Auf Konfrontationskurs in Merseburg?
Teil 2 einer Recherche
Übergriffige Arbeitsweisen, Falschbehauptungen und Vertrauensbrüche – die Liste der Vorwürfe gegen den größten CSD-Verein im Land ist lang. Hinzu kommt die Frage, ob der Verein einen Konkurrenz-CSD in Merseburg plante und das dortige Team unter Druck setzte.
Seit dem Sommer erheben die Organisator*innen der CSDs im Burgenlandkreis und Halle, sowie die Stadt Köthen schwere Vorwürfe gegen den „Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V.“ (folgend:„CSD Sachsen-Anhalt“). Der Verein organisiert zahlreiche CSDs im Norden des Landes und steht dem CSD Magdeburg nahe. Mehr zu den schwersten Vorwürfen hier. Öffentlich begann der Konflikt mit einem Statement des CSD Merseburg. Was hat es damit auf sich? Interne Mailverläufe geben Aufschluss.
Anmerkung
Im Text wird die Formulierung „CSD Sachsen-Anhalt“ als Synonym für den Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V. verwendet. Es existiert ein anderer Verein mit dem Namen „CSD Sachsen-Anhalt e.V.“, der dem CSD Halle nahesteht und nicht öffentlich auftritt.Der CSD Merseburg kritisiert Kompetenzüberschreitungen, Vertrauensbrüche und übergriffige Arbeitsweisen
Bereits im Juni letzten Jahres wird das erste Mal Kritik am Verein laut. In einem Instagram-Statement berichtet der CSD Merseburg von Kompetenzüberschreitungen bei der Zusammenarbeit mit dem Verein: „Entscheidungen wurden eigenmächtig getroffen – unter anderem wurde ohne Absprache über unseren Instagram-Account agiert und befreundete Gruppen blockiert“. Vorliegende Chatverläufe belegen das für zwei Accounts. Falko Jentsch vom CSD Sachsen-Anhalt schreibt dazu auf Anfrage: „Zu Beginn war nicht eindeutig geregelt, welche Personen für welche Aufgaben im Bereich Instagram verantwortlich sein sollten. Als offizieller Träger des CSD Merseburg hatten wir Zugang und haben Beiträge hochgeladen.“ Nachdem es einen Hinweis gegeben habe, dass eine Gruppe nicht blockiert werden sollte, habe man sich zurückgezogen.
Im Statement heißt es weiter, das Team sei bei der Zusammenarbeit wiederholt gezwungen gewesen, seine Positionen zu verteidigen. Aussagen seien verdreht und Vertrauen abgebaut wurden. Auch Wünsche zur Ausgestaltung des CSDs seien kaum ernst genommen worden: „Besonders übergriffig empfanden wir den Versuch, uns eine fremde Struktur überzustülpen, ohne angemessen auf die lokalen Bedingungen, Ressourcen und Bedürfnisse vor Ort einzugehen“.
In der Antwort, ebenfalls per Statement, geht der CSD Sachsen-Anhalt kaum auf die eigentliche Kritik am Auftreten und der Arbeitsweise des Vereins ein: „Unser Ziel war stets: Befähigung statt Bevormundung. Verantwortung übernehmen, wo andere sie (noch) nicht tragen können – und sie dann vertrauensvoll übergeben.“ Auf Nachfrage, weshalb beim lokalen Team ein ganz anderer Eindruck entstanden sei, verweist Vorstand Falko Jentsch auf die regelmäßige Teilnahme an Treffen vor Ort mit Inhalten und Unterstützungsangeboten. Als die Teilnahme nicht länger gewünscht gewesen sei, habe man sich zurückgezogen. Daher könne er die Vorwürfe nicht nachvollziehen.
Doch auch von anderen CSD Gruppen im Land gibt es vergleichbare Kritik, etwa aus Halle und dem Burgenlandkreis. Außerdem findet sich auch in den Kommentaren zum Statement aus Merseburg ähnliches. Dort kritisiert etwa das Kulturzentrum „Kulturnische“ aus Salzwedel das Auftreten und die Arbeitsweise des Vereins: „Wir haben hier ganz ähnliche Erfahrungen mit dem CSD Sachsen-Anhalt gemacht. Irgendwie scheint man sich in Magdeburg nicht vorstellen zu können, dass wir Hinterwäldler:innen queeren Aktivismus ganz ohne Einmischung aus der Landeshauptstadt hinbekommen. Die ganze Prämisse dieser „Wir bringen den CSD aufs Dorf“-Kampagne ist so überheblich. Und dann in jedem Landkreis die lokalen Fördermittel einsacken“.
Weigerte sich der CSD Sachsen-Anhalt, die Anmeldung des CSDs an das lokale Team abzugeben?
Ein weiterer Vorwurf aus dem Statement des CSD Merseburg ist, dass Jentsch und sein Team die Anmeldung des CSD nur widerwillig und nach massivem Druck an das lokale Team abgegeben hätten. Dazu ein Blick in die Vorgeschichte des diesjährigen CSD:
Der Konflikt beginnt im Februar dieses Jahres. Das Team des CSD Merseburg beendet die Zusammenarbeit mit dem CSD Sachsen-Anhalt nach „unüberwindbaren Differenzen bezüglich Organisation, Zielen und Ausrichtung des CSD“, wie es auf Anfrage heißt. Ein Problem für das Orga-Team vor Ort ist nun, dass die Demo vor dem Ende der Zusammenarbeit nicht vom Merseburger Team selbst, sondern vom CSD Sachsen-Anhalt bei den Behörden angemeldet wurde. Laut lokalem Team gab es zu diesem Zeitpunkt im Februar bereits die Bitte, die Anmeldung an das Orga-Team in Merseburg zu übergeben.
Doch erst Ende April kommt wieder Bewegung in die Sache. In den vorliegenden Chatverläufen berichtet Falko Jentsch vom CSD Sachsen-Anhalt von einem Telefonat mit der Versammlungsbehörde und bittet um eine Möglichkeit, sich auszutauschen. Ein Vertreter des lokalen Teams erneuert daraufhin seine Bitte an Jentsch, die Anmeldung der Versammlung zurückzuziehen. Nur so könne man selbst anmelden. Jentsch zeigt sich für einen Wechsel der Anmeldung offen. In den vorliegenden Chats findet sich daraufhin keine Antwort vom Vertreter der lokalen Orga. Auch eine weitere Nachricht, wenige Tage später, mit der Bitte, sich auszutauschen bleibt unbeantwortet. Für das lokale Team möglicherweise eine verpasste Chance, den Konflikt zu entschärfen.
Erst ein Kooperationsgespräch mit beiden Konfliktparteien und den lokalen Behörden Mitte Mai liefert schließlich Klarheit. Der CSD Sachsen-Anhalt zieht seine Versammlung zurück und das lokale Team meldet einen neuen CSD an. Jentsch und seinem Team wird zugesichert, mit einem Stand und einem LKW an der Demo teilnehmen zu können, was beide Seiten bestätigen. Ist der Konflikt also geklärt?
Wurde der CSD Sachsen-Anhalt vom CSD in Merseburg ausgeschlossen?
Trotz der offiziell beendeten Zusammenarbeit soll der CSD Sachsen-Anhalt also weiter an der Demo in der Kleinstadt teilnehmen. Dazu heißt es von Jentsch: „Am Montag vor dem CSD erhielten wir jedoch eine E-Mail, in der uns überraschend mitgeteilt wurde, dass wir weder mit Fahrzeug noch mit Stand teilnehmen dürften.“ Ein Blick in die vorliegende E-Mail zeigt allerdings: Das stimmt nicht. Eine Absage der Teilnahme mit Stand und Fahrzeug stand nicht im Raum. Jentsch räumt dies auf Nachfrage ein, schreibt aber aufgrund der im nächsten Absatz aufgeführten Punkte später wieder, die Mail sei eine faktische Absage der aktiven Teilnahme – auch wenn das nicht der Fall war.
Tatsächlich wird in der Mail lediglich mitgeteilt, dass Programmvorschläge des CSD Sachsen-Anhalt nicht mehr berücksichtigt werden können und der Verein mit einem kleineren LKW teilnehmen soll. Letzteres wird später vom lokalen Team zurückgenommen. Außerdem wird über Details des Standes informiert, wie etwa die Größe und dass unklar sei, ob der Verein platzbedingt mit zwei Ständen präsent sein könne. Diese Informationen, seien laut Jentsch trotzdem eine Beschränkung der zugesagten Teilnahmebedingungen. Die Teilnahmebedingungen seien im Protokoll des Kooperationsgespräches zu finden. Doch das vorliegende Protokoll belegt eine Einigung auf solche Teilnahmebedingungen nicht. Bezogen auf die Programmvorschläge berichtet der CSD Merseburg stattdessen davon, lediglich eine Prüfung der vorgeschlagenen Programmpunkte mit Jentsch vereinbart zu haben.
Warum meldete der CSD Sachsen-Anhalt einen zweiten CSD in Merseburg an?
Jentsch setzt das lokale Team daraufhin unter Druck. In der folgenden Mail heißt es mit Blick auf die fehlende Umsetzung der Programmvorschläge: „Wir sehen darin einen klaren Ausschluss und behalten uns vor, eine spontane Demonstration anzumelden, sollte keine Beteiligung am Programm mehr möglich gemacht werden.“ Fakt ist aber, dass der CSD Merseburg weder einen Ausschluss noch einen Bruch von festgehaltenen Absprachen plante.
Als der CSD Merseburg in einer weiteren Mail nicht auf die Forderung eingeht, meldet Jentsch tatsächlich einen zweiten, eigenen CSD am selben Tag in unmittelbarer Nähe zum eigentlichen CSD an. Er soll zeitgleich auf einem Nebenplatz stattfinden. Die Demo soll direkt hinter dem eigentlichen CSD herlaufen. Dieses Vorgehen ähnelt stark dem Umgang mit dem CSD Halle wenige Wochen später. Auch in diesem Fall meldeten Jentsch und sein Team einen parallelen CSD an. Laut Schilderungen des halleschen Teams ließen sie sich nur davon abbringen, den zweiten CSD zu veranstalten, indem auf ihre Forderung eingegangen wurde. Mehr dazu hier.
Für den CSD Merseburg stellt die kurzfristige Anmeldung eine drohende Konkurrenzveranstaltung dar: „Aus unserer Sicht war die Anmeldung ein Versuch, uns unter Druck zu setzen, um eine Teilnahme am Bühnenprogramm zu erzwingen“. Auf Anfrage verweist Jentsch darauf, dass die Anmeldung eine Empfehlung der Versammlungsbehörde gewesen sei: „Diese empfahl uns ausdrücklich, zur Absicherung unserer Teilnahme eine zweite Versammlung anzumelden.“ Auf Nachfrage, ob dem so war, heißt es von der zuständigen Behörde lediglich, man habe die gesetzlichen Regelungen erläutert. Das legen auch interne Mails nahe.
Nachdem das lokale Team vom zweiten CSD erfährt, sagt es Jentsch und seinem Team die Teilnahme an der eigenen Veranstaltung ab. In einer weiteren Mail bittet Jentsch daraufhin darum, die Teilnahme seines Vereins weiter möglich zu machen – ohne allerdings eine Abmeldung der zweiten Demo in Aussicht zu stellen.
Letztlich entscheiden Jentsch und sein Team am Abend vor dem CSD, gar nicht in Merseburg präsent zu sein. Als Begründung für die Absage schreibt Jentsch, man habe den Eindruck zweier gegeneinanderstehender CSDs unbedingt vermeiden wollen. Aus der Mail jedoch geht hervor, dass sich Jentsch bewusst für eine zweite, eigene Demoanmeldung entschied – und damit das Szenario zweier gegeneinanderstehender CSDs erst aufkam.

CSD Sachsen-Anhalt berichtet von „beispiellosen Anfeindungen“
Als einen weiteren Grund für die Absage nennt Falko Jentsch eine „Welle von Ausgrenzung und Anfeindungen“ und verweist auf das Statement des CSD Merseburg. In einer internen Mail ist zudem von „angedrohten Repressalien gegen Mitglieder der Community vor Ort“ und einer „feindlichen Stimmung“ gegen den selbsternannten Landesverband die Rede.
Der CSD Merseburg schreibt dazu: „Da es zu diesem Zeitpunkt keine weitere Kommunikation über den Mailkontakt hinaus gab, ist es abenteuerlich, in dem Zusammenhang von Repressalien und Ausgrenzung oder einer feindlichen Stimmung zu sprechen, entspricht aber unseren Erfahrungen im Umgang mit Herrn Jentsch. Bei Unstimmigkeiten wurden in der Vergangenheit seinerseits schnell Begriffe wie Diskriminierung oder Ausgrenzung genutzt, die vor allem den Effekt haben sollen, Gesprächspartner*innen zu verunsichern oder zum Rückzug in ihrer Position zu veranlassen.“ Auch ein Vertreter des CSD Halle berichtet gegenüber der „MZ“, Jentsch ecke innerhalb und außerhalb der queeren Szene häufig an. Tatsächlich wirkt der Großteil der öffentlichen Kommentare unter dem Statement des CSD Merseburg eher wie eine sachliche Kritik am Handeln des Vereins.
Letztlich hat der Konflikt um die zwei Demos auch eine finanzielle Dimension. So gibt es von Seiten des CSD Merseburg Kritik am Umgang mit Geldern. Im Kern geht es um die Frage, weshalb der CSD Sachsen-Anhalt Spenden- und Fördergelder, die zur Durchführung eines CSDs in Merseburg gedacht waren, nutzte, obwohl er schließlich gar keinen CSD durchführte. Mehr dazu hier.
Teil 1 der Recherche: https://transit-magazin.de/ein-csd-verband-viele-konflikte/
Teil 3 der Recherche: https://transit-magazin.de/csd-sachsen-anhalt-was-an-den-vorwuerfen-aus-dem-burgenlandkreis-dran-ist/

