Macht eure Hausaufgaben!

Bei Rassismus wegschauen zu können, ist ein Privileg

von | veröffentlicht am 14.06 2020

© Transit

Am 13. Juni fand zum zweiten Mal eine Black Lives Matter-Kundgebung in Halle statt. Rund 500 Menschen demonstrierten in Solidarität mit den antirassistischen Protesten in den USA und in Erinnerung an den ermordeten George Floyd. Dabei ergriffen von Rassismus Betroffene und solidarische Menschen das Wort. Auch Jessi aus Halle kritisierte die alltäglichen und strukturellen Rassismen in Deutschland und machte dabei die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge sowie die Verantwortung jedes Einzelnen deutlich.




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Ich möchte gerne mit einem kurzen Auszug aus dem Gedicht „A Litany for Survival“ von der wunderbaren und starken Audre Lorde beginnen:

„And when we are loved we are afraid
love will vanish
when we are alone we are afraid
love will never return
and when we speak we are afraid
our words will not be heard
nor be welcomed
but when we are silent
we are still afraid.

So it is better to speak
Remembering
We were never meant to survive.“

– „Aber wenn wir schweigen, haben wir immer noch Angst. Also ist es besser, zu sprechen, während wir uns daran erinnern: es war uns nicht bestimmt, zu überleben!“

Am 25. Mai wurde George Floyd von einem rassistischen Cop ermordet. Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei seiner Familie und seinen Freund*innen. Meine vollste Solidarität bei den Menschen, die eben nicht mehr schweigen, sondern ihre Wut und Trauer seit Wochen auf die Straße tragen!

Diese Menschen, die ihre Stimme erheben und für ihre Rechte und Gleichbehandlung kämpfen, haben über die Grenzen der USA hinaus eine globale Protestwelle ausgelöst, die auch in Deutschland angekommen ist und allein am vergangen Wochenende mehrere zehntausend Menschen auf die Straße bewegt hat. Aber seien wir ehrlich: es ist 2020 und längst überfällig!!

Natürlich sind amerikanische und deutsche Verhältnisse nicht ohne Weiteres vergleichbar. Aber wer jetzt erst das Thema „Rassismus“ für sich entdeckt, und dabei mit empörtem Zeigefinger auf die rassistische USA zeigt, der oder die hat über die letzten Jahre und Jahrzehnte das Privileg gehabt, nicht hinschauen zu müssen, sich nicht mit den strukturellen und alltäglichen Rassismen in Deutschland auseinander setzen zu müssen.

Ich hatte dieses Privileg nicht und ich werde es auch nie haben. Rassismus ist seit meiner Kindheit fester Bestandteil meines Lebens. Ich bin damit aufgewachsen, dass mir Leute immer wieder sagten, dass ich nicht zu Deutschland gehöre und ich in meinen Urwald zurückgehen soll. Ich bin damit aufgewachsen, dass Wildfremde mich entmenschlichen und anfassen, weil sie meine „N-krause“ so exotisch finden. Ich bin damit aufgewachsen, dass Menschen mich verfolgen, Affengeräusche imitieren und mich rassistisch beschimpfen. Und es macht mich müde!

Ich bin müde, mich rechtfertigen zu müssen! Ich bin müde, gefragt zu werden, wo ich denn nun ‚wirklich herkomme‘, wenn ich am Ende doch nur wieder erklären muss, warum ich nicht weiß bin. Ich bin müde davon, aufgrund meines Aussehens zu einer Verdächtigen oder einem Feindbild gemacht zu werden. Ich bin müde davon, nicht einfach in einem Laden einkaufen zu können, ohne auf Schritt und Tritt von der Security begleitet zu werden.

Aber Rassismus ist nicht mein individuelles Problem, nichts was mir halt trauriger Weise passiert. Rassismus ist ein historisch gewachsenes, strukturelles Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Wer das erst jetzt erkennt, hat sehr lange und sehr konsequent die Augen verschließen können.

Ich bin müde, aber es macht mich auch wütend! Es macht mich wütend, dass Rassismus immer nur dann trendet, wenn die tödlichen Konsequenzen für alle sichtbar werden, obwohl Betroffene seit Jahren und Jahrzehnten über die Gefahren sprechen. Ich bin wütend, weil die Liste der so genannten „Einzelfälle“ immer länger wird und die Justiz einen Scheiß dafür tut, sie umfassend aufzuklären. Ich bin wütend, weil rassistische, antisemitische und rechtsextreme Akteur*innen sich – im Gegensatz zu mir – in Deutschland so sicher fühlen können. Ich bin wütend, weil antirassistische und antifaschistische Arbeit kriminalisiert wird.

Ich bin wütend, weil die Polizei endlich ihren verdammten Job machen soll! Und damit meine ich nicht, am Bahnhof oder auf der Leipziger Straße gezielt Schwarze Menschen und People of Color zu kontrollieren und sich mit der Begründung „verdachtsunabhängige Kontrollen“ rauszureden. Und damit meine ich auch nicht mit Maschinengewehren Shishabars zu stürmen, um ein paar Kilo unversteuerten Tabak sicher zu stellen. Und damit meine ich auch nicht, in Connewitz reinzurocken und ein paar Handys zu beschlagnahmen.

Damit meine ich aber beispielsweise die über 400 per Haftbefehl gesuchten, aber „untergetauchten“ Rechtsextremist*innen zu finden. Damit meine ich, ihren eigenen Korpsgeist mal kurz hintanzustellen wenigstens einen Funken Kritik zu zulassen. Und dabei geht es nicht nur darum, einzelne Rassist*innen in den eigenen Reihen ausfindig zu machen, sondern die rassistische Struktur unserer Gesellschaft und eben auch die der Polizei kritisch zu hinterfragen. Damit meine ich aber vor allem, allen Menschen mit Respekt und Würde zu begegnen. Ich bin wütend, und ich hab einfach keinen Bock mehr!

Liebe weiße Menschen, es ist toll, dass ihr hier seid und euch solidarisch zeigt! Aber wie die wunderbare Chimamanda Ngozi Adichie schon gesagt hat: „Racism should never have happened and so you don’t get a cookie for reducing it.” – Rassismus hätte es niemals geben dürfen, also bekommst du jetzt auch keinen Keks dafür, ihn ein bisschen abzuschwächen.

Wenn ihr euch also fragt, was ihr tun könnt: Fragt eure von Rassismus betroffenen Freund*innen, Mitschüler*innen, Arbeitskolleg*innen, Mitstudierenden, Menschen in eurem Umfeld wie es ihnen in dieser Zeit geht. Hört ihnen zu! Hört wirklich zu, ohne unsere Erfahrungen zu relativieren, uns zu sagen, es sei vielleicht anders gemeint gewesen oder wir seien einfach zu empfindlich. Schreitet ein, wenn ihr Zeug*innen rassistischer Diskriminierung oder von racial profiling werdet. Fragt die Betroffenen, ob alles okay ist und wie ihr sie unterstützen könnt. Ja, auch wenn ihr gerade von der Arbeit kommt und keine Lust auf Stress habt oder eventuell zu spät zu eurer Verabredung kommt. Macht euren Mund auf! Lasst Betroffene nicht alleine.

Aber erwartet von ihnen nicht, dass sie euch von schmerzhaften Erlebnissen erzählen, nur damit ihr anerkennen könnt, dass Rassismus tatsächlich auch in Deutschland existiert oder dass sie euch sagen, was ihr gegen diese rassistische Gesellschaft tun könnt. Rassismus und Antisemitismus sind strukturelle, gesamtgesellschaftliche Probleme. Es sind auch eure Probleme. Macht eure Hausaufgaben!

Viele Schwarze Menschen, People of Color, jüdische Menschen, migrantische Menschen haben schon alles gesagt, ihr müsst nur endlich anfangen, ihnen zu zuhören. Kauft euch ein Buch – z.B. „Exit racism“ von Tupoka Ogette oder „Was weiße Menschen nicht über Rassimus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters. Hört euch einen Podcast an, schaut euch Filme von Schwarzen Menschen und People of Color an. Blättert auch mal in einem Buch über die deutsche Kolonialgeschichte.

Macht einfach eure Hausaufgaben! Fangt an, euch selbst zu reflektieren, auch wenn ihr euch schon für antirassistisch haltet oder es vielleicht unangenehm für euch werden könnte. Nutzt eure Privilegien, um die Strukturen hin zu einer gerechteren Verteilung von Ressourcen und Teilhabe zu verschieben. Lasst „say their names“ nicht einfach nur ein trendy Hashtag sein, informiert euch über die Menschen und Schicksale die hinter den Namen stehen und erinnert euch an sie! Bleibt auch dann solidarisch und laut, wenn der mediale Hype vorbei und die Betroffenen rassistischer Gewalt wieder vergessen sind.

Liebe Menschen, die selbst von Rassismen und Antisemitismus betroffen sind: lasst uns weiter zusammen dafür kämpfen, endlich als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft anerkannt zu werden. Und lasst uns dabei Audre Lordes Worte im Herzen tragen:

„So it is better to speak
Remembering
We were never meant to survive.“

Aber lasst mich ergänzen:

We were never meant to survive
But we did!
And we will do so!

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.