Ernährungsgerechtigkeit für Halle

In Halle gründet sich ein Ernährungsrat. Was ist das und was ändert sich durch ihn?

von | veröffentlicht am 08.04 2021
Gutes Essen kommt vom Acker

© Kristina Paukshtite | gemeinfrei

Seit einigen Jahren schon gründen sich in vielen Städten der Welt Ernährungsräte. Meistens haben sie zum Ziel, auf einer kommunalen Ebene zur Entwicklung eines gerechten und ökologischen Ernährungssystems beizutragen. Auch in Halle gründet sich ein solcher Rat. Flo ist Teil der neunköpfigen Initiativgruppe. Wir haben mit Flo darüber gesprochen, wer in einem solchen Rat alles teilnehmen kann und was der Ernährungsrat in Halle bewirken kann und soll.




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Ziel ist Mitbestimmung für Alle im Bereich Ernährung

Transit: Hallo Flo. Wie würdest Du in wenigen Worten beschreiben, was genau ein Ernährungsrat ist?

Flo: Viele Menschen verstehen darunter bestimmt unterschiedliche Sachen. Für mich ist es ein Netzwerk oder eine Plattform, wo so viele Menschen wie möglich darüber reden, was Ernährung ist und wie Ernährung funktioniert, weil es geht ja jede*n eigentlich an. Es geht also darum ein Netzwerk zu haben, wo Menschen zum Thema gehört werden, ob Zivilgesellschaft, Produzierende, Politik oder Wirtschaft. Ziel ist ein Mitbestimmungsrecht für alle.

Transit: Wie kommst Du dazu, Dich in dem Thema zu engagieren.?

Flo: Am Anfang standen mehrere Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Zum einen in Bezug auf mich als Konsument, der gar nicht so genau weiß, woher die Lebensmittel stammen, die ich so im Alltag konsumiere: Wie weite Wege die zurückgelegt haben, wer daran verdient, wie viele Teile es in der Handelskette gibt und wie der Wertschöpfungsprozess bei Lebensmitteln aussieht. Das waren also vor allem Fragen nach Transparenz, die mich dabei interessierten.
Zum anderen aus Sicht des Produzenten. Da gibt es auch viele Fragen, die im Raum stehen. Also, wie kann man die Gesellschaft näher an Lebensmittel heranbringen? Wie kann man Menschen vermitteln, wo Lebensmittel herkommen? Auch der Blick auf Probleme, die da existieren hat mich interessiert. Probleme in der Produktion, ökologische Probleme oder Ernährungsgerechtigkeit. Wer darf sich mit welchen Lebensmitteln ernähren? Da sind also viele Fragen, die sich mir gestellt haben. Ich habe gemerkt, dass da eine Lust ist, diese Fragen über den Ernährungsrat in den gesellschaftlichen Diskurs mit einzuführen und zu schauen, wer diese beantworten kann.

Transit: Wer kann alles bei einem Ernährungsrat mitmachen?

Flo: Am liebsten so viele Menschen wie möglich. Eine Frage, die mich auch beschäftigt ist: Wer fühlt sich von unserer Einladung angesprochen? Ich hoffe, dass sich so viele Menschen aus so unterschiedlichen Gruppen wie möglich angesprochen fühlen. Dafür haben wir auf unterschiedlichen Kanälen Werbung für unser Auftakttreffen am Samstag gemacht.

„Wir wollen keine Plattform für völkisches Gedankengut sein.“

Transit: In der Einladung zu Eurem Auftakttreffen habt Ihr ziemlich deutlich gemacht, dass Ihr von Eurem Hausrecht Gebrauch macht, falls Menschen teilnehmen wollen, die Ungleichheitsideologien anhängen und/oder diese propagieren. Ist das Thema Ernährung besonders anschlussfähig für Faschos oder Rassist*innen?

Flo: Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass es im öffentlichen Diskurs immer mehr bekannt wird, dass es im Ernährungssektor Menschen gibt, die völkisches Gedankengut verbreiten. Auch historisch gibt es da natürlich viele Überschneidungspunkte, wenn man nur mal an die Parole denkt, dass Naturschutz Heimatschutz sei, wie es bei völkischen Siedler*innen und Nazis besonders gern betont wird. Uns war es einfach sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass wir keine Plattform sein wollen, um so etwas zu verbreiten.

Transit: Welche Arbeitsweise ist vorstellbar für einen Ernährungsrat?

Flo: Im September 2020 gründete sich unsere Initiativgruppe, bestehend aus 9 Personen. Alle 2 Wochen treffen wir uns jetzt im Onlineplenum, im Wechsel dazu finden alle 2 Wochen die Arbeitsgruppen statt. Wie sich das entwickelt, wird sich aber dann erst zeigen, wenn der Rat sich richtig gegründet hat. Da sind viele Konzepte denkbar. Arbeitsgruppen oder Plenum. Aber da braucht es auch ein bisschen Kreativität.

Ernährungspolitik in Halle noch recht unbeackert

Transit: Es geht ja auch viel um Mitbestimmung. Wie genau könnte das für Halle aussehen? Ihr trefft dann eine Entscheidung im Ernährungsrat. Wie wird diese dann an die Öffentlichkeit oder die Politik weitergegeben?

Flo: Da gibt es unterschiedliche Konzepte. In Berlin hat sich 2016 der erste Ernährungsrat in D gegründet. Da waren sie sehr darauf bedacht, dass der Rat vor allem aus Personen und Gruppen der Zivilgesellschaft besteht. Daraus haben sie ein ganz unabhängiges Tool entwickelt, das eine beratende Funktion in der Ernährungspolitik im Senat einnimmt. Im letzten Koalitionsvertrag wurde festgelegt, dass der Ernährungsrat die Ernährungsstrategie des Landes Berlin mit berät.
Der andere große Ernährungsrat ist in Köln. Da ist es so, dass Politik und Wirtschaft mit im Rat vertreten sind und entscheiden.

Wie das für Halle aussehen kann ist noch nicht ausgemacht. Wir sind da noch in einer Art Bestandsanalyse und schauen, was es überhaupt an ernährungspolitischen Bestrebungen gibt. Die Struktur wird sich also noch bilden. Das Thema ist aber auch noch recht neu. Es gibt noch kein Gremium oder Amt, das sich damit befasst. Diese Lücke könnten wir schließen.

Transit: Was wäre ein konkretes ernährungspolitisches Thema, das eine Stadt wie Halle bearbeiten könnte?

Flo: Ein großer Punkt ist die Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen. Also die Frage, wo kommt das Essen in Kitas, Schulen oder städtischen Kantinen und Mensen her. Das ist eine ganz spannende Frage, mit der sich auch schon beschäftigt wurde. Aber eine Strategie oder Beschluss in diese Richtung gibt es bisher noch nicht. Dann ist es natürlich auch spannend, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Also zu schauen, welche Landwirt*innen wirtschaften hier in der Umgebung und wäre es nicht möglich durch Wirtschaftsförderung regionale Wirtschaftsketten zu fördern und zu erhalten? Bildung ist auch ein spannender Teil. Also, wie kann man durch Bildungsangebote es schaffen, Tätigkeiten von Landwirt*innen ins Bewusstsein der Bevölkerung zu holen.

Struktur und Vernetzung als erste Ziele

Transit: Was steht als nächstes an und was sind kommende Aktivitäten?

Flo: Ja, auch das wird sich noch zeigen. Wir sind tatsächlich ganz gespannt, wer alles teilnehmen wird und auf den Input der da kommt. Ich glaube, netzwerken zu anderen Ernährungsräten wäre sehr wichtig, denn wir wollen das alles ja nicht neu erfinden. In Leipzig gibt es beispielsweise schon einen Ernährungsrat, zu dem erste Kontakte existieren. Auch zum Ernährungsrat im Land Brandenburg gibt es erste Kontakte. Es wäre da bestimmt schlau mal zu schauen, wie es andere Leute gemacht haben und wie das in diese Region hier passt. Dann steht sicherlich die Bildung einer Geschäftsform an. Brauchen wir einen Verein oder könnten wir uns an einen Verein angliedern. Aber auch die Frage, was soll der Ernärungsrat machen und welche Ziele wollen wir erreichen? Diese Fragen werden wir sicherlich beantworten, wenn wir die Initiativgruppe langsam verlassen und dann in einen strukturierten Ernährungsrat übergehen.

Transit: Was für Arbeitsformen bieten sich für Euch an?

Flo: Da kommt mir das Bild des Ernährungsrats in Brandenburg. Die haben zu jedem Problem oder zu jeder Frage, was der Ernährungsrat leisten soll, Gruppen gebildet und haben sich mit mehreren Akteur*innen getroffen und sind durchs Land gefahren und haben geschaut, was braucht die Region in Bezug auf Ernährung und haben da heraus die Gruppen gebildet. es ist einfach ein vielseitiges Thema, politische Agenda, Vernetzung, Bildungsarbeit, überhaupt Wertschöpfungsketten in der Stadt betreuen. Es gibt da glaube ich viele Facetten, die wir da durch AGS abbilden könnten. Ich denke es lässt sich nicht alles in der großen Runde besprechen.

Transit: Welche Gruppen kommen da in Halle in Frage, an die ihr andocken könntet?

Flo: Tatsächlich gibt es Initiativen wie FridaysForFuture, ABL oder Zukunftsspeisen OG, die gerade eher wissenschaftlich an die Frage nach klimagerechter Ernährung herangehen. Also es gibt da schon Strukturen, aber natürlich ist das Umschauen wichtig, denn es gibt sicherlich Gruppen oder Einzelpersonen, die da schon eine Menge gemacht haben.

Transit: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Gründung und Arbeit des Ernährungsrates

Die Initiativgruppe für einen Ernährungsrat in Halle hat sich im September 2020 zusammengefunden. Nach intensiver Vorarbeit wollen Sie am 10.04.2021 von 16.30-18.30 Uhr unter breiter Beteiligung den Rat gründen und sich eine Geschäftsordnung geben. Kontakt zur Gruppe: initiative.ernaehrungsrat.halle@posteo.de

 

Flo ist Teil der Initiativgruppe. Flo arbeitet in einer solidarischen Landwirtschaft in der Nähe von Halle und studiert Bildung für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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