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Kalendersprüche und rechte Ideologie

Keine Bühne für Hans-Joachim Maaz in der Leopoldina

von | veröffentlicht am 08.11 2019

© Transit

Am 23.11.2019 soll der hallesche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in der Leopoldina auftreten. Dagegen hat die linke Hochschulgruppe SDS Protest deutlich gemacht und die Absage der Veranstaltung gefordert. Warum die Methode und die Ideologieproduktion von Maaz ihn für Auftritte innerhalb demokratischer Institutionen unbrauchbar machen, soll in diesem Beitrag noch einmal verdeutlicht werden.


Auf die Probleme, die man mit den Werken von Hans-Joachim Maaz haben sollte, weisen bereits die Kommentare hin, die auf den einschlägigen lokalen Portalen zur Verteidigung des hoffentlich verhinderten Referenten gepostet wurden, wo ganz nach dem Vorbild eifrig psychologisiert wurde. Das Besondere ist hier, dass nicht nur die üblichen wutbürgerlichen Hetzer*innen Maaz zur Seite springen, sondern auch Menschen, die sich ernsthaft überrascht über die Kritik und seine rechtsextremen Kontakte zeigen und von sich behaupten würden, eine deutlich demokratischere Position einzunehmen als die kritisierten Interviewpartner*innen wie bspw. Ken Jebsen, Beatrix von Storch oder Andreas Popp.


“Jede Feindseligkeit ist ein Symptom früher Bedrohung und jede Verliebtheit ein Ausdruck früher Bedürftigkeit.” (Maaz: “Die Liebesfalle”)


Tatsächlich lohnt es sich hier auf sein Werk als Ganzes einzugehen. Denn Maaz bekennt sich nicht offen zu einer rechten Gruppierung, sondern nimmt die Rolle des psychologischen Kritikers ein. Er sagt nicht “Merkel muss weg”, sondern unterstellt ihr eine psychische Störung. Er will keine linken “Wucherungen am Volkskörper” ausschalten, sondern beklagt die auseinanderdriftende Gesellschaft, die er als psychisch verwahrlost charakterisiert.

Ähnlich ist er auch schon früher vorgegangen und hat in populären Büchern “die Ostdeutschen” per spontaner Kollektivdiagnose zu Opfern “seelischen Elends” gemacht. Er wird dabei nicht besonders konkret, aber bringt sich in eine autoritäre Position, auf die Journalist*innen gerne anspringen: Mit Maaz haben sie jemanden gefunden, der ihnen mit geheimwissenschaftlicher Psychoanalyse quasi alles erklären kann. Während er Unsinn erzählt, nutzen die Interviewer*innen ihn als psychologisches Ost-Äquivalent zu Richard David Precht. Dieses oder jenes Problem resultiert dann mal aus dem Untergang der DDR, mal aus dem angeblichen Ende der Familie – aber es ist immer psychisch und liegt praktischerweise in der Bewertungsmacht des “Experten”. 


Er sucht Schuldige, von denen er jetzt annehmen kann ‘Aha die sind schuld, dass es mir so schlecht geht’. […] Und dann regt man sich auf und dann wird es politisch. […] Und dann regt man sich auf, dass da Rechte demonstrieren und die regen sich auf, dass da Linke demonstrieren. […] Das sind im Grunde genommen alles Menschen im Gefühlsstau, die Feindbilder brauchen.” (Maaz im Gespräch bei KenFM)


Auch die Kritik durch den SDS wird er sich also gut dadurch erklären können, dass die Aktivist*innen eine schlechte Kindheit hatten, die für ihn eine ist, die nicht in traditionellen Familienstrukturen abgelaufen ist. Er ist deshalb der Meinung, KITAs würden allgemein Kindern schaden und findet lobende Worte für die “Herdprämie”. In diesem Sinne arbeitet offenbar auch seine “Stiftung Beziehungskultur”, die “Väterlichkeit” und “Mütterlichkeit” bewirbt. Diese Stiftung ist dementsprechend keineswegs von der Personalie zu trennen.


Maaz: “Wenn wir jetzt gerade bezogen auf Chemnitz immer wieder hören ‘Kampf gegen Rechts’, ‘Kampf gegen Gewalt usw.’. Die wissen nicht wovon die reden. Dass Gewalt oder Rechtsextremismus, Linksextremismus ist die Folge von frühen Beziehungsdefiziten der Kinder.”

Ken Jebsen: “Einer seelischen Verwahrlosung letztendlich.” (Maaz im Gespräch bei KenFM)


Inzwischen ist Maaz allerdings nicht mehr so vage, sondern macht mit seiner Methode und verstärkenden Kalendersprüchen offen Stimmung für die extreme Rechte. Deutlich wird das bei seinen Betrachtungen zu Chemnitz. Bei KenFM sagt er zwar – getreu seiner Machtfülle -, dass alle eigentlich “nur” ein psychisches Problem hätte, nimmt dann aber auf der Seite der randalierenden Neonazis Platz. Das per Ferndiagnose allen unterstellte seelische Elend führt bei den Faschist*innen zu berechtigten Reaktionen, bei den Antifaschist*innen äußert es sich nur in narzisstischen Projektionen. Er zieht über die lügende Presse her, aber macht seinem eigenen Gefühlsstau bei antisemitischen, sexistischen und rassistischen “Alternativmedien” Luft.

Wer auf die Liste seiner Interviewpartner*innen sieht, findet kaum verschwörungsideologische Kanäle, bei denen er noch nicht war. Als Beispiel soll hier ein Interview mit dem Kanal “NuoViso TV” dienen, der Nähe zu Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung aufweist und von “Identitären” bis hin zur esoterischen Szene frequentiert wird. Bei diesen Hetzer*innen klärt er dann auch folgerichtig darüber auf, dass diejenigen verfolgt werden, die “die Wahrheit” sagen. Diese obskure Behauptung lässt ihn dann auch immer stärker in den politischen Aktivismus abrutschen und er hat nicht nur die “Charta 2017” zur Unterstützung des Kubitschek-Verlags und anderer rechtsextremer Publikationen unterschrieben, sondern auch die “Gemeinsame Erklärung 2018” (Transit berichtete), die etliche bekannte extreme und bürgerlich-konservativ auftretende Rechte gegen die angebliche “Masseneinwanderung” vereinte.


“Ich sehe Chemnitz wie eine Zäsur. Und zwar in dem Sinne: die Wahrheit wird verleugnet und die Lüge wird aufgebauscht.” (Maaz im Gespräch bei NuoViso TV)


Es ist absurd, dass Maaz mit solchen Thesen und solchen Kontakten weiterhin als “seriöser Wissenschaftler” gilt. Aber es ist auch absurd, dass er in den letzten Jahren überhaupt so in der Öffentlichkeit stehen konnte. Er ist ein Beispiel für das, was in der Psychoanalyse falsch läuft. Und er zeigt uns auch, wie leicht man in der viel beschworenen “bürgerlichen Mitte” Anerkennung findet, wenn man nur einen formalen Titel und ein paar Buchveröffentlichungen vorweisen kann. Der Schaden ist schon angerichtet. Jetzt können die sonstigen Referent*innen und die Leopoldina zeigen, dass sie Interesse daran haben, ihn zu begrenzen.

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