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CSD Sachsen-Anhalt: Was an den Vorwürfen aus dem Burgenlandkreis dran ist

Teil 3 einer Recherche

Verkäufe entgegen der Absprachen, aufdringliches Verhalten bei der CSD-Planung und das Streitig machen von Fördergeldern: Was ist dran an den Vorwürfen des CSD Burgenlandkreis gegen den größten CSD-Verein im Land?

Seit dem Sommer 2025 erheben die Organisator*innen der CSDs in Merseburg und Halle, sowie die Stadt Köthen schwere Vorwürfe gegen den „Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V.“ (folgend: „CSD Sachsen-Anhalt“). Er organisiert zahlreiche CSDs im Norden des Landes und steht dem CSD Magdeburg nahe. Mehr zu den Vorwürfen aus den anderen Städten hier. Auch der CSD Burgenlandkreis äußert Kritik. Was hat es damit auf sich?

Anmerkung

Im Text wird die Formulierung „CSD Sachsen-Anhalt“ als Synonym für den Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V. verwendet. Es existiert ein anderer Verein mit dem Namen „CSD Sachsen-Anhalt e.V.“, der dem CSD Halle nahesteht und nicht öffentlich auftritt.

Verkaufte der CSD Sachsen-Anhalt Pridematerial entgegen der Absprachen?

Ein Kritikpunkt des CSD Burgenlandkreis betrifft den Verkauf von Pridematerial entgegen den Absprachen im Jahr 2024 und eine grundsätzliche Kommerzialisierung der CSDs. Das lokale Organisationsteam schreibt dazu in einem Statement auf Instagram: „Entgegen der letztjährigen Vereinbarung hat der CSD Sachsen-Anhalt Pridematerial auf unserem CSD verkauft und sich somit nicht an die Regeln gehalten“. Die kommerzielle Ausrichtung des Vereins und die nahe Verbindung des Vorstands zu einem Pride-Shop seien zudem fragwürdig. Auch andere CSDs kritisieren, dass der Verein ihre Veranstaltungen kommerzialisiere. Tatsächlich ist Vorstand Falko Jentsch, der 2024 FDP-Stadtrat in Magdeburg werden wollte, auch Betreiber des Shops Pride24.de.

Jentsch dementiert den Verkauf entgegen der Regeln auf Anfrage zunächst. Man habe den Vorwurf bereits intern geprüft und könne ihn nicht nachvollziehen. Entsprechend der Anmeldung habe man Artikel- wie angekündigt- gegen Spende angeboten.

Gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung hat Jentsch jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits eingeräumt, dass der Verein Material entgegen der Absprachen verkauft habe. Allerdings bleibt im Text unklar, ob sich dies auf den Burgenlandkreis bezieht, denn auch aus Halle gibt es diese Kritik. Auf Nachfrage schreibt das lokale Team: „Wir wissen, dass die Dinge gegen eine Mindestspende rausgegeben wurden. Somit ist das aus unserer Sicht ein Quasiverkauf im Namen einer Spende“. Das räumt Jentsch schließlich ein: „Es stimmt, dass wir Pride-Artikel gegen eine freiwillige Mindestspende ausgegeben haben. Allerdings sieht er darin trotzdem keinen Bruch der Regeln: „Das war kein Verkauf im wirtschaftlichen Sinne, sondern eine gängige Praxis vieler gemeinnütziger Organisationen, um Kleinspenden zur Unterstützung der Vereinsarbeit zu ermöglichen.“ Man habe diesen Sachverhalt nie bestritten und stets transparent kommuniziert. Fakt ist jedoch, in der ersten Anfrage erwähnt Jentsch den verlangten Mindestbetrag nicht. Ob es sich tatsächlich um eine Spende und keinen Verkauf handelt, wenn ein Mindestbetrag verlangt wird, ist zudem fraglich.

Konflikte bei der Programmgestaltung

Auch um die diesjährige Beteiligung an der Mitgestaltung des Programms gibt es Streit. So habe es laut dem lokalen Team eine Beteiligungsanfrage des CSD Sachsen-Anhalt gegeben, mit den Anliegen, regionalen Künstler*innen eine Bühne zu bieten. Diese sei abgelehnt wurden, weil bereits regionale Acts eingeplant gewesen seien und es keine weiteren zeitlichen Kapazitäten gegeben habe. Nach der Absage sei nicht lockergelassen, sondern nochmals darauf gedrängt wurden, doch noch irgendwie eine gesonderte Plattform zu erwirken.

Auf Nachfrage bestätigt der CSD Sachsen-Anhalt die mehrfachen Anfragen: „Wir sind eine Anlaufstelle für engagierte Menschen aus dem gesamten Bundesland, die sich auf den Bühnen der CSDs präsentieren möchten. Dabei handelt es sich um eigenständige Personen, die uns gezielt ansprechen – oftmals, weil sie bei einzelnen CSD-Organisatorinnen keine Antwort auf ihre Anfragen erhalten. Dabei kam es selbstverständlich zu mehreren Anfragen. Als wir jedoch zunehmend den Eindruck gewannen, dass jede Kommunikation unsererseits unerwünscht war und gegen uns ausgelegt wurde, haben wir den Interessierten transparent mitgeteilt, dass eine Einbringung von außen nicht beim CSD Burgenlandkreis erwünscht ist.“

Möglicherweise handelt es sich hierbei also um ein Missverständnis oder gescheiterte Kommunikation.

Wollte der Verein den CSD Burgenlandkreis handlungsunfähig machen?

Ein schwerwiegenderer Vorwurf dreht sich allerdings um die Beantragung von Projekt- und Fördergeldern. Dazu schreibt das lokale Team auf Instagram: „Der CSD Sachsen-Anhalt versuchte ohne Absprache und aus unserer Sicht wissentlich unsere Förderung mit fadenscheinigen Argumenten zu sichern, uns die Förderung aus den Händen zu nehmen und uns so handlungsunfähig zu machen.“ Man habe nur durch die gute Vernetzung mit der Förderstelle rechtzeitig davon erfahren.

Der CSD Sachsen-Anhalt stellt auf Anfrage klar: „Ziel war es, ein eigenes Projekt im Rahmen des CSD Burgenlandkreis durchzuführen. Von der Stelle wurde uns jedoch erklärt, dass dies nicht möglich sei, weil nach deren Rechtsauffassung bereits das gesamte Projekt durch den CSD Burgenlandkreis beantragt worden war. Wir haben diese Begründung akzeptiert und den Antrag zurückgezogen.“ Tatsächlich geht aus dem vorliegenden Antrag die Förderung eines einzelnen Projekts während des CSDs hervor. Weiterhin verweist der Verein darauf, dass in anderen Fällen parallele Förderungen üblich seien.

Der Vorwurf, man habe den CSD Burgenlandkreis handlungsunfähig machen wollen, wirkt auf den Autor somit unschlüssig. Der Verein hätte sich bei der Durchführung seines Projektes selbst geschadet, wenn die gesamte Veranstaltung stark abgespeckt oder gar nicht stattgefunden hätte, weil eine wichtige Geldquelle fehlte. Für ein Szenario, bei dem sich der Verein die gesamten Fördermittel für das Projekt sichert, um dann einen eigenen CSD ohne das lokale Team zu organisieren, liegen keine Hinweise vor.

Naheliegender als der Vorwurf, den Geldhahn abdrehen zu wollen, ist, dass es sich auch hierbei um ein Missverständnis wegen mangelnder Kommunikation handeln könnte. So weiß man beim CSD Burgenlandkreis nichts über die Inhalte des Förderantrags: „Bis heute ist uns keine Anfrage des CSD Sachsen-Anhalt bekannt, die sich auf ein eigenes Projekt innerhalb des CSD BLK bezieht. Dazu gab es keinerlei Kommunikation seitens des CSD Sachsen-Anhalt“. Dies bestätigt der CSD Sachsen-Anhalt und erklärt: „Das ist jedoch auch nicht unüblich, da wir als rein ehrenamtlich arbeitende Struktur ohne feste Grundförderung regelmäßig verschiedene Finanzierungsquellen erschließen müssen, um unsere Projekte umsetzen zu können. Förderanträge zu stellen, gehört für uns zum normalen Arbeitsalltag.“

Der CSD Sachsen-Anhalt nahm also vermutlich an, dass eine Parallelförderung wie in anderen Fällen problemlos möglich sei und sah deshalb keine Notwendigkeit, das lokale Team im Vorhinein zu informieren. Dennoch ist fraglich, warum man den CSD, für den man ein Projekt plant, nicht frühzeitig über das Projekt informiert, um sich abzustimmen. Erst nach der Ablehnung habe der CSD Sachsen-Anhalt laut lokalem Team Kontakt aufgenommen. Unklar ist hierbei auch, weshalb sich das lokale Team vor der Veröffentlichung des Statements scheinbar nicht zur Intention und den Inhalten des Antrags erkundigte.

Der Verein spricht im Namen eines anderen CSDs und hat Streit mit Behörden

Im Statement des CSD Burgenlandkreis sind noch weitere Vorwürfe zu finden. Eindeutig belegbar ist der Vorwurf, der CSD Sachsen-Anhalt habe in der Vergangenheit für den CSD-Burgenlandkreis gesprochen und damit den Eindruck erweckt, er sei eine Vertretung dessen. Ein Mitschnitt der Veranstaltung zeigt, wie eine Person, die kein Teil des Organisationsteams ist, mit den Worten „Du sprichst für den CSD in Naumburg“ angekündigt wird. Auf Nachfrage verweist Jentsch darauf, dass man einen Überblick über alle geplanten CSDs gegeben habe – und das Organisationsteam eingeladen gewesen sei. Das Team bestreitet dies. Da niemand aus dem Team des CSD Burgenlandkreis teilnahm, habe man ausdrücklich erwähnt, dass man keine weiteren Infos geben könne. Dies findet sich im Mitschnitt nicht. Mehr zur Frage, ob der Verein sich fälschlicherweise als Verband aller CSDs im Land darstellt hier.

Ein weiterer Vorwurf des örtlichen Teams ist, dass sich ortsfremde Mitglieder des Vereins in die lokalen Organisationsstrukturen drängen wollten und das Team immer wieder mit nicht hilfreichen Anfragen bedrängten. Auf die Frage, wie der CSD Sachsen-Anhalt generell zu den Vorwürfen aus dem Statement stehe, äußert sich der CSD Sachsen-Anhalt nicht direkt zu diesem Vorwurf, bestätigt aber Unterstützungs- und Hilfsangebote

Unklar bleibt auch, ob der CSD Burgenlandkreis, wie im Statement behauptet, vom CSD Sachsen-Anhalt auf Instagram blockiert wurde. Der CSD Sachsen-Anhalt dementiert dies auf Nachfrage: „Weder in der Vergangenheit noch heute besteht ein solcher Block“.

Kritisiert werden auch auffällig häufige Unstimmigkeiten mit Behörden bei der Organisation von CSDs. Vermutlich spielt das lokale Team hier auf Fälle wie zuletzt in Schönebeck oder Köthen an. Bei letzterem eskalierte ein Streit so weit, dass die Oberbürgermeisterin, Christina Buchheim (Die Linke), Strafanzeige erstattete.

Letztlich stehen sich im Falle des CSD Burgenlandkreis Auslegungen beider Seiten gegenüber. Bezüglich der Fördergelder und der Mitgestaltung am Programm ist ein Missverständnis wegen schlechter Kommunikation naheliegend. Belegbar sind Uneinigkeiten darüber, wie kommerziell ein CSD sein soll und was als Spende gilt. Ähnliche Konflikte mit dem CSD Sachsen-Anhalt spielten sich in Halle ab.


Teil 1 der Recherche: https://transit-magazin.de/ein-csd-verband-viele-konflikte/

Teil 2 der Recherche: https://transit-magazin.de/konfrontationskurs-in-merseburg/

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