Migrantische Perspektiven auf den Anschlag

Solidarisches und politisches Handeln nach dem 9. Oktober

von | veröffentlicht am 03.09 2020

© Corax

Halle als neue Heimat, als Ort des Ankommens, als Ort, der neue Möglichkeiten bot. So haben es Redaktionsmitglieder der Common Voices in ihren mehrsprachigen Ausgaben dieses Magazins in den vergangenen Jahren beschrieben. Dann kam der 9. Oktober 2019, der Tag des rechtsextremen Angriffs, der sich gegen Jüdinnen und MigrantInnen richtete und durch Hass auf Frauen und Feminismus motiviert war. Dieser Tag ist der Tag, der die Perspektiven von MigrantInnen auf die Stadt Halle verändert hat. Einige der Sichtweisen als auch meine eigene möchte ich mit euch teilen und meine Sichtweise darlegen, wie wir solidarisch miteinander und mit anderen sein können.




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Am Tag des Angriffs war ich am frühen Morgen in der Ausländerbehörde zu einem wichtigen Termin. Mehr als 100 Menschen waren ebenfalls dort. Die Ausländerbehörde hatte ein neues Wartezimmersystem für Menschen mit Terminen eingerichtet. Sie nutzte das daneben liegende Gebäude der ehemaligen Kfz-Zulassungsstelle als Warteraum für alle BesucherInnen, anstatt sie stundenlang vor dem Gebäude Schlange stehen zu lassen, wie es in den letzten Jahren üblich war.

Nachdem mein Termin vor Mittag beendet war, wollte ich auf einen Freund warten, dessen Termin als nächstes anstand. Wir betraten gemeinsam das Bürogebäude der Ausländerbehörde. Dort wurden wir im Eingang durch die Sicherheitskräfte aufgehalten, die gerade telefonierten. Sie kündigten an: „Kein Zutritt! Wir schließen, alle müssen nach Hause gehen!“ Es herrschte große Aufregung und ein totales Durcheinander. Menschen, die seit fast vier Stunden auf ihren Termin warteten, wurden hinaus gezwungen, und es war schwer für sie zu verstehen, was das Problem war. Nichts wurde erklärt. Alles, was wir wussten, war, dass sich etwa 50 Menschen draußen vor dem Eingang versammelten und versuchten, das Problem zu verstehen. Weitere Telefonanrufe und Nachrichten, die einige von uns erhielten, erklärten die Gefahr der Situation. Aber von Seiten der Sicherheitsbehörde riet man uns, uns irgendwo zu verstecken und uns nicht an Versammlungsorten aufzuhalten.“Schnell, verstecken Sie sich in einem Einkaufszentrum oder innerhalb von Gebäuden!“

Die Ausländerbehörde tat also in diesem gefährlichen Moment das Gegenteil zu allen anderen Einrichtungen der Stadt. Anstatt niemanden in die unsichere Situation hinauszulassen, wie es an vielen Orten in Halle an diesem Tag üblich war, wurden alle anwesenden migrantische BesucherInnen hinaus befördert und die Türen geschlossen. Zählten unsere Leben für die Behörde nichts? Der Terrorist wollte einen solchen Ort erreichen, eine Ort, an dem sich MigrantInnen versammeln!

Viele MigrantInnen hatten in diesem Moment und an diesem Tag keine direkte Quelle, um Notfallinformationen in ihrer eigenen Sprache zu erhalten, keine Hotline der Stadt beantwortete ihre Fragen. Bei Einigen wurden durch die Situation Erinnerungen an Kriegserfahrungen ausgelöst und sie hatten Angst vor dem, was als nächstes kommt. Andere fürchteten sich davor, allein auf die Straße zu gehen. Eine MigrantInnen hatten sich in diesem Moment beeilt, ihr Kind aus der Kinderbetreuung zu holen, weil sie dachten, es sei Krieg in Deutschland. Viele Gerüchte machten zum Beispiel in Whatsapp-Gruppen die Runde und wurden als Informationsquelle dargestellt und verstanden. Aber es wurden auch gemeinsam Gedanken geteilt und sich ausgetauscht. Eine Befürchtung, die im Raum stand war, als noch nicht klar war, wer der Attentäter ist, dass der terroristische Akt in der Konsequenz als Argument gegen Muslime oder MigrantInnen eingesetzt werden kann. In den späteren Stunden dieses schrecklichen Tages und in den Tagen danach wurde durch weitere Informationen die Lage etwas klarer, und erste Aktionen und eine Demonstration in Solidarität mit den Opfern fand statt.

In den nächsten Tagen und Monaten nach dem rechtsextremen Anschlag in Halle gab es nicht viele Veranstaltungen oder spezielle Beratungsangebote der Stadt, um die Menschen aufzufangen oder über das Geschehene zu diskutieren. Ich persönlich war auf der Suche nach einem sicheren Raum, um diesen Hass zu diskutieren. Woher kam er und was kann unsere Rolle als MigrantInnen in dieser Gesellschaft sein, um Solidarität zu zeigen? Wie können wir eine gemeinsame Perspektive finden und Seite an Seite arbeiten, egal woher man kommt, und um diejenigen zu unterstützen, die den ganzen Tag mit Rassismus konfrontiert sind?

Der Angriff in Halle war ein Schock. Es war für alle schwer, sich zu vernetzen oder nächste Schritte zu planen. Ich habe einige Organisationen getroffen und wir haben über neue Wege der Solidarität gesprochen indem man Beratung oder einen Raum für Begegnungen zur Verfügung stellt. Die bestehenden Angebote, waren nicht wirklich das, was MigrantInnen zu dieser Zeit brauchten. Ich kann auch bestätigen, dass es für mich als Migrantin schwierig ist, selbst etwas aufzubauen oder zu organisieren. Es ist für Migrantinnen und Migranten im Allgemeinen schwierig, unabhängig von Organisationen zu arbeiten. Nicht nur die Menge an kompliziertem Papierkram muss erledigt werden, sondern auch unsere Sichtweise oder Vision wird manchmal nicht ernst genommen. Die Tatsache, dass wir nicht die deutsche Sprache sprechen, war der Hauptgrund, warum eine Beteiligung an politischen Räumen nicht stattfand und warum der Kampf der MigrantInnen auch immer ein Kampf mit dem Papierkram der deutschen Behörden ist. Meiner Meinung nach ist es das Wichtigstes, MigrantInnen zu befähigen, sie in die öffentliche Debatte einzubringen und selbst zu organisieren. Ich schätze die Freundlichkeit und Solidarität, die ich gegenüber MigrantInnen sehe, aber gleichzeitig möchte ich nicht, dass dies nur aus Mitleid geschieht.

Vier Monate nach dem Anschlag, genauer gesagt am 19. Februar 2020, ereignete sich der Anschlag auf MigrantInnen in Hanau. In dieser Zeit fühlten sich viele MigrantInnen, darunter auch ich, tief betroffen, traurig und voller Trauer.

Bereits im Rahmen der Bildungswochen gegen Rassismus im Frühjahr 2020 hatte ich mit Unterstürzung eine öffentliche Diskussionsveranstaltung organisiert, bei der es darum gehen sollte darüber zu sprechen, was hinter dem rassistischen Angriff steckt und welche Bedeutung die Hauptmotive die Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus im Kontext einer rechten Weltsicht haben. Aber dann kam Corona und die Veranstaltung konnte nicht stattfinden. Ich habe viele Menschen getroffen, die die Idee unterstützten, eine Veranstaltung zu organisieren, die offen für MigrantInnen als auch für Deutsche ist und bei der sowohl die Gäste im Podium als auch das Publikum ihre Perspektive auf die Ereignisse und Möglichkeiten solidarischen und politischen Handels teilen können.

Der Terroranschlag von Halle war nicht der erste und er ist definitiv kein Einzelfall! Wir werden nie wieder normal sein, solange wir es vermeiden, darüber zu sprechen, was passiert ist und warum. Wir müssen Seite an Seite stehen um etwas zu ändern. Wir brauchen nicht nur eine einzige öffentliche Diskussion, sondern verschiedene Formen der Unterstützung in einer kontinuierlichen Art und Weise. Wir müssen einen öffentlichen Raum schaffen, einen sicheren Raum für den Aufbau einer stärkeren, gleichberechtigten Gesellschaft.

Der neue Termin für die Veranstaltung „Diskussion zu Antisemitismus, Antifeminismus und Rassismus“, die aufgrund der Corona-Epidemie ausfallen musste, ist der 7. Oktober 2020. Die Veranstaltung findet im Rahmen der interkulturellen Woche in Halle statt. Erwartete Rednerinnen und Redner sind: eine Sprecherin von Jugendliche ohne Grenzen, Wahida, eine feministische kurdische Aktivistin, eine Sprecherin von Miteinander e.V. Halle, Vertreterinnen und Vertreter von Salam Sachsen-Anhalt e.V. und andere.

Ort: Online und Neustädter Passage 13, 06122 Halle (Saale)

Zeit: 18-20 Uhr

Eintritt: kostenfrei

Veranstalter: Friedenskreis Halle e.V., Salam Sachsen-Anhalt, Radio Corax

Weitere Infos zur Anmeldung und Übersetzungen finden sich hier.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.