ein immer gleicher flirrender tag

unter der kuppel eine demmse
die zeit steht, die uhr läuft
nirgends geht’s nach damals, damals is immer hier
man hört, die 90er wärn zurück
jener wirre zwischenzustand sei nun normalzustand
dabei warn sie bloß im knast oder auf harz, die wenigsten ham rüber gemacht
oder warn dort wegen west-lohn, der keschel wegen
hier gewinner, drüben verlierer
fort – das warn sie nie

ich – wollt gar nich so weit weg
bin nun nur selten da
am immergleichen hitzetag
wo ich mich selbst rauschen hör
oben himmel, unten teer, freie sicht ins Nichts
mir geht auf n weites blau überm phantasma einer wasserrutsche
der belag hat 39 grad, daneben tragende obstbäume in ner chaussee, darinder dürres korn, dadrauf fette strommasten, dadrüber halbkranker wald – überall idyllische Ruhe
hier fühlt sich weltuntergang ma gar nich so irreal an
betonplatten links führn längst nich mehr zur lpg, sondern nem selbstorganisierten spatzenhort
aber kein sorge, tesla und intel kommen auch zu dir, an dein ort
„hier entsteht silicon saxony“

eine zukunft fiel ins startloch
alles fast genauso wie immer, denk ich
trends kommen spät, nur bei der wahl – da sinnmer ganz vorne dabei
druffe gören in schlabbrigen leggins vor pimmelskizzen am BH
grenzgaenger auf ihren dröhnenden simmen
maulige alte an buntlackabplatzenden eisengittern vor dunkelschieferplattengedeckten häusern
ich seh plötzlich „ausländer“, am schultern hoch- und kopf einziehen
zerfledderte bunte wimpel von der letzten dorfkirmse – schönes fest
dort alles hübsch gepflegt, da alles organisch ineinandergefallen – Ordnung muss sein
präsente werbeschilder: „zu verkaufen“  und mcces-logo: 6km dann rechte ausfahrt
dran vorbei rast n generisch-schwarz-böseschauender audi, unter ARN – NZ 88 auf der anhängerkupplung n blutiger puppenkopf
hoffentlich fährste gegen die eiche da
hausecke: anti anti antifa
puh, immernoch da
gefühl im bauch wie damals, nur damals keine ahnung, was das war

dieses heimatgefühl ist in ner Schneekugel befangen – summer edition
aufbewahrt von uns nachwendekids
kannste schütteln, fliegt der staub rum, rieselt der staub runter, legt sich der staub drauf
eine erinnerung an uns fremde Zeiten, angeglotzt bis zur schmerzhaften Bekanntheit 

ich kehr zurück unter die kuppel, trotzdem und gerade weil
im westen hälts mich nich mehr lang, schlimm wärs ja überall, so hört man
teil ich mir halt da die luft mit heimatgewinnern, statt hier mit yuppieschweinen, verpestet isse überall
genug defätismus aber auch, aber doch no future
angekomm daheim: montier die Schneekugelkuppel ab, werf sie auf die 90er, die fast die 30er sind
– der herbst beginnt


[optionale legende]

*Demmse: Stickige Luft, drückende Hitze
*Keschel: von Kind und Kegel (uneheliche Kinder) – „Keschelei“ Wort für Kinderschaft
*BH: so nannten wir Busbahnhöfe. Orte, wo wir uns in der 6./7. Klasse zum Mix-Bier saufen getroffen haben
*Grenzgaenger: in den 2010ern gehypte Merchandise-Motorradmarke, ganze „Motorradgangs“ statteten sich damit aus, machten Vlogs etc., scheinbar nach wie vor beliebt
*Simme(n): Simson-Fabrikate (Mopeds aus der DDR, heute lebendiges Ostalgie-Produkt)


Emmi Esefeld

Emmi Esefeld, Jahrgang ´99:
Aufgewachsen am Rande des Thüringer Waldes, hat unzählige Sommerferien in der sächsischen Provinz und an der Ostsee verbracht. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Performance, Bildmedien und Recherche – mit Fokus auf utopische Versammlungen, ostdeutsche Erfahrungen, Disziplinierung und Noise.
@wmmicom

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