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„Wehe, du sagst etwas!“

Erinnerungen einer 82-Jährigen nach dem AfD-Wahlerfolg in Thüringen

von | veröffentlicht am 03.11 2019

© Transit

Die AfD feiert gerade in Ostdeutschland einen Wahlerfolg nach dem anderen. Zuletzt erreichte der Höcke-geführte Landesverband in Thüringen 23 Prozent bei zweistelligen Zugewinnen gegenüber der letzten Wahl. Nur in der Altersgruppe Ü60 kam die AfD nicht auf Platz 1 bei den Wähler*innen. Wir sprachen mit der Thüringerin Marie Kolberg darüber, wie sie das Ergebnis aufgenommen hat und welche Lebenserinnerungen sie damit verbindet.


Marie Kolberg ist gebürtige Thüringerin. Sie ist 82 Jahre alt und hat ihr gesamtes Leben im Osten des ländlichen Bundeslandes verbracht. In der DDR und noch bis in die Nachwendezeit hat sie als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Wir sprachen mit ihr wenige Tage nach der Wahl.

Frau Kolberg, was sagen Sie zu den über 23 Prozent Zustimmung für die AfD?

Ich finde das furchtbar. Und als ich den Herrn Höcke gesehen habe mit seinem fanatischen Blick und seine Rede, die nur um die Ausländerfrage kreiste, da ist es mir doch etwas übel geworden. Und ich habe dann unwillkürlich an den Nationalsozialismus gedacht.

In Thüringen haben die Nazis unter dem späteren Gauleiter Sauckel schon frühzeitig eine große Rolle gespielt. Ab 1929 war die NSDAP hier das erste Mal überhaupt an einer deutschen Landesregierung beteiligt und Sauckel war Fraktionsvorsitzender. Man sagt ja, dass der Nationalsozialismus von Thüringen aus in Deutschland erst richtig verbreitet wurde. Das ist jedenfalls die Erzählung meiner Eltern.

Es ist furchtbar, dass alle vergessen haben, was vom Faschismus ausgegangen ist. Der Zweite Weltkrieg, der Überfall auf die Völker Europas. Kein Land, das nicht betroffen war. Man kann sich das vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man nicht selbst Erfahrungen in dieser Zeit gemacht hat, die man nicht vergessen kann.

Gibt es eine Erinnerung, die Sie nicht mehr loslässt?

Ich ging in die erste Klasse, das war 1943. Unser Dorf lag fernab vom Weltgeschehen in einer Sackgasse in einem Tal im Wald. Ich ging nachhause, eigentlich einen mir verbotenen Weg. Und da kam mir aus einem Haus eine alte Frau entgegen, eine Jüdin, Frau eines Professors aus Berlin, und hinter ihr liefen mehrere braun Uniformierte, die die Frau vor sich hertrieben und sie aufs Übelste beschimpften. Und ich als 6jähriges Mädchen stand nun da und sah zu, wie die Frau geschlagen und getrieben wurde. Ich war so entsetzt. Und dann hat einer von diesen Uniformierten die Pistole gezogen und zu mir gesagt: „Wehe, du sagst etwas, dann erschieße ich dich!“ Das ist mir so im Gedächtnis geblieben. Und wenn ich dann die Reden von dem Herrn Höcke höre und erlebe, wie ihm gute Freundinnen von mir hinterherlaufen und diese Partei wählen, dann finde ich das schlimm.

Mein Vater musste ab 1940 an die Front. Meine Mutter war wie alle aus dem Dorf in der Frauenschaft. Als sie nach wenigen Wochen austrat mit den Worten „Schade um die Zeit“, sagte der Bürgermeister zu ihr: „Bist vorsichtig, sonst kommst du noch ins Konfirmationslager [sic!]“. Ich war noch kein Schulkind, da kamen die ersten Todesnachrichten von der Front. Im Ort wurde eine bombastische Trauerfeier abgehalten, an der die gesamte Bevölkerung teilnehmen musste. Da ist meine Mutter auch nicht hingegangen.

Und dann gab es im Ort ein Lager mit italienischen Kriegsgefangenen, die in einer Schneidemühle als Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Wenn im Haushalt der Frauen, deren Männer an der Front waren, Hilfe gebraucht wurde, konnten Helfer von den Gefangenen angefordert werden. Sie durften aber nicht ins Haus und auch kein Essen bekommen. Zu uns kamen manchmal zwei Männer. Sie brachten Schnittholz, spalteten es und schichteten es auf. Meine Mutter kochte einen großen Topf Kartoffeln und eine Soße dazu und sie aßen dann bei uns in der Küche. Zwei Italiener wurden später nach einem gescheiterten Fluchtversuch im Wald erschossen.

Sie haben erwähnt, dass die AfD und Björn Höcke vor allem Stimmung gegen Ausländer machen würden. Was haben Sie hier in Thüringen selbst für Erfahrungen mit Migrant*innen, mit Geflüchteten gemacht?

Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht, mit Geflüchteten. Ich gehe auch auf die Leute zu, ich spreche sie an, frage sie, wo sie herkommen, wie lange sie schon hier sind, was sie machen. Auch mit jungen Männern habe ich schon gesprochen oder mit Schülern, die an der Haltestelle standen und sich in ihrer Sprache unterhalten haben. Ich treffe sie immer wieder mal und sie erkennen und grüßen mich. Mich hat noch niemand angegriffen, sie stehen höflich auf, wenn ich in die Straßenbahn einsteige, sie helfen mir beim Aussteigen. Ein Elternpaar, das ich angesprochen hatte, weil ich mich so freue, dass wieder so viele Kinder auf den Straßen unterwegs sind, sagte mir, wie froh sie sind, dass mal jemand mit ihnen spricht. Die Deutschen würden sonst nicht mit ihnen sprechen.

Nur einmal habe ich eine Auseinandersetzung mit einem Mann an der Kasse in der Kaufhalle gehabt, der seine Frau so schlimm und laut angeschimpft hat. Und die Frau stand da und hat gezittert. Und da habe ich zu ihm gesagt: „Das gehört sich nicht!“. Das hat ihn aber gar nicht gestört und er hat weiter gemacht. Und da habe ich gefragt: „Haben Sie mich nicht verstanden oder wollen Sie mich nicht verstehen?“ Da war er dann ruhig. Und die Kassiererin an der Kasse hat danach zu mir gesagt: „Ich bin aber froh, dass mal jemand etwas sagt. Wir dürfen das nicht.“

Woran denken Sie mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte?

Ich bin ja eine alte Frau. Aber ich habe mir immer den Blick für die Tagespolitik offengehalten. Und ich mache mir Gedanken um die Zukunft meiner Enkel. Wenn sich die Rechten in Deutschland durchsetzen, dann wird ihr Augenmerk zuerst auf diejenigen fallen, die sich gegen Rechts organisiert haben. Und dann wird wieder eine Verfolgung einsetzen. Dann sind es diesmal nicht die Kommunisten, sondern dann sind es die, die gegen Rechts mobil gemacht haben. Und davor habe ich ein bisschen Angst. Dass die jungen Leute sich nicht gegen Rechts organisieren, wenn sie befürchten müssen, später verfolgt zu werden.

Fühlen Sie sich mit Ihrer Angst politisch ernst genommen?

Überhaupt nicht, überhaupt nicht. In der Ägide Merkel hat sich der Faschismus eigentlich in Deutschland wieder etabliert. Mein Mann und ich sind ja offenen Auges durch die Wendezeit gegangen. Wir haben erlebt, wie in der Nähe vom Kickelhahn in Ilmenau im Jagdhaus Gabelbach Leute in braunen Uniformen gesessen haben, mit Stiefelhosen, mit dem Eisernen Kreuz, mit der Binde am Arm. Wir wollten da Kaffee trinken. Damals habe ich mich wegen der Uniformen das erste Mal wieder an die Situation auf dem Schulweg erinnert. Ein anderes Erlebnis war am Kyffhäuser. Wir hatten am Wochenende einen Ausflug gemacht und da kam uns eine Truppe älterer und jüngerer Leute entgegen, die die Reichskriegsflagge gehisst hatten.

Und als wir einmal am Hermsdorfer Kreuz im Wald spazieren waren und dann zum Parkplatz der Raststätte kamen, da war er schwarz von Leuten mit Stiefeln, schwarz angezogen, mit Hakenkreuzsymbolen, SS-Runen und allen möglichen Kriegsorden. Die hatten sich da versammelt und das war bekannt. Und niemand ist eingeschritten. Da hätte auch niemand einschreiten können, denn die waren in der Überzahl. Das war so erschreckend. Und dann wird behauptet, das sei allein in der DDR entstanden. Es gab in der DDR auch Leute, die Hitlers Geburtstag gefeiert haben und ähnliche Sachen. Aber das schien mir weitgehend unter Kontrolle. Und plötzlich kommen die alten Herren aus Westdeutschland und etablieren hier rechte Parteien. Und das ist hier in der ehemaligen DDR dann auf fruchtbaren Boden gefallen.

Wie erklären Sie sich das?

Die machen eben eine ganz einfache Propaganda. „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ und Heimatgefühle wecken – das fällt eben auf fruchtbaren Boden. Da sind ja auch ganz intelligente Leute, die da bei den Rechten sind. Ich weiß zum Beispiel von verschiedenen Ärzten oder einem Druckereibesitzer. Und solche Leute vergiften das Klima bewusst. Und andere denken dann: „Der ist doch Arzt, der muss das doch wissen, der ist doch klug“.

Wie ist es denn bei Ihren Freundinnen, die Sie erwähnt haben?

Also ich habe eine Freundin, eine frühere Kollegin, die sich früher für die Sowjetunion hätte zerreißen lassen. Sie wählt heute die AfD und liest ein Buch nach dem anderen gegen den Islam. Ich weiß nicht, warum. Sie kennt keine Ausländer. Sie kann gar keine negativen Erfahrungen gemacht haben, weil sie sich in einem Kreis bewegt, in den gar keine Ausländer reinkommen. Ich habe aber auch eine andere Kollegin, die ich ab und zu mal sehe. Und die habe ich gefragt: „Was hast du gewählt?“ Und da hat sie gesagt: „Ich bin ein Arbeiterkind, ich habe Links gewählt.“ So einfach ist das.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

Der Name unserer Interviewpartnerin wurde zum Schutz der Person geändert.

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