Boys will be boys

CN: Sexualisierte Gewalt

Boys will be boys Boys will be boys
Das wird immer so gesagt.
Dann wird mit Schultern gezuckt
Und auf den Boden geguckt,
Es wird weggeschaut,
Kein Wort gesprochen,
Boys will be boys
Sagt mein Vater zu mir am Esstisch.
Und ich hab das Gefühl,
Er versteht das Problem nicht.
Vielleicht, weil er es nicht besser weiß,
Er ist ja auch nur ein Junge.
Nur halt 44 Jahre alt.

Mit Vierzehn rauchte ich
meine erste Zigarette
mit irgendeinem Typen,
als er mich betrunken nach Hause bringt,
erzählt er allen,
Dass er mich jetzt ficken würde.
Es ist nichts passiert.
Er wollte mich nur küssen,
ich hab mich weggedreht –
Und gedacht,
Boys will be boys,
Männer bleiben Jungs,
Die meinen das nicht so –
Mädchen werden Frauen
Und wenn gepfiffen wird auf Straßen,
dann meinen diese Männer uns.

Mit fünfzehn werde ich das erste mal gecatcallt,
weil ich kurze Hosen trage.
Als hätte ich mit fünfzehn gewollt,
dass 30 Jährige nach meiner Nummer fragen,
weil ich schon so reif und so volljährig aussehen würde.
Und damals dachte ich,
so etwas sei ein Kompliment –
Heute schaue ich mir Fotos
von mir mit fünfzehn an
und was ich erkenne,
ist noch ein Kind.

Boys will be boys.
Denke ich, als ein Mann,
der als Security im Club arbeitet,
mir seinen Metalldetektor
zwischen meine Beine drückt
und mich fragt,
ob es da auch piept,
nur weil ich mit Sechszehn
ein Piercing im Gesicht hatte.
Und das hat ja auch gepiept.
Als ich ihm sage,
Wie alt ich bin,
Findet er das,
was er gerade getan hat nicht schlimm.
Er hätte es ja gar nicht wissen können.
Er ist doch nur ein Junge.
Er tut doch nichts,
Er will nur spielen.
Und ich will,
dass die anderen Männer,
die um ihren Freund herumstehen,
mich nicht weinen sehen.

Boys will be boys.
Und als ich achtzehn bin
Fragt mich ein Mann,
Der neunundzwanzig ist,
ob ich zu ihm kommen will,
um mit ihm zu schlafen.
Ich dachte wir wären befreundet.
Und weil wir befreundet sind,
traue ich mich fast nicht,
nein zu sagen.

Als ich neunzehn bin
Setzt sich ein betrunkener Mann
neben mich in die Straßenbahn.
Alles war leer, Es war schon sehr spät –
Und er setzt sich zu mir.
Noch bevor er mit mir zu reden beginnt,
Steh ich auf und geh –
Ganz prophylaktisch
Richtung Tür.
Es dauert noch,
bis sie sich öffnet
Und auf dem Heimweg
werde ich mich dreimal umdrehen.

Seit ich vierzehn bin,
Fühle ich mich wie Allgemeingut.
All die Straßen tragen mich nur von Mann zu Mann,
im Sommer ist es am schlimmsten,
denn da wird mir warm.
Dann zeig ich etwas Bein,
etwas Arm, etwas Haut –
aber ich bin vorsichtig,
ich schaue niemandem in die Augen.

Und ich schau in den Drink bevor ich trink,
Gift ist grün, wird unsichtbar.
Mädchen werden Frauen,
Männer bleiben das,
was sie schon immer waren.

Ich musste lernen erwachsen zu werden.
Über all das Gepfiffene zu stehen,
Ich steh meinen Mann
Und ich steh an der Wand,
Wenn er zu nah kommt.
Er tut nichts, er will nur spielen.
Ich wollte mit Vierzehn nur eine Zigarette rauchen
und dann nach Hause gehen.

Illustration: Zoe Zorn

Über Jordan Hirsch

Jordan Hirsch ist Poetry Slammerin und Autorin aus Leipzig. Ihre persönlichen Texte bewegen sich zwischen ostdeutscher Kleinstadtjugend und Großstadtfieber, sowie dem Gefühl, genug zu sein und nicht zu reichen.

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