„Warum Adriano?“

Ein Überblick über die Aktivitäten zum Tag der Erinnerung 2020

von | veröffentlicht am 09.06 2020

© Transit

Vor 20 Jahren wurde der Freund, Kollege, Ehemann und Vater Alberto Adriano im Dessauer Stadtpark von drei Jugendlichen aus der ostdeutschen Naziszene ermordet, die sich zuvor zufällig am Bahnhof getroffen hatten. Wir dokumentieren mit diesem Beitrag das, was zum Tag der Erinnerung in diesem Jahr ansteht.




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Alberto Adriano war als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen und lebte in Dessau, er begegnete den Tätern, aus deren subkulturellem Freundeskreis und politischen Strukturen noch weitere Morde und Gewalttaten begangen wurden, auf dem Nachhauseweg von einem Fußballabend.

Am 11. Juni 2020, 20 Jahre nach der Ermordung Alberto Adrianos – und nach der Ermordung von mindestens 14 weiteren Menschen durch rechte Gewalttäter in Sachsen-Anhalt seit der Wende – wollen wir nun erneut den Tag der Erinnerung an Alberto Adriano und alle anderen Opfer rechter Gewalt begehen, in Dessau und in anderen Städten.

Auch die COVID19-Pandemie bietet einen Bezugspunkt für rechte Mobilisierung und rechte Gewalt und es bleibt zu befürchten, dass sich die Situation im Nachgang der Pandemie-Krise eher noch verschärfen wird. Gerade deshalb war es uns wichtig, den geplanten „Tag der Erinnerung“ nicht ausfallen zu lassen, auch wenn eine Konferenz im BAUHAUS-Museum nicht stattfinden kann. Auch die nicht überraschenden internationalen #blacklivesmatter-Proteste verweisen auf die Aktualität und Dringlichkeit lange zugrundeliegender Probleme.

Wir haben das Programm angepasst, um den Tag in einer den  aktuellen Umständen angemessenen Form stattfinden zu lassen. Die Erinnerung und das Gedenken an die Opfer sowie das Thematisieren der immer noch aktuellen und tödlichen Umstände und ideologischen Hintergründe rechter Gewalttaten und Morde werden von uns an diesem Tag wie folgt in die Öffentlichkeit gebracht:

Stilles Gedenken und Blumenniederlegung in Dessau

An den Tatorten der rechten Angriffe auf und Morde an Alberto Adriano im Stadtpark (14.00 Uhr) und Hans-Joachim Sbrzesny – dem bis heute nicht anerkannten Opfer neonazistischer Gewalt – am Hauptbahnhof (15.00 Uhr) wird es ein stilles Gedenken von Vertreter*innen von Zivilgesellschaft und demokratischen Parteien geben. Neben Vertreter*innen des Multikulturellen Zentrums und der hiesigen Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalttaten sowie anderer zivilgesellschaftlicher Vereine und Institutionen werden Staatssekretärin Susi Möbbeck, MdB Karamba Diaby sowie Kommunal- und Landespolitiker*innen anwesend sein. Die Zahl ist an den Erinnerungsorten auf zehn bzw. fünf Personen begrenzt. Wir rufen aber alle dazu auf, den Tag über selbständig und unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln im Stadtpark und am Hauptbahnhof Blumen niederzulegen.

Sonderberichterstattung im Radio

Den gesamten Tag wird es eine Sonderberichterstattung zum „Tag der Erinnerung“, der Geschichte ehemaliger Vertragsarbeiter*innen in Ostdeutschland und rechter Gewalt und rechtem Terror in Sachsen-Anhalt geben, d.h. im Morgen-, Mittags- und Abendmagazin jeweils zwischen 07:00 Uhr und 10.10 Uhr, 13.00 Uhr und 15.00 Uhr bzw. 18.00 und 19.00 Uhr – ein Programm zum „Tag der Erinnerung“ in Kooperation zwischen dem Multikulturellen Zentrum Dessau e.V. und der Tagesaktuellen Redaktion von Radio Corax. Zu Wort kommen werden dort Vertreter*innen von Migrant*innenorganisationen, Opferberatungsstellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen ebenso wie Wissenschaftler*innen und Expert*innen. Der Sender ist im Großraum Halle, im nördlichen Saalekreis und in Teilen von Anhalt-Bitterfeld auf der Frequenz 95,9 UKW zu empfangen sowie über den Livestream unter www.radiocorax.de.

Blumenniederlegungen an 13 Tatorten in Sachsen-Anhalt

Auch an den 13 anderen bekannten Tatorten rechter Morde wird es am Vormittag des 11. Juni Blumenniederlegungen geben, d.h. in Burg, Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, Löbejün, Halle, Milzau, Obhausen und Naumburg. An all diesen Orten haben uns engagierte Einzelpersonen aus der Zivilgesellschaft angekündigt, parallel zu gedenken – an Torsten Lamprecht, Matthias Lüders, Eberhart Tennstedt, Frank Böttcher, Hans-Werner Gärtner, Jörg Danek, Helmut Sackers, Alberto Adriano, Willi Worg, Andreas Oertel, Martin Görges und Rick Langenstein. Wir rufen dazu auf, in diesen Orten individuell Blumen niederzulegen und zu gedenken.

Webinar zur Situation von Vertragsarbeiter*innen vor und nach der Wende

Im Webinar „Einer war Alberto Adriano – Erfahrungen (ehemaliger) Vertragsarbeiter*innen in der DDR und der ostdeutschen Umbruchsgesellschaft“ von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr [hier] wollen wir die Situation von sogenannten Vertragsarbeiter*innen vor und nach der Wende und die Frage rassistischer Kontinuitäten thematisieren. In einem Input-Vortrag wird Dr. Carsta Langner (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Jena) verschiedene Schlaglichter auf das Thema werfen. So wird es einerseits um die rechtliche und politische Situation von Vertragsarbeiter*innen gehen, das heißt staatliche Vorgaben, Regelungen und Maßnahmen. Andererseits wird es aber auch um die „Eigensinnigkeit“ ihres Lebens geben, d.h. nicht geplante und nicht planbare Aspekte von Liebe, Schwangerschaft, binationalen Ehen ebenso wie Konflikte oder Kämpfe an den Arbeitsplätzen. Schließlich wird sie an Fallbeispielen auf die Frage nach rassistischer Diskriminierung und rassistischer Gewalt in der DDR eingehen. Claudia Pawlowitsch und Nick Wetschel (beide Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde) werden in einem Kommentar im Anschluss auf die chaotische Nachwendesituation mit ihren bürokratischen, rechtlichen und biographischen Brüchen eingehen und dabei Beispiele aus Sachsen einbringen. Schließlich wird der Zeitzeuge Ibraimo Alberto, der als mosambikanischer Vertragsarbeiter in Berlin (Ost) und Schwedt (Oder) arbeitete und nach der Wende für die Rechte und den Schutz von Migrant*innen kämpfte, seine persönliche Perspektive auf das Thema beisteuern.

Audiofeature, Blog und hashtags zum Tag der Erinnerung

Zusammenkommen werden diese Aktionen, Aktivitäten und Inhalte schließlich auf einem Blog zum Tag der Erinnerung, unter der Adresse www.warumadriano.de. Dort wird am 11. Juni das Audiofeature „Warum Adriano? Perspektiven auf rechte Gewalt – und die Perspektive der Opfer“ veröffentlicht werden. In diesem wird es mit Blick auf Alberto Adriano nicht nur um die Situation von Vertragsarbeiter*innen in den 1980er und 1990er Jahren gehen. Es wird zudem grundsätzlich um rechte Gewalt und den gesellschaftlichen Umgang mit dieser, mit rechten und rechtsterroristischen Morden und der die Taten motivierenden rassistischen und antisemitischen Ideologie gehen. Vor allem wird es aber um die Erinnerung an die Opfer gehen, um die Stimmen der Betroffenen und Opferperspektiven. Das Feature wird um 13 Uhr auf Radio Corax (s.o., UKW 95,9) ausgestrahlt.

Diese ist zugleich die Perspektive der Angehörigen der Opfer des NSU wie derjenigen, die jeden Tag von verbaler und „leichter“ physischer rassistischer Gewalt betroffen sind. Vieles davon ist ein bedrückender „Alltag“, der in keiner polizeilichen Statistik auftaucht, weder angezeigt noch in den Medien berichtet wird, der jedoch beim Zusammentreffen letztlich zufälliger Umstände jederzeit und überall eine tödliche Dimension entwickeln kann.

Eine „wachsende“ Fotowand wird Momentaufnahmen der Gedenkaktionen und Blumenniederlegungen in ganz Sachsen-Anhalt festhalten.

Interviews, Bilder und Berichte werden von uns und unseren Partnern von der Amadeu Antonio Stiftung auch live unter dem Hashtag #warumadriano und unter www.twitter.com/warumadriano getwittert. Fotos von Gedenkaktionen und Blumenniederlegungen im öffentlichen Raum in Sachsen-Anhalt oder anderswo in Deutschland können zudem unter den hashtags #warumadriano und  #tagdererinnerung getwittert werden und werden auf der Seite eingebunden.

Nicht nur, sondern auch am 11. Juni gilt es, der Opfer zu gedenken, die Täter und ihre Motivation zu benennen, und auf die Notwendigkeit stärkerer Anstrengungen in der Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus überall in der Gesellschaft hinzuweisen. So wie jeden anderen Tag.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.