Der CSD Sachsen-Anhalt nimmt seit Jahren an CSDs von unabhängigen Orgas teil. So zum Beispiel beim CSD Halle 2022. Foto: Dani Luiz

Ein CSD-Verband, viele Konflikte

Teil 1 einer Recherche

Gegen den größten CSD-Verband des Bundeslandes gibt es schwere Vorwürfe. Sie reichen von Kritik am Umgang mit Geldern über Machtmissbrauch bis zum Vorwurf, unabhängige CSDs im Land verdrängen zu wollen.

Eigentlich ist die Lage der queeren Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt gerade angespannt. Die Zahl der Straftaten gegen queere Menschen liegt auf Rekordhoch, CSDs werden massiv angegriffen und die gesichert rechtsextreme und queerfeindliche Landes-AfD liegt wenige Monate vor der Landtagswahl in einer Umfrage bei 39% – und ist damit wenige Prozent von einer Alleinregierung entfernt.

Doch die Szene konnte in letzter Zeit auch Erfolge verbuchen. So ist es dem Verein „Christopher Street Day Sachsen-Anhalt e.V.“ zum Beispiel gelungen, zahlreiche CSDs im Norden des Landes zu etablieren und so der Community Sichtbarkeit zu verschaffen. In insgesamt sieben Städten gibt es nun für queere Menschen und deren Verbündete die Möglichkeit, sich zu vernetzen, mehr über queere Identitäten zu erfahren und für ihre Rechte zu demonstrieren.

Anmerkung

Im Text wird die Formulierung „CSD Sachsen-Anhalt“ als Synonym für den Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V. verwendet. Es existiert ein anderer Verein mit dem Namen „CSD Sachsen-Anhalt e.V.“, der dem CSD Halle nahesteht und nicht öffentlich auftritt.

Doch seit letztem Sommer gibt es schwere Vorwürfe gegen den Verein aus Magdeburg, der auch bundesweit an CSDs teilnimmt. Sie kommen von drei unabhängigen CSDs im Süden des Landes, die mit dem Verein zusammengearbeitet haben. Auch mit der Kommunalpolitik in der Kleinstadt Köthen gibt es Streit. Kritisiert wird vor allem der Vorstand um Falko Jentsch. Es geht um Kritik am Umgang mit Geldern, Machtmissbrauch, Auftritte in großen Medien und eine Strafanzeige nach einem Statement, dass auch Jan Böhmermann teilte. Doch der Reihe nach.

Kritik am Umgang mit Geldern

Alles beginnt Mitte Juni letzten Jahres mit einem Instagram-Statement aus Merseburg. Das unabhängige Organisationsteam des lokalen CSD wirft dem Verein unter anderem Kompetenzüberschreitungen und Vertrauensbrüche während der Zusammenarbeit vor. Auch der Umgang mit Spenden wird angeprangert: „Wir haben aktuell keinen Einblick, wie viele Spenden in unserem Namen eingegangen sind und keinen Einfluss auf die Verwendung der Gelder“ heißt es im Statement.

Hintergrund ist, dass das Spendenkonto des lokalen CSD beim CSD Sachsen-Anhalt angesiedelt war. Das Konto wurde laut dem lokalen CSD im November 2024 eingerichtet. Im Januar 2025 beendete er die Zusammenarbeit. Wo flossen die Spenden für den CSD Merseburg hin, nachdem die Zusammenarbeit beendet war?

Laut Vorstand Falko Jentsch wurden Spenden eines PayPal-Kontos, die nach dem Ende der Zusammenarbeit eingingen, an ein Bündnis, das dem lokalen Team nahesteht, weitergeleitet. Das Bündnis bestätigt das.

Was Jentsch zunächst nicht erwähnt: Es gibt ein zweites Bankkonto, das im Spendenaufruf angegeben wurde. Auf Nachfrage teilt er mit, dass dort Spenden im Wert von insgesamt 70 Euro eingegangen seien. Hinzu kommen 50 Euro auf dem PayPal-Konto, die vor dem Ende der Zusammenarbeit eingingen. Diese Spenden wurden nicht an das Bündnis weitergeleitet, wie beide Parteien bestätigen.

Dazu kommt eine Firmenspende, die auf das Konto des Vereins floss und ebenfalls nicht weitergeleitet wurde. Auf Nachfrage gibt Jentsch an, dass die Firma auf Diskretion bestanden habe und die Information nicht für die Presse bestimmt sei. Der CSD Merseburg schreibt dazu: „Wir wissen von einer Spende in Höhe von 750 Euro mit dem Spendenzweck ‚CSD Merseburg‘. Auch nach Rückfrage gibt die Firma an, damit den CSD in Merseburg unterstützen zu wollen, nicht den CSD Sachsen-Anhalt.“ Die Firma bestätigt das auf Nachfrage.

Neben den insgesamt 870 Euro Spenden berichtet das lokale Team auch von Fördergeldern in Höhe von 1.000 Euro, die an den CSD Sachsen-Anhalt geflossen seien. Auch hier sei unbekannt, was mit den Geldern passierte. Die Stadt Merseburg bestätigt diese Förderung zur „Durchführung eines CSDs in Merseburg“ auf Anfrage.

Eine Absage, die keine war

Wie rechtfertigt Jentsch, dass die 1.870 Euro nicht an das lokale Team weitergegeben wurden? Ein Blick in die Vorgeschichte des CSD Merseburg:

Nach dem Ende der offiziellen Zusammenarbeit sollte der CSD Sachsen-Anhalt trotzdem weiter am CSD in Merseburg teilnehmen. Dazu heißt es von Jentsch: „Am Montag vor dem CSD erhielten wir jedoch eine E-Mail, in der uns überraschend mitgeteilt wurde, dass wir weder mit Fahrzeug noch mit Stand teilnehmen dürften.“ Ein Blick in die vorliegende E-Mail zeigt allerdings: Das stimmt nicht. Es wurde nur mitgeteilt, dass Programmvorschläge des CSD Sachsen-Anhalt nicht mehr berücksichtigt werden können. Eine Absage der Teilnahme stand nicht im Raum. Mehr dazu im zweiten Teil der Recherche.

Wenige Tage später melden Jentsch und sein Team einen zweiten, eigenen CSD in Merseburg an. Er soll zeitgleich auf einem Nebenplatz stattfinden. Daraufhin erklärt das lokale Team die Teilnahme des CSD Sachsen-Anhalt an der eigentlichen Veranstaltung für obsolet. Kurz vor dem CSD entscheidet sich der CSD Sachsen-Anhalt schließlich, gar nicht in Merseburg präsent zu sein.

Es drängt sich folgende Frage auf: Wenn der CSD Sachsen-Anhalt den CSD in Merseburg gar nicht organisierte, wieso behielt er dann die 1.870 Euro, die zur Organisation gedacht waren?

Auf Nachfrage begründet Jentsch dies in mehreren Anfragen mit entstandenen Unkosten für die letztlich abgesagte eigene Demo. Zur Begleichung dieser Kosten sind laut ihm die Gelder verwendet wurden.

Es wird deutlich: Im Fall der Fördergelder nutzte der Verein 1.000 Euro, die laut Stadt zur „Durchführung eines CSDs in Merseburg“ freigegeben wurden, obwohl er gar keinen CSD durchführte. Auch die Spendengelder in Höhe von 870 Euro wurden genutzt, obwohl kein CSD stattfand. Hinzu kommt im Fall der Spenden, dass sie explizit an das Team des CSD Merseburg und nicht an den CSD Sachsen-Anhalt adressiert waren. Außerdem übte der Verein durch den angekündigten zweiten CSD Druck aus, um eine Mitgestaltung am Programm zu erreichen.
Mehr zu den Vorwürfen aus Merseburg hier.

Aus einem weiteren Landkreis werden Vorwürfe laut

Etwa einen Monat später werden auch aus dem angrenzenden Burgenlandkreis Vorwürfe öffentlich, die sich um grenzüberschreitendes Verhalten drehen. Mehr dazu hier.

Ein Vorwurf ist, der Verein habe in der Vergangenheit für den lokalen CSD gesprochen und den Eindruck erweckt, er repräsentiere ihn, ohne dass dies abgesprochen war. Ein Mitschnitt zeigt, wie ein Mitglied des CSD Sachsen-Anhalt mit den Worten „Du sprichst für den CSD in Naumburg“ angekündigt wird.

Ein „Landesverband“ nutzt seine Machtposition

Man könnte das als einmaligen und ungewollten Versprecher sehen. Doch vom CSD Burgenlandkreis heißt es im Statement: „Der CSD Sachsen-Anhalt steht in seiner Rolle als vermeintliche Repräsentation aller CSDs im Land in einer Machtposition, die immer wieder ausgereizt wird.“ Andere CSDs beklagen ähnliches.

Tatsächlich scheint der selbsternannte „Landesverband“ sich generell als eine Vertretung aller CSDs im Land zu sehen – was er nicht ist. So werden auf der Webseite des Vereins alle CSDs im Land aufgelistet – auch wenn sie gar nicht Mitglied im Bündnis des Vereins sind. Auf Anfrage verweist Jentsch darauf, dass man einen Überblick über queere Veranstaltungen im Bundesland geben wolle. Weiter heißt es von Jentsch: „Selbstverständlich stellen wir auch die CSDs im Bundesland dar. Wenn man auf den CSD Halle oder den CSD BLK klickt, wird man direkt auf deren Seiten weitergeleitet. Wir behaupten also nicht, deren Organisatoren zu sein.“ Man werde künftig deutlicher markieren, welche CSDs Teil des ‚Landesverbandes‘ seien. Dies ist daraufhin geschehen.

Allerdings sieht sich der Verein laut Instagram-Profil trotzdem als: „Zusammenschluss der CSD organisierenden Gruppen und Vereine in Sachsen-Anhalt“. Die Tatsache, dass dieser Zusammenschluss nicht alle CSDs im Land repräsentiert, wird nicht transparent gemacht. Auch der Name, „CSD Sachsen-Anhalt“, legt eine Vertretung aller CSDs nahe. Zudem stellt der Verein politische Forderungen im Namen aller CSDs im Land. Jentsch schreibt dazu, man organisiere acht von elf1 CSDs im Land. Entsprechend seien politische Forderungen selbstverständlich. Dies bedeute keine Vereinnahmung, sondern eine politische Vertretung der Mitglieds-CSDs. Der Vorwurf, der Verein wirke bewusst wie eine offizielle Vertretung aller CSDs im Land und wolle damit Einfluss gewinnen, bleibt dennoch bestehen.

Auf Instagram präsentiert sich der Verein als Landesverband (Stand: Februar 2026)

Fragwürdige Auftritte in großen Medien

Bestärkt wird dieser Vorwurf dadurch, dass Vorstand Falko Jentsch in Interviews mit der dpa immer wieder als Organisator aller CSDs im Land oder als Organisator des CSD Halle auftritt – beides ist er nicht. Dies ist besonders im Fall des CSD Halle brisant. Er wird seit Jahren von den lokalen Vereinen „AIDS-Hilfe Halle“, „BBZ lebensart“ und „lambda Mitteldeutschland“ organisiert. Jentsch lobt im Interview das gute Zusammenspiel der Beteiligten während der Organisation. Die tatsächlichen Veranstalter*innen sprechen auf Anfrage dagegen von einer „aufgezwungenen Teilnahme“ des Vereins. Mehrere Medien, darunter „Die Zeit“, der MDR und die „Süddeutsche Zeitung“, übernahmen die Darstellungen. Auf Nachfrage schreibt Jentsch: „Es war nie unsere Absicht, als Organisator des CSD Halle aufzutreten. Dass die Agentur dies in ihrer Meldung so dargestellt hat, geschah ohne unsere Kenntnis und gegen unsere Intention“. Bei der dpa sieht man das anders: „Falko Jentsch hat sich unserem Redakteur gegenüber als Organisator des CSD in Halle und der CSDs in Sachsen-Anhalt ausgegeben“ heißt es auf Nachfrage.

Setzte der Verein den CSD Halle unter Druck?

Doch damit nicht genug. Der Umgang mit den Geldern, der Auftritt in großen Medien und die Nutzung der Machtposition als selbsternannter „Landesverband“ sind nur einige Kritikpunkte aus der letzten Zeit. So wirft der CSD Halle dem Verein auf Anfrage die „Verdrängung und/oder Einverleibung regionaler Strukturen“ vor. Was hat es damit auf sich?

Im August veröffentlicht auch der CSD Halle ein Statement. Es enthält den Vorwurf, der Verein habe versucht, Teile der Orga an sich zu ziehen und den CSD für sich zu reklamieren. Auch grenzüberschreitendes Verhalten und die Nichteinhaltung von Absprachen werden angeprangert. Jentsch verweist darauf, dass die Vorwürfe im Wesentlichen auf bereits behandelten Punkten aus anderen Städten basierten. Er bedauere, dass erneut ein Graben aufgemacht werde.

Außerdem heißt es im Statement des CSD Halle: „Wir sind zu der Entscheidung gelangt, dass wir die Teilnahme vom CSD Sachsen-Anhalt am CSD Halle in diesem Jahr ablehnen.“ Damit kündigt der CSD Halle eine Art „Waffenstillstand“ (Bezeichnung des Autors) mit dem Verein auf. Hintergrund ist ein seit Jahren bestehender Streit.

Laut Jentsch sah der CSD Sachsen-Anhalt die Entscheidung als Ausschluss des kompletten Vereins und seiner Mitglieder. Auf Nachfrage stellt Martin Thiele vom CSD Halle klar: „Ich habe dem Verein mitgeteilt, dass wir ihnen die Teilnahme mit einem Wagen untersagen.“ Im Instagram-Statement ist diese Information nicht zu finden.

Der CSD Sachsen-Anhalt meldet daraufhin erneut ohne Absprache einen zweiten CSD direkt hinter der eigentlichen Demo an. Die Begründung ist ähnlich wie in Merseburg wenige Wochen vorher: „Da uns kurzfristig ein Ausschluss von der Hauptdemo mitgeteilt wurde (ohne Begründung), entschieden wir, unsere Demo direkt hinter der Hauptdemo anzumelden. Die Anmeldung war kein Angriff, sondern eine rechtliche Notwendigkeit, um unseren Mitgliedern eine Teilnahme zu ermöglichen“, schreibt Jentsch. Martin Thiele widerspricht: „Selbstverständlich haben wir dem Verein und seinen Mitgliedern nicht die Teilnahme an der Demonstration untersagt“. In einem folgenden Gespräch habe man betont, dass sie sichtbar als eine Laufgruppe teilnehmen könnten.

Am Tag des CSD in Halle ist schließlich doch ein Wagen des CSD Sachsen-Anhalt auf der Demo zu sehen. Wie kam es dazu? Laut beiden Parteien habe man sich in einem Gespräch auf die Teilnahme des Vereins mit einem Fahrzeug verständigt.

Doch die Atmosphäre des Gespräches scheint von beiden Seiten unterschiedlich aufgenommen worden zu sein. In einem Post des CSD Sachsen-Anhalt heißt es: „Heute hatten wir ein großartiges und herzliches Kooperationsgespräch.“ Auch auf Nachfrage schreibt Jentsch von einem „konstruktiven und zielführenden Gespräch“.

Martin Thiele übt dagegen scharfe Kritik: „Der Verein ließ sich auch in einem einstündigen Gespräch nicht davon abbringen, mit zwei (!) Wagen an unserer Demonstration teilnehmen zu wollen. Es wurde explizit formuliert, dass wir sie entweder mit Wagen teilnehmen lassen oder sie mit einer eigenen Demo einige Minuten hinterher ziehen. Um dies zu verhindern, sind wir schweren Herzens den Kompromiss eingegangen, den Verein erneut mit einem Wagen an unserer Demonstration teilnehmen zu lassen. Von einer Zusammenarbeit möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen, eher von einer uns aufgezwungenen Teilnahme ihrerseits und zähneknirschenden Duldung unsererseits.“

Diese Schilderungen erinnern an das Vorgehen in Merseburg wenige Wochen vorher, wo der Verein nach einem vermeintlichen Ausschluss vom CSD, zwischenzeitlich ebenfalls einen zweiten CSD anmeldete. Auch im Fall des CSD Halle ist das lokale Team möglicherweise vom CSD Sachsen-Anhalt unter Druck gesetzt wurden, um in gewünschter Form präsent zu sein.

Trotz der Absage des CSD Halle nimmt der Verein letztlich mit einem Wagen teil. 
Foto: Leopold Hartung
Trotz der Absage des CSD Halle nimmt der Verein letztlich mit einem Wagen teil.
Foto: Leopold Hartung

Eine Zubringerdemo wird zur Gefahr für ihre Teilnehmer*innen

Auch eine von Jentsch und seinem Team angemeldete Zubringerdemo zum CSD Halle wegen rechter Gegenproteste wird kritisiert. Hierzu findet der CSD Halle deutliche Worte: „Die Anmeldung war weder mit uns noch mit dem Bündnis gegen Rechts abgesprochen. Der Verein konnte bei der Anmeldung keine Kenntnis über die Gegenproteste haben.“ Erst nach einem Hinweis hätten Absprachen stattgefunden. Jentsch weist den Vorwurf, keine Kenntnis gehabt zu haben, zurück.

Dagegen spricht, dass die vorab veröffentlichte Route der Zubringerdemo über den „Boulevard“ führte – und damit laut Medienberichten genau in die Arme einer rechtsextremen Versammlung gelaufen wäre. Das sich dort niemand befand, liegt wohl einzig an der geringen Teilnehmerzahl des Gegenprotests, der schon am Bahnhof blockiert wurde. Ansonsten wären die sich sicher wähnenden Teilnehmenden der Zubringerdemo wohl einer höheren Gefahr ausgesetzt gewesen, als wenn sie einen Bogen um die Route gemacht hätten.

Will sich der Verein andere CSDs „einverleiben“?

Kurz vor dem CSD in Halle taucht plötzlich ein neuer Instagram-Account namens „csd_halle“ auf. Es handelt sich nicht um den seit Jahren bestehenden Account des lokalen CSD, sondern um die Präsenz des „CSD Halle e.V.“. Der Verein ist bis dahin unbekannt. Er steht dem CSD Sachsen-Anhalt nahe. Was war passiert?

Instagram-Auftritt des neu gegründeten ‚CSD Halle e.V.‘ (Stand: Februar 2026)

Für Jentsch ist der Account eine berechtigte Reaktion auf das Statement des CSD Halle und den beendeten „Waffenstillstand“: „Daher war es für unsere Mitglieder in Halle notwendig, sich eigenständig sichtbar zu machen. Ziel war nie, Parallelstrukturen aufzubauen oder den CSD Halle zu übernehmen. Vielmehr ging es darum, den dortigen Mitgliedern, die sich im Orga-Team nicht willkommen fühlten, trotzdem eine Möglichkeit zur Beteiligung zu geben.“ Der CSD Halle stellt das in Frage. Er schreibt: „Immer wieder kommt es zu Verwechslungen mit den eigentlichen CSD-Strukturen. Dies ist kein Zufall, sondern wird vom CSD Sachsen-Anhalt damit bewusst herbeigeführt. Hier geht es scheinbar darum, Verwirrung zu stiften und die eigenen Interessen durchzusetzen – natürlich zum Leidwesen der regionalen Orga.“

Auf die Frage, ob er durch die neue Präsenz den Versuch zu provozieren oder die Schaffung einer Parallelstruktur sehe, schreibt er: „Ich kann beides nur bejahen. Hier folgt der Verein seinem gängigen Playbook der Verdrängung und/oder Einverleibung regionaler Strukturen.“

Tatsächlich lässt sich in der Namensgebung des „CSD Halle e.V.“ und seiner Online-Präsenz eine auffällige Ähnlichkeit zum eigentlichen CSD Halle erkennen. Dazu kommt, dass der Verein völlig aus dem Nichts auftauchte, man sich zwischendurch bewusst für eine zweite Demo entschied und möglicherweise Druck auf das lokale Team ausübte. Auch der Anspruch als „Landesverband“ alle CSDs zu vertreten, ist Teil des Gesamtbildes. Damit scheint der Vorwurf, einen zweiten CSD etablieren zu wollen, zumindest nicht aus der Luft gegriffen. Blickt man in das Impressum des Vereins, liest man: „CSD Sachsen-Anhalt ist ein Projekt zur Bündelung der regionalen CSDs in Sachsen-Anhalt“. Ein Satz, der viele Interpretationen zulässt.

Vom Böhmermann-Statement zur Strafanzeige

Neben den Konflikten mit anderen CSDs gibt es auch mit der Politik Unstimmigkeiten. So entbrennt im Juli in Köthen ein Streit um Auflagen des Landkreises zum CSD. Es geht unter anderem um die Platzierung von Versorgungsständen. Der Verein fordert von der Oberbürgermeisterin, eine Sondernutzung zu genehmigen und so die Stände direkt neben dem CSD zu ermöglichen. Die OB, Christina Buchheim (Die Linke), lehnt das ab und verweist darauf, dass sie keine Entscheidungen gegen die Auflagen des Kreises treffen könne. Das Verwaltungsgericht Halle kippt die Auflagen des Kreises später.

Doch der Streit mit der OB geht weiter. So werfen Jentsch und sein Team ihr in einem Statement unter anderem eine „Blockadehaltung“ vor. Die Tatsache, dass die Auflagen vom Kreis stammen, bleibt unerwähnt.

Außerdem werden mehrere harsche Kritikpunkte aufgeführt – ohne Einordnung, an wen genau sie sich richten. Erst in einer Pressemitteilung wird deutlich, dass die Kritik vor allem der Behörde des Kreises gilt. Auch Jan Böhmermann, der in der Vergangenheit mit Olli Schulz für den CSD Köthen Spenden sammelte, teilt das Statement. Schließlich eskaliert der Streit so weit, dass die OB erst die zukünftige Zusammenarbeit mit Jentsch und seinem Team ausschließt und schließlich Strafanzeige gegen sie erstattet. Auf Anfrage bestätigt die Stadt Berichte, wonach Jentsch und sein Team das Handeln der Stadt als „diskriminierend, ausgrenzend und menschenverachtend“ bezeichnet hätten. Ob deshalb die Anzeige erstattet wurde, ist unklar.

Ein gemeinsamer Wunsch

Der Umgang mit Spenden, das Auftreten als „Landesverband“ in großen Medien, der Druck auf kleinere lokale CSDs, die Strafanzeige und der Machtmissbrauch sind nur einige der Vorwürfe, die gegen den Verein im Raum stehen. Mehr dazu hier. Doch in einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Gerade in der aktuellen Situation, wäre eine geeinte Community wichtiger denn je.


Alle Parteien wünschen sich eine Community, die sich auf den Kampf für ihre Rechte konzentrieren kann. Nach den Vorkommnissen weiter zu schweigen, ist für die unabhängigen CSDs aber keine Option mehr. Foto: Leopold Hartung

Über die Situation weiter zu schweigen ist für Martin Thiele vom CSD Halle aber keine Option mehr: „Uns haben immer wieder Nachrichten aus der Community erreicht, dass wir uns nicht spalten und Konflikte intern klären sollten. Ich möchte betonen, dass dieses Verhalten des Vereins bereits seit Jahren besteht und es mehrere interne Klärungsversuche gab. Dabei hat der Verein unser Bemühen, nach außen als geeinte Community aufzutreten, als Deckmantel für die eigenen Machtbestrebungen genutzt. Da wir diesen Konflikt nach Jahren des communityschädigenden Verhaltens nun nicht mehr unter den Teppich kehren wollen, geht der Verein nun noch aggressiver gegen Kritiker*innen vor. Dies zeigt die Zuspitzung hier in Halle.“


  1. Anmerkung: Es sind tatsächlich zu diesem Zeitpunkt acht von zwölf. ↩︎

Teil 2 der Recherche: https://transit-magazin.de/konfrontationskurs-in-merseburg/

Teil 3 der Recherche: https://transit-magazin.de/csd-sachsen-anhalt-was-an-den-vorwuerfen-aus-dem-burgenlandkreis-dran-ist/

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