Goldene Streben

Es gibt ein Bild, auf dem ich im Kindersitz am Lenkrad des Fahrrads meiner Mutter sitze, im Hintergrund ist die Frauenkirche in Dresden zu sehen. Meine Eltern haben eine Radtour entlang der Elbe mit mir gemacht. Das muss 1998 gewesen sein, da war ich zwei Jahre alt und ich erinnere mich nicht daran.

2016, wieder Dresden. Ich bin hier, um jemanden zu treffen, den ich am anderen Ende der Welt kennengelernt habe. Ich habe ein Bett in einem Mehrbettzimmer in einem Hostel gebucht, habe aber die Hoffnung, nicht im Hostelbett, sondern bei ihm zu schlafen. Wir schlendern durch die Stadt, es ist heiß, überqueren die Elbe über eine blaue Brücke, dann fahren wir mit der Straßenbahn zu einem Baggersee. Das erste Mal Straßenbahn, das erste Mal Baggersee für mich. Ich fühle mich aufgekratzt und lebendig.

Es ist März 2020, die Welt gerät aus den Fugen. Ich wohne und arbeite auf einem Bauernhof in der Prignitz in Brandenburg, meine Bachelorarbeit ist abgegeben, ich habe keine Kurse mehr, mein Zimmer in Kiel habe ich untervermietet. Jeden Tag füttere ich die Tiere, miste die Ställe aus, pflege den Gemüsegarten, kann mich frei bewegen hier in diesem Land mit den unendlich langen Obstbaumalleen. Ausgangssperren kenne ich nur aus den Nachrichten. Als es wärmer wird, bade ich im Kalksee. Keine Menschenseele weit und breit. Ich liebe die Ruhe, die wogenden Felder, die sandigen Waldwege zwischen duftenden Kiefern, den riesigen Himmel und die Kraniche, die auf dem Feld hinter dem Hof rasten.

Ich bin für eine Konferenz in Halle (Saale), es ist grau und kalt. Die Eröffnung findet in der Leopoldina statt, direkt gegenüber steht eine Burg. Ich liebe Burgen, die gibt es im Norden nicht. Am Abend bin ich auf einer Party im Hühnermanhattan, das Ticket sieht aus wie ein altes Kinoticket und ich stecke es in mein Portemonnaie. Mir geht es schlecht, aber das Flackern der Feuertonne im Innenhof lenkt mich davon ab. Am nächsten Tag fahre ich mit dem Auto zurück, die Brücke über die Saale hat goldene Streben und ich bin nicht mehr so traurig wie am Abend zuvor.

Nach einigen Jahren in Hamburg und einem in die Länge gezogenen Masterstudium, bin ich lost und will wandern. Von Flensburg bis zu den Alpen, setze ich mir in den Kopf. Nicht entlang der A7, sondern eine Ostroute. Zu Fuß kommt man langsam voran, mit Zelt und Verpflegung auf dem Rücken noch langsamer. Trotzdem verändert sich die Landschaft fast jeden Tag. In Mecklenburg-Vorpommern treffe ich einen polizeikritischen Revierförster. In einem Dorf in Brandenburg, in dem die Laternenpfähle mit demokratiefeindlichen Wahlplakaten behängt sind, hilft mir ein Mann mit blauen Haaren, einen Schlafplatz zu finden, an dem ich mich nicht unwohl fühle. Ich bade wieder im Kalksee, durchquere das Gurkenterritorium, gerate in stehende Hitze und unbändige Gewitterstürme. In Sachsen zieht es mich wieder nach Dresden, ich schlafe im Mondpalast in einem Zimmer mit 4 Meter hohen Decken und Kronleuchter. Im Elb-Sandstein-Gebirge streikt mein Knie, an meinem letzten Wanderungstag pflücke ich Walderdbeeren und bin glücklich. Eines Tages will ich wiederkommen und den Weg bis zu den Alpen beenden.

Zurück im Norden sitze ich auf der Silvesterparty bei Freunden in Hamburg neben jemandem, der in Leipzig wohnt. Kurz darauf buche ich einen Zug dorthin. Es erinnert mich an Paris, obwohl ich da noch nie war. Wir schauen Ratatouille in einem WG-Zimmer mit Flügeltüren. Zum Geburtstag bekomme ich Treckingtickets für den Forststeig im Elbsandstein. Im Oktober fahre ich mit einem voll beladenen Umzugswagen über die Autobahn nach Leipzig und überquere kurz vor Halle (Saale) eine Brücke mit goldenen Streben. Die Kennzeichen um mich herum sind mir unbekannt, aber ich mag, dass es hier im Winter kaum regnet.  

Heute habe ich bei der Arbeit aus dem Fenster geschaut. Auf der einen Seite sehe ich die Saale und auf der anderen eine Burg. Ich liebe Burgen. Auf dem Rückweg nach Hause, freue ich mich, wenn ich ein HH-Kennzeichen sehe, aber ich fühle mich jetzt auch zwischen HAL, SK, TDO, GRM, MD, DD, SLK und L angekommen.

Bild: Gianna Reich (@moinbummschack)


Jana Hanisch

Jana kommt aus Norddeutschland. Seit Kurzem wohnt sie in Leipzig und arbeitet in Halle (Saale). Für diesen Beitrag hat sie Erinnerungen zusammengetragen, durch die sie bereits mit Ostdeutschland verknüpft war, bevor sie hierhergezogen ist.
@janarrativ

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