bahnfragmente
i <3 abelio. das ist weder bezahlt noch werbung, aber ich bin offen für sponsoring.
lokalpatriotismus und nostalgie liegen nah beieinander.
1994 kommt c. mit dem zug in halle (saale) hauptbahnhof an. zwischen ruinen und kaputten fenstern rollt ihr koffer über die kopfsteinpflaster, die ihr aus ihren wessi augen sehr mittelalterlich vorkommen. drei jahre später gebärt sie mich in einem krankenhaus in kröllwitz.
2002 fahren c. und ich zu a., meiner großmutter, nach nrw. wenn wir telefonieren, versteht sie mich nicht, wenn ich mit na statt ja antworte. wenn wir ankommen, wird meine familie von pickert und lippischer ananas schwärmen und ich werde nicht wissen, was das ist.
im nächsten jahr wird viel passieren. meine eltern werden sich trennen. ich werde shrek im kino schauen. und eingeschult werden. aber davon weiß ich noch nichts.
die kommenden jahre bin ich lieber bei meinen großeltern in nrw als in halle. ich fühle mich fremd in dieser stadt. ich werde depressionen bekommen, meine pubertät wird die hölle. ich werde mich so einsam fühlen wie nie und mich in tagträume, dissoziation und das internet flüchten. aber davon weiß ich noch nichts. ich weiß noch nicht, was es bedeutet, dass ich mich freue, wenn mich andere für einen jungen halten. dass ich mich nicht nur fehl am platz fühle, sondern auch in mir drin.
2008 fahren l. und ich nach der schule mit der straßenbahn nach hause. wir stehen auf dem runden teil in der mitte und halten uns absichtlich nicht fest. in den kurven werden wir hin- und hergeschleudert und müssen das gleichgewicht halten. wir kichern. l. lehnt sich keuchend in die grauen ziharmonikabahnen.
l.: meine mama hasst straßenbahnfahren. sie sagt, das macht ihr gar keinen spaß.
ich: ich kann mir gar nicht vorstellen, straßenbahnfahren irgendwann nicht zu mögen.
l.: ja, mir wird das immer spaß machen.
später, als l. schon ausgestiegen ist, werde ich ohne fahrschein kontrolliert. weil ich noch nicht zwölf bin, sage ich einen anderen namen und eine andere adresse.
bei der sommerakademie der klassik stiftung weimar sind 2014 genau zwei ossis dabei. ich und eine thüringer metlerin mit freiwild t-shirt. die anderen kommen aus bayern, aus nrw, oder aus hessen. viele von ihnen waren noch nie so weit im osten, wenn überhaupt. gekommen sind sie für goethe, schiller, zum lernen, für den schul-credit, oder als abivorbereitung.
auf dem rückweg sitze ich mit einer von ihnen, n., im regio.
n.: ist so komisch, dass du da noch so einen unterschied machst zwischen ost und west. ich denk da gar nicht dran.
ich sage nichts und frage mich, warum ich eigentlich noch so einen unterschied mache, zwischen ost und west. bisher habe ich gar nicht daran gedacht.
2016 wohne ich selber in weimar. halle wollte ich einfach nur entkommen. mit jedem besuch fühlt es sich weniger nach zu hause an. auf der rückfahrt muss ich in naumburg umsteigen. zwei männer grölen sich über die gleise hinweg an. der eine zeigt einen hitlergruß. der andere schreit: s**g h**l.
heute frage ich mich, warum ich mich damals sicherer gefühlt habe, als wenn ich jetzt in sachsen-anhalt unterwegs bin. ich bin mittlerweile sichtbarer in meiner queerness, ich falle mehr auf. vielleicht haben sich auch die nazis verändert. aber nazis verändern sich nicht. es ist das wegziehen, der alltag, der weggefallen ist. wenn ich in den kommenden jahren nach halle fahre, fühle ich mich jedes mal wie ein tourist.
2018 ziehe ich von leipzig nach karlsruhe. ich bin zum probearbeiten da. mir gefällt es da unten nicht wirklich, ich fühle mich fremd. zwei stunden bevor mein zug geht, habe ich noch ein wg casting bei f., einem maschinenbaustudenten. ich erzähle ihm, dass ich aus halle komme… aus sachsen-anhalt. (weil er nicht weiß, wo halle liegt.)
f.: achso, also aus’m osten!
ich: ja, das wird jetzt das erste mal, dass ich im westen wohne.
f.: haha cool, dann kannst du ja endlich mal bananen probieren, weiß du überhaupt wie die schmecken, haha.
ich: haha.
finde ich das überhaupt witzig?
ich: haha.
f.: haha.
er hat mir dann abgesagt.
2020 fahre ich nicht zug, da ist corona.
c. holt mich mit dem auto in berlin ab, wo ich jetzt wohne und studiere.
die landschaften fliegen an uns vorbei.
c.: die dörfer im osten sehen immer komisch aus. die sind so flach, ein langer schlauch und hinter jedem haus siehst du schon, dass es da nicht weiter geht.
2022 schaue ich in einem seminar „stau“ von thomas heise, ein dokumentarfilm über jugendliche nazis in halle-neustadt von 1992. in einer szene fahren sie mit dem zug von halle nach weimar. es ist die gleiche strecke, die ich 2016 immer wieder gefahren bin. nur die bahnsitze sind hölzern und sehen unbequem aus.
2024 komme ich in halle am hauptbahnhof an und steuere direkt die haltestelle der 5 nach kröllwitz an. drüben auf der anderen straßenseite knutschen ein mann und eine frau innig verschlungen. sie trägt röhrenjeans. er kneift ihr den po. fast ein niedlicher anblick, wären da nicht die reichskriegsflaggen auf ihren t-shirts. ich bin nochmal gekommen, ein letztes mal vor meiner mastektomie, bevor ich sechs wochen nur im bett liegen kann.
2026 denke ich zum ersten mal seit langem, wie schön halle eigentlich ist. die stadt, die ich verstoßen hab, grüßt mich zum ersten mal ganz neu. sie fühlt sich wieder nach zu hause an. ich bin seit zwei jahren auf testo, die brust unter meinem t-shirt ist flach. endlich ich selbst sein, kann man das so sagen?
endlich ankommen?
zurück kommen.
ich fahre immer noch gerne straßenbahn. ich kann mich daran erinnern, als sie die extra ansagen für die sehenswürdigkeiten hinzugefügt haben. wie wir sie als schulkinder mitgesprochen und auswendig gelernt haben. häuser ziehen an mir vorbei. bäume, menschen, straßen und geschäfte, die es bei meinem letzten besuch noch nicht gab. halle ist im stetigen wandel. der osten steht nie still, egal was sie uns sagen. die stadt ist nicht mehr die, die ich 2016 verließ.
und eine ganz andere, als die in der c. 1994 ankam.
mir gegenüber sitzen zwei frauen und unterhalten sich. sie sind nachbarinnen. es wird sich gesiezt. die eine trägt zu viel lidschatten, die andere ein schickes leoparden ensemble:
das ist alles schrecklich heutzutage. früher, da konntest du auch deine haustür auflassen und dir ist nichts passiert. heute geht das gar nicht mehr. ich kann auch gar keine nachrichten mehr lesen. schrecklich alles. die leute interessieren sich gar nicht mehr füreinander.
beim gehen nicken wir uns freundlich zu und verabschieden uns:
bis bald.

Bild: Annalena Behrends (@empathyhoe)
Djuna Delker
djuna delker wurde 1997 in halle (saale) geboren. aktuell wohnt djuna in berlin, studiert drehbuch an der dffb und arbeitet als regisseur*in einem dokumentarfilm. nebenbei steht djuna als drag performer auf der bühne und schreibt literarische und filmtheoretische texte.@disko_dekadenz

