„Die Unterstützung, die uns erreicht, ist ermutigend“
Ein Gespräch mit dem CSD Halle über die Lage nach der Wahl und die Demo am Samstag
Der Wahlsieg der rechtsextremen AfD trifft die queere Community besonders hart. Martin Thiele vom CSD Halle über die Reaktionen aus der Community, die Auswirkungen für queere Menschen und das Programm zum CSD am Samstag. Außerdem berichtet er von einer angekündigten Gegendemo am Bahnhof. Halle gegen Rechts mobilisiert dagegen. Zur Pride wird dieses Jahr aus ganz Deutschland mobilisiert.
Transit: Zu Beginn eine persönliche Frage: Was waren Ihre ersten Gedanken, nachdem Sie das Wahlergebnis gesehen haben?
Thiele: Wahrscheinlich, wie bei vielen anderen auch, erstmal ein Erschrecken und ein Schock. Dass es ein unschönes Ergebnis wird, war ja erwartbar, dass es aber auf mehreren Ebenen so ungünstig verläuft, hatte ich nicht erwartet. Irgendwie saß ich davor und musste erstmal durchatmen und das Ganze sacken lassen. Dieser Zustand hat noch einige Tage angehalten.
Transit: Welche Signale bekommen Sie jetzt aus der queeren Community?
Thiele: In der ersten Zeit ähnliches: Aus der Community selbst pure Angst. Bei den entsprechenden Vereinen gibt es massive Besorgnis um die Finanzierung von Beratungsangeboten. Das schwingt jetzt aber um. Jetzt steht der CSD an und wir bekommen sehr viel Zuspruch und Solidarität. Nicht nur aus der Community, sondern auch aus der Zivilgesellschaft. Ich habe das Gefühl, jetzt entsteht ein Widerstandsgeist und das vitalisiert uns ein Stück weit. Das ist auch das Signal, was wir am Samstag senden wollen.
Transit: Blicken wir drauf, was die AfD im Falle einer Regierungsverantwortung für queeres Leben in Sachsen-Anhalt plant. Im Wahlprogramm schreibt sie von einer „LGBTQ-Lobby“, will die Gleichstellungsbeauftragte abschaffen, Regenbogenflaggen an Schulen verbieten und behauptet, dass die Gebote der Regenbogenideologie eine „Gesinnungsdiktatur begründen“ würden. Wie werden Sie als Vertreter der queeren Community mit einer solchen Partei umgehen? Sprechen Sie überhaupt mit ihr?
Thiele: Das weiß ich nicht, wenn ich ehrlich ich bin. Wir haben uns natürlich Szenarien angeschaut, wie wir damit umgehen. Aber wie das dann passieren wird, kann ich noch nicht wirklich sagen. Es gibt einige Szenarien in meinem Kopf mit ganz simplen Momenten: Angenommen wir haben einen AfD-Sozialminister und er kommt bei der Aids-Hilfe vorbei, um uns einen Zuwendungsbescheid zu übergeben: Gebe ich ihm dann die Hand? Will ich auf einem Foto mit ihm sein? Wir haben nach der Wahl eine Krisensitzung gehabt und beschlossen, das situativ zu entscheiden. Wir stecken im Zwiespalt: Einerseits wollen wir natürlich unsere Angebote aufrechterhalten. Andererseits wollen wir uns nicht verbiegen. Es wird ein schwieriger Spagat.
Transit: In ihrem Wahlprogramm greift die Partei queeres Leben scharf an. Sie schreibt: „Sexuelle Abweichungen und nicht reproduktive Lebensweisen genießen mittlerweile mehr Akzeptanz und werden offensiver beworben als das normale Familienbild aus Mann und Frau.“ Außerdem heißt es, man wolle die Themen Familie und Kinder wieder in den Mittelpunkt von Kampagnen der Landesregierung stellen und in der Bildung priorisieren. Ein Kapitel trägt sogar den Titel: „Eine Förderpolitik ohne Regenbogen“.
Aktuell wird Lambda Mitteldeutschland, einer der Organisatoren des CSDs, noch vom Land gefördert. Der Bundesverband hat die Fördermittel von der Bundesregierung schon entzogen gekriegt. Auch die beiden anderen Organisatoren, BBZ Lebensart und die Aidshilfe, werden vom Land unterstützt. Wie würden sich Kürzungen auf Ihre Arbeit auswirken?
Thiele: Wir als Aids-Hilfe haben einen Jahreshaushalt von 350.000 Euro für vier Personalstellen. Etwa drei Viertel davon kommt über das Land. Das sind enorme Summen, die wir auftreiben müssten. Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Es gibt Fonds und Stiftungen, die sich der Situation bewusst sind, aber wir sind nicht der einzige Verein im Land. Ganz oben auf der Abschussliste stehen wohl Vereine mit kritischer zivilgesellschaftlicher Arbeit. Wir machen auch noch Präventionsarbeit, deswegen weiß ich nicht, wie weit vorne wir stehen. Es gibt auch ein Kapitel über die vermeintliche Frühsexualisierung und Angebote der sexuellen Bildung, die nicht mehr stattfinden sollen. Genau solche Angebote halten wir vor. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir auch betroffen wären. Unsere Geschäftsstelle wäre dann nicht mehr zu halten und hauptamtliches Arbeiten schwer vorstellbar. Wir würden natürlich versuchen, die Vereinsarbeit weiter zu leisten, aber es wäre ein fundamentaler Einschnitt.
Transit: Kommen wir zur Demonstration am Samstag. Schon letztes Jahr gab es Unsicherheiten in Bezug auf die Sicherheit der Versammlung. Zwar gibt es dieses Jahr laut dem Bündnis gegen Rechts noch keine Neonazi-Mobilisierung, aber der queerfeindliche Anschlag in Berlin und der Ausgang der Wahl dürften bei Einigen für Unbehagen sorgen. Wie stellen Sie sicher, dass die Versammlung ohne Probleme stattfindet?
Thiele: Wir stehen in engen Kontakt mit Versammlungsbehörde und Polizei, die auch sehr kooperativ sind und in den letzten Jahren schon alles versucht haben, um unseren CSD sicher durch die Stadt zu begleiten. Vor allem nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg wurden die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft. Schon letztes Jahr wurden Zufahrtssperren installiert und das wird in diesem Jahr wieder passieren.
Außerdem stehen wir im engen Kontakt mit Halle gegen Rechts. Ich habe aktuell die Information, dass es eine angemeldete rechte Gegendemo am Hauptbahnhof geben wird. Das hatten wir in den letzten Jahren aber auch. Es waren in der Regel eher eine Handvoll Neonazis, die laufen wollten, es aber nicht konnten, weil sich entweder die Zivilgesellschaft entgegengestellt oder die Polizei das nicht zugelassen hat. Ich gehe von einem ähnlichen Szenario aus und glaube nicht, dass davon eine Bedrohungslage ausgeht. Was aber nach wie vor eine Bedrohungslage ist, sind versprengte Neonazis, die in der Stadt unterwegs sind und Leute angreifen wollen, die zum CSD kommen oder nach Hause gehen wollen.
Transit: Dieses Jahr steht die Demo unter dem Motto: „Solidarität lässt sich nicht abwählen!“ Ab 11 Uhr geht es los mit einem Straßenfest auf dem Marktplatz. Wie sieht der Fahrplan für den Tag aus?
Thiele: Wir beginnen, wie im letzten Jahr, um 11 Uhr auf der unteren Marktplatzhälfte. Dort ist die Bühne, sind die Stände und die LKWs für die Demonstration. Außerdem wird der Oberbürgermeister als Schirmherr die Veranstaltung eröffnen. Es wird Worte der Organisator*Innen und der Queerbeauftragten der Bundesregierung geben, auch die Landesgleichstellungsbeauftragte wird sprechen. Gegen 13 Uhr wird die Demo auf dem Marktplatz starten. Die Strecke ähnelt dem letzten Jahr: Wir werden über das Steintor, die Ludwig-Wucherer-Straße und Geiststraße ziehen. Am Moritzburgring biegen wir allerdings ab und laufen an der Oper vorbei, denn wir haben dieses Jahr Unterstützung durch das Opernhaus. Es werden einige Künstler*innen aus dem Opernhaus Songs präsentieren und es wird vom Balkon des Opernhauses Redebeiträge geben, also sehr aufregend. Danach geht es über die Große Steinstraße zurück zum Markt. Dort gibt es bis zum Abend Programm, unsere Forderungen werden nochmal vorgestellt und man kann über den Marktplatz ziehen und sich nicht nur queere, sondern auch andere zivilgesellschaftliche Vereine anschauen und mit ihnen ins Gespräch kommen.
Transit: Solche Veranstaltungen zu organisieren ist viel Arbeit. Die Kombüse-Party als Afterparty am Samstag sucht noch Unterstützende. Wissen Sie, ob an anderen Stellen noch Support gesucht wird?
Thiele: Es werden gerade für den Auf- und Abbau auf dem Marktplatz Leute gesucht. Wer hilft, bekommt Freikarten für die Kombüse-Party. Und die Kombüse selbst sucht Leute, die dort mit aufbauen, betreuen und unterstützen. Wir als Organisator*innen der Demo sind aber gut versorgt.
Transit: Braucht man dafür eine Qualifikation?
Thiele: Es findet sich immer eine Rolle. Ich glaube nicht, dass es da Einschränkungen gibt.
Transit: Am Samstag gehen die Pride Weeks, in die zweite Hälfte. Im Programm ist bis nächsten Sonntag allerlei geboten. Unter anderem gibt es eine Spielnacht, ein Quiz, Angebote zur Selbstfürsorge, Filme, Lesungen und Vorträge. Worauf freuen Sie sich am meisten? Was können Sie uns ans Herz legen?
Thiele: Das wird jetzt ganz egozentrisch: Am Dienstag um 18 Uhr halte ich im Wahlkreisbüro von Hendrik Lange einen Vortrag zu AIDS Act Up und Queer Politics. Es wird darum gehen, historisch auf die Aids-Krise zu schauen und wie Queer Theory und queere Politiken aus der Aids-Krise hervorgegangen sind. Das wird ein bisschen akademisch, aber auch eine Bewegungsgeschichte, die man, wie ich finde, als queere Person kennen sollte. Ich freue mich drauf, das präsentieren zu können, weil mir das auch am Herzen liegt. Ich hoffe wirklich, dass viele Leute vorbeikommen und mit mir diskutieren, ins Gespräch kommen und im besten Fall ein bisschen was mitnehmen. Weil ich auch glaube, dass man aus der historischen Situation, vor allem aus der Aids-Krise, die Queers überlebt haben, viel zu lernen ist für die heutige politische Situation. Deswegen ist es wichtiger denn je, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen.
Transit: Gibt es noch etwas, dass Sie loswerden möchten?
Thiele: Ich freue mich auf den CSD. Die letzten Tage waren hart wegen der Wahlergebnisse und der damit einhergehenden Sorgen. Aber gerade die Unterstützung, die wir aus der Community und der Zivilgesellschaft erhalten haben, ist ermutigend. Es gibt Mobilisierungsaufrufe aus ganz Deutschland. Sowas spendet Trost. Und ich freue mich auf den Samstag: Ich freue mich auf die widerständige Stimmung, das Empowerment, was damit einhergeht und dass wir dann ein starkes Signal senden können. Deswegen hoffe ich, dass so viele Menschen wie möglich uns unterstützen und auch für sich Kraft mitnehmen können, um die nächsten Jahre gut zu überstehen.

