Halle. Lost. Schwarze Angel.

Foto: Uli Brantl (@uli.brant)

Am Bahnhof stolperte ich die Treppe herunter, weil meine Schuhe ihre Sohlen verloren. Im Regen aufgeweicht. Und es waren feine Schuhe, metallicgrün, den höchsten Absatz, den man je gesehen hat, Nieten und Riemchen. Zum feinen Kleid. Das steckte aber auch schon in meiner Tasche und die schlenkerte um Rubens aufgeknöpftes Hemd, das ich in seine Hose gestopft hatte und ich fragte mich, was er wohl morgen anziehen würde. Aber egal. Es war unverkennbar ich, denn ich trug meine Frisur und mein Unterhemd und alles.

Support the local subculture don’t move to Leipzig stand an die Wand geschrieben.

An der Straßenbahnhaltestelle waren ein paar Wildlederboots sauber abgestellt. Edel. Milchkaffeefarben. Darum ein halbseidenes Nachthemd in Orange geschlungen. Das tat ich beiseite, aber die Boots zog ich an und ließ dafür meine abgesohlten Schuhe stehen. Schlotterte dann wieder das Negligé darum. Ein Bild von großer poetischer Kraft, für das ich hoffte, jemand Verwendung hatte. These boots are made for walking.

Es war sehr früh morgens gegen eins und ich wollte mich beeilen in die Wucherer zu kommen. Meine herzallerliebste Straße, die Avenida, die Sonnenaufgangsallee der Stadt. Nachts auf der LuWu fühlt sich in guten Zeiten an, als wäre ich die Heldin. Als stünde ich auf einer Dachterrasse in einem Hotel in Miami in den 50er Jahren. Oder im 13. Stock auf der Feuerleiter in New York in den 30ern. Alles ist möglich, und davon sehr viel. Man hat die totale Hoffnung und ist gleichzeitig komplett verloren. Genau die Stimmung, die in der Kellerkaschemme Black Angel nach 3 Uhr morgens herrscht. Wo ich Ruben heute nicht treffen würde. Die schwarze Angel ist das Gegenteil von Silent Reading. Unglaublich laute Personen auf Transit.

Die Wildlederboots fühlten sich herrlich an, solange ich darin steckte. Und dann war es nur Wahrheit oder Lüge und ich hatte sie verloren. Ich musste ohne Schuhe nach Hause.

Bei Sonnenaufgang stolperte ich die Treppe aus der schwarzen Angel herauf. Wieso stolperte ich selbst ohne Schuhe. Weiß ich jetzt auch nicht. Und dann kamen eine Million bedrohliche schwarze Uniformen, schwere Helme, Waffengürtel, eine apokalyptische Armee im Laufschritt auf mich zu. Die ganze Straße war voll davon. Ich dachte: Mittelamerika und: paramilitärische Truppen, Patrouille, nun haben sie mich doch gefunden. Viel später stellte sich heraus, es war nur die Polizei, die eine Handvoll Demonstranten begleiten sollte. Aber der Film lief, die Vögel zwitscherten und der Morgen war wunderschön, aber das ist er ja auch in Mittelamerika. Es gab keinen Ruben und keine Rettung und keine Hoffnung.


Margo Weisz

Margo Weisz, Autorin. Kleine Formen. Halle (Saale).

Ähnliche Beiträge