„Antifa bleiben“ auch nach der Wahl
2.500 Antifaschist*innen ziehen durch Halle
Am Abend vor der Landtagswahl zogen 2.500 Antifaschist*innen lautstark durch die Innenstadt von Halle. Unter dem Motto „Antifa bleiben“ reisten Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet an, um kurz vor der Wahl ein Zeichen für „eine emanzipatorische Praxis“ und „einen autonomen Antifaschismus“ zu setzen. Ein Großaufgebot der Polizei mit Hubschrauber, Polizeidrohne und Bereitschaftspolizei aus Baden-Wüttemberg begleitete den Protest.
Einen Tag vor der Wahl versammelten sich 2.500 Menschen vor dem Hauptbahnhof zum Protest für eine antifaschistische Praxis nach der Landtagswahl, egal welchen Ausgang diese nehmen wird.
Wochenlang hatte die im vergangenen Jahr neu gegründete antiautoritäre Antifagruppe „LaColère“ zur Demonstration unter dem Motto „Antifa bleiben“ mobilisiert. In verschiedenen Städten in ganz Deutschland fanden Mobilisierungsvorträge statt. Gruppen aus Hamburg, Frankfurt, Berlin, Dresden, Leipzig, aber auch aus verschiedenen Regionen in Sachsen-Anhalt organisierten sich zu gemeinsamen Anreisen in die Saalestadt.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die AfD bei der heutigen Landtagswahl stärkste Kraft werden. Prognosen sehen die AfD bei über 40 Prozent und eine absolute Mehrheit für die AfD ist auf jeden Fall im Rahmen des Möglichen. Diese Möglichkeit einer AfD-Regierung wird im Aufruf der Organisator*innen als „Verkörperung der gesellschaftlichen Regression in den Autoritarismus“ beschrieben, diese sei durch vereinzelnde Politik und massiven Strukturabbau vorangetrieben worden. Nicht nur in einer AfD-Regierung sehen sie eine massive Gefahr, sondern ebenfalls in Wahlausgängen ohne eine Regierungsrolle der AfD, denn die gesellschaftlichen Tendenz in den Autoritarismus sei auch ohne AfD in der Regierung in weiten Teilen der Gesellschaft präsent.
„Sozialabbau, der Ausbau des Repressionsapparates oder die stetig zunehmende Salonfähigkeit autoritärer und populistischer Positionen, die sich durch alle möglichen Gesellschaftsschichten ziehen, machen die Allgegenwärtigkeit dieser Tendenz zwar bereits unverkennbar, allerdings sehen wir in einer AfD-Regierung nochmals eine explizite Zuspitzung und Gefahr.“
Wichtig ist den Organisator*innen ein Bewusstsein, sich nicht auf den deutschen Staat zu verlassen. Sie sprechen sich für ein Verständnis von Selbstorganisation aus, dass zentral im eigenen politischen Anspruch verankert werden soll. Es brauche eine gewisse Autonomie, um nicht so einfach verfolgt, verboten oder finanziell eingeschränkt werden zu können. Dies nehme dem Staat nicht nur einen großen Teil seiner Einflussmittel auf die Handlungsfähigkeit linker Organisierung, sondern stärke auch die eigene politische Selbstständigkeit.
Im Aufruf wird deutlich, dass sich die organisierenden Gruppen für einen autonomen Antifaschismus aussprechen, der auch in einer zunehmend autoritären Gesellschaft nicht an Handlungsfähigkeit verliert. Sie sehen ihren Protest dabei als wichtige Ergänzung zu den zahlreichen eher bürgerlich geprägten Protesten der letzten Wochen in ganz Sachsen-Anhalt.
© Dani LuizDas autonome Selbstverständnis der aufrufenden Gruppen zeigte sich auch deutlich im Bild der Demonstration. So waren im Gegensatz zu vielen anderen antifaschistischen Protesten der letzten Wochen keinerlei Organisationsfahnen oder Logos zu sehen. Antifa-Fahnen und zahlreiche Banner prägten das Bild der Demonstration. An der Spitze formierte sich ein Block mit einem etwa 20 Meter lange Transparent an der Seite und Regenschirmen über den Köpfen.
Mit 40 Minuten Verspätung startete am Hauptbahnhof die Auftaktkundgebung, anschließend ging es los Richtung Riebeckplatz, wo die Polizei die Demonstrant*innen das erste Mal stoppte. Als Grund nannte die Polizei Vermummung. Nach einigen Minuten ging es dann weiter, den Boulevard runter zum Marktplatz, wo eine Zwischenkundgebung stattfand. Redebeiträge gab es unter anderem vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, von Antifas aus dem Harz und von der Kampagne gegen die „Gladiator Fight Academy“.
Mit lautstarken Parolen zog der Protestzug anschließend weiter und forderte beispielsweise „Freiheit für alle Antifas“. Immer wieder solidarisierten sich Anwohner*innen mit der Demonstration und spendeten aus den Fenstern Applaus.
Zweimal wurden Banner aus Fenstern oder vom Hausdach gehängt, in der Bernburger Straße mit Pyrotechnik – unter Jubelrufen der Demonstrant*innen.
© Dani LuizNach einer erneuten Zwischenkundgebung am Reileck ging es in der Dämmerung weiter die Ludwig-Wucherer-Straße entlang. Einige Demonstrant*innen zündeten im Einbruch der Dunkelheit Pyrotechnik und Feuerwerksraketen. Sofort setzten die Beamt*innen aus Baden-Wüttemberg ihre Helme auf und stoppten die Demonstration.
Nachdem die zahlreichen Regenschirme wieder eingeklappt waren, konnte sich der Demonstrationszug weiter Richtung Hauptbahnhof auf den Weg machen.
© Dani Luiz
© Dani Luiz
© Dani Luiz
© Dani LuizInsgesamt blieb es am Vorabend der Wahl lautstark aber ruhig, auffällig war jedoch das große mediale Interesse. Ungewöhnlich viel, teils überregional angereiste, Presse begleitete das Protestgeschehen, auch einige rechte Streamer waren zum Unmut der Protestierenden vor Ort.
Der ehemalige stellvertretende Parteivorsitzende der Partei „die Heimat“ (damals NPD) Sebastian Schmidtke streamte die gesamte Demonstration. Sein Material wurde anschließend von verschiedenen rechten Plattformen wie dem „Compact“-Magazin weiterverbreitet. Die von Rechten beschrienen „Krawalle“ der autonomen Demonstration blieben jedoch aus. Vielmehr setzten die Antifaschist*innen ein entschlossenes Zeichen vor der Wahl, weiterhin aktiv zu bleiben, weiterhin Antifa zu bleiben, egal welchen Ausgang die Wahl nehmen wird.

