Bild: Unbekannt, gemeinfrei

Die Leute verlassen die Burg

Zum offenen Brief aus den Zeitbasierten Künsten

In einem offenen Brief erheben Studierende der halleschen Kunsthochschule schwere Vorwürfe gegen Lehrpersonen aus den Zeitbasierten Künsten. Warum individuelle Schuldzuweisungen dabei nur der Anfang sein dürfen.

Info

Das Studentenwerk Halle bietet unter anderem eine Psychosoziale Beratung für Studierende an, die anonym und unter Achtung der Schweigepflicht abläuft: studentenwerk-halle.de/beratung-soziales/psychosoziale-beratung/beratungsangebote

Auch Studierende der Burg Giebichenstein dürfen aufgrund einer Kooperation die kostenlose Rechtsberatung des Stura der Uni Halle wahrnehmen. Dort können etablierte und unabhängige Anwälte Rechtsfragen beantworten. Weitere Infos und Termine unter: stura.uni-halle.de/rechtsberatung/

Wenn auf Jahresausstellungen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein nicht gerade Fäuste fliegen, dann sind diese und ähnliche Veranstaltungen vor allem eins: Orte der Produktion bürgerlicher Kunst, an denen definiert, erprobt und bewertet wird, inwieweit Kunst verwertbar ist. Das ist kein bloßes Ritual, sondern für die Studierenden sehr materiell: Ihre Kunst wird einem größeren Publikum präsentiert, es entstehen Gespräche und Netzwerke, die für das Navigieren auf dem Kunstmarkt und der Verwertung der eigenen Arbeitskraft essentiell sind.

Nicht alle Kunststudierenden schaffen es auf Ausstellungen – das kann viele Gründe haben, für die anonymen Verfasser*innen eines offenen Briefs sind es strukturelle. Sie schreiben über ihre Erfahrungen in der Klasse Zeitbasierte Künste (ZBK), über jahrelange psychologische Gewalt und Ausgrenzung durch eine Professorin und ihr Team und über fehlende Kontrolle durch die Hochschulleitung. Mehrere Studierende der Zeitbasierten Künste ordnen das Schreiben uns gegenüber als authentisch ein, äußern gleichzeitig aber Zweifel an einigen Behauptungen. Es sei auch unklar, inwieweit die Verfassenden für die gesamte Klasse sprechen könnten. Wir hatten Kontakt zu einer Person aus dem Autor*innenkollektiv.

Ermessensspielräume

Studierende, die von der Klassenleitung als „schwierig“ identifiziert werden, würden systematisch ausgeschlossen von künstlerischen Prozessen und der Klasseninfrastruktur, heißt es im Schreiben. So gäbe es willkürliche Ausschlüsse von Ausstellungen, Klassenveranstaltungen, künstlerischer Betreuung und E-Mail-Kommunikation. Besonders das willkürliche Nichtausstellen von Leistungsscheinen sei existenziell für die Studierenden, da so der BAFöG-Anspruch entfallen kann. Auch Mails zu anonymen Lehrveranstaltungsevaluationen, wie sie an anderen Hochschulen Standard sind, seien nicht an Studierende der Zeitbasierten Künste weitergeleitet worden.

Während die von mehreren Quellen bestätigte Praxis des bewussten Vorenthaltens von Lehrveranstaltungsevaluationen an normalen Hochschulen und Unis so manchen in Alarmbereitschaft versetzen würde, fällt die Reaktion im Burg-Umfeld gedämpft aus: Die Hochschul-Pressestelle geht nicht spezifisch auf die Vorwürfe ein und kündigt an zu prüfen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass systematische und anonyme Lehrveranstaltungsevaluationen erst vor wenigen Jahren an der Burg gegen Widerstände mehrerer Professor*innen eingeführt wurden. Womöglich handelt es sich beim Nicht-Weiterleiten durch die Klassenleitung also eher um einen Ausdruck vorherrschender Mentalitäten als um ein aktives Vertuschen. Ein schwerer Eingriff in die Rechte der Studierenden, wie der offene Brief es benennt, bleibt es dennoch.

Weiterhin schreiben die Verfasser*innen vom rassistischen Verhalten eines Werkstattleiters. Mehrere ZBK-Studierende, mit denen wir gesprochen haben, konnten das nicht bestätigen, hielten es aber für möglich. Eine am Schreiben beteiligte Person, die anonym bleiben will, beschreibt den Mitarbeiter hingegen als aktiv bedrohlich.

Die Gesamtsituation in den Zeitbasierten Künsten führe zu hoher Fluktuation und vielen Abbrüchen oder Wechseln des Fachs. Mindestens 20 Personen, Mitarbeiter*innen wie Studierende, hätten die Klasse nach schweren Konflikten verlassen, so eine der Verfasser*innen des Briefs. Es handele sich dabei um eine andere Qualität als in anderen Studiengängen der Burg. Der Burg-Stura sammelt derzeit mehr Statements von ZBK-Studierenden, um das Ausmaß der Situation einzuschätzen.

Klassen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein unterscheiden sich wesentlich von Uni-Seminaren [Symbolbild, AsteroidComet, CC BY-SA 4.0]

Die Klassenleitung als Disziplinarmacht

Klassen im Burg-Kontext sind strukturell verschieden von Studiengängen mit Seminaren oder Vorlesungen an wissenschaftlichen Universitäten. Eine Klasse besteht häufig über 5 Jahre in der gleichen Zusammensetzung aus Studierenden bzw. Schüler*innen und Professor*in bzw. Klassenleitung. Es entsteht ein viel engeres Verhältnis zwischen allen Beteiligten als in einem Uni-Seminar, und Abhängigkeiten von der Klassenleitung sind durchweg hoch.

Eine Person, die über einen langen Zeitraum bei der Professorin studiert hat, beschreibt sie als „sehr speziellen Charakter, streng und mit hohen Erwartungen“. Anders als es der offene Brief nahelegt, sei der Klassenzusammenhalt gerade durch die Klassenleitung als Reibungsperson jedoch außergewöhnlich gut gewesen. Machtmissbrauch sei ein weit verbreitetes Phänomen an der Burg und bei anderen Professor*innen wesentlich stärker ausgeprägt als in den Zeitbasierten Künsten. Dem widerspricht eine der Autor*innen des Briefs vehement und beschreibt die Stimmung in der aktuellen Klasse als nur zögernd solidarisch sowie das Ausmaß des Machtmissbrauchs als mit nichts vergleichbar, was sie erlebt habe.

An anderer Stelle heißt es, der Druck in den Zeitbasierten Künsten entspreche letztendlich dem Normalzustand im Künstler*innenberuf: „Willkürlich wirkende Ablehnung, ständiger high-performance Druck, ständige materielle Unsicherheit, Informationen und jegliches Arrangement nur auf intensive Eigeninitiative“. Hier liege das Problem weniger bei der Professorin als Subjekt, sondern im Kunstbetrieb an sich. Die Professorin wird zudem an gleicher Stelle als hilfsbereit und am künstlerischen Erfolg aller Studierenden interessiert beschrieben.

Auf eine Konstante, den hochen Druck im Studium, konnten sich die Befragten einigen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass diese Härte und Strenge der künstlerischen Ausbildung einen Zweck erfüllen, und zwar die Disziplinierung der angehenden Künstler*innen zu Kunstproduzent*innen, die sich den Ansprüchen ihres Marktes unterordnen und nicht aufmucken. Wenn Menschen bereits in der Ausbildung mit permanenten Leistungsdruck konfrontiert werden, lernen sie, sich dem anzupassen, um negative Sanktionen wie die oben beschriebenen Ausschlüsse zu vermeiden. Diejenigen, die nicht vorher zusammenbrechen, sind nach Erwerb ihres Diploms bestens eingestellt auf ausbeuterische Verhältnisse. Dieser Zweck muss nicht durch die Klassenleitung beabsichtigt sein – ebenso kann die Sorge um die eigene Reputation zum Auslöser werden, Schüler*innen entsprechend zu formen. Schlussendlich bedeutet Kunst jedoch für viele, ihre Arbeitskraft unter prekären Bedingungen zu verkaufen, und eine jahrelange Disziplinierung der Künstler*innen wirkt dann in hohem Maße systemstützend.

Kräfteverhältnisse zwischen Hochschule und Studierenden sind ungleich verteilt [Symbolbild, Gemeinfrei]

Hochschulleitung und Studierende sind Antagonist*innen

Auf Nachfrage schreibt die Pressestelle der Burg von zwei Seiten – den Studierenden einerseits sowie der Professorin andererseits – die jeweils einen Anspruch auf einen fairen und verantwortungsvollen Umgang hätten. Dieses Framing des Konflikts unterschlägt jedoch das Eigeninteresse der Kunsthochschule als separaten Akteur und den größeren Kontext.

Die Hochschulleitung steht wie jede bürgerliche Institution vor einem Dilemma: Schüler*innen müssen in einem gewissen Maß diszipliniert werden, um sie in den bürgerlichen Kunstbetrieb zu integrieren. Gleichzeitig dürfen die Strenge und der Druck nicht so weit steigen, dass eine kritische Masse an Schüler*innen sich von der Institution abwendet und der öffentliche Ruf – der selbstredend materiell ist – in Gefahr gerät. Hier kommen moderne Konstruktionen wie Gleichstellungsbeauftragte ins Spiel, die Kritik einhegen und widersprüchliche Interessen befrieden sollen.

Nach allen Gesprächen, die wir geführt haben, scheint es im Fall der Zeitbasierten Künste mehrere aktive und ehemalige Studierende zu geben, die schwer unter den Zuständen in der Klasse leiden oder gelitten haben. Zweifel an der Fähigkeit oder dem Willen der Hochschulleitung, mögliche Missstände nachhaltig aufzuklären und wenn nötig zu beenden, erscheinen nach diesen Gesprächen angebracht.

Wenn die Kunststudierenden in dieser Gemengelage nicht bloße Verfügungsmasse bleiben wollen, brauchen sie eine Selbstorganisation, die über einzelne mutige Momente hinausgeht. Eigentlich ist eine breite Solidarität durch alle Bereiche der Studierendenschaft nötig, die von der Erkenntnis getragen ist, das nicht manche, sondern die meisten Künstler*innen von gerechten Produktionsbedingungen während und nach der Ausbildung profitieren. Auch der offene Brief positioniert sich in Teilen für eine gemeinschaftliche, solidarische Vorgehensweise.

Die anonymen Verfasser*innen des offenen Briefs haben auch eine Liste von Forderungen veröffentlicht. Hier wird für die gesamte Klasse gesprochen, obwohl nach aktuellem Stand nicht alle Personen der Klasse davon Kenntnis hatten. Zu den Forderungen gehören unter anderem unabhängige und zum Teil externe Untersuchungen der Vorfälle, Transparenz, gleichberechtigter Zugang zu Ressourcen, Schutz vor Repression, anonyme Evaluationsverfahren und die Einrichtung neutraler Anlaufstellen. Viele dieser Forderungen sind an größeren Universitäten und Hochschulen mittlerweile etabliert oder wurden im Lauf der Zeit von Studierendenvertretungen erkämpft. Neutrale Anlaufstellen auch für Burg-Studierende bietet das Studentenwerk Halle. Zudem fordern die Autor*innen einen Wechsel der bestehenden Professur, da bei der amtierenden Person keine Aussicht auf Besserung gegeben sei.

Eine aufgeklärte Studierendenschaft sollte sich nun intensiv mit diesen Forderungen auseinandersetzen und herausfinden, wie weit sie sich solidarisieren will. Anstatt das eigene Elend nur in verwertbare Kunst zu gießen, wäre politische Organisation angesagt. Dieser Prozess wird schwierig werden und zu Spaltungen führen, letzten Endes jedoch ein notwendiger Moment sein, um sich gegen die institutionelle Macht der Hochschule zu behaupten.

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