„Don’t call the police“

20 Jahre ohne Aufklärung - Teil 3

Radio Corax sprach am 7. Januar bei der jährlichen Gedenkdemonstration an Oury Jalloh in Dessau mit der Roten Hilfe.

Dieses Interview war Teil einer Sondersendung zum 20. Todestag von Oury Jalloh bei Radio Corax und wurde für die Verschriftlichung redaktionell bearbeitet (Hier lässt sich der originale Beitrag nachhören). 

Radio Corax: Warum bist du heute hier?

Rote Hilfe: Mein Name ist Hartmut, ich bin von der Roten Hilfe. Wir unterstützen die Initiative schon seit vielen, vielen Jahren, seit einem ersten Treffen in Hannover, das war glaube ich schon 2007 oder 2008. Und wir haben nach langen Jahren, wo die Demonstrationen immer relativ klein waren, mal eine große Kampagne gemacht.

Und das hält scheinbar auch bis heute. Also sogar an einem Arbeitstag kommen, ich würde mal sagen, knappe 1.300 Leute hier nach Dessau.

Radio Corax: Und du hast es gerade schon gesagt, die Rote Hilfe unterstützt die Kampagne in Gedenken an Oury Jalloh schon sehr lange. Warum ist es für euch so wichtig, als Rote Hilfe diese Kampagne zu unterstützen?

Rote Hilfe: Nun, es ist ein rassistischer Überfall gewesen und es ist eine Kampagne die sich einfach für Gerechtigkeit und ein Ende der Polizeigewalt einsetzt. Außerdem  war es eine der ersten Initiativen, die überhaupt klar diese Brutalität benannt und sichtbar gemacht hat. Sie hat mit ungeheuren Anstrengungen und eigenen Mitteln diese Gutachten produziert und Beweise gesammelt.
Und selbstverständlich ist das für uns ein wichtiges Thema. 

Radio Corax: Wir stehen jetzt heute hier, es ist der 20. Todestag von Oury Jalloh. Es gibt immer noch keine Aufklärung. Wie hinterlässt euch das? 

Rote Hilfe: Nun, ehrlich gesagt, wir sind von der Roten Hilfe, wir kennen das Justizsystem schon ziemlich lange und ziemlich gut.
Wir haben keine großen Hoffnungen, dass die von sich selber aus zu irgendeiner Art Aufklärung beitragen. Das haben wir ja auch bei dem letzten großen Skandal um Mouhamed Lamine Dramé gesehen, wie schrecklich das ausgegangen ist. Und dass ein Polizist nach so einem Mord, sage ich das tatsächlich, einfach wieder freigesprochen, nicht nur freigesprochen, sondern auch Beamter werden kann?

Das ist eine Unglaublichkeit! Aber das kennen wir schon lange und wir setzen darauf, dass die Leute sich weiterhin selbst organisieren, selbst versuchen, Dinge zu benennen, einzugreifen, aufzupassen, Augen aufzumachen, Ohren aufzusperren und sich immer gegen das Unrecht zu wehren, wo auch immer ihnen das begegnet.

Radio Corax: In einem Redebeitrag, den ihr gerade gehalten habt, da seid ihr ja auch nochmal darauf eingegangen, dass man sich einfach nicht auf die Polizei verlassen kann und eben dieses „Don’t call the police“. Was denkt ihr denn, sollte man dem entgegensetzen? Wie kann man, vielleicht auch aus der Position der Roten Hilfe, solidarisch sein gegen dieses rassistische System der Polizei und der Gerichte?

Rote Hilfe: Dieses „Don’t call the police“ kommt daher, dass in vielen der letzten Fälle, die uns begegnet sind, psychisch kranke Menschen, die alleingelassen wurden und die die Polizei einfach erschießt, weil sie aus irgendeinem Grund denkt, sie kommen damit gut weg. Man kann darüber viel spekulieren, ob das aus rein rassistischen Gründen ist oder aus der Verachtung gegenüber Armen und kranken Menschen oder was auch immer dieses Menschenbild ist.

Das „Don’t call the police“ ist vor allem ein Appell an Leute, die sich um solche Menschen kümmern und mit denen zusammenwohnen. Es ist immer gefährlich, die Polizei zu rufen, wenn Menschen krank sind und wenn sie dann auch noch People of Color sind, dann kann es tödlich sein. Das haben wir in Niedersachsen jetzt dreimal in diesem Jahr erlebt. Und es sind wahrscheinlich mehr Menschen umgekommen, von denen wir gar nicht wissen.

Aber es waren immer Geflüchtete, Schwertraumatisierte, fast noch Kinder, die von der Polizei einfach so erschossen wurden. Und unser Appell ist, kümmert euch um die Leute und ruft auf gar keinen Fall die Behörden zu Hilfe, weil sie euch nicht helfen werden. 

Radio Corax: Möchtest du noch etwas sagen, was dir noch auf dem Herzen liegt?

Rote Hilfe: Ich grüße euch alle und kommt zur nächsten Demo, auch wenn es an einem Wochentag ist. Sie findet immer am 7. Januar statt, am Todestag von Oury Jalloh. Man kann das lange im Voraus planen. Das wäre schön, wenn wir das nächste Mal wieder vielleicht ein paar mehr werden. Wir schauen. Wir tun unser Bestes.
Ansonsten wird die Rote Hilfe euch natürlich immer unterstützen, wenn ihr Hilfe und Unterstützung braucht bei Begegnungen mit den Behörden.


Foto: Dani Luiz

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