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Para / Dok

Das Leipziger DOK-Festival und die Ausstellung paradoks untersuchen die Schnittmengen von Kunst und Politik

von | veröffentlicht am 29.10 2019

© Transit

Gestern Abend wurde das 62. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eröffnet. Bis nächsten Sonntag sind dort über 300 Filme zu sehen. In einer Retrospektive und einem Filmsymposium greift das Festival die Debatte um die filmische Darstellung politischer Gegnerschaft auf, die sich in den letzten beiden Jahren an einzelnen Filmen entzündet hat. Parallel zum DOK Festival läuft außerdem ein Film- und Ausstellungsprogramm unter dem Titel paradoks, in dem die Grenzen des Dokumentarischen beleuchtet werden sollen. Ein kurzer Überblick über die jeweiligen Sonderprogramme.


Das diesjährige DOK Festival fällt ziemlich genau auf den Jahrestag dessen, was heute als Friedliche Revolution bezeichnet wird. Wochenlang gingen vor 30 Jahren jeden Montag hunderttausende Menschen auf die Straße, um ihrem Unmut gegenüber der Parteiherrschaft der SED Ausdruck zu verleihen. Zentralen Gruppierungen wie dem Neuen Forum ging es dabei um eine Transformation der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der DDR, ein Zusammenschluss beider deutschen Staaten lehnten sie unter anderem mit Verweis auf die Gefahr eines wiedererstarkenden Nationalismus ab. Während sich die DDR zu Reformen gezwungen sah, arbeitete die Regierung Kohl auf der anderen Seite der Mauer an ihrem Ziel der Wiedervereinigung.

An der Symbolik von 1989/2019 kommt das diesjährige DOK Festival nicht herum. Aber so wirklich will sich das Festival nicht in die Jubiläumsfeiern zur Friedlichen Revolution einreihen. „Wir wollen bewusst nicht das Datum 1989 ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen. Uns interessiert viel mehr seine Vor- und Nachgeschichte“, kommentiert Ralph Eue die von ihm und Olaf Möller kuratierte Retrospektive „BRDDR“. Wie der Titel bereits nahelegt, geht es um das Verhältnis und die wechselseitige Wahrnehmung beider Staaten im Bereich des Filmischen. Werbeimage- und Propagandafilme sind in dieser Reihe ebenso zu sehen, wie dokumentarische Betrachtungen der Wendezeit in Thomas Heises „Imbiss Spezial“ (1990), in der an einem beliebigen wie alltäglichen Ort geschichtliche Veränderungen von großem Ausmaß greifbar werden. Mit dem Essayfilm „Es werde Stadt“ (2014) von Dominik Graf und Martin Farkas greift die Reihe eine aktuelle Reflektion über den Zustand des deutschen Fernsehens auf und stellt die Frage nach der Bedeutung der Wende für die hiesige Medienlandschaft.

Mit einer Retrospektive zum filmischen Schaffen von Eduard Schreiber rückt das Festival im Rahmen des DEFA-Manitees DDR Filmgeschichte in den Fokus. Zu sehen ist unter anderem Schreibers „The Time is now – Jetzt ist die Zeit“ (1987), laut Festivalorganisator*innen der einzige essayistische Film, der in der DDR gedreht wurden. Mit „Östliche Landschaften“ (1991) widmet sich die Retrospektive wieder der Wendezeit. Schreibers Kurzfilm, damals mit dem Bundesfilmpreis des DOK Festivals prämiert, zeigt kommentarlos wie Menschen in der ehemaligen DDR die Umbruchszeit erlebten.

Filmobjekt Neonazi

Ebenfalls Teil der Retrospektive „BRDDR“ ist der Film „Wundkanal“ (1984) von Thomas Harlan. In einer Art Verhörsituation konfrontiert der Filmemacher den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert mit seinen Verbrechen und führt vor, wie dieser sich immer wieder in Widersprüche verstrickt. Gezeigt wird der Film zusammen mit Robert Kramers „Notre Nazi“ (1984), in dem der US-amerikanische Experimentalfilmer den deutschen Regisseur bei seinen Dreharbeiten begleitet. Durch die Zusammenstellung von Film und Film zum Film – beide Filme wurden damals schon zusammen beim Filmfest in Venedig aufgeführt und haben heftige Debatten nach sich gezogen – wird das viel kritisierte Vorgehen Harlans durchsichtig. Zu ähnlichen Reaktionen führte damals Walter Heynowskis „Kommando 52“ (1965) der im Rahmen der Retrospektive „Re-Visionen“ läuft. Der DEFA-Filmemacher interviewt in dem Film Siegfried Müller, ein ehemaliger Wehrmachtssoldat und westdeutscher Söldner, der in den 60er Jahren in der Demokratischen Republik Kongo an der Niederschlagung der Simba-Rebellion beteiligt war. Vermutlich unter Einfluss von Alkohol, berichtet der Söldner dem DDR-Filmteam von seinen Gräueltaten.

Die verschiedenen Filme der Retrospektive überschneiden sich thematisch mit dem Symposium „Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera.“ Obwohl nicht ausdrücklich so benannt, scheint das Symposium auf die Debatten zu reagieren, die sich in den letzten zwei Jahren um die Filme „Montags in Dresden“ (2017) von Sabine Michel und „Lord of the Toys“ (2018) von Pablo Ben Yakov entzündet hat. Kritik an den beiden Filmen, die sich mit der rassistischen PEGIDA bzw. einer Clique von Dresdner Youtubern mit manifesten rechten Einstellungen beschäftigt, wurde insbesondere von antifaschistischen Strukturen geäußert. Der Vorwurf an das Festival lautete, dass die Filme die Aussagen der Protagonist*innen nicht kontextualisieren und somit politisch rechte Positionen unkritisch reproduzieren würden. Anstatt Analysen zu liefern oder wenigstens Fragen und Irritationen zu provozieren, würden die Filme rechter Ideologie nur eine weitere Plattform bieten. Andere hielten dagegen, dass die Filme lediglich eine Betrachtung gesellschaftlicher Phänomene vornehmen würden. Den Zuschauer*innen solle keine Lesart vorgegeben werden.

Mit einem Blick auf die Filmgeschichte sollen während des Symposiums diese auseinandergehende Ansichten diskutiert werden. Filme, wie die bereits erwähnten von Heynowski und Harlan, die mit ihren politischen Gegnern hart ins Gericht gehen, stehen neben beobachtenden Filmen wie etwa Heises, „Stau – Jetzt geht‘s los“ (1992), in dem kommentarlos jugendliche Neonazis in Halle-Neustadt porträtiert werden. Geplant war in diesem Rahmen auch der Film „Beruf Neonazi“ (1993) von Winfried Bonengel, der allerdings aus ungeklärten Gründen ausfällt. Auch dieser Film wurde zum Zeitpunkt seines Erscheinens heftig kritisiert und sogar kurzzeitig beschlagnahmt, weil er die Aussagen eines jungen Neonazis und Holocaustleugner unkommentiert lässt. Damals häuften sich rechte Angriffe, der Pogrom von Rostock-Lichtenhagen war noch kein Jahr her. Heute, in einer Situation, die der Anfang der 90er nicht unähnlich ist, scheint das Filmobjekt Neonazi wieder im Kommen zu sein. Eine kritische Auseinandersetzung damit ist daher sicherlich angebracht.

Seit mehreren Jahren setzt sich das DOK Leipzig für einen möglichst barrierefreien Zugang zu Filmkultur ein. Unter anderem bietet das Festival eine Audiodeskription (Hörfilm) sowie deutsche Untertitel für ausgewählte Filme an. Weitere Informationen finden sich auf der Festivalseite.

 

Paradoks

Bereits am Samstag wurde im Erdgeschoss des Petersbogens das Film- und Ausstellungsprogramm paradoks eröffnet. Auch paradoks beschäftigt sich mit den Fragen nach Schnittmengen von Politik und Kunst. Die Ausstellung unterteilt sich in zwei Panel. „Arrival“ thematisiert Migrationsgeschichten, während „Precarious Bodies“ sich die Produktionsbedingungen von zeitgenössischer Kunst anschaut. Ästhetisch bewegen sich die gezeigten Filme an den „Rändern des Dokumentarischen“. So nutzt der Film „Again – Noch einmal“ (2018) von Mario Pfeifer beispielsweise Re-Inszenierungen um einen Fall von rassistisch motivierter Selbstjustiz aus dem Jahr 2016 zu untersuchen. Durch die Presse ging damals vor allem die Tat: Vier Männer einer Bürgerwehr überwältigten einen geflüchteten Mann in einem Supermarkt und fesselten in an einem Baum. Was jedoch weniger Beachtung fand: Unter öffentlichem Druck stellte das Gericht den Prozess ein , der Staat kapitulierte vor dem Mob. Der damals betroffene Mann war psychisch schwer krank und ist mittlerweile tot. Sein Leiden hat niemanden interessiert. Dann verschwand er für Wochen und wurde schließlich in einem Wald gefunden.

Parallel zur Ausstellung zeigt die Cinémathèque ein Filmprogramm. Abgerundet wird das Ganze von einer audiovisuellen Performance, die der „Akustik im Dokumentarischen“ nachspürt und schließlich in einer Klubnacht im mjut endet.

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