Black Lives Matter und die strategische Ausrichtung des Antirassismus

Die Notwendigkeit eines materialistischen Antirassismus

von | veröffentlicht am 11.07 2020

© Ehimetalor Akhere Unuabona

BLM hat es durch die Kombination aus materialistischer Gesellschaftskritik, positivem Bezug auf universale Rechte der schwarzen Bevölkerung und einer offenen Mobilisierung geschafft, einen Weg einzuschlagen, den es in Zukunft auszubauen gilt!




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Ausgehend von den aktuellen antirassistischen Protesten in den USA, die sich mittlerweile auf dem gesamten Globus ausgebreitet haben, werden mannigfaltige Strategien zur Beendigung des Rassismus innerhalb der Gesellschaft und insbesondere der Sicherheitsbehörden diskutiert. Die bekanntesten drei Varianten werden im Folgenden skizziert und ihr Nutzen für eine emanzipatorische antirassistische Bewegung erörtert.

Anhänger:innen eines liberalen Antirassismus verweisen auf den gesetzlich verankerten Gleichheitsgrundsatz: Rassismus beeinträchtige die persönliche Entfaltungsfreiheit und wirke damit auch nachteilig auf den Wirtschaftsstandort. Mit interkulturellen Erfahrungen sei hingegen ein Zugewinn verbunden. Einzelne Erfolgsgeschichten, insbesondere von schwarzen Sportler:innen, gelten als Beleg für eine antirassistische Hegemonie, die wenn überhaupt von Rechtsextremist:innen gestört wird, denen mit Hilfe von Repression zu begegnen sei. Liberaler Antirassismus begreift das Phänomen lediglich als falsches Vorurteil, das durch politische Bildung korrigiert werden könne. So werden die Ursachen des Phänomens fälschlicherweise entpolitisiert. Die Sozialwissenschaftlerin Bafta Sarbo erläutert dazu in einem Interview mit der Tageszeitung neues deutschland [1]:

„Rassismus ist zwar falsch, aber im Rassismus taucht eine soziale Realität auf, sonst könnte er gar nicht so dauerhaft existieren. Und diese soziale Realität müsste man bekämpfen. Natürlich ist es rassistisch, zu sagen »Alle Schwarzen dealen mit Drogen«. Es ist aber auch wahr, dass überproportional viele schwarze Menschen dazu gezwungen sind, mit Drogenverkauf ihr Geld zu verdienen, weil sie arm und illegalisiert sind und auf dem normalen Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind.“

Sichtbar werden die Verkürzungen der liberalen Strategie vor allem dann, wenn man die historische Entwicklung des Rassismus der Neuzeit in den Blick nimmt. Die Entwicklung der westlichen Staaten hin zu den dominierenden Wirtschaftsnationen der Welt ist bis heute untrennbar mit dem (Neo-) Kolonialismus verbunden. In deren Zuge schrieb sich struktureller und latenter Rassismus in die bürgerlichen Gesetze und Institutionen ein. Die Beherrschung eines Großteils der Welt ging schon ab dem 16. Jahrhundert mit Sklavenhandel einher, durch den vor allem Afrikaner:innen verschleppt und als entrechtete Arbeitskräfte ausgebeutet wurden. Die Hochphase lässt sich im Zeitalter des Imperialismus, von etwa 1870 bis zum Ende des ersten Weltkriegs verorten. Zunächst waren rassistische Einstellungen innerhalb der Kolonien noch kaum verbreitet: Zeitgenössische Historiker beschrieben die Bewohner:innen immer wieder als „bemerkenswert uninteressiert an den sichtbaren Unterschieden“ [2]. Erst im Verlauf des 18. Jhd. begannen sich pseudowissenschaftlichen Rassentheorien zu etablieren, welche die zentrale Aufgabe hatten, die in der Sklavenhaltung beobachtbaren Ungerechtigkeiten mit Bezugnahme auf die Hautfarbe zu naturalisieren, das heißt ihre Existenz zu rechtfertigen und somit für das Fortbestehen der Ausbeutung zu sorgen. Rassismus ist demnach nicht nur als individuelle Einstellung zu verstehen, sondern funktioniert als Rechtsfertigungsideologie, mit der soziale Ungerechtigkeiten gegenüber angeblich „minderwertigerem Leben“ begründet werden sollen. Der materialistische Antirassismus versucht diese Machtbeziehungen zu analysieren und so Verkürzungen in antirassistischer Politik zu vermeiden. Die Einnahme einer übergeordneten Perspektive bietet dabei überhaupt erst die Voraussetzung dafür, strukturellen beziehungsweise institutionalisierten Rassismus zu erkennen und im Zusammenhang mit der Funktionsweise der modernen kapitalistischen Gesellschaften adäquat zu verstehen.

Die verschiedenen Spielarten des Rassismus, verdeutlicht am Beispiel der Polizei
Wird der Polizei institutioneller Rassismus vorgeworfen, dann bedeutet dies zum Beispiel nicht, dass jede Polizistin rechtes Gedankengut hegt oder Rassismus erst dort beginnt, wo sich neonazistische Netzwerke in der Polizei formieren. Sicherheitsbehörden schützen und befolgen in Teilen Gesetze, aus denen mehrheitlich Nachteile für nicht-weiße Menschen entstehen. Das wird institutioneller Rassismus genannt. Er wird zum Beispiel sichtbar, wenn Personen abgeschoben werden, die aufgrund der Gesetzeslage nicht als „deutsch“ gelten und denen trotz ihres Lebensmittelpunktes in Deutschland nicht die gleichen Freiheitsrechte zugestanden werden. Dies ist vor allem dann rassistisch, wenn die Migration aus Staaten erfolgt, die durch das System des Neokolonialismus bis heute durch wirtschaftliche Abhängigkeiten und Bevormundung durch ehemalige Kolonialmächte kleingehalten werden. Ein aktuelles Fallbeispiel für die Kontrolle afrikanischer Währungen durch Frankreich und die EU beschreibt Kai Koddenbrock im Jacobin Magazin [3].

Von latentem Rassismus lässt sich immer dann sprechen, wenn negativ aufgeladene Eigenschaften unbewusst mit einzelnen sozialen Gruppen in Verbindung gebracht werden. Diese Vorurteile sind durch die eigene Sozialisation so verinnerlicht worden, dass sie, trotz ihrer negativen Folgen für die abgewerteten Personengruppen, nur schwer zu reflektieren sind und daher besonders in Situationen, in denen spontane Handlungen notwendig sind, zum Tragen kommen. Ein tragisches Beispiel für diese Form des Rassismus ist die Tötung eines Ehepaares in einem Dresdener Gericht im Jahr 2009. Ein Neonazi, der Marwa el-Sherbini wegen ihres Kopftuchs beleidigt hatte, gelang es ein Messer mit in das zugehörige Gerichtsverfahren zu schmuggeln und die im dritten Monat Schwangere mit 16 Messerstichen zu töten. Elwy Okaz, ihr Ehemann, wurde beim Versuch seiner Frau zur Hilfe zu eilen von einem Polizisten spontan für den Täter gehalten, angeschossen und dabei schwerst verletzt.

Begünstigt wird diskriminierendes Verhalten zudem durch den strukturellen Rassismus der Sicherheitsbehörden. Dabei wirken interne Abläufe und der grundsätzliche Aufbau, vor allem in der Polizei, begünstigend statt präventiv. Die Anwendung von Stereotypen erscheint mitunter als nützlich, da die eigenen Statistiken auf ebenjenen basieren. Beispielsweise durch die Datenerhebung im Bereich der sogenannten „Clan-Kriminalität“ [4]. Durch racial profiling entsteht bei vielen Polizist:innen der Eindruck, Nicht-Weiße seien überdurchschnittlich kriminell, was der Logik einer selbsterfüllenden Prophezeiung entspricht: Wenn man überwiegende schwarze Menschen kontrolliert, dann erscheinen diese langfristig auch als krimineller, denn Straftaten von Weißen werden so seltener beobachtet. Warum sich der angesprochene Eindruck trotz der rassistischen Praktiken aus der Polizeilichen Kriminalstatistik aber nicht ablesen lässt und wie sich gängige Rechtfertigungen von rassistischen Polizeikontrollen entkräften lassen, erklärt Tobias Wilke in einem Blogbeitrag [5].

Wie gezeigt wurde, können individuell rassistische Einstellungen bei Polizist:innen die vielfachen Erfahrungsberichte von diskriminierender Polizeigewalt nicht vollständig erklären. Auch weil solche Einstellungen in den letzten fünfzig Jahren innerhalb Deutschlands, vor allem aber auch der USA, signifikant zurückgegangen sind [6]. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Adolph Reed Jr. sieht den Grund stattdessen ebenfalls in den historischen Kontinuitäten, deren Rolle durch den materialistischen Antirassismus betont wird. Die Polizei, die sich erstmals als Schutzmacht des wohlhabenden Bürgertums vor Sklaven und Arbeiter:innen etablieren konnte, habe in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus zuallererst die Rolle, das ökonomisch randständige und prekarisierte Proletariat zu überwachen. Dies geschieht in erster Linie durch die übermäßige Verfolgung von „blue collar crimes“, also Straßenkriminalität, welche aufgrund der sozialen Lage für Arme, und damit überdurchschnittlich häufig für schwarze Menschen, spezifisch ist. Sie ist zwar leicht zu verfolgen, verursacht aber im Vergleich zur „white collar“-Kriminalität einen geringeren ökonomischen Schaden. Wenig verwunderlich ist es daher, dass sich in den USA 95 Prozent der Fälle, in denen Menschen durch Polizeibeamte im Einsatz getötet werden, in Gebieten ereignen, in denen das durchschnittliche Familieneinkommen weniger als 100.000 Dollar pro Jahr beträgt, und zwar unabhängig von der ethnischen Zusammensetzung der Viertel [7].

Eine gesellschaftskritische Perspektive ermöglicht die Analyse von Vorgängen, durch die abstrakte Formen des Rassismus im Einzelfall konkrete Benachteiligungen verursachen. Veranschaulicht wurden die Analysemöglichkeiten, die sich durch einen materialistischen Antirassismus eröffnen, durch die Betrachtung von strukturellen beziehungsweise institutionalisierten Formen der Diskriminierung, die von der Polizei ausgehen. Dennoch darf diese Form des Antirassismus die Mikro- und Mesoebene nicht vollständig aus dem Blick verlieren. Bewusst menschenverachtenden Ideologien, die ein ebenso großes Problem darstellen, da sie sich von AfD bis zu bewaffneten Neonazis in unterschiedlichen Ausprägungen manifestieren, lassen sich auf der Einstellungsebene nur bis zu einem gewissen Grad aus ökonomischen Gegebenheiten erklären. Die Rolle von Organisationen und Vordenker:innen mit meinungsbildendem Einfluss, vor allem aus dem Bereich des intellektuellen Rechtsextremismus, spielen auf diesen Ebenen eine ebenso maßgebliche Rolle [8].

Identitätspolitische Ergänzungen der materialistischen Gesellschaftskritik
Weil der materialistische Antirassismus sich sehr stark auf soziale Ungerechtigkeiten fokussiert, begannen Wissenschaftler:innen aus diskriminierten sozialen Gruppen in den 1980er Jahren ein kollektives Bewusstsein zu forcieren. Sie wollten die Identitäten ihrer Mitglieder positiv hervorheben, um den Wert des kollektiven Kampfs gegen Unterdrückung auch außerhalb von sozial benachteiligten Schichten zu verdeutlichen. Dies geschah indem sie bis dahin weniger beachtete und vor allem alltägliche Ungerechtigkeiten, zum Beispiel in Form von Mikroaggressionen, problematisierten, die auch für ökonomisch oder rechtlich Nicht-Benachteiligte Relevanz besitzen [9]. Bei der antirassistischen Identitätspolitik handelt es sich also um eine bestimmte Herangehensweise, welche nicht nur eine gesellschaftliche Gruppe, „die schwarzen Menschen“, „die Frauen“ oder ähnliche als wertvoll hervorhebt, so wie es emanzipative Bewegungen schon immer getan haben, sondern auch um eine bestimmte Art und Weise zu denken, die sich ausgehend von dem universitären Feld der postcolonial studies herausgebildet hat. Das Argument, Gleichberechtigung sei aus verschiedenen Gründen nur zusammen mit Personen aus der eigenen abgegrenzten Gruppe realisierbar, ist dabei zentral. Identitätspolitik beinhaltet also immer eine Grenzziehung, wobei die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe wahlweise als soziales Konstrukt oder naturalisierend begründet wird. Die Vertreter:innen rechtfertigen diesen exklusiven Kollektivismus, mit den privilegierten Positionen von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, die diesen aufgrund ihrer Identität zukommen würden. Vor allem treffe das auf weiße und heterosexuelle Männer zu, die gemeinhin als nicht-diskriminiert und damit als „Unterdrücker“ oder zumindest „Profiteure“ schlechthin gelten.

Die drei hier konstruierten Idealtypen des Antirassismus finden sich innerhalb von realen Bewegungen selbstredend nicht in Reinform, sondern als komplexe und teils widersprüchliche Kombinationen. Die Konstruktion ist lediglich eine Methode, um einzelne Positionen überhaupt zum Ziel ideologiekritischer Argumente machen zu können. Letztlich obliegt es jeder Person und Bewegung selbst, ihre spezifischen Positionierungen mit der geäußerten Kritik abzugleichen, ohne dass es erforderlich wäre, eine eindeutige Zuordnung in eine der drei genannten Gruppen vorzunehmen.

Auch unter Identitätspolitiker:innen gibt es daher gesellschaftskritische Sichtweisen, welche den Zusammenschluss von Betroffenen als Teil einer strategischen Grundlage für eine politische Wende begreifen. So auch ein kürzlich im Transit Magazin erschienener Text, der eine materialistische Gesellschaftskritik um praktische Handlungsvorschläge zur Reduzierung des Alltagsrassismus ergänzt [10]. Die generalisierende Einteilung von Menschen anhand ihrer Hautfarbe in soziale Gruppen wird dabei als vorübergehend notwendige Krücke und nicht als Selbstzweck verstanden und steht daher grundsätzlich nicht im Widerspruch zu anderen Strategien. Der Zusammenschluss in geschützten Räumen oder Gruppen kann neben dem persönlichen Austausch über Diskriminierungserfahrungen auch dazu dienen, eine Vereinnahmung der spezifischen Interessen durch eine aufgrund ihrer Mitgliederzahl tendenziell einflussreichere Gruppe zu verhindern. Der amerikanische Anarchist Lorenzo Kom’boa Ervin weist – und das ist vor allem für die aktuellen Proteste gegen Polizeigewalt relevant – darauf hin, dass es keinen Sinn macht, antirassistische Bewegungen ausschließlich von Weißen anführen zu lassen. Ausgehend von ihren Erfahrungen tendierten weiße Menschen dazu, vor allem rechte Gruppen zu bekämpfen und sind zu oft blind dafür, dass die größere Bedrohung für Schwarze vom Alltagsrassismus, vor allem dem der Sicherheitsbehörden, ausgeht [11].

Vom Antifaschismus zur Farbenlehre
Identitätspolitische Perspektiven, welche den materialistischen Antirassismus durch Erfahrungen ergänzen und seine Relevanz betonen wollen, stehen im Dienst des antirassistischen Primats, nach dem alle Menschen ohne Angst verschieden sein dürfen. Eine selbstreferentielle Identitätspolitik steht jenem allerdings diametral entgegen.

Selbstreferentielle Identitätspolitik setzt, entsprechend ihrer Entwicklung aus der politikwissenschaftlichen Schule der Postmoderne heraus, hauptsächlich auf Sprachpolitik. Theorien kreisen vor allem um die Herstellung einer idealen Kommunikationssituation. Das Markieren und Sortieren von Sprechorten sei eine Möglichkeit, um Interessen diskriminierter sozialer Gruppen „sichtbar zu machen“, wobei angenommen wird, dass Personen immer als idealtypische Repräsentant:innen ihrer gesellschaftlichen Position auftreten. Denn sichtbarer können durch diese Art von politischer Strategie keine Interessen, sondern lediglich bestimmte Vertreter:innen der jeweiligen Gruppen werden. Der Diskurs ist häufig selbstreferentiell, insbesondere wenn er ausschließlich auf das eigene akademische Milieu gerichtet ist und damit ungeeignet wird, die Ursachen von Rassismus zu verändern. Im schlechtesten Fall läuft er Gefahr, rassistische Denkmuster sogar zu verstärken, indem Mitglieder einer sozialen Gruppe pauschal unveränderliche und homogene Interessen unterstellt werden. Anstatt rassistische Identitäten mit dem Verweis auf das Recht eines jeden Individuums verschieden sein zu können, anzugreifen, reproduziert die freiwillige Annahme einer generalisierten Identität grundsätzlich deren Existenz und damit – aufgrund der rechtfertigenden Intention der Zuschreibungen – auch die ökonomischen Ungleichheiten. Das Ziel, den Inhalt der Zuschreibungen durch Diskurspolitik zumindest zu verschieben, ist der Minimalkonsens, auf dessen Basis der antirassistische Gehalt der Strategie sich bemisst. Erfüllt wird dieser zum Beispiel nicht, wenn wohlhabende schwarze Menschen dazu gedrängt werden, sich als prekarisiert zu definieren oder zumindest politisch für ihre Community zu sprechen, damit ihnen das Schwarzsein nicht aberkannt wird. Entsprechende Aussagen lassen sich in der Öffentlichkeit, speziell in den sozialen Medien, etwa in den Diskussionen über die Verantwortung von populären amerikanischen Sportlern, wie Michael Jordan oder OJ Simpson, finden.

Um auch formal Nicht-Diskriminierten eine Beteiligung innerhalb der Strömung zu ermöglichen, werden diese im Sinne der Critical Whiteness, einer wissenschaftlichen Methode, als „allies“, also Unterstützer:innen, akzeptiert, welche vor allem ihre Privilegien reflektieren sollen, um selbst möglichst wenig rassistisch zu handeln. Das bedeutet in erster Linie sich devot in Verzicht zu üben, aber durch die „Beichte“ auch als geläutert und selbstkritischer als alle anderen gelten zu dürfen [12]. Öffentliche Aufmerksamkeit und bedingungslose Wertschätzung werden auf diese Weise nicht als etwas Positives betrachtet, was allen Menschen zugestanden werden sollte, sondern gelten schnell als „weißes Privileg“, auf das argwöhnisch reagiert wird. Statt die Bedeutung der Hautfarbe in Öffentlichkeit, Berufs- und Alltagsleben zu skandalisieren, wird die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten oder alliierten Gruppe und damit auch die Existenz rassistischer Diskriminierung für Viele zur primären Quelle des Selbstwerts, zur internalisierten Opferrolle. Diskussionen drehen sich aus dieser Perspektive vielmehr darum, wie man die eigene Gruppenzugehörigkeit für ein großes Maß an Aufmerksamkeit benutzt, statt an der Basis der Unterdrückung zu rütteln. Auch People of Colour kritisieren das Konzept des Allyships daher regelmäßig für seine Oberflächlichkeit und fordern stattdessen die Anerkennung ihrer Individualität, welche echte soziale Beziehungen und eine politische Zusammenarbeit auf Augenhöhe erst möglich macht [13]:

„Wenn du ein politisches Buzzword und Konzept brauchst, um dich zu motivieren, dich mit Menschen jenseits gegenderter oder rassifizierter Kategorien zu verbünden, dann ist deine „Solidarität“ unaufrichtig. […] Aufrichtige gegenseitige Hilfe oder Solidarität benötigt keine trendigen Twitter-Phrasen, um dich zu motivieren, Beziehungen zu knüpfen. In anderen Worten: Gib dich nicht mit mir ab, nur weil du gelesen hast, dass das das Richtige ist, oder weil dein:e progressive:r College-Professor:in dir das gesagt hat. Kriech mir nicht in den Arsch und laufe mir hinterher, weil ich eine „viktimisierte“, „marginalisierte“ oder „PoC Stimme“ bin. […] Lass nicht zu, dass etwas so Künstliches wie sozial konstruierte Kategorien unsere Beziehung definieren. Gib dich mit mir nur ab, wenn du persönlich Interesse an unserer Interaktion und meiner Persönlichkeit hast […].“

Zwischen Beliebigkeit und Ethnopluralismus
Menschenrassen gibt es nicht, sie werden auf Basis von Ideologien sozial konstruiert. Dennoch orientierten sich Bürgerrechtsbewegungen, wie das Civil Rights Movement, an den manifesten Eigenschaften, an denen entlang die sozialen Konstruktionen von Identitäten erfolgen, um reale Benachteiligungen zu adressieren. Beispielsweise um das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung zu erkämpfen. Geschichtlich betrachtet, zeigt sich das reaktionäre Potential immer deutlicher. Anfangs kämpften Identitätspolitiker:innen gegen die Diskriminierung von Schwarzen, Homosexuellen, Behinderten oder Frauen. Dieser klassischen Identitätspolitik der 1960er Jahre, ging es um gleiche Rechte für alle Menschen. Doch längst ist das nicht mehr das Hauptfeld der Identitätspolitik. Sie wurde zum Hebel einer kulturrelativistischen Politik, die sich gegen universelle Werte stellt und die Rechte des Einzelnen durch die Rechte imaginierter Gruppen ersetzen will [14].

Werden eigene Theorien über die soziale Konstruktion entwickelt, treten Beliebigkeiten und damit Widersprüche zutage, welche ebenfalls typisch für die selbstreferentielle Form der Identitätspolitik sind, weil sie den Blick auf die Lebensrealität von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe zugunsten einer rein akademischen Perspektive verwässert. Von Rassismus seien nicht nur Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe betroffen, sondern alle mit einer unterprivilegierten sozialen Position. Auf dieser Basis lässt sich aus nahezu jeder Gruppenzugehörigkeit eine marginalisierte Identität konstruieren, vor allem da Begriffen wie „unterdrückt“, „marginalisiert“, „unterprivilegiert“ und so weiter keine einheitliche Definition zugrunde liegt. Das verharmlost zum einen die Gefährdung von Menschen, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe nicht erst als „Person of Colour“ outen müssen und sich demnach nur schwer vor Rassismus schützen können. Zum anderen provoziert es einen Wettbewerb darum, wer die am meisten diskriminierte Gruppe ist, weil damit die höchste Aufmerksamkeit und die größten Privilegien einhergehen. Dies birgt nicht nur die Gefahr, dass Belange von „weniger“ Diskriminierten aus dem Fokus geraten, sondern hat eine nutzlose selbstreferentielle Endlosdiskussion ausgelöst, welche nur einen einseitigen Zugang zu politischen und damit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen bietet. Die formale Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist hingegen weder ein Indikator für reale Erfahrungen noch für eine große Expertise im Hinblick auf Rassismus oder normativen Fragen nach der Organisation einer gerechten Gesellschaft. Von Diskriminierung betroffenen Personen zuzuhören, ist eher deshalb wichtig, weil so auch für Außenstehende nachvollziehbar wird, wie eine rassistische Gesellschaft Identitäten einsetzt, um Ausgrenzung und Kontrolle zu etablieren. Eine Internalisierung jener ist hingegen weder für Betroffene noch für die Zuhöhrer:innen von Relevanz.

Die Alternative, sich zwar eng an messbaren Eigenschaften zu orientieren, jene aber fest mit kulturellen Praktiken zu verknüpfen, um das Distinktionsmoment zu erhalten, rückt die Strömung wiederum in die Nähe des Ethnopluralismus, da die prinzipielle Gleichheit aller Menschen auf diese Weise angezweifelt werden muss. Manifeste Eigenschaften werden mit einer bestimmten kulturellen Prägung in eins gesetzt, um die Organisation in homogenen Gruppen zu rechtfertigen oder die „Macht der weißen Männer“ anzugreifen. Dies geht stellenweise so weit, dass den Kategorisierten eine individuelle Lebensführung aberkannt wird, da sie als unveränderbar verbunden mit „ihrer Kultur“ betrachtet werden. Diese Form der Identitätspolitik verengt die Menschen auf einen Aspekt ihres Seins, der für sie vielleicht gar nicht bestimmend, auf jeden Fall nur einer unter vielen ist. Es entsteht eine Reduzierung der Komplexität des Individuums, die mitunter folgenschwere Fehlschlüsse nach sich zieht, denn wir gehören alle nicht nur einer Gruppe an, sondern vielen und verfügen zudem über Eigenschaften, die uns als Menschen einzigartig machen [14].

Ohne Blick auf die Individualität werden Ungerechtigkeiten innerhalb der als benachteiligt geltenden Gemeinschaften verharmlost, weil ein höherer Grad an Differenzierung den Dualismus von Diskriminierten und Unterdrückern in Frage stellen würde. Konzepte wie die universelle Gleichheit aller Menschen, die im Kontext der Aufklärung entwickelt wurden, gelten in einigen Kreisen als eines dieser, aufgrund der Privilegiertet, abzulehnenden Konzepte der europäischen Weißen, welche auf keinen Fall auf außereuropäische Kulturen angewendet werden dürften, weil sie dann deren Eigenarten bedrohen würden. Dieser Kulturrelativismus, der jegliche Kritik an den Handlungen von „Unterdrückten“ verbietet oder diese gar als Widerstand deutet, reicht bis hin zur Rechtfertigung von islamistischen Terroranschlägen durch bekannte Wissenschaftler:innen wie Judith Butler [15]. Oder einfacher ausgedrückt: Wenn Iraner Ehebrecherinnen steinigen, wäre das ihr gutes Recht, weil das in ihrer Kultur so üblich sei. Diese Art der Argumentation ist für den heutigen Stand der Identitätspolitik typisch und wirkt nicht nur der Parteinahme für progressive Bewegungen und damit gesellschaftlichem Fortschritt entgegen, sondern zementiert die Bedeutung von rassistischen Unterscheidungsmerkmalen. Indem die Einwohner:innen von Ländern oder „Kulturkreisen“ mit typischen Verhaltensweisen verbunden werden, werden auch die dort überdurchschnittlich häufig sichtbaren physischen Merkmale, wie zum Beispiel die Hautfarbe, mit den entsprechenden Verhaltensweisen assoziiert. Ethnopluralistischen Argumentationen, die individuelles Verhalten über den Umweg der kulturellen Prägung mit der Hautfarbe verbinden, können aufgrund der dargelegten Argumentation als rassistische Spaltungsversuche der Gesellschaft und nicht mehr nur als selbstreferentiell bezeichnet werden [14]:

„Wenn in Konflikten über kulturelle Aneignung behauptet wird, nur Afrikaner:innen hätten ein Recht, Dreadlocks zu tragen, weil diese Frisur zu ihrer und nicht zur Kultur der Weißen gehört, wenn Weißen das Recht abgesprochen wird, Yoga zu praktizieren, weil Yoga Teil der indischen Kultur ist, wird nicht nur ignoriert, dass jede Kultur – natürlich auch afrikanische oder indische – das erfreuliche Ergebnis einer langen Reihe von Übernahmen und Mischungen ist, sondern es wird auch ein „Weißsein“ definiert, das den Rassismus in den Reihen der Weißen fördert. In der NZZ bringt es der konservative Jonah Goldberg auf den Punkt: „Die Alt-Right-Typen haben beachtlichen Zuwachs unter Jungen, Idioten und erbosten Bürgern gewonnen. Sie sind ein eigener Stamm, für den gilt: amerikanische Kultur ist synonym mit weißer Kultur. Dafür steht meine Art Konservative gar nicht ein. Ich bin weiß, unter Weißen aufgewachsen – aber dass das das Wesen meiner Identität sein soll, erschien mir immer bizarr. […] Ein Unheil, das von Trump ausgeht, ist, dass er – auch mithilfe der strammen Linken – weiße Leute ermutigt, sich in erster Linie als Weiße zu denken. Je eher sich jemand als weiß identifiziert, statt als Christ, Klempner oder Alabamianer, desto wahrscheinlicher ist das eine Stimme für Trump.“

Das Eingeständnis, dass Menschen nur als Teil einer sozialen Gruppe wahrzunehmen, unweigerlich zur Essentialisierung der sozialen Identitäten führt, wäre grundlegend für einen Antirassismus, der echtes politisches Komplizentum ohne die Kenntnis eines akademischen Handbuchs erlaubt und danach sucht, die Wurzeln des Rassismus heraus zu reißen. Wenn man zutreffender Weise feststellt, dass schwarze Menschen überproportional arm sind und dann lediglich die rechtliche Gleichstellung oder mehr Aufmerksamkeit fordert, dann fordert man lediglich eine andere Zusammensetzung der Armut. Gleichstellung oder Chancengleichheit machen die Armut vielleicht „bunter“, aber sie bleibt erhalten [1]. Das muss für eine emanzipatorische Linke eindeutig zu wenig sein!

An einigen deutschen und vielen britischen Ablegern der Black Lives Matter Bewegung wird aufgrund der großen Nähe zu den selbstreferentiellen Konzepten der Critical Whiteness, und weil sie teilweise auch ein religiöses Verständnis von Antirassismus transportieren, legitime Kritik geübt [16]. Demgegenüber muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass es ein Großteil der US-amerikanischen Demonstrationen, trotz dem ursprünglich stark identitätspolitischen Charakter der BLM-Bewegung, nun geschafft haben, die Wut auf ökonomische Ungleichheiten und fortdauernde koloniale Praktiken ins Zentrum zu stellen. Dies äußert sich neben Plünderungen vor allem auch durch den Aufbau von Strukturen zur Selbstversorgung innerhalb und außerhalb der autonomen Zone „CHAZ“ in Seattle sowie den Forderungen nach systemischen Veränderungen, wie der vollständigen Abschaffung der Polizei. Die Kombination aus materialistischer Gesellschaftskritik, positivem Bezug auf die Realisierung der universalen Rechte der schwarzen Bevölkerung und einer offenen Mobilisierung scheint ein vielversprechender Weg zu sein, der offensichtlich nicht dahin führen muss, die zusätzlichen alltäglichen Benachteiligungen für nicht-weiße Menschen auszublenden und den es daher auszubauen gilt!

 

 

Anmerkungen
[1] Kaufmann, Stephan (2020): Interview mit Bafta Sarbo: Armut nicht nur bunter machen. neues deutschland.

[2] Ghanem, Michael (2019): Im Würgegriff von Rassismus Antisemitismus Islamophobie Rechtsradikalismus Faschismus. Teil 1. tredition.

[3] Koddenbrock, Kai (2020): Kolonialismus mit anderen Mitteln: Europa kontrolliert Westafrika weiterhin durch seine Währung. Jacobin Magazin, Heft 1.

[4] Amjahid, Mohamed (2020): So schnell wird man zum Clan-Kriminellen. zeit-online.

[5] Wilke, Tobias (2020): POLIZEIGEWERKSCHAFTEN WOLLEN DISKRIMINIEREN DÜRFEN. der Volsverpetzer.

[6] Friedrich-Ebert-Stiftung: Die Mitte Studien.

[7] Kerger, Hannes und Pirkl, Bernhard (2020): Der Klassencharakter der Polizei. Jungle World 2020/25.

[8] Wettlaufer, Andreas (2019): Die Einflüsterer. Jungle World 2019/42.

[9] Peşmen, Azadê (2018): Wie Tausende kleine Mückenstiche. Deutschlandfunk.

[10] Jessi (2020): Macht eure Hausaufgaben!. Transit Magazin.

[11] Ervin, Lorenzo Kom’Boa (2016): The Progressive Plantation: racism inside white radical social change groups. libcom.org.

[12] Arslanoğlu, Ayse K. (2010): Stolz und Vorurteil – Markierungspolitiken in den gender studies und anderswo. outside the box.

[13] O. A. (2020): Ein Nekrolog auf Identitätspolitik – Übersetzung des englischen Originaltextes „An Obituary for Identity Politics“ von Flower Bomb, erschienen beim Warzone Distro. Zündlumpen.

[14] Laurin, Stefan (2018): Vergesst die Identitätspolitik. Ruhrbarone.

[15] radicalarchives (2006): Judith Butler on Hamas, Hezbollah & the Israel Lobby.

[16] Badura, Leander F. (2020): Der Katechismus der Antirassisten. Jungle World 2020/27.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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