Bloß keine Klarheiten!

„Unten überm Fluss“ lockt ab dem 22. Juni in die Freie Spielstätte Halle

von | veröffentlicht am 20.06 2021

© Spielmitte e.V.

Der Lockdown macht Pause und sofort erblüht in Halle wieder das einst so üppige kulturelle Leben. Neben den „großen Häusern“ haben auch die vermeintlich kleinen Spielstätten die Stuhlreihen abgestaubt und laden mit Hygienekonzept in die ersten Vorstellungen. In der Freien Spielstätte Halle wird ab dem 22. Juni für eine ganze Woche die Welturaufführung von „Unten überm Fluss“ gezeigt – eine Produktion des Vereins Spielmitte e. V. Wir sprachen vorab mit Franz Metzkow und Joris Koser von der Theater-Gruppe „Die Schaffner“, die das Stück geschrieben, konzipiert und bis zuletzt intensiv geprobt hat.




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Getroffen haben wir uns für das Gespräch knapp eine Woche vor der Premiere auf der Thalia-Wiese. Vielleicht schon ungeplant symbolisch, denn Spielmitte e. V. ging 2012 aus dem Theaterjugendklub des früheren Kinder- und Jugendtheaters „Thalia“ der Stadt Halle hervor, das in der Form schon einige Jahre nicht mehr existiert und dessen ehemalige kleine Spielstätte gegenüber der Thalia-Wiese mittlerweile eine Kletterhalle beherbergt.

Schauspiel ist dem Sport gewichen und doch noch oder wieder da, gleich um die Ecke in einem Hinterhof der Geiststraße, wo gerade erst auf Initiative dreier Partner aus der Freien Szene ein „Theaterpädagogisches Zentrum“ gegründet wurde. Und einige der Pioniere dieses Zentrums bringen nun ihre zweite Kreation auf die Bühne. Unser Gespräch dreht sich die ganze Zeit ein wenig wie um den Heißen Brei, denn so richtig viel soll noch nicht verraten werden über „Unten überm Fluss“. Und so gibt es eher einen Einblick darin, wie das Stück entstanden ist.

Transit: „Unten überm Fluss“ – gar nicht so leicht einzuprägen, dieser Titel. Denkt man euer Stück vom Titel her – was hat das Stück damit zu tun?

Joris: Eigentlich ziemlich viel. Der Titel ist Programm, das kann man schon sagen. Ich weiß jetzt nicht, wie viel ich sagen kann, ohne zu viel zu verraten…

Transit: Keine Spoiler!

Joris: …aber ein Fluss kommt auf alle Fälle drin vor.

Franz: So war es zumindest gedacht. Was draus geworden ist, ist eine andere Frage.

Transit: Das klingt noch sehr … unkonkret! Könnt ihr vielleicht noch ein bisschen mehr verraten?

Franz: Es gibt eine Handlung. Gedacht war es als szenisches Theaterstück. Es ist ein bisschen anders geworden. Es geht um eine Person, verkörpert von Gabriel aus unserer Gruppe, die Nacht für Nacht an einem Fluss steht und dort arbeitet, und sich anschaut, was die Stadt ausspuckt. Dieser Ort, an dem das Stück spielt, ist flussabwärts von der Stadt gelegen. Und es kommen nach und nach Gegenstände angeschwommen und die Hauptperson setzt sich dann mit diesen Gegenständen auseinander – erstmal.

Joris: Ich denke, wir können diese Person auch benennen: Es handelt sich um einen Nachtwächter.

Franz: Das verwirrt aber auch.

Joris: Es verwirrt vielleicht ein bisschen, aber die Figur war immer als Nachtwächter angelegt, der auch immer nur nachts arbeitet.

Franz: Er hat aber nichts mit diesem typischen Nachtwächterbild zu tun.

Transit: Es wird also ein düsteres Stück, von der Stimmung her?

Joris: Es wird anstrengend.

Franz: Hoffentlich wird’s positiv anstrengend. Und von der Atmosphäre her ist es vielleicht das geworden, was uns alle so die letzten anderthalb Jahre auch ein bisschen geprägt hat. Ohne, dass wir das prinzipiell gewollt haben. Es ist im Endeffekt einfach so geworden. So zumindest auch das Feedback, das wir letzte Woche dafür bekommen haben.

Joris: Genau. Dadurch, dass wir eine Hauptfigur haben, ist auch diese Figur oft auf sich allein gestellt. Uns wurde in den Mund gelegt, dass es diese Isolation ist, die man jetzt durch die Corona-Zeit kennengelernt hat. Ohne, dass wir etwas über die Corona-Zeit machen wollten. Und es ist vielleicht dennoch so ein kleiner Bezug dazu da.

Transit: In der Ankündigung des Stückes steht, dass die Corona-Zeit zumindest dafür gesorgt hat, dass ihr das Stück überhaupt angehen konntet?

Joris: So halb, ja. Wir hatten das schon lange vor. Eigentlich direkt nach unserer letzten Produktion „ggf.“ (Transit berichtete). Und dann haben wir halt in drei verschiedenen Städten gewohnt und dann war klar, dass wir uns nicht regelmäßig sehen können. Und dann kam Corona noch hinzu. Und dann ging sowieso alles nur noch online. Corona war jetzt nicht der Grund, dass wir das Ding machen, es hat aber dazu beigetragen, dass das ganze wieder einen Anschub bekommen hat.

Franz: Es hat ermöglicht, dass die Zeit frei wurde, die wir ansonsten nicht gehabt hätten. Und wir haben uns dann halt recht regelmäßig in Online-Räumen getroffen. Später haben wir uns dann immer die Inzidenzen angeguckt. Und wenn es mal wirklich möglich war, dann haben wir uns auch mal vor Ort getroffen. Jetzt, wo ich auf dieses Stück zurückblicke, wurde es schon dolle von der pandemischen Lage beeinflusst. Das Stichwort Isolation hat Joris ja schon angesprochen. Physisch proben ist beim Theater ja essenziell, um das, was man sich gedacht hat, mal spielerisch auf der Bühne mit Spielenden auszuprobieren. Das war ja ganz lange nicht möglich. Das erste Mal wieder ins Spielen gekommen sind wir vor anderthalb, zwei Monaten.

Transit: Wo wir gerade beim Thema sind. Was hat denn diese Pandemie eigentlich mit dem Theater gemacht?

Joris: Bei uns hatte ich das Gefühl, dass – und das ist uns vielleicht zum Ende hin ein bisschen auf die Füße gefallen: Wir sind aufgrund der Situation anders rangegangen. Was zum Beispiel nicht immer passend war, war die Verkopftheit, die wir teilweise hatten. Also gerade bei mir habe ich festgestellt, dass ich mir oft im Kopf Sachen ausgemalt habe: „Ach, wie wirkt das wohl und wie werden die Leute das sehen“ und „Welche Gefühle können wir hervorrufen?“. Und jetzt, wo wir die Möglichkeit haben, dann doch wieder auf einer Bühne zu stehen, da merkt man, dass es so wie gedacht nicht wirklich funktioniert. Oder vielleicht nur im Ansatz. Das ist das, was bei unserem Stück viel passiert ist.

Und allgemein muss ich sagen, dass wir in einer sehr privilegierten Situation waren mit unserem Theaterverein. Wir hatten auch ein Onlineprojekt, das parallel lief und generell haben wir probiert, viel online zu machen. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.

Franz: Um generell auf das Theater zu sprechen zu kommen – das Theater ist in der Zeit digitaler geworden. Zum Beispiel in der Freien Szene in Halle. Ich habe das Gefühl, dass die Digitalisierung hier nun vollends angekommen ist und Mittel und Wege genutzt werden, um Theater auch 2021 zu machen, mithilfe von Videotechnik, Aufzeichnungen. Bei einer Veranstaltung in der Volksbühne Kaulenberg wurde, und das fand ich ziemlich beeindruckend, ein Livechat von Youtube auf die Bühne projiziert.

Transit: Digitalisierung. Wird man das dann auch in eurem Stück merken?

Joris: Jein. Man merkt schon, dass wir viel über technische Sachen gehen. Hätten wir vielleicht aber auch ohne Corona schon so gemacht. Zumindest hat Corona da jetzt nicht bewusst Einfluss genommen.

Franz: Aber es läuft im Stück schon viel über technische Aspekte. Also ja. Ist jetzt kein Hightech. Aber es ist schon auch ein sehr technisches Stück geworden. Vielleicht auch wieder eine unbewusste Wechselwirkung.

Bild: Spielmitte e.V.

Transit: Ein Modell von eurem Bühnenbild in der Ankündigung verspricht zumindest auch ein modernes Design?

Joris: Das hat sich zum Ende hin nochmal krass verändert. Auf dem Bild sah es noch sehr industriell-modern aus. In der Realität sieht’s dann anders aus. Es ist auf jeden Fall recht aufwendig geworden.

Franz: Es gab mehrere Stadien. Es gab alles, was wir als Mitwirkende im Kopf hatten. Dann gab’s ein Einigungskonzept in Absprache mit unserem Veranstaltungstechniker Philipp Herrmann. Dann gab es eins, das konkret geplant und eingekauft wurde. Dann gab es eins, das nach dem Konzept gebaut wurde. Und dann gab es eins, das am letzten Tag unserer Endproben spontan entstanden ist nach einem Feedbackgespräch mit einem unserer Mentoren, Florian Krannich.

Transit: Das klingt sehr nach einer organischen Entwicklung des Stückes, statt einer Umsetzung eines Reisbrettentwurfs?

Joris: Ja, das war anfangs schon so mit Entwurf. Und dann ist es gewachsen.

Franz: Es ist ein Produkt, und das meine ich gar nicht wertend, von sehr sehr vielen Kompromissen. Das ist positiv gemeint. Wir haben uns am Anfang dazu entschieden, dass wir eine Arbeitsweise haben wollen, die wir basisdemokratisch nennen. Man legt gemeinsam etwas fest, dann probiert man es aus, dann doch nicht, und dann lieber doch… Und dann wächst das Stück halt eher, als dass es einen Plan gibt, den man einfach abarbeitet.

Transit: Okay. Und jetzt macht mal das Publikum noch ein bisschen neugieriger auf das Stück!

Franz: Das Stück ist ab 14, also es hat eine Altersbeschränkung. Das ist vielleicht schon ein Anreiz für Neugier.

Joris: Das Stück sollte man sich ansehen, weil man auf alle Fälle nicht nur mit dem Gedanken rausgeht „Ich hab ein Stück gesehen – gut/schlecht“. Sondern es regt zum Arbeiten an im Kopf, zum drüber nachdenken. Nicht auf die belehrende Art. Wenn man das mag, leicht gekitzelt aus so einem Stück herauszugehen, dann sollte man sich das auf alle Fälle anschauen.

Transit: Euer letztes Stück „ggf.“ hatte ja schon auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch?

Franz: Damals hatten wir eine ganz andere Herangehensweise. Da waren wir locker drei, vier Jahre jünger und wir hatten mit Florian Krannich und Michael Morche auch eine stärkere künstlerische Leitung. Da hatten wir uns im Rahmen des Projektes „Baustelle Ich.“ als Gruppe zusammengefunden, weil wir uns das Kärtchen „Gesellschaft“ ausgesucht hatten. Darauf hat das Stück dann damals auch aufgebaut. Das neue Stück ist vielleicht nicht so gesamtgesellschaftlich politisch zu sehen, sondern zielt stärker auf das Individuum ab…

Transit: Also „Baustelle Ich“?

Franz: …Ja, sehr sehr „Baustelle Ich“. Und das ist auch immer wieder das Produkt der Gruppe, also dieser Arbeitskonstellation…

Transit: Von euch? Die „Schaffner“? So wird eure Gruppe zumindest in der Ankündigung bezeichnet.

Franz: „Wir schaffen das“, war da mal das Credo unserer Gruppe.

Joris: Bei „ggf.“ schon und dann haben wir unsere Messenger-Gruppe so genannt. Und dann war das für alle halt so Konsens.

Bild: Spielmitte e.V.

Transit: Also erleben wir ein Stück, von dem man vorab gar nicht so viel erfährt. Oft geht man ja ins Theater und kann sich vorher ausgiebig über das Stück informieren. Und bei euch geht man ein Stück weit in einen dunklen Raum.

Franz: Es war mir auch gar nicht so recht, dass wir vorher schon Fotos für die Öffentlichkeitsarbeit via Social Media machen sollten. Das fand ich etwas schade. Und mittlerweile ist das Stück sowieso an einem Punkt, wo es sowieso nicht mehr so viel mit diesen ersten Bildern zu tun hat, die man vielleicht schon kennt. Dennoch hätte ich mir da noch mehr Überraschungsmoment gewünscht.

Joris: Es ist ja auch immer die Frage, was man verraten kann und was nicht. Wir interpretieren ja nicht ein bekanntes Stück, sondern es ist eine komplette Eigenproduktion. Und es wird neben dem Inhaltlichen auch viel um den Eindruck gehen. Bei uns wirkt ganz viel über diesen ersten Eindruck.

spielmitte e. V.

Der Verein spielmitte e. V. hat die Förderung, Entwicklung und Gestaltung einer gemeinnützigen Kinder- und Jugendtheaterarbeit in Halle zum Ziel. Er ist 2011 aus der Kinder- und Jugendtheaterarbeit vom „thalia theater“ hervorgegangen und hat diese bis heute fortgeführt.

Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen erhalten über den Verein die Chance, in festen Gruppen Theater zu spielen und über Jahre hinweg in ihrer Entwicklung begleitet zu werden. Die gemeinsame Arbeit findet themenorientiert statt und setzt sich mit der Lebenswirklichkeit junger Menschen sowie aktuellen Geschehnissen auseinander.

Die Vorstellung „Unten überm Fluss“ prämiert am 22. Juni um 18 Uhr in der Freien Spielstätte („Theatrale“). Weitere Vorstellungen gibt es am 23., 24. und 26. Juni.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.