BridgesToReil

Über Punk und Kulturindustrie

Am 13.06.2026 gab es zwei hochkulturelle Events in Halle: Das Abschlusskonzert der Händelfestspiele unter dem Titel „Bridges“ und das Reilfest. Nachdem ich die letzten Jahre immer zweiteres besucht hatte, fand ich mich dieses Jahr aus heiterem Himmel vor einer Bühne mit Staatskapelle und Unichor. Ein Bericht zu einem verwirrenden Konzertabend.

Wir parken kurz vor 21 Uhr auf dem Netto Parkplatz. Das Konzert geht von 19 – 01 Uhr und wir haben uns ausgerechnet, dass uns vier Stunden Hochkultur reichen. Ergeben hat sich das Ganze eher durch einen Zufall: Eine Absage hier, ein Ticket übrig dort und schon wird man zum Klassenverräter.

Bereits auf dem Weg hoch zur Galgenbergschlucht dröhnt der Punk vom Hausprojekt am Zoo hinüber. Am Einlass scannen ein paar Schüler unsere Tickets ab. Der Scanner funktioniert nicht, sie witzeln, machen das Beste draus. Ich frage mich: Wärt ihr nicht auch lieber da unten wo die Schreie herkommen und jemand sein Schlagzeug zerdrischt? Aber auch das Bridges-Programm hat viel zu bieten! Bonaparte soll heute kommen und zwei Sets gemeinsam mit der Staatskapelle und dem Unichor performen. Im Anschluss spielt Super Flu – die Veranstalter sagen, dass die international erfolgreich sind und Bonaparte habe ich früher auch viel gehört, also könnte doch ganz gut werden! Schauen wir mal.

Wir kommen von hinter der Bühne links rein. Und wen sehen wir direkt auf der Treppe stehen, das Mikro schon in der Hand? Natürlich Alexander Vogt. Naja, erstmal Plätze suchen. In der ganzen Schlucht stehen Bierbänke und es ist voll. Zusammen mit der großen Bühne und den mächtigen Felswänden schon ein beeindruckender Anblick. Eine Person aus meiner Gruppe schlägt direkt den Weg vor der Bühne entlang ein, einmal durchs Bild. Optimal, jetzt ist zumindest die Scham überwunden, mich könnte jemand sehen, der mich eigentlich auf dem Reilfest erwartet hätte. Andererseits: Wir sitzen ja alle im selben Boot. Der Sprung ins kalte Wasser ist also schonmal geglückt.

Kaum sitzen wir, kommt A.V. auf die Bühne. Tolle Rede, wie immer: Schöner kultureller Höhepunkt für Halle, alles soll gerettet werden, er kämpft für uns, Juhu. Allein dafür lohnt es sich schon zu den Händelfestspielen zu kommen – damit man einmal mitgemeint ist, wenn der Bürgermeister sagt: „Er kämpft für uns“. Die Moderation geht weiter, als nächstes kommt Bonaparte mit seinem „Quiet-Set“, dann wieder Klassik, dann später noch ein „Riot-Set“ (wir sind gespannt) und dann Super Flu.

Bereits beim letzten Song der Staatskapelle (ich glaube ein Tanz) sieht man rechts neben der Bühne, nur halb verdeckt von der Absperrung zwei Gestalten tanzen, die nicht ganz ins Bild passen. Ein König und ein Hase. Jetzt kommen die beiden auf die Bühne. Der König der Tiere (eine Löwenmaske wurde hinzugefügt) und der Verlierer aus dem Märchen mit dem Igel. Da stehen Sie also, Bonaparte und sein Keyboarder. Und das Quiet-Set macht Spaß! Songs wie „White Noize“ und „Melody X“ kommen super mit Orchester und Chor, ich habe sogar Gänsehaut an manchen Stellen. Vielleicht verstehe ich das sogar – Den Reiz, mit einem professionellen Orchester und Chor zusammenzuarbeiten. Als Künstler die eigenen Songs orchestral zu reinterpretieren. Was soll man sagen, das schallert.

Nach Bonaparte suchen wir erstmal einen Getränkestand und die Toiletten. Und wieder läuft uns der Pudelminister von Halle über den Weg – umtriebig wie eh und je. Zwei Weißwein geholt und zurück zum Platz. Wir hingegen werden in der Schlange dreimal übergangen. Bisschen wenig Solidarität hier am Bierwagen. Und die Piccolo-Flaschen sind auch schon leer! Wo ist Alex, wenn ich mal jemanden bräuchte, der für mich kämpft?

Nach kurzer Klassik-Intervention folgt das Riot-Set von Bonaparte. Jetzt wird es absurd. Wir suchen uns Plätze etwas weiter hinten. Mittlerweile hat sich eine stehende Crowd vor der Bühne gebildet. Zum starken Missfallen der Konzertgäste, welche hart für ihren Sitzplatz auf der Bierbank gekämpft (oder einfach ihren eigenen Campingstuhl mitgebracht) haben. Auch wir bekommen zunächst ein „Entschuldigung… wir sitzen hier!“ von hinter uns zu hören. Zunächst freundlich, doch denen, die nach uns kommen bellt es schon aggressiver entgegen. Gegen dieses Platzregime kommt kein Punk an. Immerhin haben sie für die Plätze bezahlt! Und nicht zu wenig: 40€ p.P. kostet der Spaß in der Galgenbergschlucht.

Dazu hallt in metaphorischer Dissonanz „Anti, Anti“ über den Platz: „They are the millionaires, we are broke“. Naja. Anti und broke ist jetzt hier eher nicht das Motto. Bonaparte versucht verzweifelt die Menge zum Mitsingen zu bewegen. Er wechselt im Text von „Anti, Anti“ zu „Halle, Halle“ – aus Punk wird Lokalpatriotismus. Alexander Vogt beginnt zu tanzen. Aber wie der Künstler selbst beim Einzählen des Dirigenten bemerkte: „Man ist nie zu alt, um noch zu lernen, sich anzupassen“. Mittlerweile frage ich mich, ob Bonaparte nicht auch lieber auf dem Reilfest wäre, Orchesterprojekt hin oder her.

Der Rest ist relativ schnell erzählt: Nach Bonaparte folgt die Feuerwerksmusik von Händel und zum Grande Finale gibt es dann auch ein großes Feuerwerk über dem Galgenberg. Das alles ist wahnsinnig toll gespielt, professionell inszeniert und beeindruckend. Außerdem beruhigt es die Leute: Solange im Naturschutzgebiet noch so heftig geballert werden kann, dass manche Menschen Panikattacken bekommen, ist ein Feuerwerksverbot wohl in weiter Ferne. Im Anschluss folgt Super Flu. Die internationalen Super-DJ’s legen auf und dazu setzt das Orchester (vor allem die Bläser) Akzente. Das funktioniert gut und macht Spaß. Und ja, auch bei mir gab es an diesem Konzertabend echte Emotionen.

Dennoch komme ich nicht drum herum, diesen versuchten „Brückenbau“ der Klassik zum Punk als Okkupationsversuch der Kulturindustrie auf subkulturelle Bewegungen zu verstehen. Vielleicht vor allem vor dem Hintergrund des Reilfest am gleichen Tag. Der Auftritt von Bonaparte zeigt es besonders: Sich selbst als Punk verstehen funktioniert in diesem Setting nicht. Die Performance ist professionell, aber brüchig. Sie eckt eben gerade nicht an, aber reklamiert das in Musik und Text und genau das funktioniert nicht. Auch ich fühle dieses zwiespältige Auseinanderdriften, wenn mir die Musik doch gefällt, aber ich eben nicht hemmungslos tanze wie die Jahre zuvor auf dem Reilfest. Im Gegenteil, fast in eine Starre verfalle.

Wenn ihr selbst davon sprecht, dass es „keine Brücken zur Klassik braucht“, weil „Klassik alleine bestehen kann“, dann lasst es doch bitte einfach. Und falls das für euch keine Option ist, empfehle ich nächstes Jahr ein Orchesterprojekt in der Reile, Eintrittspreis auf Spendenbasis, der Erlös geht an das Hausprojekt und falls Alexander Vogt seine Kampfeslust noch nicht verloren hat, kann er ja noch was für die Sanierung reinhauen. Bis dahin GLG und Stay „Anti, Anti“!

Bild: @clarar.skillke

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