Klasse und Geschlecht aus historischer Perspektive

Frauenbewegung vom 19. Jahrhundert bis 1968

von | veröffentlicht am 29.01 2020

© Bundesarchiv | CC BY-SA 3.0 DE

Als 1968 der „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit einem Tomatenwurf zur Debatte über „die Frauenfrage“ zwang, waren die Auseinandersetzungen der sozialistischen und proletarischen Frauenbewegungen vor der Zäsur durch Krieg und Faschismus bereits teilweise vergessen. Eine neue Generation von Frauen entdeckte – auch im Privaten – das Politische, hatte jedoch nur eine Hand voll vorhergehender Aktivistinnen, an denen sie sich abarbeiten, und kaum organisatorische Kontinuität, an die sie anknüpfen konnte.




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„Jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung richtet sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse.“ So beschrieb die deutsche Sozialdemokratie im Erfurter Programm von 1891 die Strukturen, gegen die sich ihre Politik wandte. Das Dokument kann als eines der ersten Programme der politischen Linken gelten, das Ansätze eines intersektionalen Verständnisses von Diskriminierung zeigt. Auch marxistische Klassiker wie Friedrich Engels’ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884) oder August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ (1879) kritisierten die vorgefundenen Geschlechterordnungen der proletarischen Zielgruppe und brachten sie mit anderen Diskriminierungsformen zusammen. Anstatt nur populistisch dem Volk aufs Maul zu schauen, bemühte sich die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts „Klasse“ – und damit sich selbst – als Bewegung zu formen. Ob sie deshalb bereits auch als Bewegung der Arbeiterinnen gelten kann, ist eine der Fragen, die diskutiert werden muss. Soziale Bewegungen sind dabei nicht einfach als anonyme Kräfte zu verstehen: Sie werden von Menschen getragen. Als ein Beispiel kann die weitgehend vergessene Arbeiterschriftstellerin und sozialdemokratische Funktionärin Emma Döltz gelten. Sie begann sich im 19. Jahrhundert besonders für Gleichberechtigung zu engagieren. Nicht von ungefähr hatte sie bessere Arbeitsbedingungen für Frauen im Blick, deren Verhältnisse sie als Heim- und Industriearbeiterin aus eigener Erfahrung kannte. Auch die Abschaffung der Kinderarbeit war ihr ein Anliegen. Die Formierung einer proletarischen Klassenidentität ist so als aktiver Prozess zu verstehen, der sich nicht einfach unter Berufung auf die objektiven Gesetze der Geschichte ergibt. Gelingen konnte sie, indem der bereits vorher in Erscheinung getretenen bürgerlichen Frauenbewegung von den Proletarierinnen ein eigener Entwurf gegenübergestellt wurde. Welch bedeutsame Rolle In- und Exklusionsprozesse entlang der Klassenlinien für die frühe Frauenbewegung spielten, wird anhand der Bemühungen der bürgerlichen Frauenbewegung um 1900 deutlich, den Frauen ihrer Klassenzugehörigkeit neue Berufsfelder zu eröffnen. In ihren betreffenden Kampagnen wurden die Kategorien „Klasse“ und „Geschlecht“ zur gezielten Agitation für einen Zugang von Frauen zu diesen Berufen genutzt. Dies geschah zum einen durch das Rekurrieren auf angeblich prädestinierende Wesenszüge wie „Fürsorglichkeit“ und „Mütterlichkeit“. Zum anderen grenzten sie sich gezielt von den proletarischen Arbeiterinnen ab, von denen sich die Bürgerlichen vermeintlich durch ihre „Sittlichkeit“ abhoben. Eine Solidarisierung mit Frauen jenseits der Klassenschranke wurde hier nicht angestrebt, sondern die Abgrenzung gar dazu genutzt, die eigene Position in männerdominierten Gesellschaftsbereichen zu stärken. Schauen wir uns die Rolle von Frauen in der syndikalistischen Bewegung der Weimarer Republik an, wird deutlich, dass auch diese,wie andere emanzipatorische Organisationen, keineswegs frei von Widersprüchen war: So finden wir dort einerseits den Anspruch, eine radikale Emanzipation der Frau zu verwirklichen, andererseits wiesen die Organisationen Frauen traditionelle Betätigungsfelder in Haushalt und Familie zu. Das fußte u.a. auf der Annahme einer „natürlichen“ Geschlechterordnung. Zugleich entstanden mit den Frauenbünden eigene Strukturen und mit dem Gebärstreik auch spezifische Aktionsformen. Letztlich trennte die syndikalistische Frauenbewegung auch Wesentliches von den bürgerlichen Gruppen, denn sie verstanden die Frau dezidiert als revolutionäres Subjekt mit eigenständigen Aufgaben innerhalb der breiteren syndikalistischen Bewegung.

Ganz selbstverständlich sprechen wir heute von unterschiedlichen Wellen der feministischen Bewegung: einer ersten von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 und einer zweiten ab den 1960er-Jahren. Bei der feministischen Bewegung und der parallel immer stärker stattfindenden akademisch-theoretischen Entwicklung seit den 1990er-Jahren spricht man von einer dritten Welle. Die Frauenbewegung war zwar stets auch theoretisch reflektiert, von Bebel über Luxemburg zu de Beauvoir und Butler, doch fußte sie jetzt auch auf einen verstärkt akademischen Diskurs. Neue Generationen von Aktivist*innen dekonstruieren seitdem die Kategorie des Geschlechts – einst fixe Größe und Gegenstand des Kampfes zur Gleichstellung „beider“ Geschlechter –, die sich in eine Vielzahl divergierender Identitäten auflöste, und welche die bisherige Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage stellt. Deren Verhältnis zueinander ist bis heute umkämpft; das kämpfende Subjekt selbst wurde fragwürdig, auch deshalb, weil bspw. schwarze Frauen die Definitionsmacht eines rein weißen, „westlichen“ Feminismus hinterfragten. An dieser Stelle knüpft die über das historische Thema der Frauenbewegung hinausführende zeitgenössische Frage der Intersektionalität, also der Mehrfachdiskriminierung an. Vielfach galten diese Konflikte als brandneue turns. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass etwa US-amerikanische Feministinnen schon früh ihre Anliegen mit dem Kampf um die Abschaffung der Sklaverei verbanden. Sowohl Niederlagen wie die Zerschlagung der Arbeiterbewegung in Deutschland und Österreich ab 1933/34, als auch die gesellschaftliche und politische Integration durch Teilerfolge führten jedoch dazu, dass bei langfristiger Betrachtung die Geschichte der Arbeiter- und Frauenbewegungen und des Feminismus sowohl eine von Brüchen als auch von Kontinuitäten ist.

Eine Betrachtung der Frauenbewegung der 1950er Jahre in Westdeutschland zeigt, dass Frauen in ihren Kämpfen oft vor einer doppelten Herausforderung standen: frauenspezifische Ziele in der Gesamtgesellschaft durchzusetzen und zugleich eine Debatte innerhalb der Frauenbewegung über ebendiese Ziele führen zu müssen. Der Informationsdienst für Frauenfragen e.V. bemühte sich in dieser Zeit, die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenzuführen. Es wurde versucht, die Anliegen sowohl berufstätiger Ehefrauen als auch von Müttern durchzusetzen. Trotzdem blieben die Bewegungen mitunter stark in Werte und Denkmuster ihrer Zeit eingebettet: Weder die primäre Aufgabe der Frau als Mutter und Hausfrau wurde infrage gestellt noch gelang es letztlich, jene Klassenschranken nachhaltig zu überwinden. Zeitgleich finden wir in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wilde Streiks von Frauen in West-, Süd- und Osteuropa, an denen sich die Frauen nicht nur beteiligten, sondern häufig eine ganz entscheidende Rolle für ihren Verlauf spielten. Und das sogar in solch ausgesprochenen Männerdomänen wie dem Kohlenbergbau. Zugleich aber hatten die Frauen mit verschiedenen Ressentiments von Seiten der männlichen Gewerkschaftsfunktionäre zu kämpfen. Ähnliche Problemfelder begegnen uns bei dem verhinderten Streik der Westberliner Kindergärtnerinnen im Jahr 1969. Dieser Streikversuch rang darum, den politischen Kampf gegen die patriarchale Unterdrückung von Frauen in der westdeutschen Gesellschaft und innerhalb von Organisationen der sich formierenden Neuen Linken, wie dem SDS, mit dem Kampf für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen zu verbinden. Es war gerade die Erfahrung von Mehrfachbelastung, patriarchaler Ungleichheit und ökonomischer Ausbeutung innerhalb von „Szene“ und Arbeitsstelle, die zu einer starken Politisierung der Kindergärtnerinnen führte. Die doppelte Frontstellung führte zu neuen Bündnissen und Konflikten, letztlich zur Mobilisierung für einen Streik. Doch aufgrund mangelnder Unterstützung großer Teile der Neuen Linken und die sozialpartnerschaftliche Praxis einiger Gewerkschaften kam dieser nicht in vollem Umfang zustande. Durch die Analyse dieses verhinderten Arbeitskampfs im besonders prekären und „feminisierten“ Care-Bereich zeigt sich, wie sich das Verständnis von politischer Subjektivität im Verlauf von ’68, schließlich Aktionsformen und Zielsetzungen in der politischen Auseinandersetzung veränderten. Betrachten wir die Geschichte der Frauen- und der Arbeiterbewegung, die auch eine der Arbeiterinnen war, so können wir Erkenntnisse für eine feministische Klassenpolitik heute gewinnen.

Die Zeitschrift “Arbeit–Bewegung–Geschichte” erscheint seit 2002 jährlich drei Mal und widmet sich der Auseinandersetzung mit der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung. Ihre aktuelle Ausgabe vom September 2019 versammelt unter dem Schwerpunt „Klasse und Geschlecht“ zu den hier angerissenen Themen lesenswerte Beiträge von Gisela Notz, Jule Ehms, Mette Bartels, Jan De Graaf u.v.m.

Ein Text von Axel Weipert, Fabian Bennewitz und Anja Thuns.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

Der Beitrag erschien erstmalig in der Radio Corax Programmzeitung Ausgabe Dezember 2019/ Januar 2020.