ich = Arbeitertochter

MUSE oh Muse oh ich kann dich nicht benennen
Denn da wo ich geboren bin
wo ich mein Wort lernte
da trägst du keinen Namen
nicht deinen Namen
Bin nur schwer wieder gekommen und doch gern geblieben – aus und in das Land der Revolutionsasche, des Rotweins und des Sonnenkönigs. Verkreuzt. Denn da, wo meine Lungen erstmals aufatmeten, war die Sonne einst rot. Da, wo mein Herz geboren wurde, da, wo meine Zunge die Sprache lernte, gibt es einen anderen Rhythmus, und keine Liaisons von Konsonanten und Voyelles. Da, wo ich schreiben lernte, gibt es Berge im Satz und Täler in der Geschichte. Das, was ich Heimat nenne, ist nicht immer ganz so einig gewesen. Der Stolz ist eher zaghaft, fast schemenhaft wehend von Alpenklee bis Nord- und Ostsee. Doch ich bin dort abgereist und woanders angekommen. Denn die Sonne, die meine und die deine, wandernd von Zenit bis Horizont, geht allerorts auf und unter.
Muse oh Muse du
Oh wie ich dich besingen will
Und doch bleibt dein Name mir stecken im Gefühl
Und kriege ihn nicht hinaus
Und ich weiß
In jenem Buch da könnte ich lesen
Mit welchem Namen man dich beredet
Doch da wo ich herkomme
Da trägst du keinen Namen
Da bist du ungesagt und unbenannt
unbekannt und –
Oh Muse ich kenne dich nicht
Und doch kenne ich dich
Denn da wo mein Herzschlag entsprang
da wo ich geboren bin zwischen den Lippen
zwischen denen ich geschworen bin
aus denen mein Name sprang
da trägst du keinen Namen
Da wirst du benannt ohne benannt zu werden
wirst du gekannt ohne gekannt zu werden
wirst du gefühlt ohne gefühlt zu werden

Oh Muse trägst du einen Namen?
Einen der nicht in den Büchern steht
Einen Namen der vom Meer und vom Wind und vom Land her weht
Einen Na
men
Der meinem ähnlich sieht

Oh Muse
Darf auch ich dich besingen?
Die voller Unahnung steht
vor dir
Sich ergibt ohne Wortgier
Sich erzieht ohne –

Muse wie soll ich dich besingen
wenn ich deinen Namen nicht kenne
Nur dein Gefühl gefühlt
Deine Augen gesehen
aber dein Wort nie gehört
deine Mutter nicht gewusst
von deinem Vater nie gelesen
Deine Sehnsucht gefühlt
aber doch nie ihre Herrin gewesen

Muse du
Oh darf ich dich besingen
auch wenn dein Name in meinen Versen nicht erklingt?

Grafik: Annalena Behrends (@empathyhoe)


Lotte Ana Höpfner

Lotte Ana Höpfner wurde 2004 in Thüringen geboren. Heute lebt sie in Leipzig, wo sie Germanistik und Französistik studiert. Seit 2018 schreibt sie Lyrik und poetische Prosa. 2022 belegte sie beim Erfurter Diary-Slam den 2. Platz. Sie ist Teil des Leipziger Literaturkollektivs Zärtlichkeit und Widerstand.
@lotteanah

Ähnliche Beiträge