Kreative Stadtentwicklung in Freiimfelde Teil 1

Konzept für geplante Gentrifizierung

von | veröffentlicht am 19.12 2021

© Hans Berner

Vor ‘Creative Coworking Spaces’ und kreativer Wirtschaft schien in den letzten Jahren kaum eine Stadt sicher zu sein. Auch die sachsen-anhaltinische Landesregierung träumte seit 2013 davon, sich in einen “Top-Standort für Kreativunternehmen in Europa” zu entwickeln. Durch umfangreiche Berichterstattung ist ein kreatives Stadtentwicklungsprojekt bekannt geworden: die Freiraumgalerie.




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Die Entwicklung von Freiimfelde durch die Freiraumgalerie startete mit edlen Motiven. Häuserfassaden sollten mit urbaner Kunst aufgehübscht, Bewohner:innen die selbstbestimmte Gestaltung ihres Stadtteils nahegebracht und kreativer Wind in den Stadtteil getragen werden. 2012 sorgten die Freiraumgalerist:innen mit dem Auftaktfestival “All You Can Paint” für einiges Aufsehen, als sie innerhalb weniger Wochen riesige Murals im Stadtteil anfertigen ließen. Den muffigtristen Charm vieler Immobilien ersetzten Freiraumgalerist:innen durch ein attraktives Gewand mit einer rebellisch daherkommenden Kunstform. Zeitweise gehörte das Viertel damit zu den größten ‘Freiraumgalerien’ in Europa. Die künstlerische Intervention wurde mit einem kulturellen Rahmenprogramm verknüpft, das unter anderem Graffitiworkshops, Parties, eine Ausstellung und Breakdance-Performances umfasste. Dabei ging es der Freiraumgalerie nicht nur um Kunst- und Kulturförderung. Bewohner:innen sollten ermächtigt werden, sich selbst eine schöne Umgebung zu schaffen, sich in die visuelle und ästhetische Gestaltung ihrer Stadtteile einzumischen, wie Initiator Hendryk von Busse erläuterte:

„Es ist nicht nur eine starre Aufstellung von renommierten Graffiti- und Street Art Künstlern, sondern es ist wirklich eine Stadtleinwand, in der Jeder teilnehmen konnte, der Lust hat, sich kreativ auszudrücken, hat in der Freiraumgalerie diese Möglichkeiten dazu.“




Später begann die Freiraumgalerie sich an der ‘partizipativen’ Gestaltung öffentlicher Räume zu betätigen und trug diesen Anspruch fort. Sowas ist selten geworden in der heutigen Zeit, in der viele Menschen in städtischen Mietwohnungen leben und auf die Gestaltung von Fassaden und öffentlichen Räumen kaum bis keinen Einfluss nehmen können. So formulierten Freiraumgalerist:innen in einer Evaluation ihres Projektes, “[j]ede/r [sollte] unabhängig von künstlerischem Können die Chance erhalten, Urban Art zu erleben und auszuleben.” Busse fügte hinzu, dass “die Gestaltung unserer Städte […] nicht nur Experten überlassen bleiben” sollte. (Von Busse 2015: 16) Deshalb sollten “Bewohner:innen und Nutzer:innen städtischer Räume von Anfang an in die [Stadtentwicklungs]Prozesse” integriert und sollte mit diesen auf “Augenhöhe” zusammengearbeitet werden. In Freiimfelde lebenden Menschen sollte so eine Identifikation mit der ästhetischen Gestaltung ihres Viertels und das Gefühl vermittelt werden, dass sie “selber Stadt mitgestalten können”. Das Stadtentwicklungsvorhaben sollte aufzeigen, dass “Leerstand und Perspektivlosigkeit, oder Funktionslosigkeit auch Potential bringen kann [sic!] für die Bevölkerung und für die Stadtentwicklung”.

Die Freiraumgalerist:innen präsentierten sich als Mittler:innen, die den Bewohner:innen die Werkzeuge in die Hand gaben und assistierten, um diesen Prozess anzustoßen. Das wirkte emanzipatorisch und schien im Sinne der Stadtteilbewohner:innen zu sein. Freiraumgalerist:innen schienen den Menschen die Stadt zurückzugeben und die Lebensqualität im doch recht tristen Freiimfelde zu steigern. Mit diesem überzeugenden Konzept konnte sich die Gruppe, mittlerweile ein professionelles Unternehmen mit dem Namen “Freiraumgalerie – Kollektiv für Raumentwicklung Halle, Kienast & Treihse GbR”, in der halleschen Stadtentwicklungslandschaft etablieren. Die jungen Unternehmer:innen führten nicht mehr ausschließlich künstlerische Projekte durch, sondern fungierten nun auch als Stadtentwicklungsdienstleister:innen für das Rathaus. In Kooperation mit anderen staatlichen und privaten Akteuren wurden auch in anderen Stadtteilen Interventionen organisiert, darunter die Erstellung eines ‘Stadtteilkonzeptes’ für den südlichen Teil Halle-Neustadts.

 

Kommerzielle Kreative Stadtteilentwicklung

 

Dass die Freiraumgalerie eine Besonderheit in der halleschen ‘Kreativlandschaft’ war, wurde von Anbeginn deutlich. Im Jahr 2012 trat sie überraschend durch das Ausrufen eines Freiraums auf Stadtteilebene in Erscheinung und zwar ausgerechnet gerade in Freiimfelde, das in der ‚alternativen‘ und künstlerischen Szene in Halle bis dato keine Rolle gespielt hatte. Und in Halle passierte sonst generell wenig. In der ‚alternativen‘ und künstlerischen Szene konkurrierten Aktivist:innen um klägliche Fördermöglichkeiten für ihre Projekte, um am Ende oft selbst draufzuzahlen. Die existierenden, nicht-kommerziellen Hausprojekte und ‘Freiräume’, bis dahin wichtige legale Orte für ‘Urban Art’, alternative Jugendkultur und emanzipatorische Politik (oder was sie dafür hielten), kämpften ums Überleben oder fielen fortschreitender Gentrifizierung der Altstadt zum Opfer. So machte landesweit das linke Hausprojekt “Hasi” Schlagzeilen, das im Jahr 2016 besetzt worden war, sich aber mit einem Ausweichstandort zufriedengeben musste, um der Stadtentwicklung am Sophienhafen Platz zu machen. Mit der Schließung des einst nicht-kommerziellen Programmkinos La Bim entstand eine Leerstelle in der sozio-kulturellen Landschaft und es verschwand zudem eine innerstädtische Großfläche für Wandmalkunst.

Obwohl die Freiraumgalerie den Freiraum im Namen trug, hatte sie mit den linken Freiräumen in der Stadt nichts zu tun. Aktivist:innen um die Freiraumgalerie bemühten sich nicht, zu anderen kulturellen Projekten in der Stadt Kontakte aufzubauen, Kooperationen zu starten oder sich für deren Lage zu interessieren. Sie hielten sich aus den aktivistischen Sphären in der Stadt heraus, in denen das zunehmende Verschwinden von günstigen Wohn- und Projekträumen beklagt wurde. Im Gegensatz zur linksalternativen Freiraumszene schienen die Freiraumgalerist:innen umfangreiche Mittel und die Unterstützung der Stadt zu mobilisieren, um ihr eigenes Projekt zu stemmen. Der Grund dafür, dass die Freiraumgalerie von der Stadt gefördert wurde, war in den Zielen der Interventionen zu sehen, von denen man nur allzu leicht durch die Mittel abgelenkt wurde. Denn der konzeptionelle Ansatz basierte nicht auf einem linken Freiraumverständnis, sondern auf dem international etablierten Konzept der kreativen Stadtteilentwicklung. Dieses wurde maßgeblich von Richard Florida (2002; 2005) geprägt und weltweit verbreitet (Booyens 2012; 44). Aus wissenschaftlichem und persönlichem Interesse schaute ich mir solche Projekte zwischen 2015 und 2020 vor allem in Dortmund, Bochum, Halle, Leipzig, Cape Town und Johannesburg1 näher an und recherchierte ihre Hintergründe.

Die Idee hinter kreativer Stadtentwicklung ist simpel. In wirtschaftlich schwach aufgestellten Stadtteilen, oft handelt es sich um Arbeiter:innenstadtteile und verwelkte Industriestadtteile, sollen eine Kreativwirtschaft und eine ‘kreative Klasse’ angesiedelt werden. Dieser Prozess wird aktiv angestoßen durch die Förderung öffentlicher Kunst. Es geht darum, einem Stadtteil ein cooles, hippes, ‘kreatives’ und künstlerisches Image zu verschaffen, ihn herauszuputzen, ‘kreative Energien’ symbolisch zum Ausdruck zu bringen, und somit Kreativunternehmer:innen und Konsument:innen ihrer Produkte dazu zu bringen, sich im Stadtteil einzufinden (McAuliffe 2012: 7; Pratty 2011: 125; Schacter 2014: 163). In alten Industriewerkhallen und Arbeiterwohnungen sollen sich dann Galerien und allerlei Kreativunternehmen niederlassen und die hippe, künstlerische Atmosphäre weiter vorantreiben. Und da zuziehende kreative Unternehmer:innen abseits der Arbeit nach Zerstreuung suchen und mit ihren künstlerischen Erzeugnissen Tourist:innen und Kund:innen anziehen, soll in der Folge auch Gastronomie und Gastgewerbe entstehen (Zukin/Braslow 2011: 136). Es handelt sich also um eine konzertierte Verbindung von Marketing-Praktiken, die die Schaffung von Infrastruktur, die Anregung von ökonomischen Investitionen durch Wirtschaftsförderung und die Einwirkung auf die Zusammensetzung der Bewohner:innenschaft von Stadtteilen umfasst. Deindustrialisierte Stadtteile sollen auf diese Weise von einer Ökonomie in die nächste überführt werden. Damit geht nicht nur die profitable Ansiedlung einer Kreativindustrie und ihrem eher wohlhabendem Klientel einher (McAuliffe 2012: 2), sondern Immobilien gewinnen in diesem Prozess an Attraktivität und somit ökonomischem Wert. Kreative Stadtentwicklung ist deshalb für die kommerzielle Bewirtschaftung von Immobilien sehr interessant. Die kreative Stadtteilförderung hat primär ökonomische Motive im Sinn (siehe auch Deutscher Städtetag 2011). Im nach 1990 ökonomisch kollabierenden Ostdeutschland, das beachtliche Teile seiner industriellen Basis verlor, gewann kreative Wirtschaftsförderung in jüngerer Vergangenheit an Bedeutung, stellte sie doch scheinbar neue Wege ökonomischer Entwicklung desolater Stadtteile in Aussicht. So träumte auch die sachsen-anhaltinische Landesregierung seit 2013 davon, das Bundesland in einen “Top-Standort für Kreativunternehmen in Europa” zu entwickeln.

 

 

Der Einsatz von urbaner Kunst hat sich als eine Methode in der Schaffung kreativer Stadtteile etabliert und eine eigene Ästhetik hervorgebracht (Schacter 2014: 170). Das subkulturelle, ‘undergroundige’ Image von Graffiti scheint den ökonomisch motivierten Vorhaben ein rebellisches, bodenständiges Bild zu verleihen. Aber transgressive und politische Elemente werden aus der künstlerischen Gestaltung exkludiert, und inhaltlich harmlose Bilder geschaffen, die keinen Anstoß erregen, sondern auf eine mainstream-kompatible ästhetische Bereicherung unter dem Label ‘Street Art’ abzielen, die sich ökonomisch profitabel auswirkt (Schacter 2014: 165). Weil die Kunst in der kreativen Stadtentwicklung aber nur Mittel und nicht Ziel ist, verschwindet sie nach und nach wieder sobald der wirtschaftliche Aufschwung in Gang kommt, sich eine lukrativere Ökonomie formiert, wohlhabendere Bevölkerungsteile dominant werden und die rebellisch konnotierte Kunst einer gesetzteren Ästhetik Platz macht (Zukin/Braslow 2011: 132). ‘Kreative Stadtentwicklung’ ist als Begriff deshalb irreführend, weil es dabei nicht um eine Förderung von Kreativität, Kunst und Kultur geht, sondern um wirtschaftliche Interessen.

Die kreative Stadtentwicklung produziert aufgrund ihres ökonomischen Motivs unausweichlich Gewinner:innen und Verlierer:innen. Für Zuzügler:innen, kreative Unternehmer:innen und Immobilienbesitzer:innen ergeben sich neue, ökonomisch lukrative Möglichkeiten. Arme und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, hingegen, verlieren in einem solchen Prozess Wohn- und Arbeitsräume, weil sie sich Immobilien und Mieten nicht mehr leisten können, und die geförderte Kreativindustrie oft kaum Jobs für sie zu bieten hat. Sie werden nach und nach durch einkommensstärkere Gruppen verdrängt (Booyens 2012: 47).

Zwar ist Gentrifizierung kein explizites Ziel kreativer Stadtteilentwicklung, aber sie ist ein unausweichlicher Effekt in Stadtgesellschaften, in denen Wohnraum in einen kapitalistischen Markt eingebettet ist, und wird von Stadtentwickler:innen in Kauf genommen. Die von ihnen angesiedelte ‘kreative Klasse’ ist ökonomisch privilegiert (Pratty 2011: 127). Der US-amerikanische Soziologe Marcos Feldman hat mit seiner ethnografischen Forschung in Wynwood, Miami, exemplarisch gezeigt, wie die kreative Entwicklung des Stadtteils, die auch künstlerische Gestaltung durch international bekannte Urban-Art-Künstler:innen wie Shepard Fairey umfasste, zur Verdrängung der marginalisierten Bewohner:innen führte (Feldman 2011). Für das von der Gentrifizierung profitierende Entwicklungsunternehmen, das Gentrifizierungsabsichten zurückwies, ein notwendiges Opfer im Geschäftsmodell (Schacter 2014: 167f.). Aufgrund der auch in vielen anderen Städten beobachteten Verbindung von kreativer Stadtentwicklung und Gentrifizierung wird das Stadtentwicklungsmodell in den Gesellschaftswissenschaften seit langem kontrovers diskutiert. Selbst der kreative Stadtentwicklungs-Prediger Richard Florida, der das Konzept maßgeblich popularisiert hatte, hat vor einigen Jahren sein Bedauern über diesen Aspekt zum Ausdruck gebracht.

 

Wirtschaftlich orientierte kreative Stadtentwicklung und Gentrifizierung in Freiimfelde

 

Die Freiraumgalerie wurde auf Grundlage von Richard Floridas Modell kreativer Stadtentwicklung konzeptionalisiert. Initiator und Raumplaner Hendryk von Busse beschreibt dies detailliert in seiner Abschlussarbeit zum Projekt. Häuser sollten mit großflächigen Fassadenmalereien gestaltet, Workshops, Beteiligungsformate, kulturelle Events und ein Festival organisiert und die Gestaltung einer Freifläche angeregt werden, um Freiimfelde auf den Weg zum Kreativstadtteil zu bringen. Dies sollte die Ökonomie im Stadtteil beleben, Zuzüge ankurbeln und Leben in den Immobilienmarkt bringen. Am Ende seiner Abschlussarbeit formuliert von Busse ein Szenario, das eine erfolgreiche Entwicklung von Freiimfelde veranschaulichen soll:

 

„Vor zehn Jahren (2015) noch war das Rotlichtmilieu etablierter Teil einer alternativen Unterhaltungsindustrie, die in Halle Ost blühte. Das Urban Art Festival hat dem Gebiet schrittweise zum Ruf eines angesagten Stadtteils verholfen. Das Gebiet ist geprägt von Kreativen (KünstlerInnen, StudentInnen, Intellektuellen) und von Alternativen (Hippies, Linksautonome, Bohemians). […] Das Image des Viertels ist verbessert worden, viele der ursprünglich ersten bemalten Häuser der Landsberger Straße sind inzwischen durchsaniert und zu hohen Mietpreisen vermarktet worden. Andere wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. […] Die PionierInnen der ersten Entwicklungsphase sind inzwischen weitergewandert, ihre Ateliers wurden aufgekauft und zu Wohnraum umsaniert. Die Club- und Kneipenszene wird zunehmend kleiner oder ersetzt von hochwertigeren Restaurants. Beschwerden der neuen Zuzügler über Lärm und Dreck erhöhen den Druck auf die “Nachtlebenszene“. Freiimfelde hat sich bewegt: Urban Art half als Motor.” (Von Busse 2011: 105ff.)




Von Busse zielte also auf eine idealtypische Entwicklung von Freiimfelde vom Arbeiter:innenstadtteil mit Rotlichtmilieu zum temporären Kreativstadtteil hin zum bourgeoisen Viertel mit hohen Mietpreisen und sanierten Immobilien. Diesen anvisierten Prozess verfolgten und kommentierten die Stadtentwickler:innen in den Jahren nach Projektstart. Im Anschluss an die ursprüngliche Platzierung der großformatigen Bilder an den Hausfassaden hat die Freiraumgalerie beispielsweise eine Evaluation ihres Projektes zwischen 2012 und 2014 durchgeführt, in der eine Zunahme von Vermietungen, die Gründung neuer Unternehmen (inklusive der Freiraumgalerie selbst) und der Zuzug Kreativer attestiert wurde:

“Als weicher Standortfaktor trägt [die Freiraumgalerie] also zur Verbesserung des Wohnungsmarktes bei. Eigentümer, die mit der Freiraumgalerie kooperieren, belegen die positiven Effekte und die schnelle Vermietung von Wohnraum, der alle Erwartungen übersteigt. […] Ein weiterer Wirtschaftsfaktor ist das Gründungspotential der FRG. Als Plattform für KünstlerInnen haben es verschiedene Gruppen geschafft, ihre Existenz mit künstlerischer Gestaltungsarbeit zu bestreiten. Mindestens 7 Gründungen von eigenständigen KleinunternehmerInnen sind direkt aus der FRG hervorgegangen, die sich durch Auftragsgestaltungen sowie wissenschaftliche und pädagogische Projekte mit urbaner Kunst auf dem Markt etablieren. Die erwähnten Start-Up-Unternehmen werden von dem kreativen Umfeld angezogen und wählen Freiimfelde als Standort.” (Von Busse 2015: 62f.)

 

Wie beabsichtigt führte die ‘Belebung’ des lokalen Immobilienmarktes zu Immobilienverkäufen, Sanierungen und Neuvermietungen. Ein Besitzer einer Immobilie in Freiimfelde, der sich in Projekten der Freiraumgalerie engagiert und “daher einen guten Überblick über den halleschen Wohnungsmarkt” besessen habe, bestätigte das Steigen von Immobilienpreisen in den Jahren nach dem Startfestival 2012. Ihm zufolge würden Häuser im Viertel, die Interessent:innen zwölf Jahre zuvor noch “hinterhergeworfen” wurden, nun zu stattlichen Preisen gehandelt. Mir persönlich bekannte, frisch gebackene Immobilienbesitzer:innen in Freiimfelde bestätigten dieses Bild und hatten sich, aufgrund guter Kontakte frühzeitig informiert über die kreative Stadtteilentwicklung, eine Immobilie vor zu erwartenden Wertsteigerungen gesichert. Laut den Projektverantwortlichen habe Freiimfelde zwischen Dezember 2010 und Dezember 2012 die höchste Sanierungsquote in der Stadt aufgewiesen (Team Freiraumgalerie 2013: 60). In statistischen Daten über den Stadtteil ließen sich diese Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt tendenziell ablesen. Die Zahl ungenutzter Immobilien war von 2011 bis 2016 von 60 auf 20 Prozent zurückgegangen, die Einwohner:innenzahl an der Freiimfelder Straße war um 16 Prozent gestiegen und die durchschnittlichen Mieten für unsanierte Altbauten hatten sich spürbar erhöht. Traut man den Ausführungen des Wirtschafts-Magazins Capital von 2017 über den Weg, hatte sich Freiimfelde zu einem sehr lukrativen Stadtteil für Immobilieninvestitionen mit im Bundesvergleich überdurchschnittlich hohen Renditen entwickelt.

 

 

Erste Anzeichen von Gentrifizierung in Freiimfelde

 

Trotzdessen ein Teil der ökonomischen Aufwertung sich auf leerstehende Immobilien beschränkte, folgte dieser Entwicklung unausweichlich eine einsetzende Verdrängung von einkommensschwachen Nutzer:innen und Bewohner:innen. Von Busse und Treihse schlossen aus ihren Beobachtungen in Freiimfelde in einem Aufsatz, dass ihre Kunstintervention Gentrifizierung befördert hatte. Auch Anwohner:innen und andere, lose mit dem Projekt in Verbindung stehende Mitwirkende kommentierten im Laufe der Zeit einen einsetzenden Gentrifizierungsprozess. Beispielsweise sprach eine Mitarbeiterin des Bauspielplatzes im Bürgerpark, der von den Freiraumgalerist:innen initiiert worden war, im April 2020 davon, “dass schon länger in diesem Viertel oder in dieser Straße [Landsberger Str.] Gentrifizierung vonstatten geht”. So fiel inmitten der Corona-Pandemie der sogenannte “Bürgertreff” der Gentrifizierung zum Opfer, obwohl er im Quartierskonzept Freiimfelde noch als wichtige soziale Institution im Stadtteil vorgesehen war (Von Busse/Treihse/Halle 2017: 55). Der Vermieter der Räumlichkeiten beabsichtigte eine lukrativere Verwendung seiner Immobilie und verlängerte den Mietvertrag nicht. Mitarbeiter:innen des Bürgertreffs erläuterten, dass weitere genutzte Immobilien zum Verkauf stünden und ihre zukünftige Nutzung unklar sei. Ich kannte auch persönlich von Gentrifizierung verdrängte Nutzer:innen einer unsanierten Altbauimmobilie in unmittelbarer Nähe der Landsberger Straße, zu der ein großer Garagenhof und Werkstätten gehörten. Der Eigentümer schien, da die Immobilien- und Grundstückswerte tatsächlich spürbar gestiegen waren, einen guten Zeitpunkt für den Verkauf zu wittern. Allen Nutzer:innen wurden die Mietverträge gekündigt, die Immobilie sollte abgerissen und das Grundstück neu bebaut werden. Sichtbar wurde das einsetzende Verschwinden günstigen Wohnraums auch am zunehmenden Verblassen und Verschwinden der Wandbilder an einst un- oder teilsanierten Häusern, die nun umfassend modernisiert wurden. Die Besitzer:innen solcher Immobilien nahmen die von der Stadtentwicklung angeregten Wertsteigerungen gerne an, aber schienen kein weiteres Interesse an kreativer Wandgestaltung zu haben, sondern einfarbige Fassaden vorzuziehen (Team Freiraumgalerie 2013: 62).

 

 

Die Warnung, dass durch kreative Stadtteilentwicklung Gentrifizierung angestoßen werde, sollte sich im Laufe der Zeit in Freiimfelde somit bewahrheiten. Was von einigen Nutzer:innen und Beteiligten als bedauerliche, unerwünschte Entwicklung im Stadtteil wahrgenommen wurde, die nach der ‘Explosion der Kreativität’ einsetzte, war eigentlich Teil des Konzeptes. Sicherlich waren die Gründe für die Entwicklungen auch in gesamtstädtischen Dynamiken oder von solchen in naheliegenden Arealen begründet, wie der kontrovers diskutierten Entwicklungen am Hufeisensee. Aber der Freiraumgalerie gebührte zweifelsohne ein Anteil an der Beförderung von Gentrifizierungsprozessen in Freiimfelde.

Allerdings folgten den pompös vermarkteten Interventionen der 2010er-Jahre kaum weitere Aktivitäten, um die kreative Stadtteilentwicklung voranzutreiben. Freiraumgalerist:innen waren in andere Stadtteile mit neuen Projekten weitergezogen und hatten auch ihre Büroräume von Freiimfelde in die beste Altstadtlage verlegt, waren somit kaum noch in dem Viertel präsent, für das sie einst große Pläne gehabt hatten. Verblassende Wandbilder, eine größere Zahl sanierter Häuser, leichter Zuwachs an Studierenden, Kreativunternehmer:innen und ‚Alternativen‘ unter Stadtteilbewohner- und Besucher:innen, im Durchschnitt gestiegene Mieten und ein semi-öffentlicher Platz erinnern heute an den Traum vom Kreativviertel und dem Auftaktprojekt der professionellen Stadtentwickler:innen ins Berufsleben. Freiimfelde hatte sich zwar spürbar, aber nur wenig bewegt und das Prostitutionsgewerbe, an dem sich Initiator von Busse in seiner Abschlussarbeit noch gestört und dessen verschwinden er prognostiziert hatte, war noch immer etablierter Teil der Unterhaltungsindustrie an der Landsberger Straße. Innerhalb einiger Jahre eine kreative Industrie aus dem Boden zu stampfen und eine massive Verschiebung der Demografie zu erreichen, waren dann doch zu hoch gesteckte Ziele der jungen Stadtentwickler:innen.



1Während geplante Gentrifizierung durch kreative Stadtteilentwicklung in Deutschland noch relativ human verläuft, Stadtviertel über Jahre oder Jahrzehnte hinweg die strukturelle Verdrängung von armen BewohnerInnen erleben, sieht die Lage in Staaten wie den USA und Südafrika drastischer aus, da Mieter:innen dort vergleichsweise wenige Rechte geltend machen können. Werden dort Kreativquartiere ausgerufen und aufgebaut, kann dies für arme Bewohner:innen bedeuten, innerhalb weniger Monate oder Jahre aus ihren Wohn- und/oder Arbeitsräumen vertrieben zu werden und auf der Straße zu landen.

Über den Autor

Hans Berner hat Ethnologie und Geschichtswissenschaften studiert. Er hat einige Zeit in Halle gewohnt und beschäftigt sich mit Stadt- und Regionalentwicklung.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.