Bevor ich zum ersten Fußballspiel meines Lebens ging

Bevor ich zum ersten Fußballspiel meines Lebens ging, wusste ich so vieles nicht. Als Kind aus Süddeutschland sprachen wir in der Schule nur kurz über die DDR. Wir sprachen nicht so darüber, als wäre es ein Ereignis, das uns noch betreffe.
Eine meiner Freundinnen schrieb mir, ob Nazis angucken das Einzige sei, weil es in Dresden sonst nichts zu sehen gäbe. Ich fragte mich in dem Moment: War das ihr westdeutscher Blick auf den Osten, oder war es das, was wir im Westen über den Osten hören?
Ich dachte daran, wie meine Nachhilfelehrerin, als ich sagte, dass ich vielleicht in Leipzig studieren wolle, meinte: „Da musst du aufpassen, da ist es sehr braun.“
Das Erste, was der Kumpel meines Mitbewohners aus Dresden zu seiner Katze sagte, war: „Pass auf, das sind Wessis, und die mögen wir nicht.“ Danach bekamen wir ein Bier und Videos von unserem Mitbewohner zu sehen. Der selbe Kumpel fragte uns, ob wir mit zum Fußballspiel wollen.
Ich sagte ja, ich mag Fußball und fragte, ob er Ann-Katrin Berger kennt. Tut er nicht.
Ich sagte, dass ich mitkomme, wenn ich einen Schal ausleihen darf — und ich darf.
Wir sitzen also im Stadion, und es ist ein Spiel, das später Schlagzeilen machen wird: Hertha BSC gegen Dynamo Dresden. Wir sitzen auf der richtigen Seite. Die Shows fangen an, Pyrotechnik wird geschossen, Menschen ziehen Regencapes in gelb und schwarz an. Und dann die Eskalation: Eine fanclub-Fahne wird verbrannt, Menschen fangen an, von den Plätzen aufzustehen und zu rennen. Pyrotechnik wird in den Familienblock geschossen. Die Polizei braucht Jahre. Und dann sitzen wir da und ziehen wie alle anderen unser Handy heraus. Filmen, schreiben in Gruppen, posten.
Dann wird „scheiß Wessi“ geschrien, und die Polizei steht eine lange Zeit einfach nur da.
Und das ist der Moment, in dem ich wirklich begreife, dass ich lost war. Dass es etwas anderes bedeutet, im Osten von Deutschland geboren zu sein als im Westen.
Wir sitzen da mit einem Bier in der Hand. Wir sitzen da und führen gute Gespräche. Wir sprechen über alles und nichts. Ich mag das Assi-Eck, unser Mitbewohner hält alles mit seiner Kamera fest. Wir sprechen über die Kulturszene und über Frauenrechte, darüber, wie er gemerkt hat, dass es hier einfach weniger Unterschied macht. Ich weiß, was er meint.
Die Kulturszene ist so viel mehr hier als nur Orte, wo Kunst entsteht — Orte, die mir fehlen.
Es wird darüber diskutiert, welche Bar links ist. Es wird ein Style getragen, mit dem jeder in meinem Heimatdorf zu cool wäre. Der Wolfcut, der Augenbrauen-Piercing, die baggy Jeans. Ein Style, in dem Kunst machen zum Lebensstil werden muss.
Die Worte aus Leipzig verfolgen mich, als ich auf einer kleinen Lesung eines unabhängigen Verlags war. Schade, dass ich nicht aus einem Plattenbau komme, denn sonst könnte ich noch bessere Kunst machen. Ich denke darüber nach, ich denke über alle Eindrücke nach und frage mich, ob ich darüber schreiben darf.
Ich komme aus Süddeutschland, ich bin in Niedersachsen geboren, meine Eltern kommen aus Baden. Was kann ich schon über den Osten sagen. Wie kann ich sagen, was keiner zu schreiben wagt.
Der Text bricht ab.
In meinem Kopf stehen die Worte fest. Ich mag Dresden. Ich mag, wie mein Mitbewohner uns alles zeigt. Wie er uns zeigt, wer er gewesen ist. Wie wir wie Touristinnen sein früheres Leben besichtigen. Wie wir verrückt durch die Straßen irren, um das Gefühl zu haben, das er vor drei Jahren hatte, als er durch die Straße irrte. Ich versuche, alles aufzusaugen wie ein Schwamm.
Ich glaube, wir sind die Losten im Osten. Aber wir sind genauso lost im Westen.
Clara Goldammer
Clara Goldammer studiert Literatur, Kunst und Medien an der Universität Konstanz. Sie veröffentlichte ihre Texte in Zwischentext und in den Literarischen Blättern. Ihre Texte drehen sich oft um Legasthenie und Neurodivergenz.@clartastika

