Gedichte
nullerjahre
manchmal frage ich mich ehrlich was der osten mit mir gemacht
und warum isa auf der Müllhalde gelandet ist
ich bin der festen Überzeugung
ich hätte auch jemand anderes werden können
bevor die Stadtreinigung kommt Straßen salzt
gefriert schmerz an den wänden
in den Fugen zwischen den Augen
zerbombt die guten Weinflaschen im Keller
gehwegplatten breit wie panzer
heute beschissen von den dackeln oder pudeln geboren im Lockdown
warum erinnert sich niemand an die Rote Armee
an einem großen Bogenfenster vorbei
erkenne ich, dass jeder auf seinem schmerz herumrutscht
wie auf einem unbequemen Stuhl
der Rasensprenger durchlöchert die Klamotten
der Gartenzaun bewacht die Stacheln vom Igel
wir bauen einen großen Ballon und rudern damit
durch den Anhalter Bahnhof bleiben schlussendlich hängen
stürzen ab
und ein schuss fällt wie der letzte Satz milimetergenau in die Waffe zurück
ich kann ich dir nicht abnehmen was du trägst, isa selbst wenn ich wöllte
so werden nunmal die schulden vererbt
was lag wohl vorne in der linken Hosentasche
ich hätte es gerne gewusst
und dir im Gegenzug die wunden Füße verbunden
ich frage mich was es gewesen sein muss
ob es ein Kissen gewesen wäre für unsere schwachen rücken
WVD
aus einem unendlichen schmerz heraus wächst eine wut die du nicht bändigen kannst
sie macht dir an manchen tagen Angst
aus dieser wut wurzelt eine Verachtung die dich im kreis lenkt
sie gibt dir an manchen tagen Handlung
aus einer Handlung wächst ein Narrativ eine klare Kante ein
vielleicht es ist wahr
ein w schnitzt dir tausend schirme unter denen
du deine Vorwürfe zu spitzen Messern
schleifst
irgendwann kommt der punkt an dem
alles
auf Dich zutrifft was du anderen
vorwirfst
und dann
kannst du entweder zurückkehren
in den unendlichen schmerz oder du glaubst den worten die sie sagen:
wir vermissen dich
legst sie im schlaf auf deine augen
gehst am nächsten morgen in eine queere bar die es nicht gibt
dort wo du herkommst
was dort aber mit sicherheit gibt
sind menschen
wie du
ich weiß was hinter dieser tür liegt
vergiss deine wurzeln nicht zehn zehen lackiert in pinkblau
zehn zehen in der sonne oder dem sand
im weiskalten fluss oder im kochenden fußbad vergiss nicht wo du anfängst
und aufhörst vergiss nicht wie der regen am fenster
deiner Großeltern klingt
groß und schwer und unheimlich beruhigend knie dich vor den fliesentisch
und bete
dass dein auto in der Carrera Bahn noch die kurve kriegt opa tanzt im
wohnzimmer wahlweise zu Friedrich Wunderlich oder MacMiller
beides soll auf seiner Beerdigung laufen
keine rede wie löwe alle erzählen was sie aneinander haben du hast das S c h r e
i b e n von ihm gelernt
noch vor dem erzählen
ihr füttert jeden tag kleine igel im garten er benutzt seit kurzem deinen
neuen namen
das hat dich 2 jahre arbeit gekostet die du niemals wiedersiehst
vergiss deine wurzeln nicht
du findest antworten auf deinen schmerz manchmal doch in der Vergangenheit
die grüne brücke
zum Osten hin wird das Kupfer heller
erst Postkutschenweg dann Militärsüberfahrt dann die Mauer nicht irgendeine
Im Babelsberger Park fliegen die Kormorane über die Neugier und schlafen auf den
Goldenen Löwen
träumen von einer sauber geschnitten Hecke oder dem Deutschen Bundestag
Der Tanzsaal steht seit Jahren leer die Quelle versiegt
die Wolken grau und die Bilder an den Wänden gelb wahlweise restauriert zum Osten hin
wird es schöner, grüner
vor fünfzig Jahren
wurde eine ausgedachte stadt in einem ausgedachten land aufgeteilt
in zwei ungerade hälften und da ist die Geschichte eingegangen
heute kehre ich ein in die Meierei
trinke ein stark gebrautes ostwestdeutsches Rotbier
und frage mich was aus der eigentlich aus der Sichel geworden ist
den Hammer habe ich immer noch in der Tasche
Freiheit usw.
Meine Oma hält Udo Lindenberg auf dem Rücksitz versteckt (freiwillig) zwischen den
tausend Weinflaschen im Klinkerbau liegt irgendwo ein Utopia Poster mit einer Unterschrift:
Keine Panik!
Wenn man von Leipzschhh aus über Polen und Ungarn am besten nach Hamburg kommt,
dann gelangst du in den Westen, indem du sehr weit Richtung Osten reist heißt: nach
einem langen Westen kommt hoffentlich wieder der Osten
heißt: das Poster kommt sicher irgendwann wieder Zuhause an
Mein Vater ist vierzehn und nicht im Westen, aber hat ein Poster von Udo Lindenberg und
wird mir irgendwann dies Geschichte erzählen
Ich werde sie kennen nie aber dabei gewesen sein Erzählen tu ich sie nur selten
Tauscht man ein Kind gegen die Freiheit, was würdest du nehmen?
Eine Flasche Wein oder doch deinen Namen vom Klingelschild
Siegfried Zeppelin Ypsilon Martha Ulrich Lena Anton Salzwedel Zwickau Ypsilon München
Unna Leipzig Aachen Schule Zacharias Ypsilon Mehrweg Uniform Ludwig Alpha
Irgendwo singt Udo von einem Dampfer oder sowas Oma lebt in der Wohnung unter
ihn und Westerwelle fährt sie jeden Montag wie die Sterne vom Himmel hinunter die Straße
vor den Paparazzi weg
Elona arbeitet bei Karstadt, wohnt in Wansbek
drei kleine Goldfische schwimmen im Vorgartenteich Andrzéj flieht als jüdischer Pole aus
dem Warschauer Ghetto
beide lernen sich kennen als sie schon mit Kind und in einer Wohnung lebte
mein Vater hingegen seit der Flucht in einer Drei-Zimmer-Wohnung meiner Uroma am
Völkerschlachtdenkmal
in dieser Wohnung hängen bis heute Rauschwaden Whiskeynoten und Tortendüfte und
lange noch ein Bild von Hitler
Oma fährt die Freiheit mittlerweile bis an die Landungsbrücken kippt sie dort aus wie faule
Sardellen
sie kam nicht wieder als die Vögel sangen
bis heute fliegt sie einen deutschen Stern aus den Vier Jahreszeiten bis an die Grenzen
dieser Welt
Doch was der Preis für diese Fahrt gewesen ist darüber wird keiner singen

Bild: Uli Brantl (@uli.brant)

