Dinge
Es ist kurz nach fünf als der Zug im Städtchen hält.
M. holt mich am Bahnhof ab. Wir umarmen uns wie echte Männer, große ausladende Geste, Kopf nur kurz auf der Schulter ablegend. Er klopft mir dreimal auf dem Rücken und sagt mir, dass ich gut aussehen, wie ein echter Rockstar. Das Auto ist neu, ein 5-Sitzer. Das alte roch zu sehr nach Gras „und das obwohl ich seit bestimmt drei Jahren nicht mehr kiffe“ – sagt M. „Kannst du hinten einsteigen? Ich hab den Kindersitz noch vorne.“
Auf dem Rücksitz überlege ich krampfhaft nach Synonymen fürs kiffen. Dübeln, den Jürgen anrufen, einen Yufka essen, nach den Knospen sehen.
Zu Weihnachten vor sieben Jahren oder so, haben wir gemeinsam Hasch-Kekse backen zusammen, wir sollten alle was mitbringen, von verschiedenen Quellen. So wie heute, hatte ich absolut keine Ahnung davon, also habe ich einfach bei jemanden angerufen, der so aussah, als hätte er Gras da. Er meinte, was dass solle und das man das nicht so macht und wann ich vorbeikommen will. M., ich und noch jemand anderes haben damals viel zu viel in die Kekse reingetan, bestimmt so sieben Gramm. Eigentlich wollten wir uns noch ein paar aufheben, aber die Wirkung setzte erst nach ein paar Stunden ein. Wir saßen vollkommen paralysiert auf dem Sofa, währenddessen lief auf DMAX eine Reportage über Menschen die beim Ausführen ihres gefährlichen Hobbys fast gestorben wären und ich erinnere mich daran wie eine Frau beim Wildwasserrafting in Kanada aus dem Boot gekippt ist und unter einen Stein gespült wurde. Mindestens Siebzig Mal haben sie diese Szene eingespielt, bis ich irgendwann mal dachte, ich wäre die Frau, oder der Fels oder das Wasser. In meine Paralyse sagte M. irgendwann- „ich will hier unbedingt raus. Raus aus dem Scheißkaff.“ Nach einer kurzen Pause dann „kommst du mit?“
Bevor wir zu der Veranstaltung fahren, weswegen wir hier sind, besuchen wir unsere alten Schule. Offenbar finden gerade Ferienkurse statt, denn die Eingangstür ist nur angelehnt. M. zeigt mir nochmal die Orte, an denen er als Siebzehnjähriger früher einen Blowjob bekommen hat.
Mittendrin, wir sind in unserem alten Geschichtszimmer, klingelt sein Handy. Seine Frau ist dran. Hannes ginge es gerade nicht gut, ob er ihm am Telefon was vorsingen könnte. Er geht kurz aus dem Raum raus, ich höre dumpf seinen beruhigenden Singsang durch die sicher-nicht-so-brandschutzsichere Holz Tür.
Wir kommen beinahe pünktlich auf der Klassenfeier an. Auf dem Vierseitenhof auf dem die Party stattfindet, haben wir schon viele Familiengeburtstage gefeiert. Als wir durch den Eingangsbereich kommen, stehen schon ein paar (jetzt) Männer mit und ohne Bärte im Kreis und drucksen etwas herum. Im Vorfeld hab ich mich eigentlich schon gefreut hier zu sein, mal „alle“ wieder zu sehen- so schlimm wird es schon nicht sein.
Nach zehn Jahren war die Hälfte schonmal in Japan, arbeiten bei Baufirmen, in Medienagenturen, als Lehrerinnen, im Ingenieurbüro. Von dem was sie beschreiben, haben eigentlich alle den gleichen Job. Anscheinend muss viel kommuniziert werden, zwischen verschiedenen Ebenen. Das ist sehr anstrengend, eigentlich wollte man nie einen vierzig Stunden Job, aber die meisten Arbeitgeber bieten das nicht an. Die meisten sind „hier“ geblieben- namentlich Dresden, Leipzig, Halle, Chemnitz, Erfurt. Ein paar sind aufs Dorf gezogen. Die die in der Kleinstadt geblieben sind, sind heute nicht da. Mehr als eine handvoll sind verheiratet, Kinder gibt es auch schon. Beim Essen kann zwischen vier verschiedenen Gerichten gewählt werden. Eins davon vegetarisch. M. und ich versuchen den ganzen Abend dem Bundeswehr-Typen auszuweichen, so richtig gelingt uns das leider nicht.
Es werden Videos vom letzten Schultag vor 10 Jahren gezeigt, von der Abi-Woche- dann noch ein Video was wir in der 9.Klasse gedreht haben, wir portraitieren auf witzige Weise ein paar Lehrer von damals.
Gegen Zehn Uhr drängen die meisten zum Aufbruch. Da ich heute bei meinen Eltern übernachte, nimmt mich M. noch ein Stück mit und lässt mich da wieder raus wo er mich aufgesammelt hat. Du kommst selbst nach Hause? fragt er mich. Ich nicke. „Sag liebe Grüße“ sag ich zum Abschied. „Du auch,“ sagt M.
Im alten Post-, dann Bahnhofs-dann lange Leerstand-mit-nichtuneindeutigen-Graffitis-Gebäude, entstehen jetzt neue Wohnungen für Yuppies. Westpreise denk ich mir. Ich glaube eine Synapse ist gerade geplatzt.
Der letzte Bus ist nicht wirklich voll, aber einige der Menschen, die drinnen sind, dafür schon. Einer lallte, erzählt das Hitler mal hier war, früher, irgendwann vor ´33 und dass er, also Hitler, angeblich in dem Haus geschlafen hätte, wo er, also der Typ, jetzt wohnt. Scheiß Ossis, denke ich, halt dein Scheiß-Ossimaul, denke ich mir. Dann google ich kurz, kann aber nichts finden. Hätte man das hier nicht sowieso ein bisschen mehr an die sogenannte große Glocke gehangen und da ein Airbnb aufgemacht und ein süßes Hinweisschild in Sütterlin? Hitler war mal hier und – surprise – irgendwie ist er das manchmal noch immer, Fenster bitte nur auf Kipp, keine Gäste mitbringen, aufpassen beim Toilettenabzug. Schönen Aufenthalt.
Als ich aus dem Bus aussteige, hat es bereits angefangen zu hageln. Gibt es noch Wetterphänomene im September? 40 Minuten sind es zu Fuß zu meinem Elternhaus. „Kleines Dorf, letztes Haus vor der thüringischen Grenze,“ hab ich früher im geantwortet, als ich im Studium und später auf Reisen gefragt wurde, wo ich herkomme.
Als ich den Schlüssel ins Schloss setze, habe ich plötzlich dieses Bedürfnis den Raum aufzusuchen.

Grafik: Anja Zeilinger
„Das verbotene Zimmer“ ist 140qm groß. Nur wenige Menschen haben dieses Zimmer jemals von innen gesehen. Es ist immer verschlossen. Wenn Gäste kommen, sage ich, „das war mal unser großer Feierraum.“ Und was ist da jetzt drin? „Dinge,“ sage ich und versuche meist das Augenmerk auf was anderes zu lenken. Alle „Dinge“, die ich jemals besessen habe, die sich meine Mutter nicht getraut hat wegzuschmeißen, stapeln sich im ehemaligen großen Feierraum. Die Tischtennisplatte merged mit dem alten Röhren-Fernseher meiner Großeltern, den alten Vasen aus der ersten Wohnung meiner Eltern, die Sperrholzschränke sind gefüllt mit alten, doppelten Ausgaben von meinen und K.s lustigen Taschenbücher, außerdem unsere Schulsachen. Mein altes Bobbycar, dass ich zum siebten Geburtstag bekommen habe.
Auf der Tischtennisplatte liegen Koffer und Familienalben. Ich versuche noch einen Platz auf der Platte zu finden und schlage das Album auf. Ich entdecke ein Bild vom Dänemark-Urlaub- Ich bin so groß wie das Holzpaddel, das ich halte und grinse in die Kamera. Auf dem Bild sind auch zu sehen: K., mein Vater, mein Onkel. Nicht zu sehen: die 15 Liter Ostseewasser irgendwo zwischen Deck und Knöcheln, die Eimer, die Anstrengung und Verzweiflung in den Gesichtern der Erwachsenen. Danach gibt es Suppe, ich komme auf die Veranda und lecke den großen Löffel ab, der mal für alle gedacht war. Danach spiele ich im Hochbettzimmer Yu-Gi-Oh mit K. Die Erwachsenen ruhen sich aus. Wovon denn eigentlich? Nach der Mittagspause will ich nochmal raus aufs Meer, aber das ist jetzt nicht mehr da, wo es vorher war. Warum waren wir eigentlich nie wieder dort? Ich höre eine Tür von oben. „Bist du wieder da?“ fragt eine Stimme von oben. Ich antworte nicht. Wie fühlt es sich wohl an, ein Bobbycar zu sein?
David Süß
David Süß (*1997 in Werdau, Sachsen) kam zur Welt als Time to say goodbye auf Platz 1 der deutschen Singlecharts stand. Schreibt Prosa & Lyrik, wohnt in Leipzig und gräbt dort gern den Kleingarten um. Sein Lieblingswerkzeug ist der Idealspaten.@frvdj

