Alpha Male
Held der Konkurrenz
Dass es sich bei Geschlechterrollen um Konstruktionen, um nichts Naturgegebenes handelt, das ist in der Allgemeinheit angekommen. Eigentlich geht (fast) jede:r mittlerweile und selbstverständlich davon aus. Wenn es noch einen Streit darüber gibt, dann in der Regel um die Frage, ob diese oder jene Rolle sich mit der Gesellschaft verträgt. Auch die Konservativen bis Völkischen hängen genau an dieser Frage. – Sollte man grundlegender fragen: Weshalb eigentlich ist die Idee des Alpha-Mannes für immer mehr Mitmenschen so attraktiv? Weswegen wollen sie ihre zwischenmenschlichen bis intimen Beziehungen genau danach ausrichten? Was ist der Alpha-Mann also?
Auf Tagesschau.de heißt es in der Sendung „Männer zwischen ‚Alpha‘-Kult und Unsicherheit“ (4.3.2026): Männlichkeit als Selbstbehauptung in einer feindlichen Welt: „Ein Ideal, das über Jahrzehnte wirkmächtig geblieben ist. Heute verschieben sich allerdings die Schauplätze. Serien im Streaming-Zeitalter zeigen Männer häufiger als Suchende. Die Konflikte spielen nicht mehr nur im staubigen Grenzland, sondern in Klassenzimmern, Familien oder digitalen Räumen. (…) Gleichzeitig entstehen Gegenentwürfe: verletzliche Helden, fürsorgliche Väter, Männerfiguren, die scheitern dürfen. Doch diese Bilder stehen im Wettbewerb mit hypermaskulinen Idealen, die in sozialen Netzwerken millionenfach geklickt werden.“
Im MDR kann man am 21.6.2023 in „Mythos Alpha-Mann“ dazu hören: „Der Alpha-Mann ist ein Mythos unter den Menschen. Er ist stark, intelligent, sticht Konkurrenten einfach aus und hat Erfolg im Beruf, beim Sport oder in schönen Künsten wie Tanz und Musik. Er weiß, welche Frauen er will – am besten alle. Und die Frauen, wenn sie nicht durch das Patriarchat – also den an männliche Erben gebundenen Besitz von Land und Ressourcen – gezwungen werden, auf die Wahl von Alpha-Männern zu verzichten, dann wollen sie alle nur ihn, also etwa 10 bis 20 Prozent der Kerle. 80 Prozent der übrigen Männer gehen leer aus.“
Mythos? Genau, weil dieses übersteigerte Männerbild nicht auf Natur, sondern auf einem gewollten Missverständnis fußt: Der Schweizer Zoologe und Verhaltensforscher Rudolf Schenkel hatte 1947 in „Expression studies on wolves“ den Begriff des Alpha-Tiers geprägt. Dessen bekannte Forschungsarbeit wurde vom US-Verhaltensforscher L. David Mech 1970 in „The Wolf. Ecology and Behavior of an Endangered Species“ aufgenommen. Darüber fand der Begriff Einzug in den Diskurs der US -amerikanischen Gesellschaft und wurde schließlich auf den Menschen übertragen. Dass Schenkel und Mech allerdings nur das Verhalten von Tieren in Gefangenschaft beobachteten, sich Wölfe in der freien Natur grundlegend anders organisieren, fiel dabei unter den Tisch. Spätere Klarstellungen von Mech blieben folgenlos. – Genau das ist erstaunlich: Das Bedürfnis nach einem Alpha-Tier scheint in der modernen Gesellschaft eindeutig größer als in der Natur!
In der Popkultur sind die Beispiele für Alpha-Rollen zahllos: James Bond, Leonidas aus 300, John Wick … und praktisch jede Figur von Arnold Schwarzenegger. Sie alle sind überlegene Kämpfer, geborene Anführer und meistens die schlauste Person im Raum, vom sexuellen Erfolg ganz zu schweigen. Kurz, sie bestehen in jeder beliebigen Konkurrenzsituation. Die endlose Wiederholung der immer gleichen Figuren und Plotstrukturen sollte eigentlich zu Ermüdungserscheinungen beim Publikum führen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Filme können zuverlässig auf diese Helden als Identifikationsfigur zählen. Die dargestellten Situationen in all ihrer Gewalt, Militanz, Menschenverachtung, Überheblichkeit und in ihrem teils übergriffigen sexuellen Verhalten werden als Bewährungsproben freudig konsumiert. Man(n) will sein wie diese Helden und nimmt Partei für ihren Erfolg.
Die meisten herausgeforderten und dann erkämpften Erfolge sind – so einfallsreich sind die Drehbuchautor:innen nicht – den gängigen Wertevorstellungen entwickelter kapitalistischer Gesellschaften abgelauscht. Natürlich minus theatrale Einfärbung der Leinwand. Noch jede Nation kennt ihre guten Soldaten, deren Ansehen und Ruhm sich daran bemisst, als Quasimaschine viele Abschüsse zu liefern; noch jeder Chef wird an seiner Führungsstärke und mittlerweile jeder Staatschef an seiner Exekutivkraft bemessen; Geldmachen wird bejubelt, egal ob man dafür ›über Leichen geht‹ und sich und seine Nächsten verkauft; fette Gold-Uhren und SUVs gelten als Status, auch wenn sie ökologisch und ästhetisch ein Verbrechen sind; Mansplaining ist angesagt und gilt nur in ganz speziellen Randmilieus als lächerlich; und so mancher Sackträger kann unter Seinesgleichen mit der schieren Zahl der eigenen Eroberungen punkten, von der Kur für sein eigenes Ego ganz zu schweigen.
Diese Filme greifen also auf, was das Publikum aus seinem Alltag kennt und wertschätzt und will. Filmhelden sind dabei das inkarnierte Prinzip der erfolgreichen Konkurrenz. Fraglos in schier allen Angelegenheiten beweisen sich diese Figuren als überlegen. Nebensache, worin sie brillieren. Dass sie es tun, ist ihr Wesenszug. Inhaltsleere Gewinner. Alphas.
Nebensache, worin sie brillieren. Dass sie es tun, ist ihr Wesenszug. Inhaltsleere Gewinner. Alphas.
Aber wieso ist das ein beliebtes Thema? Weshalb genießt man den Erfolg-an-sich? Weshalb will man Figuren sehen, die das vorspielen? Schaut man auf das Publikum, ist deren Alltag erdumspannend von der Not zur Konkurrenz geprägt. Dass die Natur so sei und nur ihre Fittesten überleben lässt, ist dabei schon die angepasste weltanschauliche Übertreibung. Der Grund der Konkurrenz ist nüchterner: es ist die kapitalistische Wirtschaftsordnung und ihre staatliche Einrichtung, die ganz unnatürlich die Menschen in Konkurrenz stellt. Von der Wiege bis zur Bahre steht der Normalo nicht in einer Welt, die sein ist und derer er sich bedienen kann. Vielmehr muss er sich für einen kleinen Zugriff auf diese in Eigentumsrechten geschützte Welt krumm machen: Geld verdienen, also für andere arbeiten. Und selbst das geschieht in Konkurrenz: Notenspiegel und Abizeugnis, Bewerbungs- und Recruiting-Marathons, besser und schneller und länger und schöner arbeiten als die Kolleg:innen. Eine Konkurrenz zunächst gegen seines- und ihresgleichen. Und dann noch gegen Vermieter und Arbeitgeber. Dann, als wertebewusste:r Bürger:in, womöglich gegen Angehörige anderer Staatsgewalten. Überall ein Abgleich, ein Wettbewerb. Die so eingerichtete Welt wird nicht als politische und ökonomische Kampfansage genommen, stattdessen lediglich als Herausforderung für die eigene Persönlichkeit. Es liegt an mir, nun einfach mal der Gewinnertyp zu sein! Das ist der Nährboden für Radikalinskis der Konkurrenz, der Selbstoptimierer, der Fans des Durchsetzens, der Alphas in allen Geschlechtern … Die Zumutung der Verhältnisse ist in die Frage der Person übersetzt, eine Frage der Einstellung allein. So also genüge Mindset, Muskelmasse, Fleischessen, selbstbewusstes Auftreten, Klamottenstil, Schönheitschirurgie, Auto, Tattoo, … halt Gewinnertyp sein. Auch, wenn’s erst mal nur eine Selbstbeschwörung ist.
Darin, diese Zumutung der Verhältnisse als persönliche Frage zu nehmen, liegt der große politische Fehler. Und der ist zugleich der große Fehler an der eigenen Person. Ganz zu schweigen von dem zwischenmenschlichen Fehler, weil man als Konkurrenzgewinner allen um einen herum notwendig Niederlagen beschert. Weil man als Normalo keine ökonomischen Machtmittel hat, sind das oft nur symbolische Niederlagen: Erniedrigung, also Arschtritte, Demütigungen, Beleidigungen.
Einen offiziellen Einwand gegen diesen Wahn kann man überhaupt nur vernehmen, wenn die Alphas am Gewaltmonopol des Staates kratzen. So heißt es im obigen tagesschau.de-Format: Eine ›Männergeneration‹, die sich ›als Verlierer‹ empfindet: Das dürfe nicht passieren, warnt Bundesbildungsministerin Karin Prien. Jungs dürften nicht abgehängt werden, sonst steige deren Anfälligkeit für Extremismus. – Wie auch immer die Konkurrenz, die bitte unbedingt weiter bestehen bleibt, persönlich ›empfunden‹ wird, verträglich müsse man(n) bleiben. Der Mann solle sich, so kann man sichs übersetzen, doch auch mal als empfindsam und verletzlich sehen, mal den Misserfolg als Chance nehmen für Familie, Kind, Frau und Gemeinschaft. So hat der neue männliche Held auch seine verschrobenen Konjunkturen. Hängt dann schon sehr von der Flexibilität der Männer ab, ob sie ihr Alphadasein jetzt erst recht radikalisieren oder das Gleiche mit Lastenrad oder woke-gefärbtem Gehabe durchkonkurrieren oder einfach nur ratlos zurückbleiben, was sie als Männer denn nun in dieser Welt zu suchen hätten.

