Körperloser Kapitalismus?

Interview mit Wolfgang M. Schmitt über Sport und Körperkultur in den sozialen Medien

von | veröffentlicht am 20.08 2021

© Flickr

Wolfgang M. Schmitt hat mit Ole Nymoen 2021 das Buch "Influencer. Die Ideologie der Werbekörper" veröffentlicht. Die Programmzeitung von Radio Corax sprach mit Schmitt über Sport und Körperkult in den sozialen Medien.




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CORAX-Programmzeitung: Ihr habt euch bei der Recherche für euer Buch „Influencer. Ideologie der Werbekörper“ durch einige Produktionen und Kuriositäten der sozialen Medien gegraben. Wie sind dir dort Sport und Körperkultur begegnet?

Schmitt: Sport findet auf Instagram ständig statt. Das bringt die Plattform schon mit sich, weil sie eine ist, die vor allem auf visuelle Reize setzt. Man weiß inzwischen, dass die Algorithmen so programmiert sind, dass nackte Haut bevorzugt wird. Nicht zu viel, es darf nie in den pornografischen Bereich gehen, aber gestählte Muskeln. Das Thema Fitness, also dass es da um ein gesundheitliches Programm geht, spielt auch eine Rolle, aber es geht tatsächlich ganz stark um den Körperkult auf Instagram, aber auch bei YouTube und TikTok. Dort haben wir sehr viele Fitnesstutorials. Da gibt es Challenges, die meist damit verbunden sind, dass man zum Beispiel bei einem Lied wie Rasputin, sich in einem gewissen Moment die Kleider vom Leib reißt und seine Muskeln präsentiert. Der Körper ist eigentlich der Schauplatz, auf dem alles stattfindet. Das ist das Primäre, das auch die Influencer auszeichnet. Influencer haben alle Körper, die in irgendeiner Weise attraktiv sind, für diese Plattform und für die Follower. Körperlose Influencer sind gar nicht denkbar.

 

CORAX-Programmzeitung: Warum erscheinen deiner Meinung nach die Konkurrenzverhältnisse der sozialen Medien trotz all ihrer Zwänge und Zumutungen als großes Projekt der individuellen Freiheit?

Schmitt: Weil diese Plattformen eigentlich so funktionieren, dass es theoretisch jeder schaffen könnte. Also auf den ersten Blick ist noch das Aufstiegsversprechen gegeben und man könnte sich vorstellen, dass es sich für einen erfüllt. (…) In unserem Buch sagen wir, es ist noch ein letztes Mal der amerikanische Traum, der zum Leben erweckt wird. Im übrigen nicht nur in Amerika, nein nicht nur im Westen, sondern in der ganzen Welt, in Russland und in Indien, in China. Überall gibt es diese Influencer und überall gibt es diese Träume und bei manchen funktioniert es natürlich wirklich, wie auch manche in der Garage ein Unternehmen gründeten und dann irgendwann die Weltmarktführung hatten. (…) Aber das sind eigentlich seltene Erscheinungen und dennoch liegt es irgendwie so nahe, weil man auf diesen Plattformen im eigentlichen Sinne nichts mehr können muss. (…)

Dann gibt es natürlich noch den Aspekt, der ein bisschen unterbelichtet ist, da es schlecht zu recherchieren ist, dass enorm viele Follower gekauft werden, dass Interaktionen gekauft werden und dass man erstmal so präsent wird, dass irgendwann echte Follower da sind und man die gekauften abstoßen kann. Und dadurch suggeriert man, man sei natürlich gewachsen. (…) Den Leuten aber, die das nicht so durchschauen, vielleicht auch nicht durchschauen wollen, erscheint es erstmal so, dass sie denken: trainieren kann ich auch, einen Halbmarathon bin ich auch schonmal gelaufen, Brei esse ich auch jeden Tag zum Frühstück. Und dann merken erst sehr viele, dass es eben nicht so einfach funktioniert und dann gibt es das große Scheitern. Das kann man bei Instagram jetzt immer erleben bei ganz vielen Leuten, die sich redlich bemühen, es dann aber nicht schaffen. Vielleicht haben wir es auch mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, das alles Kulturelle längst abgelegt hat. Man findet dort nie eine Influencerwohnung, in der Bücher zu sehen sind.

Jetzt kann man sagen, dass ist alles kulturpessimistisch. Aber ja, so ist es. Es ist eine Welt, die diesen Körper als einziges Projekt im Mittelpunkt kennt. Aber auch gleichzeitig Körper, die vollkommen unerotisch sind. Das ist auch das Erstaunliche daran, dass es überhaupt nichts mehr davon hat, was man im 60/70er-Jahre-Kino kannte, Körper die einen locken und reizen, sondern es sind Oberflächen, bei denen man sich fragt: Soll ich mir auch so einen zulegen, beschaffen oder kommen lassen, oder hole ich mir doch das neue Smartphone, das fühlt sich ähnlich an?

 

CORAX-Programmzeitung: In eurem Buch geht ihr auch darauf ein, dass die Influencerkultur im Grunde eine konsequente Fortsetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse im Sinne der Werbeindustrie ist. Gleichzeitig scheint es so, dass diese Verhältnisse von den ausübenden Akteur*Innen, den sogenannten Influencer*Innen, nicht wahrgenommen werden. Gleiches gilt für die Konsument*Innen, da sonst die Werbeform ja nicht so gut funktionieren würde, wie sie es tut. Warum werden die Verhältnisse scheinbar unsichtbar?

Schmitt: Ich glaube, das ist eine Sache, die man in der Populärkultur sehr häufig finden kann. Mit Populärkultur meine ich jetzt nicht den gut gemachten Hollywood Film, denn der würde so etwas tatsächlich transparent machen. (…) Was wir hier finden, ist eine Popkultur, die sehr nahe an der Schnulze dran ist. Also Kitsch wirklich im Sinne von kitten, dass man etwas verdeckt, dass man etwas zusammenschiebt und was dann nicht mehr diese Kluft erkennen lässt. Ich würde das damit vergleichen, was man allabendlich im ZDF und der ARD sehen kann. Damit meine ich nicht den ausgewählten Film, sondern was da wiederkehrend kommt. (…) Da wird eigentlich auch alles ausgeblendet. Man kriegt zwar noch mit, dass man in einem System lebt, wo es Wirtschaft gibt, aber alles wird übertüncht mit so einem Degeto-Filter, alles sieht so sonnig wohlig gleich aus. Das ist für das ältere Publikum.
Dann gibt es für das jugendliche Publikum etwas ganz ähnliches, so dass man eigentlich mit der Nase darauf gestoßen wird, in welchen Verhältnissen man lebt, aber es wird dann verschleiert. (…) Man glaubt, die meinen es gut und [man denkt], komisch, dass ich noch nicht so erfolgreich bin. Dann denkt man vielleicht, naja, noch habe ich ja auch noch nicht eine Million Follower. Dass man aber mal denkt, was ist das eigentlich für eine irre Gesellschaft, die Leuten so viel Geld gibt, nur weil sie bei Instagram jeden Tag ihre Beinchen hoch halten – das ist überhaupt nicht präsent. Man akzeptiert eigentlich die Widersprüche des Kapitalismus oder nimmt sie nicht mehr wahr. Man versucht, eine Blase aus Ganzheitlichkeit, Achtsamkeit und sonst etwas zu basteln, in der man nur noch von sich selbst ausgeht, was aber auch bedeutet, wenn man es nicht schafft, ist man auch selbst schuld.
Das ist genau das, was wir beim Fitness haben und da stimmt es tatsächlich. Wenn ich jetzt aufhöre zu trainieren, lassen halt die Muskeln nach, da kann ich sagen, ja, das ist halt der Grund dafür. Wenngleich ich auch fragen muss, warum hat jetzt jemand nicht so viel Zeit, Sport zu machen. Warum muss sich jemand ungesund ernähren? Vielleicht weil Geld fehlt? Vielleicht weil die Zeit fehlt? Vielleicht weil man sich auch auch noch um eine Familie kümmern muss? Diese Fragen werden ausgeblendet, es geht immer nur um den eigenen Willen. Hat man es geschafft oder nicht? (…) Mit diesem System kann man alles ausblenden, was eigentlich etwas über das Wirtschaftssystem erzählen würde. Was die Influencer dort betreiben, ist eine große Entpolitisierung und sie profitieren genau davon, dass diese Influencer sich nicht mit Politik beschäftigen. Denn würden die das tun, würden sie wissen um die Ungleichheit, würden sie wissen um die eigentlichen Kapitalverhältnisse in Deutschland. Dann würden sie eines als allererstes machen: entfolgen.

 

CORAX-Programmzeitung: Du bist ja in erster Linie Filmanalytiker. Wie und wo finden sich diese Körperbilder im aktuellen Kino und kannst du sagen, ob sich hier eine Ideologie ausprägt bzw. durchgesetzt hat?

Schmitt: Der Film war immer schon ein Medium, das den Körper stark in den Mittelpunkt gerückt hat. Es ist ein visuelles Medium, genau wie das Theater. Es gibt dort allerdings etwas, das es im Theater nicht gibt, das ist die Großaufnahme. Durch sie sehen wir Körper in einer ganz anderen Nähe, als wir das normalerweise sehen, und auch in einer ganz anderen Größe. Selbstverständlich ist es so, dass das Unterhaltungskino diese Körper als begehrenswert inszenierte. (…) Aber sicherlich haben wir hier einen Unterschied. Wir haben hier von Anfang an den Hinweis, wir haben es hier mit Stars zu tun. Wir haben es hier also mit Leuten zu tun, die sich professionell eigentlich nur um ihren Körper, ihr Aussehen kümmern und hin und wieder mal ein bisschen Text lernen. Das ist aber etwas, das einem zugleich so fern erscheint. Das war nie lebensnahe. Man konnte es bewundern, man konnte es bestaunen, man kann sich vielleicht auch ein bisschen was davon abgucken, aber von Anfang an war diese große Kluft da, zwischen dem Star und mir selbst. Dadurch ist der Druck, den dieses Kino ausgelöst hat, gar nicht so groß, wie das manchmal angenommen wird.

Anders ist es aber bei den Influencern, die ja tatsächlich so sind wie du und ich auf den ersten Blick, die zwar auch den ganzen Tag nichts anderes machen, als ihren Körper zu formen und zu präsentieren, aber dennoch suggerieren sie mit ihrer Du-und-Du-Ansprache, dass sie eigentlich wie meine beste Freundin, wie mein Nachbar, wie mein Bruder sein könnten. Dadurch ist der Druck auch viel höher, weil ich mir dann sage, na gut, wenn mein Bruder so aussehen kann, dann kann ich das doch auch. Mein Nachbar hat das doch auch, dann kann ich mir das doch auch kaufen. Dadurch haben wir eine sehr perfide Nähe, die aufgebaut wird und dann den Druck auch enorm steigert.

Wolfgang M. Schmitt

ist Filmanalytiker, sein YouTube-Kanal heißt Die Filmanalyse. Das Buch Influencer. Die Ideologie der Werbekörper, zusammen mit Ole Nymoen, erschien 2021 bei Suhrkamp.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.