Kühler Kopf und harte Einschnitte

Die Corona-Pandemie ist in der Region angekommen

von | veröffentlicht am 12.03 2020
Symbolbild Corona

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Das Coronavirus ist in der Region angekommen und sorgt schon zwei Tage nach den ersten bestätigten Fällen für harte Einschnitte im öffentlichen Leben.




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Noch am Dienstagmorgen schien Sachsen-Anhalt der weltweiten Virusepidemie des neuartigen Coronavirus „SARS-CoV-2“ zu trotzen. Doch im Laufe des Vormittags wurden gleich mehrere Fälle bekannt. Zwei Tage später gibt die Stadtverwaltung die Schließung aller Schulen und Kindertagesstätten sowie der Kultureinrichtungen bekannt und untersagt alle öffentlichen Veranstaltungen für mindestens zwei Wochen. Auch die Hochschulen schließen sich dem an.

Was für einige immer noch wie eine panikartige Überreaktion aussieht, und wozu sich Bundes- und Landesregierungen bislang im Ringen mit den befürchteten wirtschaftlichen Konsequenzen noch nicht entschließen konnten, ist in Halle nun geschehen. Es ist die erste Großstadt in Deutschland, die solch drastische Maßnahmen ergreift, die man bislang nur aus anderen, bereits stärker betroffenen Ländern kannte.

Nicht sehr weit von Deutschland hat Italien mit einem landesweiten „Shutdown“ gerade das vollzogen, was China in der Region Wuhan schon sehr frühzeitig eingeleitet hatte. Und die landesweite Entwicklung in China scheint dieser Maßnahme recht zu geben. Denn außerhalb der Region Wuhan war die exponentielle Ausbreitung ausgeblieben, die in Wuhan oder Italien zu beobachten war. Dies zeigt zumindest ein Blogbeitrag, der einen detaillierten Überblick über die weltweite COVID-19-Entwicklung gibt (ausdrückliche Leseempfehlung).

Panikartige Überreaktion also? Nein, im Gegenteil. Panikartig ist es vielleicht, wenn Einzelpersonen im örtlichen Discounter sämtliche Nudeln oder alles Toilettenpapier aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Verringerung von Möglichkeiten, zu denen viele Menschen dicht gedrängt an einem Ort zusammenkommen, ist hingegen sehr umsichtig. Wir wissen bislang sehr wenig über das Virus, doch die Forschung läuft auf Hochtouren. Zuletzt wurde bekannt, dass auch Kinder sich genauso gut wie Erwachsene anstecken können, wenngleich bei ihnen weniger schwere Symptome aufzutreten scheinen. Und ganz aktuell zeigt eine Studie auf, dass das Virus außerhalb des menschlichen Organismus gute Überlebenschancen hat, von mehreren Stunden an der frischen Luft bis hin zu mehreren Tagen an diversen Oberflächen (pdf).

Und in Italien müssen Mediziner*innen gerade entscheiden, welchen Intensivpatient*innen sie ihre volle Aufmerksamkeit widmen und welche womöglich weniger gut behandelt werden können. Diese Art der Priorisierung von Hilfebedürftigen ist auch als „Triage“ bekannt und tritt nur dann auf, wenn das Gesundheitssystem aus irgendeinem Grund überlastet ist. In Italien ist der Grund die Vielzahl an Fällen in sehr kurzer Zeit. Deutschland ist in der Entwicklung derzeit wohl circa neun Tage hinter Italien. Jeder einzelne Tag zählt jetzt, um mit überlegten und wirksamen Maßnahmen zu verhindern, dass zu viele Ansteckungsfälle auf einmal auftreten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen.

Der alles entscheidende Schlüsselsatz heißt „flatten the curve“, die Abflachung der Kurve derjenigen Menschen, die aufgrund einer COVID-19-Infektion medizinische Behandlung benötigen (anschaulich dargestellt zum Beispiel hier). Wenn uns das gelingt, können wir vermeiden, dass unsere medizinischen Einrichtungen und vor allem die Menschen, die dort arbeiten, überlastet werden, und dass in der Folge erkrankte Menschen sterben, weil sie medizinisch nicht ausreichend versorgt werden können. Alle Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, dass Menschen sich in den nächsten Wochen weniger begegnen und somit anstecken können, retten also real Menschenleben, halten unser Gesundheitssystem am Laufen und ermöglichen es so auch, Zeit für die Entwicklung von Medikamenten und einem Impfstoff zu gewinnen.

Es ist absolut verständlich, dass solche Maßnahmen für viele Menschen individuell sehr hart sein können. Sie schneiden tief in den Alltag ein und gerade für Lohnabhängige, insbesondere solche ohne Festanstellung, sind sie womöglich existenzgefährdend, weil sie beispielsweise mit öffentlichen Veranstaltungen ihren Lebensunterhalt verdienen. Hier ist es wichtig, dass die Gesellschaft einspringt, also der Staat, der sich nicht nur um Unternehmen sorgen sollte, sondern auch um all die Menschen, deren Jobs gerade auf Eis gelegt werden.

Wir befinden uns in einer Pandemie. Das ist ebenso zu akzeptieren und zu realisieren wie es beispielsweise für die Klimakrise gilt. Panik ist nicht hilfreich, Vorsicht aber umso mehr. Zu viele Wochen hat die Hoffnung darauf, dass die Epidemie lokal zu begrenzen ist, eine wohl überlegte Vorbereitung aufgeschoben. Umso wichtiger ist es jetzt, mit kühlem Kopf auch stärkere Einschnitte zu akzeptieren. Die Stadt Halle geht hier mit gutem Beispiel voran.


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Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.