber der Pflegeversicherung, dass sie im kompletten Umfang die Pflege übernehmen. Deswegen nennen wir dieses Pflegegeld auch oft Schweigegeld, weil man praktisch fast keine anderen Leistungsansprüche mehr hat. Und man hat den Leuten aber nicht gezeigt, wie man legale Arbeitsverhältnisse einrichtet oder wie man das Ganze mit Arbeitsplätzen organisieren könnte. Jetzt geht das Geld in Dienstwagen von Pflegediensten, die unterwegs sind. Es geht an Pflegeleitungskräfte, es geht in Büros oder private Unternehmen, die Mercedes oder BMW fahren wollen. Also viel Geld versackt da einfach in die Infrastruktur. Sie hat zwar einen gewissen Vorteil, diese Pflegeversicherungssachleistung, aber es ist nicht besonders effektiv. Denn man weiß heute, dass 70 Prozent der Pflege in den privaten Bereichen von den Angehörigen oder Bekannten selbst organisiert wird, weil man in der Regel gar keine Lust hat auf solche Pflegedienste, die punktuell schnell ein oder zweimal eine halbe Stunde am Tag kommen. Wer diese Erfahrung gemacht hat mit Pflegediensten und den Abhängigkeiten, der weiß, wie furchtbar die sind. Das will eigentlich kein normaler Mensch ertragen. Jeder klagt darüber und es gibt nur ganz wenig Ausnahmen, wo die Leute sagen, es war ein Segen, dass es diesen Pflegedienst gibt. Man hat drauf gebaut, osteuropäischen Kräfte einzubinden, denn der ganz große Teil von diesen 70 Prozent selbstorganisierte Pflege hat halt auch mit illegaler Beschäftigung zu tun. Auch weil es im Rahmen von dem Pflegegeld mehr oder weniger so angeleitet worden ist, das illegal zu machen. Die Leute werden aus Osteuropa rekrutiert, da will keiner hingucken. […] Es gibt Ausnahmeregelungen und nur unter den Bedingungen, dass die behinderte Person, so heißt das dann wirklich, betreut wird auf Honorarbasis und nicht in diesen abhängigen Arbeitsverhältnissen. Also absurde, komische Regelungen gibts da. Da steckt eigentlich schon in dem ganzen Prozedere eine illegale Beschäftigung drin und so kommt es eben dann auch, dass die Leute hier zwei Wochen am Stück 24h arbeiten und dann werden die wieder ausgetauscht, Das hat alles nichts mit arbeitsrechtlichen Bedingungen zu tun.

 

I: Mich würde nochmal in Rückbezug auf Potsdam interessieren, wie du die mediale Berichterstattung infolge der Tötungen wahrgenommen hast?

B: Die Berichte, die man so wahrgenommen hat, gingen meistens um diese Pflegekräfte, wie die überlastet sind, wie schlimm die Arbeitsbedingungen waren, ob sie jetzt schlecht bezahlt worden sind. Pflegemangel wurde schon auch angesprochen. Es wurde mehr oder weniger fast schon gerechtfertigt, dass die dann irgendwie ermordet worden sind. Man hat auch kaum Bilder oder Namen von diesen getöteten, behinderten Menschen genannt oder gesehen. Das Leid der Mitbewohner und der anderen behinderten Menschen in den Einrichtungen wurde nicht gezeigt, sondern es ging um die Solidarität der Pflegekräfte. Und solche Sachen, das stand immer im Vordergrund bei diesen Diskussionen.

 

I: Es gab einen Gedenkgottesdienst, der vom Staat organisiert wurde. Da entstand ein sehr bekanntes Bild, vielleicht erinnerst du dich daran. Es war in der Kirche mit vier weißen Rollstühlen, die symbolisch für die vier ermordeten Personen stehen sollten. Kannst du dich erinnern an das Bild?

B: Gerade nicht. Ich habe mich auch nicht so intensiv damit beschäftigt, weil es, wie gesagt, es passiert ja eigentlich mehr oder weniger alle Nase lang. Immer und immer wieder, nicht nur in Potsdam. Das hat man da mal wieder groß gemacht. Ich meine viele Dinge werden ja gar nicht so erkannt. Corona ist auch so ein gutes Beispiel dafür. In den Einrichtungen wurden die alten und behinderten Menschen sofort eingesperrt. Sie durften nicht mehr besucht werden. Viele sind dann auch in den Einrichtungen an Corona gestorben. Warum? Keine Ahnung, weil nicht genügend gelüftet worden ist, weil die Hygienebestimmungen nicht eingehalten wurden. Das war schon sehr auffällig, wie gefährdet die in den Einrichtungen waren. Wenn die nicht in den Einrichtungen gelebt hätten, dann wären auch wahrscheinlich nicht so viele Menschen gestorben. Weil aufgrund der Bedingungen in den Einrichtungen können sie nicht für sich selbst sorgen. Sie können nicht die Verantwortung für sich übernehmen mit Desinfektion, mit Masken, mit Lüften und all solche Sachen. Sie sind immer auf dieses Personal angewiesen, die für diese Menge von Bewohnern auch nur sehr, sehr begrenzte Zeit haben. Andere Freunde, Bekannte, Verwandte, die auch zum Beispiel das Fenster hätten aufmachen können, durften nicht rein. Auch im ambulanten Bereich wären die da gewesen. Also diese Infrastrukturen, die der ambulante Bereich bietet, die wurden zerschlagen. Das ist halt auch mehr oder weniger ein Töten oder ein Sterben, was einfach hingenommen wird. Das ist mit diesen Einrichtungen verbunden und passiert immer wieder. Von daher hat mich jetzt Potsdam nicht so extrem verwundert oder schockiert, das bringen diese Einrichtungen einfach mit sich. Ob wer ermordet wird wie in Potsdam oder von irgendwelchen Pflegekräften, die sich spezialisiert haben, um Leute abzuspritzen – das hat man ja auch immer wieder mitgekriegt – oder ob sie einfach an Kummer oder an Unterversorgung sterben. Ein typisches Beispiel ist die Dekubitus-Häufigkeit: Die Dekubitus-Häufigkeit in den Einrichtungen ist einfach wesentlich höher, als wenn die Leute sich selbst versorgen können. Dekubitus heißt, wenn jemand beim Liegen gedreht werden muss, damit er nicht immer auf der gleichen Stelle liegt. Wenn er immer auf der gleichen Stelle liegt, gibt es wunde Stellen. Solche Dekubitus-Häufigkeiten sind in den Einrichtungen häufiger als im ambulanten Bereich. Das zeigt einfach, die können in den Einrichtungen gar nicht so gut versorgt werden. Für Leute wie mich, die einen sehr hohen Hilfebedarf haben, für die ist es wirklich hochgefährlich ins Krankenhaus zu gehen. Weil im Krankenhaus diese Pflege nicht sichergestellt ist in dem Maße, wie wir sie brauchen. Es ist teilweise gefährlich, ins Krankenhaus zu müssen. Wenn es zum Beispiel um einfache Krankheiten geht, wie einen Fuß gebrochen oder Verbrennungen, die auf normalen Krankenhausstationen versorgt werden können. Und dann kommen Leute wie ich mit einem Beatmungsgerät, da können die einfach nicht mit umgehen. Dann kommt es zur Unterversorgung oder Hände überm Kopf zusammenschlagen, „ja wo sind denn ihre Betreuer“. Die dürfen aber teilweise gar nicht mit ins Krankenhaus gehen. Meine Angestellten dürfen mit rein, aber ich könnte die ganze Hilfe genauso gut von einer Organisation wie der FAB bekommen und dann dürfte das Personal nicht mit ins Krankenhaus gehen. Stattdessen werden die Leute hoffnungslos unterversorgt, dann kommt es zu Dekubitus. Also es gibt zig Beispiele, dass das nicht funktioniert.

 

I: Die vielen behinderten Menschen, die während dem Nationalsozialismus ermordet wurden, aber auch in den Pflegeeinrichtungen, Heimen, auf der offenen Straße – wie du gesagt hast, es ist nicht Potsdam, sondern es ist viel mehr, es ist strukturell. Was hast du für Ideen, um an diese Menschen weiterhin zu erinnern. Ist es für dich relevant, an sie zu erinnern? Und wenn ja, welche Formen wäre gut?

B: Es ist wichtig, diese Systeme zu verstehen und warum behinderte Menschen benachteiligt sind. Nur weil ich Rollstuhlfahrer bin? Wo bin ich eigentlich benachteiligt, kann man auch fragen. Ich kann mit der Straßenbahn fahren in Kassel, ich habe eine Arbeit, ich habe Kinder, ich war verheiratet. Eigentlich habe ich doch alles. Aber es gibt auch diese systematische, strukturelle Behinderung. Wenn ich Kassel verlasse und mit der Bundesbahn fahren will, dann muss ich den Mobbingservice anrufen. Das nennt sich eigentlich Mobilitätsservice. Die kontrollieren und bestimmen, wann ich einsteige und aussteige, ob das mit dem Dienstplan vereinbar ist, ob sie Personal auf dem Bahnsteig haben, ob es am Zielort auch den Mobbingservice gibt. Wenn nicht, kann ich halt nicht aussteigen, obwohl ich ein Ticket und eine Bahncard gekauft habe, die mir das eigentlich ermöglichen sollten. Das ist die alltägliche strukturelle Diskriminierung oder Benachteiligung speziell in Deutschland. Grade bei dem Thema Bundesbahn oder Mobilität, wird das einfach selbstverständlich hingenommen. Aber wichtig ist zu verstehen, dass es hier strukturelle Diskriminierung oder Benachteiligung gibt, die fatal für eine Gesellschaft und auch absolut nicht mehr zeitgemäß sind. Dann kommt es eben auch zu solchen Bewusstseinszuständen wie in Potsdam. Die Frau, die den Mord begangen hat, war ja psychisch krank war, aber egal ob jetzt behindert oder nicht behindert, psychisch krank oder nicht psychisch krank, das ist eigentlich völlig egal. Die Leute kommen irgendwie auf die Idee behinderte Menschen zu benachteiligen, weil sie nicht gleichwertig sind und nicht die gleichen Rechte wie andere haben. Das ist der wichtige Punkt, dass man das versteht und deswegen muss man da drüber reden. Deswegen muss man über Potsdam reden, deswegen muss man über Menschenrechte reden, über die UN-BRK reden. Deswegen muss man darüber sprechen, was eine Machtverschiebung im Sinne der UN-BRK bedeutet. Dann kommt auch noch dazu, dass es in Deutschland eine grottenschlechte deutsche Übersetzung davon gibt. Gott sei Dank ist die nicht rechtsverbindlich. Es gibt da auch eine englische Übersetzung, die ganz gut ist und verständlich. Aber die beschreibt ganz andere Dinge als es die deutsche Übersetzung tut. Die, die in Deutschland in der Behindertenhilfe tätig sind, lesen die deutsche offizielle Übersetzung durch und dann gibt es ein Kauderwelsch an Verständnissen und Missverständnissen. Dass führt nicht zu diesem Bewusstsein, was eigentlich erforderlich ist.

 

I: Abschließend noch eine Frage nach Hoffnung. Gibt es Situationen, an die du dich erinnerst, die dir Hoffnung geben und zeigen, dass sich Sachen zum Guten für behinderte Menschen entwickeln?

B: Ich habe mir auch gedacht, man müsste noch ein paar positive Sachen sagen. Wo mir komischerweise manchmal das Herz aufgeht, ist, wenn mich Kinder grüßen. Ich wohne in der Nähe einer Grundschule und die Kinder grüßen mich. Ich weiß nicht, ob das nur mit dem Alter zu tun hat. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass die behinderte Mitschüler haben und das nicht mehr so getrennt ist wie in meiner Kindheit. In meiner Kindheit gabs die Sonderschulpflicht. Das heißt, du konntest nur in ganz großen Ausnahmen auf die Regelschule gehen. Ich glaube die Kinder erleben das heute schon anders, schon im Kindergarten. Wenn die Kinder in der Grundschule mich grüßen, dann berührt mich das irgendwo, wie nett, herzlich, offen und ehrlich, die damit umgehen. Früher war das anders: Wenn Eltern mit ihren Kindern mir begegnet sind, haben die Kinder mich dann so anguckt und die Eltern gefragt, was das ist, dann haben die Eltern ihre eigenen Kinder an der Hand weitergezogen und immer sowas Abfällige gesagt. Die haben dann immer so getan, als wenn man da nicht drüber reden darf. Das ist ein Unterschied zu heute. Heute sagen die Eltern viel lockerer und selbstverständlicher, das ist halt ein Rollstuhlfahrer. Das ist so ein Aspekt, der mir auch Hoffnung gibt. Weil für die Nicht-Behinderten und die Gesamtgesellschaft ist es wichtig, dass man Behinderung und auch Alter als normal betrachtet und nicht die Leute separiert. Es ist für alle eine immense Bereicherung, wenn wir als Nicht-Behinderte und Behinderte zusammenleben. Wenn wir die Besonderheiten von behinderten Menschen als nicht-behinderte Gesellschaft tolerieren und insbesondere damit umgehen können. Dann haben wir nicht mehr so extreme Angst und Schwierigkeiten mit Behinderten umzugehen und zu treffen. Relativ gut funktioniert es in Kassel auch mit dem Nahverkehr mit diesen Klappen und Rampen sowie den alten Leuten, die mit ihren Rollatoren da unterwegs sind. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es fällt mir schon auf, dass in Kassel viele Leute mit Rollstühlen, Rollatoren, oder mit Elektroscootern unterwegs sind und den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Das gibt auch so eine Selbstverständlichkeit. Zwar gibt es immer wieder mal Ärger von Seiten der Straßenbahn- oder Busfahrer, die nicht gewillt sind. Aber das ist die Ausnahme, in aller Regel läuft das perfekt. Das gibt mir Hoffnung, diese Leben, dieses Miteinander, dieses Selbstverständliche.

 

I: Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken und das Interview!

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