Marginalisierte Männlichkeiten
...und die Gefahr ihrer Ethnisierung
In den letzten Jahren haben Debatten über junge Männer in urbanen Räumen in Deutschland neue Schlagworte hervorgebracht. Während es früher auf Klasse schielend um ›Prolls‹ ging, war zuletzt die Rede von ›Talahons‹ – ein bestimmter Habitus aus körperlicher Präsenz und provokativer Selbstinszenierung, zumeist kulturell-ethnisch bestimmt.
Weiterlesen: Raewyn Connell: Masculinities, London 2005.
Mechthild Bereswill & Anke Neuber: Marginalisierte Männlichkeit, Prekarisierung und die Ordnung der Geschlechter, in: Fokus Intersektionalität. Geschlecht und Gesellschaft, Wiesbaden 2013, S. 93–113.
Kurt Möller: Männlichkeit, Migration und Gewalt, in: Was macht Migration mit Männlichkeit Kontexte und Erfahrungen zur Bildung und Sozialen Arbeit mit Migranten. Opladen 2010, S. 51–72
Dabei hatte die sozialwissenschaftliche Forschung nach Raewyn Connell gezeigt, dass Erscheinungen wie Männlichkeit nur als sozial strukturierte Praxis verstanden werden können. Männlichkeit stelle kein einheitliches Modell dar, sondern ein hierarchisch strukturiertes Feld verschiedener Männlichkeiten. Neben hegemonialen Formen existieren marginalisierte Männlichkeiten. Deren Handlungsspielräume sind wesentlich durch soziale Ungleichheitsverhältnisse geprägt – insbesondere in Bezug auf class und race. Männlichkeit wird in sozialen Praktiken entworfen und inszeniert, um Anerkennung und Status zu generieren und Handlungsfähigkeit zu beweisen – und welche Formen der Männlichkeitsinszenierung plausibel oder attraktiv sind, hängt von den Ressourcen ab, über die Individuen verfügen.
Wenn gesellschaftlich legitimierte Wege zur Statusproduktion – etwa Bildungserfolg, kulturelles Kapital, berufliche Position oder ökonomische Ressourcen – nur eingeschränkt zugänglich sind, gewinnen alternative Wege an Bedeutung. Körperliche Stärke, raumgreifende Präsenz, physische Durchsetzungsfähigkeit oder demonstrative Dominanz können unter solchen Bedingungen zu wichtigen Ressourcen werden, um Aufmerksamkeit, Respekt und Zugehörigkeit und damit Status zu erzeugen. Aggressive oder gewaltbezogene Männlichkeitspraktiken sind also deshalb attraktiv, weil Alternativen mit vergleichbaren Funktionen nicht zugänglich sind, sie ermöglichen Kompensation. Sie sind Symptom und dabei zugleich die unmittelbarste und sichtbarste Form toxischer Männlichkeit und sexistischer Realitäten. Männlichkeit wird hierbei zumeist nicht über tatsächliche Gewalt hergestellt, sondern über performative Bereitschaft zur Gewalt, inszeniert in symbolischen Arenen – etwa in Kampfsport, Fußballkurve, medialer Inszenierung im Deutschrap oder schlicht im öffentlichen Raum. Hier wird ein Repertoire hypermaskuliner Gesten, Körperhaltungen und Kommunikationsstile eingesetzt, um Stärke, Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit zu signalisieren. Die hier zugrundeliegenden Skripte sind besonders attraktiv, weil sie funktional und niedrigschwellig zugänglich sind: Sie können unabhängig von Bildungsressourcen oder sozialem Status performt werden, erzeugen un mittelbare Resonanz innerhalb relevanter Peer-groups und greifen auf kulturell etablierte Bilder von Stärke und Potenz zurück, die durch Popkultur und Soziale Medien zusätzlich verstärkt werden und von Influencern Profit bringend vermarktet werden. Schnell landet man dabei bei Pick up-Artists oder Manfluencern, über Marken wie Tate ist der Übergang zu extremistischer Radikalisierung fließend.
Statt zu versuchen, Männlichkeit als ein Objekt zu definieren (ein natürlicher Charakterzug, ein Verhaltensdurchschnitt, eine Norm), sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Prozesse und Beziehungen richten, die Männer und Frauen ein vergeschlechtlichtes Leben führen lassen. – Raewyn Connell
In der Gruppe und auf der Straße geht es also zunächst um symbolische Selbstermächtigung – hypermaskuline Gesten, körperliche Präsenz oder Aggressionsbereitschaft sind individuell sinnvolle symbolische Antworten auf reale Erfahrungen von Ausschluss, Entwertung und sozialer Unsicherheit. Sie ermöglichen es, Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit zu inszenieren, aber vor allem auch, sich wirklich zu erfahren – dort, wo strukturelle Bedingungen von Armut, Segregation und Bildungsausschluss normative und anerkannte Wege begrenzen.
Auffällig ist, dass solche Formen sichtbarer Männlichkeitsperformanz in öffentlichen Debatten häufig ethnisiert werden. Projektionsfiguren wie Ronny aus dem Plattenbau wurden von Ali aus dem Ghetto abgelöst. Gerade junge Männer mit Migrationsgeschichte in städtischen Räumen stehen besonders im Fokus der Problematisierungen. Diskurse wie zuletzt über sogenannte Talahons zeigen exemplarisch, wie bestimmte Habitusformen – etwa körperbetonte Präsenz, demonstrative Dominanz oder spezifische Kleidungs- und Sprachstile – als kulturelle, ethnische oder gar religiöse Eigenschaften markiert werden. Diese Ethnisierung verdeckt jedoch häufig die sozialen Bedingungen, unter denen solche Praktiken entstehen. Wer demonstrative oder aggressive Männlichkeitsinszenierungen kritisiert, ohne ihre sozialen Entstehungsbedingungen zu berücksichtigen, bleibt daher an der Oberfläche. Denn sie sind vor allem Strategie symbolischer Selbstbehauptung unter Bedingungen begrenzter Ressourcen. Kritik an diesen Praktiken muss deshalb immer auch Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen sein, die sie hervorbringen.

