Theologie. MACHT. Geschlecht

Eine Ringvorlesung über Feminismen an der Theologischen Fakultät der MLU

von | veröffentlicht am 15.10 2022

Beitragsbild: Gleichstellungsteam Theologie | CC BY 2.0

Das Gleichstellungsteam der Theologischen Fakultät an der Uni Halle bietet ein neues Veranstaltungsformat an, das sich aus theologischer und religionswissenschaftlicher Perspektive mit der Konstruktion von Geschlechtern und Körpern beschäftigt.




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„Natürliche Zweigeschlechtlichkeit, heteronorme Männlichkeitsverständnisse oder weiße Frauenkörper werden meist unhinterfragt als historische Gegebenheiten angenommen“– wie wir wissen, nicht nur in der Theologie. Bereits in der Vergangenheit wurde im Transit-Magazin immer wieder über Positionen in Halle berichtet, die unter Bezug auf diese „natürliche Zweigeschlechtlichkeit“ die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten gewaltsam begrenzen wollen und dabei mit biologistischen Narrativen argumentieren. Die historische Entstehung patriarchaler Normen, das Vorhandensein sozialer, ökonomischer und kultureller Machtgefüge sowie nicht zuletzt das Recht auf Selbstbestimmung der betroffenen Menschen werden dabei häufig ausgeblendet.

An der Theologischen Fakultät der MLU wird anschließend an diese Auseinandersetzung ein neues Veranstaltungsformat angeboten. Es soll um die Frage der historischen Genese von Geschlecht aus theologischer und religionswissenschaftlicher Perspektive gehen. Organisiert wird die Ringvorlesung vom Gleichstellungsteam der Fakultät, das sich während der Corona-Krise aus Studierenden und Mitarbeitenden konstituiert hat. Das Gleichstellungsteam will gerade in Zeiten massiver sozialer Verwerfungen Konzepte und Phänomene wie Geschlecht, Feminismus, LGBTQ+, Care-Arbeit und Rassismus als zentralen Bestandteil theologischer Arbeit behandeln. Die Theologie sei ein Fach, welches sich teilweise immer noch durch traditionell verhaftete Strukturen auszeichne. Themen wie Gleichstellung, feministische Theologie, Postkolonialismus und allgemein die sog. Theologien der Subalternen (d.h. theologische Entwürfe etwa nicht-europäischer Akteur*innen oder People of Color) kämen in Halle bislang nur am Rande vor, wie die Theologin Nora Blume, Mitglied des Gleichstellungsteams, erläutert. Man wolle im Rahmen der Ringvorlesung diese Randstellung benennen und Strategien zu ihrer Überwindung diskutieren. Zudem sei eine Vielzahl Theologiestudierender an diesen Themen interessiert, weswegen das Gleichstellungsteam sich letztlich auch auf die Forderungen der Studierenden berufe. Die Theologie als Kulturwissenschaft sei Teil des gesamten gesellschaftlichen Diskurses und entsprechend interessiert daran, sich außerhalb des eigenen Dunstkreises mit Vertreter*innen anderer Disziplinen auszutauschen und gemeinsame Strategien zu entwickeln, so Blume.

 

Die hallesche Religionswissenschaftlerin Doris Günther-Kriegel wird sich in der ersten Veranstaltung mit postkolonialen Spuren im von vielen kirchlichen Hilfsorganisationen verfochtenen Konzept des sog. „Fairen Handels“ beschäftigen. Besonders wird die Rednerin biblische Motive untersuchen, die immer wieder herangezogen würden, um die ökonomische Ungleichheiten und Klassengegensätze zwischen globalem Norden und globalem Süden zu normalisieren und bestehende Ausbeutungsverhältnisse zu verschleiern.

Postkoloniale, intersektionale und Gender-Gesichtspunkte können aber auch in der wissenschaftlichen Betrachtung des Neuen Testaments zentral werden, wie der Beitrag von Marianne Bjelland Kartzow aus Oslo zeigen wird. Die „New Testament Studies“ seien, aufgrund ihrer Hauptaufgabe, biblische Texte und deren Rezeption zu verstehen, gut geeignet, Machtstrukturen in diesen Texten zu entlarven.

Sarah Jäger von der Uni Jena wird sich auf die unterschiedlichen Facetten von Sorge und Sorgearbeit fokussieren, sowohl in Familien als auch in Institutionen wie Kliniken und Pflegehäusern. Dabei beabsichtigt Jäger, „Dimensionen, Herausforderungen und Geschlechterfragen von Sorgearbeit“ auszuleuchten und „Chancen einer sog. Care-Ethik für die Theologie und über sie hinaus [zu] diskutieren“.

Aber auch die Arbeiten der bekannten Autorin Judith Butler sollen für die Kritik biblischer Texte fruchtbar gemacht werden. Esther Brownsmith, ebenfalls aus Oslo, beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Frage, wie im Alten Testament Gender durch Performanz entsteht. Besonders im Hinblick auf einzelne Texte des Alten Testaments sollen nicht-binäre Entwürfe von Geschlecht in der Bibel untersucht werden.

Benedikt Bauer von der Uni Bochum wird sich wiederum damit befassen, wie Geschlecht in der Kirchengeschichte zur Konstitution der vermeintlich „richtigen“ Frömmigkeit herangezogen wurde. Geschlechterkonstruktionen dienten demnach zentral zur Abgrenzung eigener religiöser Identitäten gegen alle, die in diesen Konstruktionen als die „Anderen“ galten, so die Hauptthese, die Bauer in seinem Vortrag weiter ausführen wird.

Weiterhin ist die Frage, wie innerhalb patriarchaler Strukturen in biblischen Texten konkret Geschlechterordnungen konstruiert werden und welche Machtkonstellationen dabei eine Rolle spielen, ein wichtiges Thema innerhalb der Ringvorlesung. Daniel Vorpahl, ein Vertreter der Jüdischen Studien und Religionswissenschaften in Potsdam, will daher die spezifische Beschaffenheit dieser Strukturen untersuchen.

Anschließend an die derzeit laufenden Debatten um einen islamisch-christlichen Dialog lohnt auch ein Blick in das multireligiöse Bosnien-Herzegowina. Tanja Grabovac vom Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Uni Graz, eine der Autor*innen des ersten feministischen Glossars auf dem Balkan, wirft Schlaglichter auf die LGBTIQ+-Bewegung des Landes im Kontext der drei religiösen Hauptdenominationen (Katholizismus, Serbisch-Orthodoxe Kirche und islamische Community) und der sozialen Machtkonstellationen. Sie stellt die Frage, welche konkreten Themen und Frontstellungen die LGBTIQ+-Aktivist*innen verhandeln und wie sie sich in einem multireligiösen Kontext verorten.

Abschließend wird noch einmal das Verhältnis von Gender Studies und Religionswissenschaften reflektiert. Giovanni Maltese aus Hamburg wird über einen „weißen Fleck“ innerhalb der global agierenden Religionswissenschaften referieren. Religionswissenschaften und Gender Studies würden zwar jeweils in ihren eigenen Bereichen Machtasymmetrien in der postkolonialen Welt kritisch reflektieren, jedoch gelte es nun über Konzepte nachzudenken, die die Kategorien von Religion und Islam gerade im Hinblick auf die damit in Zusammenhang stehenden Geschlechterkonstruktionen kritisch befragen. Anhand von Debatten, die um 1930–1940 im Kontext anglophoner südost- und südasiatischer muslimischer Intellektueller geführt worden sind, sollen diese Lücken geschlossen werden.

 

In Zeiten, in denen rechtsextreme und neoliberale Strategien und Gesellschaftskonzepte große Teile des politischen Diskurses prägen, in denen Antifeminismus zum zentralen Marker rechter Ideologie geworden ist und binäre Geschlechterordnungen als vermeintlich alternativlose progressive Befreiungsformeln beschworen werden, gilt es den Blick auf die historische Entstehung solcher Segmente zu werfen, um ihre Wirkmacht zu verstehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Theologie und Religionswissenschaften können als häufig nur marginal wahrgenommene Disziplinen innerhalb kulturwissenschaftlicher Debatten Aspekte beleuchten, die in bisherigen Auseinandersetzungen unterbelichtet blieben. Neurechte Strömungen beziehen sich gern auf vermeintlich christliche Argumente, um autoritären Gesellschafts- und Beziehungsmodellen sozusagen unter Berufung auf die höchste Autorität soziale und politische Legitimität und Dauerhaftigkeit zu verleihen. Gern wird etwa die ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft mit einer gottgegebenen Ordnung verfestigt, eine Strategie, die nicht nur Luther perfektioniert hat. Linke Analysen über die Herkunft solcher Praktiken und Gemengelagen lassen die religiöse Komponente manchmal etwas aus dem Blick geraten. Theologische und religionswissenschaftliche Diskurse können in diesem Kontext produktive Gesprächspartner sein, bisherige blinde Flecke in den Blick zu nehmen und neue Perspektiven sichtbar zu machen.

Hauke Heidenreich

… ist Mitglied der Transit-Redaktion und arbeitet als Historiker am Grünen Band Sachsen-Anhalt.

Theologie MACHT Geschlecht

Die Ringvorlesung des Gleichstellungsteams der Theologischen Fakultät im Wintersemester 2022/23

Jede Woche dienstags 18:00 – 20:00 Uhr im Hörsaal der Erziehungswissenschaften (Franckeplatz 1, Haus 31 im ersten Obergeschoss). Der erste Termin ist der 18. Oktober 2022.

Weitere Infos hier.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.