Schweigen durchbrechen, schweigend gedenken

Aktivist*Innen gedenken Getöteten in Merseburg

von | veröffentlicht am 24.08 2020

© initiative 12. August

Am 12. August 2020 kamen solidarische Menschen in Merseburg zusammen, um Raúl Garcia Paret und Delfin Guerra zu gedenken, die dort am gleichen Tage vor 41 Jahren zu Tode gehetzt wurden und in der Saale ertranken. Unter dem Motto „41 Jahre Schweigen sind genug! – Den Opfern rassistischer Gewalt ein Denkmal bauen!“ hatte die „Initiative 12.August“ aufgerufen, das Andenken an die Tat und die Getöteten in die Stadt zu tragen und dort zu verankern.




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Über 100 Leute waren aus der Stadt selbst und der Region gekommen, um Raúl, Delfin und weiterer Opfer rassistischer und rechter Gewalt zu gedenken und Beiträge zur aktuellen Situation zu hören. Schon an der ersten Station wurde deutlich, dass das Vorhaben der Initiative 12. August in der Stadt selbst auf passiven Widerstand stößt. Von den Vertreter*Innen Merseburgs scheint es keine Unterstützung für das Vorhaben zu geben, den Verstorbenen einen Gedenkort zu errichten. Viel schlimmer noch, sie scheinen das Anliegen abzutun und wehren sich gegen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Umständen der rassistischen Hetzjagd von 1979.

Darin ähneln sich die Ansätze des Ignorierens in den östlichen Bundesländern, denn die ausbleibende Thematisierung rassistischer Gewalttaten in der DDR wie Erfurt 1975, Staßfurt 1987, Dessau 1986 oder eben in Merseburg ist kontinuierlich. Sie steht für Abwehr, Verharmlosung, Wegschauen und wird von offizieller Seite stets von Neuem bestärkt.

Dieses Schweigen wollen die Teilnehmenden der Demo durchbrechen. „Wer schweigt, stimmt zu. Lasst Rassisten keine Ruh“ rufen sie durch die Innenstadt von Merseburg. Doch das Schweigen ist und bleibt laut. Das machen auch die Beiträge der Kundgebung deutlich. Die Redner*Innen vom (Un)Sichtbar Netzwerk für Women of Colour Magdeburg beginnen ihren Beitrag mit dem Gedicht „Ostdeutsch Schwarz“, in dem die Cottbusser Autorin Gabriela Willbold beschreibt, was es (fast immer) heißt, als schwarze Person in der DDR aufzuwachsen:

„heißt
Stillsein
Stillhalten
unerwünscht sein“

Die Redner*Innen schließen daran an und verweisen auf die kollektive Erfahrung von BIPoC1 im Osten, die durch eben jenes (Ver)Schweigen geprägt sei. Eine Auseinandersetzung mit Rassismus fand kaum statt und so lernten viele, die durch rassistische Gewalt bedroht wurden, zu schweigen – „zum Selbstschutz“.

Selbstschutz ist auch ein Begriff, den Konrad Erben von der „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland – ISD e.V.“ benutzt. Er betont, dass Schwarze Menschen in Deutschland vom Staat nicht geschützt würden. Das zeigte sich erst kürzlich in Erfurt, als zwölf Nazis drei Schwarze Menschen brutal angriffen und teils schwer verletzten. Schwarzen Menschen müssten sich in (Ost-)Deutschland selbst schützen und sich organisieren, um dieser Gewalt etwas entgegen zu halten.

Das Verschweigen rassistischer Gewalt hat gerade, wenn auch nicht nur, im Osten eine lange Geschichte. Hinter einer „doppelten Mauer“ (Paulino Miguel) haben Migrant*Innen in der DDR gelebt, so schreibt es die Initiative 12. August. Nicht nur umgeben von der unüberwindbaren Grenze zwischen DDR und BRD, sondern auch innerhalb des Landes untergebracht in abgegrenzten Unterkünften, mit wenig Durchlässigkeit zum Rest der Bevölkerung. So wird die offiziell gern betonte „Völkerfreundschaft“ als bedeutungsleere Parole entlarvt. Der Staatsdoktrin nach, konnte es in der DDR keinen Rassismus geben und durfte daher auch nicht als solcher benannt werden. Das käme dem Selbstbild eines antifaschistischen Staates nicht gleich. Also wurde geschwiegen, vereitelt und rassistische Morde als Bagatelldelikte oder Auseinandersetzung zwischen jungen Leuten („Rowdytum“) abgetan. Vu Thi Hoang Ha, Gründerin des deutsch-vietnamesischen Freundschaftsvereins Magdeburg beschreibt in ihrem Beitrag, wie der Rassismus, den es in den Betrieben und im Alltag längst in der DDR gegeben habe, erst nach der Wende an die Oberfläche kam und eine öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Doch damit endete der alltägliche Rassismus keinesfalls „Ich habe zuerst gehofft, dass der Mauerfall uns allen Freiheit bringen würde. Aber was kam, war ganz anders.“ So Vu Thi Hoang Ha. Auch vietnamesische Migrant*Innen gingen in den 90er Jahren dazu über, sich aus Gründen des Selbstschutz zu organisieren.

Weitere Beiträge von Betroffenen rassistischer Gewalt wie der von Florence aus Leipzig und von Sara aus Halle, zeigen, dass all diese Erfahrungen heutzutage noch immer aktuell sind. Sie schildern, wie Schwarze Menschen und People of Colour sich unsicher fühlen, in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sich solidarischer Unterstützung nicht sicher sein können.

Darüber reden, sich mitteilen, von der Erfahrungen berichten. Auch dafür ist die Kundgebung am 12. August da. Zuhören, auch der Familie von Raúl Garcia Paret, die einen Brief geschrieben hat und Ramón Cruz, einem Kollegen der beiden Kubaner.

Im Vorfeld der Demo gestalteten Aktivist*Innen selbst einen Gedenkort für die beiden Getöteten. Dort, an der Saale, wo die Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret ertranken, gedenken die Teilnehmenden der Demo schweigend all der Worte und Geschichten, die sie auf dem Weg durch Merseburg begleitet haben. Diese Worte bauen eine Verbindung in die Vergangenheit, nach Kuba, in die Gegenwart, in der noch immer so viel rassistische Gewalt und Ausgrenzung geschieht. Und in die Zukunft, in der hoffentlich alle Menschen gleichberechtigt die Gesellschaft gestalten können, wie es auch in mehreren Beiträgen des Kundgebung anklingt.

Deutlich wird: Dieses Schweigen, das sich über die Jahrzehnte bis zum heutigen Tage in Merseburg erstreckt ist hartnäckig und es ist laut. Und es steht für den abspaltenden Umgang der weißen Deutschen mit dem rassistischen Normalzustand. 1979, die 90er oder 2020… Menschen, die von rassistischer Gewalt betroffen sind, organisieren Selbstschutz, denn von staatlicher Seite können sie diesen erfahrungsgemäß nicht erwarten. Das ist eine gemeinsame Einsicht aller Beiträge an diesem Nachmittag. Somit dient das Gedenken an Raúl Garcia Paret und Delfin Guerra nicht nur dem Verbrechen vom 12. August 1979. Es erinnert auch daran, die Stimme zu erheben, laut zu werden und nicht zu schweigen, wenn Menschen von Rassist*Innen gejagt, attackiert, bepöbelt oder gar ermordet werden.

1 BIPoC = Black, Indigenous and People of Colour (Schwarze Menschen, Indigene Personen und People of Colour)

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.