Horror vacui.
2026 in Sachsen-Anhalt. Ich stehe mit Aristoteles an der Bushaltestelle in dem Dorf, in das du zurückgezogen bist. In dem ich zuletzt mit dir und seit vielen Jahren nicht mehr gewesen bin. Aristoteles ist ein Rätsel, das ich dir mitgebracht habe. Allein zu kommen hatte ich mir nicht getraut.
Ich stelle mir vor, wie du dieses Rätsel begrüßt, es in dein Haus lässt, so wie auch mich. Als täten wir das jeden Tag. Vielleicht ist das möglich, so ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Ein Wiedersehen in einer neuen Welt, die die alte noch enthält. Sie festhält, oder andersrum. Vielleicht kleben sie auch aneinander. Vielleicht ein bisschen so wie wir.
Die Bushalte ist noch da, ein paar Meter weiter zwar, ein neuer Anstrich, aber das neue Gewand reicht gar nicht aus, um die vielen Erinnerungen zu verbergen. Es hängen Wahlplakate. Ich hatte gehört, dass die AfD 100 Millionen Euro einplant, um sogenannte ausreisepflichtige Ausländer:innen abzuschieben.[i] Es ist alles real. In meinem neuen Zuhause ließ sich das so leicht vergessen. War es fast nicht existent. War da Leere, Vakuum. Ein künstlich hergestelltes Nichts. Und vielleicht wäre das ja die beste Möglichkeit, es zu denken. Einfach nicht daran zu denken.
Doch Aristoteles schüttelt neben mir beharrlich seinen Kopf. Er hatte noch nie ans Vakuum geglaubt. In der Natur gibt es kein Nichts. In der Natur wird alles immer gleich wieder mit Materie gefüllt. Horror vacui, die Angst vor der Leere. Und das ist es, was ich empfinde, während ich hier sitze, in meinem selbst erschaffenen Vakuum.

Grafik: Uli Brantl (@uli.brant)
Mein horror vacui begann nicht weit entfernt von hier, in meiner Grundschule. Es war 1994 und wir lernten etwas über Pferde, viele Pferde, denen es nicht gelang, zwei aneinanderklebende halbe Metallkugeln auseinanderzuziehen. Wegen des Vakuums. Ein Otto von hatte es dort irgendwie hineingeflößt und nun bekam niemand die Kugel wieder auf. Ich betrachtete das alles skeptisch. Und war doch fasziniert.
Zu Forschungszwecken fuhren wir in die Landeshauptstadt. Die Stadt mit dem Verkehrskreuz, ich hatte das alles mit blauen und braunen Buntstiften in mein Heft gemalt. Mit gelb die Börde drumherum. Wir fuhren über Land dorthin, das Gelb wurde zu Acker wurde zu Weite und roch trotzdem eng.
Ich war bisher selten weg von dir gefahren, und schon damals war es so, dass immer etwas von mir kleben blieb, sowohl an dir als auch an diesem Dorf. Als wären wir zwei Hälften.
Und als ich wiederkam, erzählte ich dir von Ottos Kugeln. Erzählte dir, dass sie gar nicht durch das Vakuum allein gehalten wurden. Erzählte dir, dass sie doch nur durch die Luft, die von außen auf sie drückte, zusammenblieben.
Acht Jahre später. Auch in Sachsen-Anhalt hatte man sich in ein neues Jahrtausend begeben. Wir saßen am See, weiter oben in den Bergen. Manchmal trafen sich die Nazis hier, aber heute war es still. Wir waren allein, wir rauchten und saßen im Auto deiner Mutter, im Auto, das deine Mutter dagelassen hatte, allein im Dunkeln. Ich traute mich nicht, allein zu pinkeln draußen, also kamst du mit. So, nur so, funktionierte es. Ich traute mich alles Mögliche nicht und mit dir dann immer doch.
Es lief You’re lost little Girl im Autoradio, die Doors-CD sprang schon. Du drehtest dir die Kippe ungeschickt und sagtest „das bist du für mich. Bei dem Lied denk ich immer an dich.“ Und ich mochte, dass du an mich dachtest, schließlich dachtest du an mich. Aber nun zu wissen, wie genau du also an mich dachtest, das ließ uns länger schweigen als gewohnt.
People are Strange!, hättest du mal besser das gesagt. Das dachte ich bei mir, aber ich sagte nichts. Gemeinsam starrten wir hinaus, ins Dunkel und wir dachten, das sei bloß die Nacht. Ahnten nicht, dass wir von ihr umschlossen wurden. Dass wir bloß umschlossen wurden.
Und wir hielten uns an den Händen, wer sonst sollte das für uns tun.
Vierzehn Jahre später. Wir lebten mittlerweile weit entfernt von diesem See. Wir hatten uns diametral von ihm entfernt. Seitdem lernte ich, vieles allein zu tun und über Sachsen-Anhalt las ich nur noch in der Zeitung. Alle paar Jahre erinnerte man sich an dieses Bundesland. Und ich machte es nicht anders. Die AfD startete fulminant in ihre erste Landtagswahl. Ich wählte jetzt woanders, nicht mal meine Kreuze konnten hier noch was bewegen. Mein Blick zurück ein analytischer. Wer bleibt, wer geht und wer wählt was.
Zu bleiben. Das war uns wie scheitern vorgekommen.
Ich lernte Menschen kennen, die Züge buchten ohne Halt in Sachsen-Anhalt. Und ich lernte, ich begriff, all das war schon immer da. Es war schon immer da gewesen, ob wir es in Zahlen messen konnten, ob wir es begreifen wollten oder nicht. Und alle fünf Jahre erinnerte man sich daran.
Zu gehen kam mir immer mehr wie scheitern vor. Ein feiges Fliehen, nicht zuletzt vor dir. Die vielen Tage, die seitdem vergangen sind, ein Vakuum, ein Raum ohne Materie, zusammengepresst von allem drumherum.
Manchmal saß ich still in dunklen Nächten, war ich es, die da dachte you’re lost little girl. Und manchmal fragte ich mich das. Woran du jetzt wohl denken würdest, dächtest du an mich.
Zehn Jahre später sitze ich oben an unserem See. Bin ich allein gekommen, einfach um mal nachzusehen. Ob du hier bist, ganz vielleicht oder auch nicht. Ins Dorf habe ich mich nicht getraut, dorthin wo du jetzt wieder lebst. Ich hatte das gehört von Karen, die als einzige von uns geblieben ist. Ob die Nazis noch dort sind, hab ich gefragt. Wer ist denn noch ein Nazi, wenn er Bürger sein kann, hat sie gesagt. Und dass ich mich mal nicht so haben soll, was solle sie denn sagen.
Es ist still an diesem Abend, schwer wächst die Schwüle um mich rum. Ich atme leise, sauge Äcker um mich ein. Ich blicke prüfend in den See. Suche die tiefen Stellen, so wie wir es immer taten. Wo wir springen können und wo nicht. Ich erkenne es, wo wir hinab uns stürzten, messerscharf und um ein Haar vorbei, entlang an den Kaskaden des Gesteins, geschabt vom Bergbau vor so vielen Jahren.
Ich vermisse es, dass deine Hand mir mal genügte.
People are strange, auch wir beide, nicht mehr und nicht weniger als irgendwer hier. Deine Hand allein ist nie der Grund gewesen, dass ich mich an ihr festgehalten habe. Vielmehr das alles hier vor mir, das Loch, in das ich Steine ohne Ende werfen kann, das sich verkleidet als ein Badesee. Vielmehr das alles, was wir darin suchten.
Niemand hier vermisst mich.
Ich bin froh drum und es tut mir weh. Es klebt an mir, so wie die leeren Jahre zwischen uns. Wie diese Welt, die uns einmal so sanft zusammengepresst hat.
Ich rufe also Aristoteles an. Er kommt und sagt, „der Anfang ist die Hälfte des Ganzen“ und klappt dabei das Dach des Cabrios zurück. Ich sage „dann die Bushalte!“. Und wir fahren los, zu dir, zurück ins Dorf, wo alles ein paar Meter weit versetzt erscheint,
aber ein Erkennen doch erlaubt.
[i] vgl. Folge #1 „Gehen oder Bleiben?“ des Podcasts „Kipppunkt Ost“ von Katharina Warda, Heike Kleffner und Juli Katz, den man hier hören und hier finanziell supporten kann.
Stefanie Adamitz
Stefanie Adamitz sitzt am liebsten mit dem Rücken zur Wand und beobachtet. Vielleicht ist sie deswegen Ethnologin und Autorin geworden. Vielleicht wars aber auch andersrum.@anni.mitz

