Klimakrise: „Auf Null gesetzt“

Ein Interview über die Chancen der Klimabewegung während der Coronakrise

von | veröffentlicht am 23.04 2020

© FFF Halle

Das Thema Klimakrise hat es in Zeiten der Coronakrise ziemlich schwer, noch eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Dabei ist es gerade hier wichtig, dass es politisch voran geht. Die FridaysForFuture-Bewegung bleibt unterdessen fleißig. Am Freitag findet ein Netzstreik fürs Klima statt. Wir haben Max-Ferdinand Zeh von FridaysForFuture Halle dazu einige Fragen gestellt.




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Transit: Ihr habt bereits letzten Freitag sehr kreativ das Klimathema wieder auf die Straße gebracht. Was genau habt ihr gemacht und was war euer Anliegen dabei?

Max: Wir hatten Ende März alle Aktionen unsererseits abgesagt, um Risikogruppen vor der Ausbreitung des Virus zu schützen. Danach haben wir unseren Protest ins Netz getragen, was natürlich nicht die Aufmerksamkeit brachte, wie sonst unsere Demos. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit Extinction Rebellion Halle eine Aktionsform gesucht, die sich gemeinsam draußen und ohne Infektionsrisiko durchführen ließ. Die Aktionsform der politischen Einkaufsschlange hatte es bereits in mehreren anderen Städten gegeben. Wir haben diese Idee übernommen und uns einen Laden gesucht, der versucht Nachhaltigkeit in den Alltag zu bringen. Da bot sich der Unverpackt-Laden an. Außerdem wollten wir zeigen, dass es wichtig ist in solchen schwierigen Situationen lokale nachhaltige Initiativen und Läden zu unterstützen.

Deshalb haben wir am letzten Freitag für einen regionalen nachhaltigen Konsum und für mehr Klimaschutz demonstriert. Dabei war uns besonders wichtig zu zeigen, dass die Klimakrise nicht wartet, bis Corona vorbei ist, sondern dass wir jetzt dringend handeln müssen und die katastrophale Lage nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Klimaprotest von Fridays for Future und Extinction Rebellion am 17. April 2020 auf dem August-Bebel-Platz in Halle. (Foto: FFF Halle)

Was plant ihr für den 24. April? Was ist über Halle hinaus zu erwarten?

In Halle rufen wir zu unterschiedlichen Aktionen auf. Es sollen Banner aufgehängt werden und mit Kreide und Plakaten Straßen und Plätze verziert werden. Bilder davon und Bilder von sich selbst mit Demoschild sollen anschließend auf Social Media gepostet werden, damit sich dort die Botschaften verteilen. Auf der Bundesseite von FridaysForFuture gibt es eine Streikkarte, wo sich alle Menschen mit ihren persönlichen Aktionen eintragen können. Es sind viele kleine kreative Aktionen möglich. Dabei ist es immer wichtig die Maßnahmen des Infektionsschutzes zu beachten und keinesfalls andere Menschen zu gefährden.

Durch die besonderen Umstände mit Corona haben wir unseren Protest noch kreativer gestalten müssen als sonst.

Darüber hinaus wollen wir zwei von der Polizei genehmigte Menschenketten durchführen. Diese sollen von 15 bis 16 Uhr am Hansering und am Riveufer unter besonderen Auflagen stattfinden. Es wird eine Mundschutzpflicht geben und alle Teilnehmer*innen müssen mindestens zwei Meter Abstand halten. Wir wollen gemeinsam mit Seebrücke Halle, Ende Gelände Halle und Extinction Rebellion Halle besonders auf die Situation der Geflüchteten in den Lagern in Griechenland eingehen und globale Klimagerechtigkeit einfordern. Dieses Thema wird uns bei allen Aktionen, die wir durchführen, begleiten.

Bundesweit wird außerdem ein Livestream mit unterschiedlichen Inhalten auf YouTube stattfinden. Es soll Musik, Redebeiträge und Vorträge geben. Durch die besonderen Umstände mit Corona haben wir unseren Protest noch kreativer gestalten müssen als sonst.

Die Klimakrise wurde als wichtiges Thema von Corona binnen weniger Tage fast vollständig verdrängt. Was kann die Klimabewegung daraus lernen?

Jede Bewegung erlebt Höhen und Tiefen – so natürlich auch die Klimabewegung. Die Corona-Krise veränderte aber auf einen Schlag alles. Um die Ausbreitung so gering wie möglich zu halten, wurden Maßnahmen ergriffen, die zuvor undenkbar erschienen. Dass dadurch die Klimakrise in den Hintergrund gedrängt wurde, ist zwar schade, aber auch nicht unverständlich: Im Gegensatz zum Klimawandel trifft die Corona-Krise alle direkt und unvermittelt.

Innerhalb kurzer Zeit war Corona das dominierende Thema – von etwas anderem zu reden, war fast nicht möglich. Klimaschutz schien auch erst einmal vom Tisch, genauso wie der Umgang Europas mit Geflüchteten, die Rentendebatte – eigentlich fast alles. Wir mussten uns also einen anderen Umgang mit der Situation suchen und haben sehr viele Ideen entwickelt, um weiter aktiv zu bleiben.

Die Coronakrise gibt den Anlass, über die inhaltliche Ausrichtung nachzudenken.

Auch das gesellschaftliche und solidarische Engagement hat sich durch Nachbarschaftshilfen von Fridays for Future verstärkt. Wir haben die Kampagnen der Seenotrettungsorganisationen unterstützt und sind über das Klimathema hinaus aktiv geworden. Die Fridays for Future-Bewegung muss aus der Krise gestärkt hervorgehen und Engagement über unser Kernthema hinaus in den Fokus rücken. Die Klimakrise ist komplex und nicht nur auf eine Thematik begrenzt, weshalb wir uns mehr Gedanken über all diese anderen Themen machen müssen und nicht immer nur von mehr Klimaschutz sprechen. Die Coronakrise gibt den Anlass, über die inhaltliche Ausrichtung nachzudenken.

In der Coronakrise hat sich innerhalb weniger Wochen unser Alltag in einem Ausmaß verändert, was davor immer als „nicht machbar“ abgetan wurde. Die Krise setzt momentan alle und alles nochmal auf Null, Rollenbilder werden überdacht, die globalisierte und vernetzte Welt wird in Frage gestellt und es wird deutlich, dass Verzichten doch geht.

Der direkte und schnelle Umgang mit der Krise könnte also eine große Chance sein. „Mit jeder neuen Ankündigung von heute werden die Ausreden für das Nicht-Handeln von gestern ein Stück abstruser“, so Luisa Neubauer. Und nicht nur das Nicht-Handeln von gestern, auch das Nicht-Handeln von morgen wird schwieriger zu erklären sein. Das sollte nicht nur die Klimabewegung aus der Krise lernen.

Derzeit wird viel über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Coronakrise und der Klimakrise diskutiert. Du hast es selbst gerade angesprochen. Aus Richtung Wirtschaftslobby und -politik wird gefordert, Klimamaßnahmen zugunsten einer wirtschaftlichen Erholung nach der Coronakrise auszusetzen oder zu lockern. Was hält die Klimabewegung dem entgegen?

Zurzeit ist es überdurchschnittlich warm und in Deutschland wütet der erste Waldbrand. Derzeit gibt es nur 5 Prozent des Niederschlags, der sonst normalerweise im April fällt. Das sind nur einige regionale Beispiele, wie die Klimakrise uns auch hier in Deutschland gerade beeinflusst. Weltweit passieren immer öfter unvorhersehbare Katastrophen und belasten die Menschheit.

Politiker*innen nehmen das Ausmaß der Krise für die gesamte Zivilisation und die Natur immer noch nicht ernst genug. Jetzt die klimaschädliche Wirtschaft durch Lockerungen zu unterstützen, ist eine Absage an das 1,5 °C Ziel. Den größten Fehler, den Politiker*innen jetzt machen könnten, wäre, jegliche Anstrengungen fallen zu lassen, die Klimakrise einzudämmen. Wir brauchen trotz Corona deutliche Maßnahmen für mehr Klimaschutz und dürfen die Maßnahmen nicht zu Gunsten der Wirtschaft einschränken, sondern müssen noch engagierter die Abschwächung der Klimakrise einfordern.

Wie, denkt ihr, kann die Klimabewegung Aufmerksamkeit für die Klimakrise in Politik und Bevölkerung zurückgewinnen, auch wenn die Coronakrise nach derzeitigen Prognosen noch für mindestens ein Jahr anhalten wird?

Wir können die Aufmerksamkeit durch weiteren Protest aufrechterhalten. Wir dürfen nicht aufhören zu protestieren und müssen unsere Forderungen in die Welt tragen. Wir müssen mit kreativem, buntem und vielfältigem Protest die internationalen, nationalen und lokalen Entscheidungsträger zum Handeln auffordern.

Wir dürfen nicht aufhören zu protestieren und müssen unsere Forderungen in die Welt tragen.

Zum Beispiel sind Kleinaktionen eine gute Möglichkeit, wie Protestaktionen trotz der Coronapandemie durchgeführt werden können. Außerdem müssen wir uns, wie bereits angesprochen, uns breiter aufstellen und verschiedenen Themen einen Raum geben. Die #LeaveNoOneBehind-Kampagne war dafür ein Anfang. Wir sollten die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit mit der Forderung nach mehr Klimaschutz verbinden und uns inhaltlich damit auseinandersetzen, was wir in den letzten Wochen auch sehr intensiv gemacht haben. Deshalb fordern wir diesen Freitag: Klimagerechtigkeit jetzt und die sofortige Evakuierung der Lager in Griechenland!

Die FFF Halle beteiligen sich an der #LeaveNoOneBehind-Kampagne. (Foto: FFF Halle)

Stichwort soziale Gerechtigkeit. Die Coronakrise hat einen wichtigen Punkt offengelegt: Bei der Bewältigung von gesamtgesellschaftlichen Krisen ist es wichtig, die soziale Ebene nicht zu vergessen, um nicht andere Krisen anzustoßen. Inwiefern wird dies von der Klimabewegung mitberücksichtigt?

Für uns spielt seit einiger Zeit der soziale Aspekt eine große Rolle – davor auch schon, aber durch Corona besonders – und muss auf jeden Fall bei der Lösung der Klimakrise eine wichtige Bedeutung haben. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Krise dürfen auf keinen Fall zu Lasten der Schwächeren oder zu Lasten einiger Berufs- oder Bevölkerungsgruppen durchgesetzt werden. Die soziale Gerechtigkeit ist ein zentraler Aspekt der Klimagerechtigkeit und somit unserer Bewegung. Das ist auch der Grund weshalb wir uns schon seit einigen Wochen an der Kampagne #LeaveNoOneBehind beteiligen und die Evakuierung der Lager in Griechenland fordern. Wir wenden uns zurzeit verstärkt dem Thema Klimagerechtigkeit zu, da es den Anlass bietet, grenzenlose Solidarität in jeglicher Krise einzufordern.

In unserem letzten Gespräch hattet ihr die Stadtverwaltung von Halle für ihren halbherzigen Umgang mit euren Forderungen kritisiert. Hat sich daran mittlerweile etwas geändert? Wie steht es aus eurer Sicht um das Klimaschutzkonzept der Stadt?

Der Stadtrat hat die Verabschiedung des Klimaschutzkonzeptes verschoben und es erneut in die Ausschüsse verwiesen. Wir sehen weiterhin, dass die Stadt noch nicht ausreichend Handeln will und effektiven Klimaschutz blockiert. Unsere Forderung haben immer noch keinen Einfluss auf das Klimaschutzkonzept, obwohl dies von Seiten der Stadt so kommuniziert wird.

Deshalb fordern wir diesen Freitag: Klimagerechtigkeit jetzt und die sofortige Evakuierung der Lager in Griechenland!

Um die Stadt gemeinsam nachhaltiger und klimafreundlicher zu machen, sind wir bereits gemeinsam mit anderen Gruppierungen mit verschiedenen Fraktionen im Gespräch. Wir fordern von der Stadt und besonders vom Oberbürgermeister, dass endlich mehr Anstrengungen unternommen werden, unsere Forderungen wie versprochen umzusetzen. Insgesamt gibt es noch viel zu tun, bis wir in Halle eine zukunftsfähige Klimapolitik erreicht haben.