„Ich habe sehr viel Rassismus miterlebt“

Interview mit dem ehemaligen kubanischen Vertragsarbeiter Ramón Cruz

von | veröffentlicht am 16.12 2019

© HALLE 14 | Büro für Fotografie, 2018

Im Gespräch mit der Initiative 12. August beschreibt Ramón Cruz den allgegenwärtigen Rassismus, den er als Vertragsarbeiter in Merseburg erlebt hat. Außerdem erzählt er von seinen Erinnerungen an seine ermordeten Kollegen Delfin Guerra und Raúl García Paret.


Nur wenige Tage nach unserer Demonstration und dem Gedenken am 12. August 2019  erreichte uns eine Nachricht des ehemaligen kubanischen Vertragsarbeiters Ramón Cruz. Er war zufällig in Deutschland, um die Orte zu besuchen, an denen er damals lebte und arbeitete. Seinen Aufenthalt in der DDR wollte er eigentlich dazu nutzen, um in den Westen zu fliehen, wie er uns in einem persönlichen Gespräch erzählte. Doch sein Plan missglückte. Er war auch unter jenen kubanischen Vertragsarbeitern, die im Sommer 1979 im Wohnheim in der Straße des Friedens Nr. 68 in Merseburg-Süd lebten. Er kannte Delfin Guerra und Raúl García Paret persönlich. Doch von der Hetzjagd am 12. August, bei der die beiden starben, war Ramón Cruz nicht betroffen. Als weißer Kubaner, sagt er, erfuhr er weniger Rassismus als seine schwarzen Kollegen. In einem Interview gibt uns Ramón Cruz Einblick in seine Erinnerungen an die Geschehnisse des 12. August und an die Verhältnisse in der DDR als Vertragsarbeiter.

Initiative 12. August: Welche Erinnerung hast Du an Raúl und Delfin? Kannst Du sie beschreiben?

Ramón Cruz: Raul und Delfin waren eher still und haben keinen Ärger gemacht. Sie haben hart gearbeitet und waren sehr respektvoll. Beide kamen sehr gut mit den anderen Vertragsarbeitern klar.

Initiative 12. August: Was geschah in der Zeit vor dem 12. August in Merseburg? Gab es irgendwelche anderen Vorkommnisse zwischen Kubanern und Deutschen?

Ramón Cruz: Die Deutschen haben uns jedes Mal in der Disko provoziert. Es passierte andauernd, dass sie uns als „Shit/Scheiße“ beschimpften. Auch die Leute in der Stadt wurden jedes Mal sauer, wenn wir sie nicht verstanden. Manche waren auch nett, andere wiederum nicht.

Initiative 12. August: Was passierte am 12. August selbst? Wie starben Delfin und Raúl?

 Ramón Cruz: Am 12. August ging ein Teil unserer Gruppe in die Disko. Ich bin zwar in meinem Zimmer geblieben, aber ich habe noch am selben Abend von der Auseinandersetzung zwischen den Deutschen und den Kubanern gehört. Jeder, der zurück ins Heim kam, redete über die Schlägerei und die Deutschen, die die Kubaner verfolgt und mit Dingen wie Steinen oder Flaschen beworfen hatten. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nichts von dem Tod von Raúl und Delfin. Wir erfuhren erst zwei oder drei Tage später davon, als uns erzählt wurde, dass ihre Leichen angespült wurden.

Initiative 12. August: Was geschah nach dem 12. August? Warum wurden so viele kubanische Arbeiter zurück geschickt und was geschah mit ihnen in Kuba?

Ramón Cruz: Nachdem wir von ihrem Tod erfahren hatten, wurden alle Kubaner, die an dem Abend in der Disko waren, also rund 20-30 Personen, zurück nach Kuba geschickt. Ab diesem Moment habe ich nichts mehr über deren Schicksal in Kuba gehört. Es gab Gerüchte, dass dies eine Anordnung des Castro-Regimes war.

Initiative 12. August: Wie war die Beziehung zwischen Deutschen und den kubanischen Arbeitern im Allgemeinen? Sind dir beispielhafte Situationen in Erinnerung geblieben?

Ramón Cruz: Die Beziehung zwischen den kubanischen und deutschen Arbeiter*innen war nicht besonders gut. Manche Vorgesetzte behandelten uns wie Hunde und haben uns auch vor allen anderen angeschrien. Ich erinnere mich gerade nicht an eine spezielle Situation, aber wie sie uns behandelt haben, war wirklich nicht gut. Wir haben uns überhaupt nicht willkommen gefühlt! Auf Arbeit habe ich eigentlich nur einen wirklichen Freund kennengelernt. Sein Name war Gerd und seine Freundin hieß Kerstin. Einmal hatten sie mich zum Abendessen nach Hause eingeladen. Doch Gerd musste bald darauf seinen Wehrdienst antreten.

Initiative 12. August: Die DDR hat das Vertragsarbeitssystem ja immer als eine brüderliche Hilfe bezeichnet. Fühltet ihr euch gegenüber den deutschen Arbeiter*innen gleichberechtigt behandelt?

Ramón Cruz: Ich habe mich nie gleichberechtigt behandelt gefühlt! Es gab viel Rassismus und Ungerechtigkeit. Bei der Arbeit saßen alle getrennt. Die Algerier, die Kubaner und die Deutschen auch. Mit den Algeriern kamen wir sehr gut aus, aber die Deutschen hassten, sowohl sie, als auch uns.

Initiative 12. August: Hast Du selbst Rassismus erfahren oder an deinen Kollegen miterlebt?

Ramón Cruz: Ja, ich habe sehr viel Rassismus miterlebt. Aufgrund meines weißen Aussehens hatte ich nicht viele Probleme. Aber sobald ich meinen Mund aufmachte, wussten die Deutschen, dass ich ein Ausländer bin und behandelten mich schlechter. Ich erinnere mich noch an einen Vorfall, als ich spät mit meiner Freundin zum Heim kam und nicht reingelassen wurde. Wären da nicht die Wärterin Mama Lotten gewesen, die uns bis in die frühen Morgenstunden im Heizraum versteckte, und meine Kollegen, die uns Decken runterwarfen, wären wir in dieser Nacht erfroren. Ein vorbeigehender Polizist rief mir noch zu, dass ich erfrieren würde, aber er ging einfach weiter.

Initiative 12. August: Gibt es sonst wichtige Dinge an die Du dich erinnerst, wenn Du an deine Zeit in der DDR denkst?

Ramón Cruz: Ich bin dankbar, dass ich in der DDR gelernt habe, gut und effizient zu arbeiten, was ich auch bis zum heutigen Tag tue. Deutsche sind sehr perfektionistisch. Ich habe auch gelernt, Papiermüll nicht auf den Boden zu werfen. Daran arbeite ich immer noch. Und auch Julio Cordero, ein anderer kubanischer Vertragsarbeiter, er war gut mit allen befreundet. Er brachte mir bei, wie man kocht und er bekochte die weniger Begabten in der Gruppe. Er hat wirklich viele hungrige Mägen gefüllt.