Ich will nicht mutig sein

Es gibt viel zu viele Texte über die Zugstrecke zwischen Berlin und Leipzig. Seien es nachdenkliche Romanzen von Menschen, die ihre Situationships verklären, traurige Familiendramen oder exzessive Partygeschichten: viele von uns sind die Strecke schon gefahren und haben dabei aufmerksamkeitsheischend aus dem Fenster gestarrt und über unser Leben nachgedacht. Auch ich habe schon einige Texte über oder auf dieser Strecke geschrieben und wünschte, ich müsste dieser traurigen Sammlung keinen weiteren hinzufügen, doch ich kann nicht anders.
Ich wünschte auch, es wäre ein Text, der versucht lustig zu sein oder romantisch oder wenigstens „pick-me“, aber das ist er leider überhaupt nicht. Doch was dieser Text seinen selbstdarstellerischen Vorgängern voraushat, ist, dass ich nicht anders kann, als ihn zu schreiben und dass es mir schon die Kehle zusammenschnürt, wenn ich nur diese Worte tippe.
An sich hatte meine Fahrt grandios begonnen: gerade noch den Regio erwischt, trotzdem einen Sitzplatz und just in dem Moment, als ich mir Kopfhörer in die Ohren stopfen wollte, erhaschte ich einen Gesprächsfetzen meiner Sitznachbarinnen: „Ich will jetzt auch endlich mal meinen ersten Kuss haben, damit ich richtig rumhuren kann!“ Alles klar, so dringend wollte ich eh keine Musik hören. Die Unterhaltung hält, was ihr Einstieg versprochen hatte: die eine hat viel Drama, weil sie sich nicht entscheiden kann, die andere zu viele Typen, von denen sie nichts will, die ihr aber verzweifelte Liebesnachrichten schicken und die dritte fragt alle paar Minuten verzweifelt, wie die beiden das nur anstellen, um sie würde sich kein einziger Junge scheren.
Die Ablenkung tut gut, denn mein Magen lässt mich seine Ablehnung meines gestrigen Abendprogramms spüren. Doch leider ist für die drei kurz hinter Berlin Schluss und ein Junggesellinnenabschied übernimmt ihre Plätze. Deren Lautstärke und der penetrante Bier- und Klopfergeruch geben mir fast den Rest und so bin ich heilfroh, als der feuchtfröhliche Haufen nach nur wenigen Stationen wieder aussteigt. Doch während sie sich im Gang sammeln, nehme ich im Augenwinkel eine Glatze wahr. Am sich nichts Ungewöhnliches, 50 % der Männer und so, aber mein Blick schnellt direkt zurück: vollgehackte Arme, die Beine breit, zwei gefährlich aussehende Narben über einem Auge und eine deutlich sichtbare schwarze Sonne auf dem Hals. Fuck.
Klar, statistisch gesehen leider immer wahrscheinlicher, dass einem sowas zwischen Südbrandenburg und Nordsachsen passiert, aber einen so offen als Neonazi auftretenden Menschen kannte ich davor nur aus Dokus oder von Demos hinter einer fetten Polizeikette. Zu meinem Glück setzt sich der Fascho auch noch zu mir in das Viererabteil und beginnt, seine Hähnchenbox zu fressen und dabei so laut Rechtsrock über seine Kopfhörer zu pumpen, dass der ganze Waggon etwas davon hat.
Ich weiß in dem Moment natürlich, dass wir in einem vollen Zug sind (wobei der Vater mit seinem Sohn im Abteil nebenan bei einigen der Songs fröhlich mitsingt), hier überall Kameras sind, ich ein weißer, deutsch-gelesener Mann bin und mich im Zweifel vielleicht sogar gegen den schmächtig aber doch sehnig aussehenden Nazi verteidigen könnte. Und doch merke ich, wie mein Herz wie wild anfängt zu pochen, meine Hände vor Schweiß zerlaufen, mir schwindlig wird, mein ohnehin schon lädierter Magen vollends rebelliert und mein Kopf anfängt, die wildesten Gedanken zu spinnen. Kurz: ich habe eine Heidenangst.
Mit dem Angstgefühl kommt noch ein anderes: Scham. Ich schäme mich, dass ich Angst habe, denn ich wäre so gerne mutig und ich frage mich, wie es für die Frau mit Hijab sein muss, die gerade an uns vorbeigelaufen ist. Es gibt so viele Menschen, die gefährdeter wären als ich es bin und ich sitze hier und scheiße mich fast ein. Müsste ich nicht schon alleine für sie mutig sein? Spannend, wie schnell das Gehirn auch verkatert arbeiten kann, wenn es in den Überlebensmodus schaltet, wobei mir dieser Gedanke auch sofort wieder Gewissensbisse einjagt, schließlich konnte ich es mir leisten, das ganze Wochenende Spaß zu haben, während andere buckeln müssen und am Ende im Gegensatz zu mir trotzdem im Fadenkreuz des Hasses stehen.
Ich denke darüber nach, dass Freund*innen mich schon mutig genannt haben und merke, dass ich ihnen an vielen Stellen zustimmen würde. Es ist mutig, einen Text über die eigenen Gefühle zu schreiben, es ist mutig, ihn irgendwo hinzuschicken, in der Hoffnung, dass er veröffentlicht wird und es ist mutig, ihn laut vor Menschen vorzulesen, deren Urteil einem etwas bedeutet. Aber das hier ist kein Text, sondern das „echte Leben“ und mein Körper zeigt mir deutlich, dass ich nicht mutig sein kann. Aber das Schlimme ist doch, dass ich es überhaupt sein muss. Und das Schlimmste, dass es so viele andere sein müssen. Wenn es mir als nicht-marginalisierte Person in einer solchen Situation so geht, wie schlimm muss sie dann für all die sein, die nicht so privilegiert sind?
Meine Gedanken springen wie ein wild gewordenes Pferd durch meinen schmerzenden Schädel. Was mache ich? Ist dem Fascho die Situation bewusst? Liest er mich als linke Person oder entgeht es ihm? Bisher beschränke ich mich darauf, angestrengt an ihm vorbeizuschauen und so zu tun, als wäre die eintönige Landschaft draußen das Spannendste, was ich je gesehen habe. Noch ist er in sein fettiges Mahl vertieft, doch was, wenn er fertig damit ist. Der Junge, dessen Vater auch Rechtsrockfan ist, starrt meinen unerwünschten Gegenüber fasziniert an und ich wünschte, auch ich wäre ein Kind, denn dann wäre ich bestimmt sicher. Wird er mit mir interagieren? Wird er mich anpöbeln? Mich anspucken?
Die wildesten Einfälle schießen mir durch den Kopf. Soll ich vorgreifen und ihn ansprechen? Sagen, dass mich seine Gesinnung nicht stört, nur um keine aufs Maul zu bekommen? Oder noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass ich Fan bin? Was für ein peinlicher Blödsinn sich da in mir zusammenbraut, nur weil der vor mir ein geschichtsleugnendes Arschloch ist. Oder wäre es gut, aufzustehen und laut zu verkünden, was passiert? „Hey Leute, hier sitzt ein Nazi, ich glaube, es wäre wichtig, dass ihr das wisst und dass wir uns schützen.“  Doch dann fällt mein Blick auf den Böhse-Onkelz-Papi und mich verlässt dieser kurze Anflug von Mut (oder Naivität).
Nach einigen Stationen halte ich es nicht mehr aus. Meine Angst lässt micht immer flacher atmen und ich bin kurz vor dem Kotzen. Wahrscheinlich ist sie irrational, vielleicht auch nicht, aber ich halte es nicht mehr aus, schnappe mir meine Tasche und ziehe drei Wägen weiter, wo ich mich ziemlich erschöpft auf den Boden gleiten lasse.
Ein Gefühl von Demütigung macht sich breit. Wie cool und draufgängerisch muss der Nazi auf den Jungen nebenan wirken, dass sogar die scheiß Zecke sich wegsetzt? Doch nach einiger Zeit und einigen Beinpaaren, die über mich steigen wie über einen sperrigen Koffer, klammere ich mich an einen hoffnungsvollen Gedanken. Ich blicke durch den Zug und in die vielen Gesichter, die dort scrollen, schlafen oder vor sich hin stieren. Dabei kann ich zwar nicht umher, dass „Onkelz“-Tattoo auf dem Arm meines Nachbarn zu bemerken oder den BFC-Schriftzug auf dem Shirt vier Plätze weiter, aber da sind auch so viele, die ich links lese und noch mehr, die ich migrantisch oder post-migrantisch lese. Und ich merke, viel mehr stehen auf meiner Seite und ich auf ihrer als auf der des Hähnchen-fressenden Faschos.
Niemand sollte mutig sein müssen! Schön für alle, die es können und sind und die sich den Faschisten auch in äußerster Konfrontation entgegenstellen. Ich bewundere sie und wir alle müssen sie dabei unterstützen. Aber für alle anderen, die nicht so mutig sein können, brauchen wir eine Gesellschaft, in der niemand Mut braucht. Nicht weil in dieser Welt niemand den anderen etwas Schlechtes will, das bleibt wohl eine Utopie, aber weil in dieser Gesellschaft die berühmte stumme Mehrheit den Mund aufmacht. In diesem Zug bin nicht ich allein und einer Gefahr ausgesetzt, der Nazi ist (fast) allein. Ich fordere hier keine Angstprävention für privilegierte weiße Studis, sondern ein Besinnen auf das Miteinander.
Wir brauchen uns, viel mehr als knüppelnde (im Zweifel selber rassistische) Bullen, um sicher zu sein. Im Zweifel geht es der Person neben dir ähnlicher, als du denkst. Es braucht zwar hoffentlich keine Angst um die eigene Unversehrtheit, um zu verstehen, dass Faschisten uns alle bedrohen, aber am Ende ist es egal, was den Anstoß gibt. Wir alle müssen füreinander einstehen, insbesondere die, die es besser haben, für die, denen es weniger gut geht. Denn am Ende des Tages sitzen wir alle im selben Boot oder noch viel schlimmer: im selben Zugabteil.


Karl Hein

Karl Hein wurde 2002 in Berlin geboren und studiert in Leipzig. Seine Texte finden sich in verschiedenen Magazinen, bei diversen Lesebühnen Leipzigs und Halle und auf seinem Blog.
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